«Der Schweizer Basketball ist tot»

Weil es ihm als Spieler nicht nach oben reichte, wurde Marko Simic zum jüngsten Profitrainer der Bundesliga-Geschichte. Jetzt will der 25-Jährige die Starwings nach deutschem Vorbild gestalten.

Marko Simic, Trainer der Starwings. Basketball (Bild: Stefan Bohrer)

Weil es ihm als Spieler nicht nach oben reichte, wurde Marko Simic zum jüngsten Profitrainer der Bundesliga-Geschichte. Jetzt will der 25-Jährige die Starwings nach deutschem Vorbild gestalten.

Er war der jüngste Profitrainer in der Geschichte der Deutschen Bundesliga und wurde 2012 zum Trainer des Jahres gekürt. Er erlebte Aufstiege, kämpfte mit Spielerrevolten, feierte Erfolge und wurde nach Intrigen entlassen. Anfang 2013 kehrte er in die Schweiz zu seinen Wurzeln zurück, dahin, wo einst alles begann.

Was sich wie die Karriere eines Profitrainers am Ende seiner Laufbahn liest, sind in Tat und Wahrheit die letzten fünf Jahre des in Pratteln aufgewachsenen Marko Simic. Heute ist er gerade mal 25 Jahre alt und steht am sportlichen Ruder der Starwings Basket Regio Basel.

Am liebsten würde Simic auch die betrieblichen Geschicke in die Hand nehmen und dabei mit seinen Erfahrungen aus Deutschland ein attraktives Gesamtpaket schaffen, das die Halle in Birsfelden wieder zu füllen vermag.

Zwei Heimspiele für die Starwings

Den Starwings stehen am Wochenende vom 8. bis 10. März gleich zwei Heimspiele ins Haus und beide gegen Mannschaften, die vier Punkte hinter ihnen am Tabellenende der Nationalliga A rangieren. Am Freitag empfangen die Starwings um 19.30 Uhr in der Sporthalle Birsfelden SAM Basket Massagno. Am Sonntag folgt das Gastspiel von BBC Nyon (16.00 Uhr).

Marko Simic, im März 2012 wurden Sie zum Trainer des Jahres in der dritthöchsten deutschen Liga gekürt, Sie stiegen in die zweite Bundesliga auf. Ihre Karriere zeigte steil nach oben. Jetzt sind Sie bei den Starwings in der Schweiz, wo Basketball ein ­Nischendasein fristet. Ein Rückschritt?

Nein, ich denke nicht. Ich habe in Deutschland inzwischen ein so ­grosses Netzwerk, dass ich jederzeit ­zurückkehren könnte. Ich hatte auch Angebote aus der ProA (zweithöchste Liga Deutschlands, Red.) und von ein paar Jugendakademien. Die ­Basketballwelt ist klein, wenn man einen Namen und die richtigen Beziehungen hat. Ich war fünf Jahre lang in Deutschland. Jetzt komme ich zu meiner Familie zurück.

Trotzdem – Sie waren der jüngste Trainer, der je in der Bundesliga gearbeitet hat. Ihre Ziele werden also kaum an der Schweizer Grenze enden.

Ich möchte auf alle Fälle so weit kommen wie möglich. Aber ich stehe mit 25, 26 Jahren auch nicht unter Druck. Ich sage mir selbst: Alles kommt zur richtigen Zeit. Mein Ziel ist, dass ich Mitte 30 irgendwo in ­einer ersten Liga im Ausland arbeite. Deutschland ist wohl am realistischsten, da ich dort viele Kontakte geknüpft habe.

In Ihrem Alter spielt man normalerweise noch selbst aktiv Basketball. Wollten Sie nie ­Spiele auf dem Feld entscheiden – anstatt an der Seitenlinie Spielzüge zu planen?

Ich habe selbst bei Liestal gespielt. Aber ich habe früh erkannt, dass es als Spieler unrealistisch ist, Karriere zu machen. Die Aussichten in der Schweiz sind einfach zu schlecht. Während in Deutschland jeder ­Bundesligist eine eigene Nachwuchs-Akademie haben muss, in denen zweimal pro Tag trainiert wird, trainierst du in der Schweiz vielleicht viermal in der Woche. Da kommst du halt nicht weit.

Also haben Sie sich schon mit 17 entschieden, Trainer zu werden.

Genau.

Weil es so viele Schweizer Trainer gibt, die als Profi im Ausland Erfolg haben?

Da gibt es eigentlich nicht so viele.

Und trotzdem haben Sie den Schritt gewagt. Sind die deutschen Clubs nicht ein grosses Risiko eingegangen, indem sie Ihnen eine Chance gegeben haben?

Ich denke, dass die Deutschen eher bereit sind, mit Jungen zu arbeiten. Ich habe beispielsweise jetzt auch schon in der Schweiz gemerkt, dass alles etwas skeptisch angeschaut wird, dass alles mit Vorsicht betrachtet wird. In Deutschland ist es das Gegenteil. Sie messen dich nur am Erfolg und an den Resultaten.

«Das Geheimnis des Erfolgs: Wirf die Arschlöcher raus.»

Aber Sie sind amerikanischen Profis gegenübergestanden, die wohl teilweise älter waren als Sie. Können Sie da überhaupt eine Respektsperson sein?

Wir hatten in Gotha elf bis zwölf Vollprofis im Kader. Ich denke, das Einfachste ist eine ehrliche, offene Kommunikation. Vor der Saison muss man jedem Spieler klar sagen, was man von ihm erwartet, und ­keine falschen Hoffnungen schüren.

Trotzdem wurden Sie in Gotha im Dezember entlassen. Es hiess, Sie erreichten das Team nicht mehr.

Nach dem Aufstieg sind wir schlecht in die ProA gestartet. Es gab tatsächlich Streitigkeiten im Team, und ich war der Meinung, dass man sich von ein, zwei Spielern trennen muss. Der Club hat sich für die zwei Spieler entschieden, da diese je einen Zweijahresvertrag hatten. Also war es einfacher, sich vom Trainer zu trennen als von den zwei Spielern. Jetzt ist es so, dass sie auf einem Abstiegsplatz stehen. Es ist also schlimmer geworden, nachdem ich gegangen bin.

Nehmen Sie das mit Genugtuung zur Kenntnis?

Nicht mit Genugtuung. Ich verfolge das ja aus der Ferne. Der Präsident Dirk Kollmar kontaktiert mich heute immer noch. Er ist der Chef der Oettinger Brauerei und will mit seinem Club etwas richtig Grosses aufbauen. Ich glaube, dass sie in Gotha mittlerweile gemerkt haben, dass sie einen Fehler gemacht haben. Herr Kollmar hat mich damals nach einer Nieder­lage gegen den Erzrivalen Jena entlassen, er hat die Entscheidung wohl mehr aus dem Bauch heraus gefällt.

Aber das Problem der zerstrit­tenen Spieler hatten Sie zuvor ­offenbar nicht lösen können?

Das ist immer die Frage: Wie stark ist das Management? Steht es zu 120 Prozent hinter dem Trainer? Oft ist der Trainer das Bauernopfer. Es ist halt einfacher, sich vom Trainer zu trennen als von drei, vier Spielern. In der Regel zeigt sich aber, dass das nicht die beste Lösung ist.

Ihre Lösung ist also, missliebige Spieler einfach zu feuern?

Ich habe in meiner ersten Woche als Cheftrainer von Landshut zwei Spieler entlassen, das hat viele Leute schockiert. Aber wir lagen damals auf einem Abstiegsplatz und haben danach alles gewonnen, obwohl sich auch noch der Captain verletzte. Einfach, weil wir eine Einheit waren. Alex Ferguson, der Trainer von Manchester United hat einmal in einem Interview sein Rezept so erklärt: «Get rid of the cons.» Zu gut Deutsch: Trenn dich von den Arschlöchern. Entschuldigen Sie den Ausdruck. Aber meistens ist es doch so, dass man in einer Mannschaft Quertreiber hat, die das Ganze bremsen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Man muss immer eine Mannschaft bilden, in der alle am gleichen Strang ziehen.

Das ist nun Ihre Aufgabe bei den Starwings. Welche Ziele visieren Sie an?

Wir werden zuerst kleine Brötchen backen. Wir haben ein kleines Budget im Vergleich zur Konkurrenz. Ich sehe nur eine Chance: ein Konzept mit der Förderung einheimischer Spieler. Das Ziel muss es sein, im Mittelfeld zu spielen. Mit einer starken Jugendarbeit. Zwei, drei Schweizer Spieler sollten auf dem Feld stehen. Und wir müssen die Leute für den Basketball begeistern. Wir wollen die Halle füllen. Ich glaube, dass dort etwas wenig gemacht wurde in letzter Zeit in Basel. Man hat mehr Wert auf das Sportliche gelegt. Das Gesamt­paket muss aber stimmen. Und das machen die Deutschen sehr gut.

Was machen die denn anders?

Das Marketing. Basketball wird zum Event. Man kommt in die Halle, es gibt eine Lichtshow, Spielervorstellung, Cheerleaders, Feuerwerk. In der Halbzeitpause gibt es eine Tanzshow von irgendeiner Tanzschule. Verlosungen, Werbung in der Pause. Das gesamte Ambiente ist viel professioneller. Alles ist viel …

… amerikanischer?

Genau, das muss ein Event sein. In der Schweiz sind wir weit weg davon.

Und das soll in Birsfelden funktionieren?

Das Problem in der Schweiz ist, dass alle denken, dass es spektakulärer wird, je mehr Ausländer spielen. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Lugano hatte in den letzten Jahren immer ­sieben bis acht Ausländer im Kader. Wenn man sich aber die Zuschauerzahlen ­ansieht, sieht man, dass Titel auch nicht mehr Leute zum Basketball ­locken. Um eine Familie am Sonntagnachmittag zu uns in die ­Halle zu ­holen, muss einfach alles stimmen.

Und dabei können Sie den Starwings helfen?

Ich habe mit vielen sehr erfolgreichen Leuten zusammengearbeitet. Herr Kollmar ist einer der erfolgreichsten Geschäftsleute in Deutschland, Wolfgang ­Heyder von Bamberg gehört zu den einflussreichsten Basketball-­Managern. Da konnte ich mir viel ­abschauen, habe gesehen, wie sie ­planen, wie sie vorgehen, wie sie zu Sponsoren kommen. All ihre Broschüren, die Saisonhefte, die Matchblätter hab ich noch zu Hause. Die habe ich den Verantwortlichen bei den Starwings weitergegeben, damit sie mal ein Auge auf die Arbeit in Deutschland werfen. Wie die Sponsorenmappen da aussehen, die Saisonhefte, die Matchblätter. Wenn man in Birsfelden in die Halle kommt, hat es keine Werbung im Anspiel- oder Freiwurfkreis.

Sie haben sehr ambitionierte ­Ziele in einer Region, in der der FC Basel alle Aufmerksamkeit aufsaugt.

Das können Sie ruhig schreiben: Der Schweizer Basketball ist tot. Mittlerweile haben wir Durchschnitts­zahlen von 300 bis 400 Zuschauern. Ziehen Sie sich das mal rein: Der ­Tabellenerste kommt und wir haben 300 Zuschauer! Das heisst: Wir müssen neue Wege gehen. Wir müssen schauen, dass wir in Basel ein Vorzeigemodell werden. Die meisten Vereine haben Mäzene im Hintergrund, die mit dem Basketball einem Hobby nachgehen.

«Die Talente der Deutschschweiz müssen in Basel spielen.»

Wir müssen aber schauen, dass wir mittelfristig nicht von einem einzigen Mäzen abhängig sind. Wir brauchen mehrere kleine, stabile Geldgeber. Wir müssen schauen, dass wir ein Paket erstellen und ­aktiv an potenzielle Sponsoren ­gelangen und diesen auch etwas ­an­bieten. Ich kann nicht zu einem Sponsor gehen, ihn um 10 000 Franken bitten und ihm gleichzeitig ­sagen, dass er dafür bloss ein Spiel der Starwings zu sehen bekommt. Novartis zum Beispiel hat viele ausländische Mitarbeiter, viele kommen aus den USA. Keiner kann mir ­sagen, dass die kein Interesse an Basketball haben. Aber um diese Leute in die Halle zu locken, brauchen wir ein amerikanisches Modell. Mittelfristig muss das Spiel zum Event werden.

Geht das am Ende nicht schlicht über sportlichen Erfolg?

Nein. Alle denken immer wieder, man müsse einkaufen, einkaufen, einkaufen. Aber die Vereine müssen wirtschaftlicher werden. In Gotha oder auch in Osnabrück sind wir ­jeden Tag mit den Spielern in die Schulen gegangen. Am Montag in diese Schule, am Dienstag in jene und so weiter. Freikarten wurden verteilt. Und die Zuschauerzahlen wuchsen automatisch. Es reicht eben nicht, bloss guten Basketball zu ­spielen und in den Medien präsent zu sein. Man muss die Leute aktiv angehen.

Zuallererst aber arbeiten Sie derzeit in einem Verein, der seine Verbindlichkeiten abbauen muss. Der letzte Trainer verdiente nichts. Der jetzige?

Auch nicht viel. Ich muss hier in Basel auch schauen, dass ich nebenbei einen Job habe. Ich bin also nicht hauptamtlich als Trainer tätig. Sportlich müssen wir uns mit bescheidenen Mitteln etwas erarbeiten.

Ihr Vertrag läuft vorerst bis Ende Saison. Aber Sie sprechen, als ob Sie daran wären, einen Fünfzehnjahresplan für die Starwings aufzustellen.

Zunächst müssen wir den Schwerpunkt auf die jetzige Situation legen und von Spiel zu Spiel denken. In dieser Saison wird es schwer. Ein wichtiger Spieler wie Julien Rahier kann nicht mehr mitmachen, weil er beim Flughafen Genf, wo er arbeitet, zu viele Minusstunden angesammelt hat. Nils Matter kommt bloss einmal pro Woche ins Training. Und er ist wichtig, er ist immerhin der erste Mann, der von der Bank kommt. Das sind keine guten Voraussetzungen.

Sie haben also Forderungen, die erfüllt werden müssen, damit Sie über diese Saison hinaus bei den Starwings bleiben?

Spätestens am 22. April haben wir bezüglich nächster Saison eine ­Sitzung. Da wird man sehen, in ­welche Richtung es gehen wird. Ich habe eine klare Idee, wie man etwas aufbauen kann. Zuletzt hat man hier immer nur abgebaut, abgebaut, abgebaut. Meine Vision ist, dass der Verein mittelfristig zu einem Basketball-Stützpunkt wird. Die besten Nachwuchsspieler der Deutschschweiz müssen hier trainieren. Die Region Basel stellt die einzige Deutschschweizer Mannschaft in der NLA. Es kann also nicht sein, dass der Stützpunkt in Zürich ist.

Marko Simics Stationen in der Bundesliga

Seine erste Anstellung in Deutschland erhielt Marko Simic im Nachwuchs der TG Renesas Landshut, wo er nach dem Rücktritt des Cheftrainers die erste Mannschaft übernahm.
2008–2009 TG Renesas Landshut (ProB/3. Liga De)
2009–2011 GiroLive Ballers Osnabrück (ProA/2. Liga)
2011 USC Heidelberg (ProA)
2011–2012 Rockets Gotha (Aufstieg von der ProB in die ProA, Kür zum Trainer des Jahres in der ProB)

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 08.03.13

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