«Die Liga hat immer überlebt»

Edmond Isoz, der Senior Manager der Swiss Football League (SFL), über den Zustand der Super League, die Brennpunkte in Neuenburg und Sion, die Sicherheitsdebatte im Schweizer Fussball und einen Lichtblick aus Basel.

«Hinterher ist man halt immer klüger.» Edmond Isoz erlebt als Senior Manager der Swiss Football League unruhige Zeiten. (Bild: André Raul Surace)

Der Gesprächstermin mit Edmond Isoz am Freitag, 11. November, war deshalb heikel, weil nicht abzusehen war, was auf die Swiss Football League in den folgenden Tagen noch alles zukommen wird. Seit dem Sommer wird die höchste Fussballliga durchgeschüttelt, fast täglich gibt es Negativschlagzeilen. Bestimmt wird die Nachrichtenlage vom FC Sion und seinem streitbaren Präsidenten Christian Constantin, von Neuchâtel Xamax und seinem skrupellosen Eigentümer Bulat Tschagajew, und seit dem abgebrochenen Zürcher Derby wird die Sicherheitsdebatte wieder verschärft geführt. 

Genügend Baustellen also, um sich mit einem Mann wie Edmond Isoz zu unterhalten, der seit Jahren für Verband und Liga arbeitet und den Fussball in diesem Land mit grosser Leidenschaft begleitet.

Herr Isoz, wie sehr beunruhigt Sie die aktuelle Lage der Super League?

Sie ist sicher nicht so, wie wir es uns Anfang der Saison vorgestellt haben. Da hatten wir – ausser dem Fehlen von St. Gallen – fast eine ideale Liga mit der Rückkehr von Servette und Lausanne, mit zwei neuen Stadien in Luzern und Thun, wir hatten mit dem FC Basel zum ersten Mal eine direkt für die Champions League qualifizierte Mannschaft, wir hatten eine super U21-Europameisterschaft mit vielen Talenten aus den Super-League-Vereinen und mit Shaqiri als bestem Spieler, wir hatten auch noch ein gutes Länderspiel der Nationalmannschaft in England. Grundsätzlich war alles rosig. Speziell vom sportlichen Standpunkt aus betrachtet …

… und jetzt beschäftigen sich eher Juristen, Insolvenzrichter und Sicherheitsexperten mit dem Schweizer Fussball.

Das war so nicht zu erwarten. Die Geschichte mit Sion beeinflusst den Spielbetrieb seit Monaten. Wir wissen nicht, wie die Spiele einmal gewertet werden. Das ist sicher nicht gut für das Image der Liga. Aber wir können grundsätzlich nichts machen, wir haben Schweizer Gesetze, nach denen wir uns richten müssen. Da haben wir keine Wahl.

Fliegt Ihnen die Super League demnächst um die Ohren?

Die erste Hoffnung ist, dass es bei Neuchâtel Xamax bis zur letzten Runde vor Weihnachten am 12. Dezember weitergeht. Und dann zeigt Bulat Tschagajew entweder, dass er das Geld hat, oder er übergibt den Club wieder. In Neuenburg machen sich offenbar einige Leute Gedanken darüber, den Club wieder von Herrn Tschagajew zu übernehmen. Vielleicht passiert das schon in der Winterpause.

Blicken Sie bei Xamax überhaupt noch durch, oder ist dieser Club für die Liga zur Blackbox geworden?

Wir hatten bis vor Kurzem zwei gute Kontakte nach Neuenburg, zwei Leute, die für uns so etwas wie Vertrauenspersonen waren. Doch Sportdirektor Christophe Moulin ist beurlaubt worden und Rechtsanwalt François Canonica hat sich zurückgezogen wegen der Probleme mit Bankpapieren, die Tschagajew vorgelegt hat. Für mich ist schwer zu sagen, wie es weitergeht. Ob Herr Tschagajew wirklich über die finanziellen Mittel verfügt, um seine Ambitionen verwirklichen zu können – das kann im Moment niemand beantworten. Die Oktoberlöhne sind offenbar bezahlt worden, aber unsere Zweifel werden immer grösser. Aber noch lebt Xamax, und die Spieler – dazu muss ihnen gratuliert werden – haben sich nicht von der Spielergewerkschaft SAFP zum Streik bewegen lassen, sondern machen ihre Sache sehr professionell.

Mit wem kommuniziert die Liga denn noch bei Xamax?

Das ist wirklich ein Problem für uns, weil Herr Tschagajew viele Leute ausgewechselt hat. Er hat nun einmal diese Macht. Ich will die Aufregung um die Person und Herkunft von Tschagajew nicht bewerten, aber es hat zu einem unmöglichen Medienecho geführt.

Warum konnte die Liga dieses Chaos nicht verhindern?

Wir müssen einfach feststellen, dass wir eine Lücke in unserem Lizenzierungssystem hatten. Das ist zwar eines der strengsten in Europa, und seit 2004, seit dem Konkurs von Servette, müssen die Clubs monatlich die Zahlung der Löhne und regelmässig die Überweisung der Sozialabgaben nachweisen. Wir haben jedoch nicht damit gerechnet, dass jemand die Lizenz erhält und sie fünf Tage später an jemand übergibt unter ganz anderen Bedingungen. Deshalb werden wir unser Reglement anpassen – schon bei der nächsten Generalversammlung der Swiss Football League am 25. November. Ein neuer Club-Eigentümer wird künftig die Lizenz neu beantragen müssen. Hinterher ist man halt immer klüger.

In Deutschland kennt die Bundesliga die sogenannte 50-plus-1-Regel. Der Verein hält demnach immer die Anteilsmehrheit vor den Investoren. Wäre so ein Modell auch in der Schweiz nötig?

Wir können jetzt nicht mehr zurück. Wir haben im Schweizer Profifussball Aktiengesellschaften auf der Basis des Obligationenrechts mit klaren Regeln. Wir können jetzt nicht sagen: Diese AG muss dem Verein gehören. Wir dürfen jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten: Unser Weg ist nicht plötzlich schlecht, weil es bei 228 Lizenzen in acht Jahren bei einer Probleme gab.

Die strengste Lizenzordnung nützt natürlich nichts, wenn jemand seinen Verpflichtungen nicht nachkommt und dies auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht. Tschagajew tanzt Ihnen doch auf der Nase herum.

Ja, das stimmt schon. Normalerweise muss jemand eine Bankgarantie nachweisen, wenn seine Budgetrechnung ein Defizit ausweist. Bei Xamax war es anders: Tschagajew hat eine Lizenz übernommen, ohne einem Lizenzverfahren unterstellt zu werden. Deshalb gibt es bis jetzt keinerlei Bankgarantie. Da stehen wir in einem Loch. Leider habe ich solche Situationen schon mehrmals erlebt: 1992/93 den Konkurs von Wettingen, später den Zwangsabstieg von Grenchen oder Bellinzona, das haben die Leute schon vergessen. Dann den Zwangsabstieg von Sion, das Verschwinden von Lugano, den Konkurs von Lausanne und dann den von Servette. Und die Liga hat immer überlebt.

Dem Fall Sion wird inzwischen international Aufmerksamkeit geschenkt, Uefa-Präsident Platini spricht von einem Desaster für den Fussball, wenn der FC Sion, Präsident Christian Constantin und seine sechs Spieler durchkommen. Wird es zu einem zweiten Bosman kommen?

Bosman war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes, das 25 Länder in Europa betroffen hat: Es ging um die freie Wahl des Arbeitsplatzes und die Abschaffung der Transfersummen für Spieler ohne Verträge. Der Fall Sion ist etwas anders: Jemand benutzt seinen Standort in der Schweiz, wo Fifa und Uefa residieren. Das wäre nirgends anders in Europa denkbar gewesen. Kein Gericht in Schottland zum Beispiel hätte etwas für einen schottischen Club gegen diese beiden Verbände machen können. Aber hier unterstehen wir Schweizer Recht, auch die Fifa und die Uefa.

Also kein Erdrutsch, keine Gefahr für die Autonomie des Sports?

Auswirkungen auf den Fussball generell sehe ich durch diesen Fall nicht. Was ich sehe, sind gewisse grosse europäische Clubs, die sich einen anderen europäischen Wettbewerb wünschen. Die Uefa kassiert 1,2 Milliarden Franken pro Saison aus der Champions League-Vermarktung, nächste Saison werden es meines Wissen nach sogar 1,5 Milliarden sein. Von diesem Geld gibt die Uefa etwas mehr als die Hälfte an die Clubs, aber viel Geld fliesst in die eigene Organisation, in die 400 Angestellten, in die Turniere, an die nationalen Verbände. Und es gibt Clubs, speziell grosse mit finan­ziellen Schwierigkeiten, die sich fragen, ob es für die Champions League die Uefa braucht. Die kann man ja selber organisieren. Der Fall Sion könnte deshalb interessant sein für diese Clubs, über deren Köpfe hinweg die Uefa Entscheidungen trifft. Der Fall Sion könnte zeigen, dass die Uefa mit ihrer Monopolstellung nicht unantastbar ist und nicht alles verlangen kann von den Vereinen.

Haben Sie denn Hoffnung, dass die Causa Sion rechtzeitig vor dem Saisonende geklärt sein wird und es eine verbindliche Schlussrangliste gibt?

Wir gehen davon aus, dass Herr Constantin uns das Leben juristisch so lange schwer machen wird, wie er kann. Die Geschichte ist eben nicht grundsätzlich entschieden worden: Hat Sion nun die beiden Transferperioden abgesessen oder nicht? Unsere Instanzen müssen – abhängig von den Urteilen der zivilen Gerichte – ihre Entscheide treffen. Wir müssen da selbstsicher bleiben. Aber ich stelle eine gewisse Müdigkeit in der Öffentlichkeit fest, was die Einstellung von Herrn Constantin anbelangt.

Ihnen muss er doch auf den Wecker gehen.

Was mir gefällt oder nicht, tut nichts zur Sache. Für mich gilt: Wir müssen vorwärts schauen. Wir beschäftigen uns mit den Entwicklungen im Fussball, damit, was wir tun müssen, damit unser Land, unsere Clubs und unsere jungen Spieler weiterhin qualitativ gut sein können. Das ist unser Kerngeschäft. In der Deutschschweiz haben ein paar Clubs sehr gut gearbeitet in den vergangenen Jahren. Wir haben Talente, die auf höchstem Niveau in Europa mitspielen können. Und das ist erfreulich, wenn man schaut, wo die Schweiz vor 15 Jahren war. Es wurde – auch auf Nachdruck der Liga – von den Clubs sehr viel in den Nachwuchs investiert. Die Qualität ist herausragend, und das prägt das ganze Geschehen im Schweizer Fussball.

Wie finden Sie denn den Fussball, der in dieser Saison geboten wird?

Ein grosser Lichtblick ist derzeit der FC Basel, seine Spiele in der Cham­pions League, und das mit sieben Schweizer Spielern, darunter einigen jungen. Ich habe Benfica in Basel gesehen; die haben ohne einen Portugiesen gespielt. In der Super League gibt es eine grössere Ausgeglichenheit, aber an der Spitze scheint der FC Basel nicht die Konkurrenz zu haben wie in den letzten beiden Jahren. Zürich ist unter den Erwartungen geblieben, bei YB rollt es noch nicht wie gewünscht, und in Sion will Constantin in dieser Saison etwas erreichen. Aber seine Mannschaft ist, glaube ich, nicht stark genug, um Meister zu werden.

Die Nebenschauplätze scheinen sich nicht auf die Zuschauerresonanz auszuwirken.

Wir haben mehr Zuschauer als in der vergangenen Saison. 12 600 im Durchschnitt (Vorsaison: 11 300; Anm. d. Red.). Xamax hat natürlich Konsequenzen, sonst wären es vielleicht sogar noch einmal 1000 mehr. Wir haben zwar St. Gallen als Zuschauermagnet nicht dabei, dafür bringt Luzern mehr Leute in das neue Stadion, und Servette hat eine gute Besucherzahl. Aber wir kommen langsam auf ein Niveau, das für Schweizer Verhältnisse sehr hoch ist. Vergangene Saison war die Super League auf Platz 10 in Europa, und dabei ist die Schweiz von der Bevölkerungszahl her nur an 25. Stelle. Gemessen daran hat es in der Schweiz mehr Zuschauer in den Stadien als in Deutschland!

Das sind prima Zahlen. Fürchten Sie, dass die Sicherheitsdebatte sich darauf auswirken wird?

Man kann es immer besser machen. Aber wir sind das einzige Land in Europa, in dem die Clubs für die Sicherheit ausserhalb der Stadien bezahlen. Und im internationalen Vergleich stehen wir bei den Vorkommnissen nicht so schlecht da. Uns wird immer vorgehalten, in diesem und jenen Land sei es besser. Das stimmt überhaupt nicht. Es gibt jedes Wochenende Probleme, auch in der Bundesliga. Und in England gibt es weniger Probleme, weil in der Premier League die Eintrittspreise sehr hoch sind. Wir müssen uns also nicht verstecken. Es gibt ein gesellschaftliches Problem, ein paar Leute haben im Fussball ihre Bühne gefunden, wo sie sich und im Zweifelsfall ihren Frust ausleben können.

Mit den Vorschlägen im aktuellen Gesetzgebungsverfahren wird der Stadionbesuch nicht attraktiver.

Es werden jetzt viele Ideen von Leuten unterbreitet, die den Fussball nicht kennen. Die Clubs und die Liga investieren neun bis zehn Millionen Franken pro Saison. Das ist ein Riesenbetrag. Bei zwei Millionen Zuschauern pro Saison kostet die Sicherheit fünf Franken pro Besucher. Und die Kosten für die öffentliche Hand machen es noch teurer. Es betrifft vielleicht 500 Leute in der ganzen Schweiz, und für die geben wir, der Fussball, die Kantone, 20, vielleicht 30 Millionen aus. Da frage ich mich: Muss man gegen diese Personen nicht härtere Massnahmen ergreifen?

Sie sprechen jetzt von einem harten Kern von Fans. Der mag klein sein, aber an der Fankultur, so wie sie in den Kurven der Schweizer Stadien gewachsen ist, hängen deutlich mehr Leute dran. Härtere Massnahmen können zu Solidarisierungseffekten und zur Radikalisierung führen.

Da bin ich nicht einverstanden. Diese Kultur ist überall in Europa bei den Fans zu finden, in unterschiedlichen Ausprägungen. Doch diese Fans sind heute anders organisiert und vernetzt. Und es ist schwierig geworden, sie im Griff zu behalten, wenn sie auf Provokation aus sind. In der Schweiz gibt es nun einmal keine Gepflogenheit bei der Polizei, im Stadion einzugreifen, und ausserdem haben wir keine Tradition, hart zu bestrafen. Das sieht in anderen Ländern anders aus. Allerdings muss man auch sagen: Die Italiener haben neue Gesetze geschaffen, und die Sicherheitslage ist nicht viel besser geworden. Es gibt nun einmal keine einfachen Rezepte.

Zur Person: Edmond Isoz

Seit 1992 ist der Waadtländer Edmond Isoz in verschiedenen Funktionen im Schweizer Profifussball tätig. Bis 2003 war er Direktor der Nationalliga, seit der Neustrukturierung ist er als Senior Manager der Swiss Football League (SFL) für den Spielbetrieb und unter anderem für die Spielplangestaltung zuständig, für die Ausbildung sowie die Entwicklung von Projekten. In Genf aufgewachsen, trug er als Mittelfeldspieler in den 70er-Jahren die Farben von Etoile Carouge und stieg mit den Genfern in die Nationalliga B auf. Anschliessend war er acht Jahre lang beim FC Sion, mit dem er zweimal Cupsieger wurde. Insgesamt kommt er auf fast 300 Spiele in der Nationalliga. Der 62-Jährige hat sein Büro im Haus des Fussballs in Muri bei Bern.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 18/11/11

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