«Einen Kontrahenten müssen die grossen Pharmafirmen fürchten: das Silicon Valley»

Die Life-Sciences-Forschung sieht er an einem schwierigen Punkt, die Basler Pharma sei aber nach wie vor stark – Gerd Folkers, Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrats (Swir), über eine Schweizer Traditionsindustrie im Wettbewerb mit China und dem Silicon Valley.

Gerd Folkers, Vizepraesident Schweizerischer Wissenschaftsrat SWIR, spricht waehrend einer Medienkonferenz anlaesslich des 50-Jahre-Jubilaeums des SWIR, am Montag, 5. Oktober 2015 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)

(Bild: Keystone)

Die Life-Sciences-Forschung sieht er an einem schwierigen Punkt, die Basler Pharma sei aber nach wie vor stark – Gerd Folkers, Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrats (Swir), über eine Schweizer Traditionsindustrie im Wettbewerb mit China und dem Silicon Valley.

Gerd Folkers hetzt von einem Termin zum nächsten. Berlin–London–Berlin–Zürich zählt er an den Fingern ab, in gerade mal zehn Tagen. Im Entrecôte Café Fédéral vis-à-vis vom Bundeshaus hat er eben mit einer Ständerätin gesprochen, nun hat er Zeit für ein Interview. Zumindest für den Start, wir werden das Gespräch später im Zug nach Zürich weiterführen.

Der Pharmazeut hat noch einen Lehrstuhl an der ETH Zürich und amtet als Jurypräsident bei der Novartis Forschungsstiftung, doch zum Ende seiner Forscherkarriere hin hat der 63-Jährige noch einen ganz anderen Job gefasst: Als Präsident des Schweizerischen Wissenschafts- und Innovationsrats (Swir) ist er so etwas wie der Cheflobbyist für gute wissenschaftliche Rahmenbedingungen.

Folkers verbringt Stunden im Gespräch mit Politikern, manche mit mehr, manche mit weniger wissenschaftlichem Verständnis, und versucht ihnen klarzumachen, warum man die Unis stärken muss und wie man zu den ominösen Innovationen kommt, die für Wirtschafts- und Bildungspolitiker so verlockend glitzern und leuchten wie Goldnuggets in einem schlammigen Flussbett.

Eben darüber wollen wir reden: Wo sind sie bloss geblieben, die grossen Innovationen? Ist das Erfolgsmodell Pharmaforschung unterwegs aufs Abstellgleis? Sind die grossen Nuggets längst gefunden oder weggeschwemmt?

Herr Folkers, im Zusammenhang mit der Entwicklung neuer Medikamente macht das Wort vom «Innovationsstau» die Runde. Sehen Sie dieses Problem auch?

Ja, durchaus. Die Life-Sciences-Forschung ist an einem schwierigen Punkt angelangt. Sie hat die Vorstellung der Physik übernommen, dass man, einfach indem man die Auflösung erhöht und immer feinere Details betrachtet, auch das Funktionieren des Systems immer besser versteht. Man darf die Frage stellen, ob das für lebende Systeme tatsächlich auch so stimmt.

Weiterlesen: Mehr Geld fürs Marketing als für die Forschung
Wie die Pharma ihr Geschäft mit Scheininnovationen am Laufen hält.

Das hat aber lange ganz gut funktioniert, gerade für die Basler Pharma.

Ja, in den goldenen Jahren war die Pharmaforschung tatsächlich extrem erfolgreich. All die Wirkstoffe, die dem Schlüssel-Schloss-Prinzip folgen – ich bin auch nach wie vor regelrecht erschüttert, wie gut das immer wieder funktioniert hat.

Das müssen Sie als Pharmazeut natürlich sagen.

Natürlich. Aber wir haben wirklich bahnbrechende Erfolge erlebt, und zwar nicht allein bei den Heilmitteln. Nehmen Sie nur die Antibabypille. Vor 30 Jahren hätte ich auch noch gesagt: grossartiges Modell, kein Grund, daran etwas zu ändern. Heute sehe ich das ein wenig anders. Es lag ja auch ein wenig ein Fluch darin, wie erfolgreich sich diese Industrie aus der Chemie heraus entwickelt hat, wie sich diese Moleküle, die eigentlich als Farbstoffe oder Ähnliches gedacht waren, auf einmal auch als heilend erwiesen haben.

Inwiefern ein Fluch?

Weil sich so ein Paradigma etabliert hat, das heute wohl schlicht nicht mehr funktioniert bei komplexeren Krankheitsmechanismen. Dass man bloss ein exakt passendes Molekül zu finden braucht, um das entsprechende Problem im menschlichen Körper zu erledigen. Nun versucht man die Kehrtwende, indem man zum Beispiel an Methoden arbeitet, das Immunsystem zu stärken – oder es gewissermassen wachzurütteln, gegen einen Krebs vorzugehen.

«Es findet derzeit auf verschiedenen Ebenen ein Umdenken statt. Die grossen Firmen sind auf dem richtigen Weg.»

Wenn das Erfolgsmodell nicht mehr funktioniert: Steckt Big Pharma also in einer grundlegenden Krise? Muss sich Basel darauf einstellen, sein industrielles Rückgrat allmählich zu verlieren?

Nein, ganz bestimmt nicht. Es findet derzeit auf verschiedenen Ebenen ein Umdenken statt, die Forschung passt sich an – die grossen Firmen sind auf dem richtigen Weg. Was Basel ausgezeichnet hat, nämlich das exzellente wissenschaftliche Umfeld und die stabilen Rahmenbedingungen, wird auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein. Und man darf nicht vergessen, dass das nicht die erste schwierigere Zeit ist, die die Schweizer Pharmabranche meistert.

Woran denken Sie?

In den Sechziger- und Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, als die industrielle Power vor allem aus den USA kam, musste das Geschäft globalisiert, Forschung und Produktion kompetitiv gemacht werden. Als Spätfolge davon begann man in den Neunzigern vor allem die ersten Schritte der Forschungsarbeit auszulagern, indem man diese besonders schwierige und riskante Phase Start-ups überliess – und sie einfach aufkaufte, sobald sich eine Herangehensweise oder eine Substanz als potenziell markttauglich erwies. Aber auch da sehe ich inzwischen wieder einen Wechsel in der Philosophie. Es wird wieder mehr Eigenentwicklungen geben, davon bin ich überzeugt.

Warum?

Weil wir es bei den aktuellen Gesundheitsproblemen eben mit hochkomplexen Systemen zu tun haben. Um Wege zu finden, auf diese Systeme einzuwirken – ohne zu viele Nebenwirkungen notabene –, kommt es mehr denn je auf die schiere Forschungspower an. Und mit der können nur noch die ganz grossen Firmen aufwarten.

«Einen Kontrahenten müssen die grossen Pharmafirmen tatsächlich fürchten: das Silicon Valley.»

Und wie sieht es mit den regulatorischen Rahmenbedingungen aus? Immer öfter ist zu hören, dass China der westlichen Forschung bald den Rang ablaufen könnte, etwa beim Genetical Engineering.

Da sehe ich keine wirkliche Gefahr. Es kann natürlich sein, dass grosse Schweizer Firmen auch in Forschungszentren in China investieren, wenn sich dort interessante Forschung machen lässt – da sind die Firmen durchaus opportunistisch. Aber die politische und juristische Sicherheit in der Schweiz werden bei der Standortfrage auch auf lange Sicht eine entscheidende Rolle spielen.

Also kein Grund zur Aufregung, Innovationsprobleme hin oder her? Basel und die Pharma – und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage?

Nicht ganz. Einen Kontrahenten müssen die grossen Pharmafirmen tatsächlich fürchten: das Silicon Valley. Die Versprechungen kratzen zwar immer am Grössenwahn, aber wenn die Verfahren, die da entwickelt werden, tatsächlich funktionieren, dann wird die ganze Gesundheitsbranche disruptiert, wie es heute ja so schön heisst.

«Das ist vielleicht auch eine Stärke von Basel: das Pflegen der Kontinuität, das Wissen um eine lange Tradition.»

Ein Uber-Effekt in der Pharma? Das könnte tatsächlich passieren?

Könnte. Aber eben nur, wenn die statistischen Methoden tatsächlich grundlegende neue Einsichten möglich machen. Wenn man aus puren Daten Korrelationen herausrechnen kann, die eine konkrete Bedeutung für die Behandlung von Krankheiten haben, dann wird das viel verändern. Und weil die Daten nun einmal in der Hand der grossen Digitalfirmen sind, könnte es dann auch für die grossen Player in der Pharma eng werden. Aber eben, noch sind das vor allem Versprechungen.

Spüren Sie diesbezüglich eine gewisse Nervosität in Basel?

Nein, momentan herrscht da noch eine grosse Gelassenheit. Man verfolgt die Entwicklungen mit Interesse, es würde mich auch nicht wundern, wenn die eine oder andere Forschungskollaboration mit Google und Konsorten am Laufen wäre, um möglichst genau mitzubekommen, was sich da tut. Aber das ist vielleicht auch eine Stärke von Basel: das Pflegen der Kontinuität, das Wissen um eine lange Tradition. Man lässt sich da nicht so leicht aus dem Konzept bringen.

Konversation

  1. Gerd Folkers versucht mit missionarischem Eifer sein Umfeld von der starken Pharmaforschung zu überzeugen. Leider sprechen die Resultate der beschworenen Forschung, welche kaum neue Produkte generiert, eine andere Sprache und die Aktien der Basler Pharmariesen sind seit längerem auf Tauchstation. Es könnte sein, dass der Peak überschritten ist. Die Life-Sciences-Forschung hier in Basel eher ein Auslaufmodell ist und damit für die Basler Wirtschaftssituation eher ein Klumpenrisiko darstellt?

    Die Bankenberater würden in diesem Fall zu einer Diversifikation raten. Die Pharmabranche als Monokultur könnte die Gesundheit der Basler Finanzen längerfristig möglicherweise gefährden. Ergo müsste man auf andere Wirtschaftszweige ausweichen. Industrie 4.0? Clean Tech? Informations- und Kommunikationstechnologie? Kreativ-Wirtschaft?

    Was Folkers aber auch noch sagt: „Was Basel ausgezeichnet hat, nämlich das exzellente wissenschaftliche Umfeld und die stabilen Rahmenbedingungen, wird auch in Zukunft von entscheidender Bedeutung sein.“ Nun so vorbehaltlos ist diese Unterstützung nicht mehr. Der Präsident des Schweizerischen Wissenschaft- und Innovationsrates müsste vielleicht gelegentlich in Liestal einen längeren Zwischenhalt einlegen und die dortige Regierung davon überzeugen, dass sie falsch liegt, wenn sie bei der Universität und der Forschung spart. Das dürfte eine schwierigere Mission werden… Die Baselbieter sind in diesem Punkt nämlich eher beratungsresistent.

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    1. @meury
      ich bin jetzt bewusst etwas provokativ und frage: was heisst bei Aktien ’seit längerem‘? Jeder der in Aktien investiert sollte wissen, dass er einen Horizont von mehreren Jahren haben sollte (5 Jahre sicher; besser eher 10 Jahre). Sonst soll er/sie davon die Finger lassen – es sei denn er/sie ist ein Spekulant.

      Schauen Sie deshalb auf den Kurs vor 5 Jahren (31.12.2011) dann finden Sie Novartis auf CHF 53.70 und Roche auf CHF 159.20. Würden Sie die heutigen Kurse immer noch als ‚auf Tauchstation‘ bezeichnen?

      Auch im 10 Jahresvergleich halten sich (auf jeden Fall die Roche) Aktien ganz gut:
      Ende 2006 waren Novartis CHF 73.- (etwa gleich viel wie heute) und Roche CHF 218.50 (heute etwa CHF 20.- mehr als damals) wert. Nicht vergessen: 2008/09 war die grosse Finanzkrise und viele Aktien verloren massiv, einige haben sich bis heute davon nicht erholt.

      Wenn man dann noch bedenkt, dass in jedem dieser 10 Jahre gute Dividenden ausgeschüttet wurden (bei einem Kauf vor 10 Jahren – waren das über 3% jährlich auf den Kaufwert) …..

      Aber leider bringt (bei Aktien) der Blick zurück nicht unbedingtviel, vor allem dann nicht wenn man die Entwicklung in der Zukunft erahnen will. Deshalb ist das so eine Sache mit dem Peak – vielleicht haben Sie recht – vielleicht aber auch nicht. Darüber sollten wir uns in 5-10 Jahren unterhalten.

      Aber sonst finde ich mehrere Punkte in Ihrem Beitrag mit denen ich absolut einverstanden bin – vor allem jener über Ihren Wohnkanton.

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    2. Ich denke, viele Strukturen sind hier zunehmend einer Art „Altersträgheit“ verfallen. Die Stromproduzenten schämen sich nicht, dreiviertel ihrer AKW-Energie in Wasserdampf umzuwandeln, nur aus dem letzten Viertl entsteht dann noch etwas Strom.
      Die Autobauer setzen mit dem Explosionsmotor auf eine über hundertjährige Technologie, die sie noch mit ein paar Betrügereien garnieren.
      Der Schweizer Staat und Papa Blocher haben immer noch nicht begriffen, dass die Sonne da oben mehr als etwas Licht und Wärme liefert.
      Als vierte Landessprache gilt immer noch Rätoromanisch, obwohl viel mehr Leute hier Türkisch können.

      … und Herr Folkers wirkt auf dem obigen bild auch eher etwas desorientiert (oder verzückt?, sicher aber nicht ganz realitätsnah.

      Es ist Zeit, dass sich Europa wieder einmal neu erfindet.

      Auch die Medizin wird sich wieder einmal neu erfinden müssen. Dort geht es aber v.a. darum, dass eigentlich längst bekannte Zusammenhänge mitberücksichtigt und gewürdigt werden.
      …zum Beispiel die Psyche in der Somatik.

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