Erik Petry: «Ich wünschte mir, die Steinwürfe auf die jüdische Metzgerei lösten eine Debatte aus»

Das Unbehagen unter der jüdischen Bevölkerung in Basel nimmt zu. Der stellvertretende Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Universität fordert eine Debatte, die sich nicht in Fragen der finanziellen Aufteilung der Finanzen zwischen Stadt und Gemeinde erschöpft.

Eine Antisemitismusdebatte stünde Basel gut an, sagt Professor Erik Petry. «Man muss damit nicht warten, bis etwas passiert.»

Erik Petry hat sich seit seinem Amtsantritt 1998 einen Namen als kritischer Experte gemacht und geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Unter seiner Ägide wurde das Zentrum für Jüdische Studien an der Universität Basel zu einem Ankerzentrum jüdischer Kultur, das in kulturellen, politischen und religiösen Fragen rege konsultiert wird, und das nicht nur aus der jüdischen Gemeinde.

Petry pflegt ausgezeichnete Kontakte zu allen jüdischen Institutionen der Stadt. Seine Lehrtätigkeit an der Universität macht ihn zum «Outsider», wiewohl er als regelmässiger Gast jüdischer Institutionen bestens mit der Sicht der Jüdinnen und Juden vertraut ist.

Erik Petry, in Basel wurden in vier verschiedenen Nächten die Scheiben einer koscheren Metzgerei eingeschlagen. Wie beurteilen Sie diese Angriffe?

Das ist eine ganz neue Qualität, denn Übergriffe gegen jüdische Einrichtungen oder Personen kommen zwar immer wieder vor – nur sind sie meistens verbaler Natur. Hier haben wir es mit einem physischen Angriff zu tun. Es ist klar, dass dieser Vorfall grosse Resonanz erzeugt, aber solange das Motiv nicht geklärt ist, wird sich die jüdische Gemeinde mit Reaktionen stark zurückhalten.

Zwei der Angriffe geschahen während Sukkot, des Laubhüttenfests. Ist die Sicherheitslage für jüdische Einrichtungen während der Feiertage auch bei uns grundsätzlich prekär?

Zumindest die Synagoge wurde über die hohen Feiertage mit Pollern geschützt. Das Bewusstsein für die Sensibilität jüdischer Infrastruktur ist sicher gewachsen.

Prof. Dr. phil. Erik Petry, geboren 1961 in Kassel, studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Sportwissenschaft in Göttingen. Ab 1992 folgten mehrere Studienaufenthalte in Israel, wo Petry von 1997 bis 1998 auch lebte. In Basel koordinierte er 1997 die Ausstellung  «100 Jahre Erster Zionistenkongress». Ein Jahr später zog er nach Basel und trat am Zentrum für Jüdische Studien eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent an. Seine Habilitation von 2010 trägt den Titel: «Das ‹Pack› in Zürich. Ein Versuch über Lebenswelt, Oral History, Gedächtnis und Erinnerung». 

Die TagesWoche hat in der Folge mit vielen Jüdinnen und Juden gesprochen, vielen bereitet der Vorfall Sorge. Haben wir es auch in Basel mit einer gewachsenen Bedrohung für Juden zu tun?

Ich stelle in den letzten Jahren innerhalb der jüdischen Gemeinschaft das Gefühl fest, einer stärkeren Bedrohungslage ausgesetzt zu sein. Dieses Gefühl ist häufig mit der aktuellen Situation in Israel verknüpft, denn die dortigen politischen Manöver werden grundsätzlich auf die Jüdinnen und Juden in der Diaspora projiziert. Und das kann Unsicherheit auslösen. Die Wahrnehmung einer verstärkten Bedrohung hängt auch mit den gehäuften Vorfällen in Frankreich zusammen. Die Grenze ist nun mal sehr nahe und leicht passierbar.

Sollte mehr über einzelne, auch kleinere Vorfälle gesprochen werden?

Ich finde unbedingt, dass mehr über alltägliche Formen des Antisemitismus geredet werden muss. Wenn all die kleinen Vorfälle verschwiegen werden, dann sind irgendwann alle überrascht, wenn etwas Grösseres passiert. Überrascht, weil man die Summe der Vorläufer nicht kennt. Ich wünschte mir, die Steine auf die Metzgerei lösten eine Debatte aus. Den Leuten sollte zumindest bewusst werden, das hier offenbar gezielt eine Einrichtung angegriffen wird, die mit jüdischen Buchstaben und ihrem Schriftzug offen auf ihr Jüdischsein aufmerksam macht.

Was kann diese Debatte leisten?

Zuvorderst kann sie darauf hinweisen, dass es das Gefühl einer verstärkten Bedrohungslage, ja, vielleicht eine Angst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gibt. Natürlich kann man sagen, es sei in Basel ja noch nichts Gravierendes passiert, im Sinne eines Anschlags. Aber wir müssen auch nicht warten, bis etwas passiert. Es braucht diese Debatte auch, weil das Unsicherheitsgefühl sonst nur an den Jüdinnen und Juden hängenbleibt. Grosse Teile der jüdischen Basler Gemeinde leben seit Generationen in dieser Stadt, das sind Schweizerinnen und Basler und sie sind Teil der Gesellschaft. Es sollte in dieser Frage keine Trennlinien geben. Es sollte eine Frage des kollektiven Umgangs mit dem Thema Antisemitismus sein.

«Die Zurückhaltung ist meiner Meinung nach kein jüdisches Phänomen, sondern eine verbreitete Haltung in Basel.»

Inwiefern spielt das Tatmotiv für den kollektiven Verarbeitungsprozess eine Rolle?

Es ist natürlich ganz grundsätzlich wichtig, herauszufinden, wer das war. Denn damit geht es auch um die Frage, ob da einfach jemand wahllos randalieren wollte oder gezielt die Metzgerei im Blick hatte. Ich glaube, Letzteres ist der Fall. Natürlich ist es für die Gemeinde wichtig zu wissen, ob die Tat antisemitisch motiviert war, weil sich daran ganz konkrete Fragen anknüpfen. Müssen wir uns besser schützen? Man macht es sich auch manchmal einfach, wenn man solche Vorfälle vorschnell als Pöbelei betrunkener Jugendlicher abtut. Denn die Frage bleibt: Warum wird ausgerechnet vor der jüdischen Metzgerei gepöbelt?

Wird ein Angriff auf eine einzelne jüdische Einrichtung in der Community automatisch als Angriff auf das Kollektiv empfunden?

Ja, denn es ist ja nicht so, dass dieses Geschäft eines von zahllosen koscheren Geschäften in Basel ist. Das wäre in Israel nochmal etwas anderes. Das Geschäft wird von aussen wie von innerhalb der Community als Repräsentant der jüdischen Community wahrgenommen. Aber man muss hier auch nochmals auf die Verflechtung der Ereignisse in Israel mit der öffentlichen Wahrnehmung der jüdischen Diaspora hinweisen. Wenn in Israel etwas passiert, bekommen das die Jüdinnen und Juden sofort zu spüren.

Wie Recherchen der TagesWoche zeigen, gibt es auch in Basel Übergriffe auf Juden, von verbalen Attacken bis hin zu Grabschändungen. Die Öffentlichkeit erfährt davon wenig. Man wolle sich aus Angst vor Nachahmern nicht exponieren, heisst es.

Die Zurückhaltung ist meiner Meinung nach kein jüdisches Phänomen, sondern eine verbreitete Haltung in Basel. Man hält sich mit privaten Befindlichkeiten zurück. Ich höre diese Sorgen vor möglichen Nachahmern bei Bekanntwerden der Vorfälle aber immer wieder, denn für die Betroffenen stellt sich die Frage: Wollen wir den Tätern eine weitere Plattform bieten? Ich respektiere diese Haltung. Gleichzeitig denke ich, gerade an der Universität müssen wir das thematisieren. Und das tun wir auch. Ich arbeite in Seminaren viel mit konkreten Beispielen, die ich entweder selbst erlebt habe oder die ich erzählt bekomme. Ich bin nicht erstaunt, dass Sie auf Ihrer Recherche einige Vorfälle erzählt bekommen haben.

Manuel Battegay, der neue IGB-Präsident, sagte zur TagesWoche, er schreibe als BaZ-Kolumnist regelmässig über Jüdisches. Er registriere in Basel ein grosses Interesse am Judentum.  

Das stimmt, das hat mich selber auch erstaunt, als ich in Basel Fuss gefasst habe. Ich bin seit 20 Jahren hier und das Interesse an jüdischen Themen, an jüdischer Geschichte, an jüdischer Kultur, jüdischer Religion, das ist in Basel schon aussergewöhnlich. Wir erleben das auch an der Uni, alle Veranstaltungen, die irgendwas mit Judentum zu tun haben, sind sehr gut besucht.

«Man muss Rassismus und Antisemitismus in der Definition und der Anschauung trennen.»

Viele Jüdinnen und Juden machen für die gewachsene Verunsicherung die politische Grosswetterlage im europäischen Kontext verantwortlich. Ein Interviewpartner wählte ein drastisches Bild und sagte, er denke an die Generation seiner Eltern, die sich mit Blick auf die 1930er-Jahre die Frage stellt: Warum sind die Jüdinnen und Juden nicht gegangen, als noch Zeit war?

Ich kenn diese Position sehr gut, die Parallele wird immer wieder aufgeworfen. Der Unterschied zu damals ist aber, dass wir seit der Schoah ein ganz anderes Bewusstsein davon haben, was passieren kann. Das war ja bis zur Machtergreifung Hitlers schlicht unvorstellbar. Heute haben wir nicht nur eine Vorstellung, sondern eine konkrete historische Erfahrung. Damit muss, wie gesagt, höchste Sensibilität für das Thema herrschen. Im gesellschaftlichen Diskurs, aber auch in der politischen Arbeit. Wir müssen uns immer fragen, sehen wir Zeichen? Wo müssen wir bewusst eingreifen? Und manchmal reicht das alles nicht und in Pittsburgh marschiert einer in eine Synagoge und fängt an, auf Menschen zu schiessen.

Weder Bund noch Kanton führen eine Statistik über antisemitisch motivierte Angriffe. Deutschland und Frankreich tun dies. Wäre eine Änderung der Erhebungspraxis angebracht, um genauere Aussagen über Antisemitismus zu machen und etwaige präventive Massnahmen zu ergreifen? 

Ich wäre dafür, dass man das gesondert ausweist, weil ich überzeugt bin, dass man Rassismus und Antisemitismus in der Definition und der Anschauung trennen muss. Sie haben ähnliche Wurzeln und können sich ähnlich äussern. Aber es ist noch mal eine andere Sache, ob man per se gegen Ausländer ist oder ob man Hass gegen eine bestimmte Gruppe hegt, die Teil der eigenen Gesellschaft ist. Viele jüdische Familien leben, wie gesagt, seit Generationen in Basel, das sind Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Wenn solche Menschen angefeindet werden, ist das für mich nicht Rassismus, sondern klar antisemitisch motiviert.

Macht es sich der Staat zu einfach, wenn er sagt, die trennscharfe Unterscheidung der Motive resultiere in zu viel Aufwand?

Was hier sicher mitschwingt, ist die verbreitete Haltung, die Schweiz sei ja stets, also auch in den 1930er- und 1940er-Jahren, ein neutrales Land gewesen, und dass das Thema Antisemitismus in der Schweiz niemals so schlimm gewesen sei wie in Deutschland und Frankreich. Und ja, ich finde man macht es sich damit zu einfach. Gerade jetzt sollte man keine pauschalen Urteile fällen, sondern auf Feinheiten bedacht sein. Auch wenn das zusätzliche Arbeit bedeutet. Aber für die Debatte wäre das wichtig, denn erst wenn man konkret weiss, wie viele der jährlich als Rassismus definierten Straftaten antisemitisch motiviert sind, kann man darüber reden, ob wir als Gesellschaft ein Problem mit Antisemitismus haben. Vorher ist diese Diskussion schwerer zu führen.

Wir leben in einer Zeit, in der die letzten Überlebenden der Schoah sterben. Geht uns mit den Zeitzeugen auch die Erinnerung verloren? 

Natürlich sind die Überlebenden unheimlich wichtig für das kollektive Erinnern, das werden wir verlieren. Aber die Zeitzeugen alleine können das Bewusstsein auch nicht erzeugen, das wäre eine viel zu grosse Aufgabe. Jetzt müssen eben neue Formen gefunden werden, das Erinnern aufrechtzuerhalten, und es ist Aufgabe aller Bildungsorganisationen, sich darum zu kümmern. Seit einigen Jahren gibt es am 27. Januar zum Beispiel den Holocaust-Gedenktag. Sofort hiess es von einigen: Ach, noch ein Gedenktag, muss das sein? Ja, das muss sein, weil das einen Anlass gibt, sich beispielsweise mit Schülerinnen und Schülern an Projekten zu beteiligen und somit den Opfern der Schoah zu gedenken. Wenigstens an diesem Tag ist damit ein verstärktes Bewusstsein vorhanden.

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