«Gewinnen – dreckig, knapp, egal wie»

Fabian Frei geht in seine siebte Saison mit dem FC Basel. Der 29-Jährige spricht vor dem Saisonstart über Charakterstärke im Team, verlangt von jungen Spielern den nächsten Schritt, und stellt eine Forderung ans Publikum.

«Mir ist nicht Angst und Bange vor dem Saisonstart» – Fabian Frei.

Fabian Frei, am Samstag geht die Super League los. Der FC Basel hat eine durchzogene Vorbereitung hinter sich. Wie haben Sie die 0:5-Niederlage im letzten Testspiel gegen Feyenoord Rotterdam aufgearbeitet?

Zuerst hat das die Mannschaft unter sich getan. Ohne Trainer, der war nicht gut auf uns zu sprechen, verständlicherweise. Wir sassen zusammen und haben eingefangen, was jeder so denkt.

Hat jemand den Lead bei einer solchen Aufarbeitung oder wird da wild durcheinander geredet?

Wenn es ein absolut wichtiger Match ist und es emotional wird, dann kann das eine wilde Sache sein. Jetzt, nach diesem Testspiel, war es geordnet. Ich hatte den Lead, weil ich nicht in den Mannschaftsbus sitzen wollte, ohne die Sache geklärt zu haben. Zuerst besprachen wir uns mit jenen, die schon länger dabei sind. Dann weitete sich die Diskussion aus, auch auf Spieler, die andere Meinungen hatten.

Nämlich?

Es ging um die Frage, warum wir fünf Tore kassiert haben. Standen wir taktisch schlecht? Hat nicht jeder alles gegeben? Waren wir müde? Meiner Meinung nach haben wir einfach sehr schlecht verteidigt: Die Stürmer wollten pressen und haben das vielleicht auch gut gemacht. Wir hinten sagten uns nach dem 0:3 aber, dass es reicht und wir lieber hinten reinstehen. Und steht das Team lang und breit, entstehen Räume. Andere sagten, dass sie einfach müde gewesen seien.

Trainer Raphael Wicky hat in einem Interview auf FCB-TV gesagt, dass der Auftritt «peinlich» gewesen sei, dass die Mannschaft «alles hat vermissen lassen, was es im Fussball braucht», und dass diese Niederlage «alarmierend» sei. Wie reagiert die Mannschaft auf diese deutlichen Worte?

Ich gebe ihm recht. In der Aufarbeitung drei Tage später muss zwar die Konklusion sein, dass es ein Testspiel war. Das Problem ist aber, dass man eine 0:2-Niederlage einfach abtun kann, aber ein 0:5 eben nicht.

«Es gibt keinen Grund für diese Niederlage, den man nicht in einer Woche bis zum ersten Saisonspiel korrigieren könnte.»

Teilen Sie die Einschätzung, dass es erstaunlich ist, wie deutlich sich Raphael Wicky äusserte?

Es wäre nicht authentisch gewesen, wenn er das Spiel hätte schönreden wollen. Es war sein Gemütszustand in diesem Moment. Ich habe jedenfalls nicht das Gefühl, dass der Trainer nervös, besonders abgespannt oder hilflos ist, sondern ich erlebe ihn wie am Ende der letzten Saison.

Wie lief die Aufarbeitung mit dem Trainer ab?

Wir vom Mannschaftsrat sassen mit ihm zusammen. Da hat der Trainer seine Sicht der Dinge geschildert. Sie deckt sich mit unserer Auffassung. Wir sind zum Schluss gekommen, dass es keinen Grund für diese Niederlage gibt, den man nicht in einer Woche bis zum ersten Saisonspiel korrigieren könnte. Mir ist jedenfalls nicht Angst und Bange vor dem Saisonstart. Auch wenn wir nicht ganz genau wissen, wo wir stehen. Aber das geht St. Gallen nicht anders.

Wir gut ist diese Mannschaft im Vergleich zur letzten Saison?

Es braucht schon noch einen Moment, bis wir uns zu hundert Prozent gefunden haben. Wir waren eingespielt am Ende der letzten Saison, jetzt haben wir drei wichtige Spieler verloren. Es ist klar, dass nicht alles von Anfang an klappen wird. Ich hoffe einfach, dass es bei St. Gallen oder dann PAOK Thessaloniki in der Champions-League-Qualifikation nicht anders ist.

Die Abgänge, allen voran jene von Tomas Vaclik, Michael Lang oder Mohamed Elyounoussi, sind gewichtig. Wie ersetzt man diese Spieler?

Sie eins zu eins ersetzen, wird sicher nicht einfach. Aber es sind gute neue Spieler ins Team gekommen und wir haben viele Junge, viele, die es könnten. Aber jetzt müssen halt auch sie mehr Verantwortung übernehmen. Als ich noch jung war und ein paar Ältere aufgehört haben, war das schon so. Für einige der 22-, 23-Jährigen in unserem Kader ist es Zeit, den nächsten Schritt zu tun.

Wem trauen Sie das zu?

Albian Ajeti kann sich noch mehr einbringen als Leader. Er wird ein Vorbild für viele sein. Raoul Petretta ist schon einige Zeit dabei, und Eray Cümart ist mit viel Erfahrung zurückgekommen. Sie bringen das Zeug mit und sind nicht mehr einfach die Jungen, die mitlaufen, sondern sie müssen vorne weggehen, wenn es darauf ankommt.

Führungsspieler unter sich: Fabian Frei (links) und Luca Zuffi müssen bei der Mission Titelgewinn vorangehen.

Ajeti wurde Torschützenkönig und Petretta hat 30 Spiele in der ersten Mannschaft gemacht, fünf davon in der Champions League. Das sind ohnehin keine Spieler mehr, die einfach nur mitlaufen.

Ich spreche ja nicht von der Situation auf dem Platz, sondern meine das in Bezug auf die Führungsaufgaben. Albian ist Torschützenkönig geworden, wenn er das wieder wird, ist das fussballerisch mehr als genug. Und dann wäre er auch nicht mehr bei uns. Es geht nicht darum, ihre Leistung der letzten Saison zu schmälern. Ich sage nur, dass sie nicht mehr die Jungen sind.

Sie selber sind jetzt fast 30 Jahre alt …

Hören Sie auf (seufzt).

«In der Vergangenheit zeichnete uns aus, dass wir da waren, wenn es darauf ankam.»

Als älterer Spieler können Sie das einschätzen: Fehlt es im Kader des FC Basel denn an Führungsqualitäten?

Nein. Die Jungen müssen diesbezüglich zulegen, weil drei Spieler gegangen sind, die eine Lücke hinterlassen. Das waren Persönlichkeiten. Und die Jungen, die ich anspreche, können das auch sein. Sie gehen durch den normalen Prozess. Wenn man 23, 24 ist, ist man kein Talent mehr, sondern ein gestandener Spieler.

Führungskompetenz hat nicht nur mit dem Alter zu tun. Die einen haben sie, andere nicht.

Absolut. Ich sage nicht, dass sie diese Rolle unbedingt übernehmen müssen, wenn sie es nicht können oder möchten. Ich verlange nichts Unmögliches. Aber ich glaube, Albian kann das. Eray kann das und Raoul brachte letzte Saison zwar noch nicht die Persönlichkeit auf den Platz wie Michael Lang – was nur normal ist –, aber auch er kann das. Die Verantwortung darf nicht nur auf den Schultern von einer Handvoll Spielern liegen.

Woran fehlt es dieser Mannschaft?

Es fehlte dieser Mannschaft auch schon vor vier Jahren etwas. In der Vergangenheit zeichnete uns aus, dass wir da waren, wenn es darauf ankam. Wir verloren auch damals Spiele, aber wenn wir das Messer am Hals hatten, dann haben wir geliefert. Letztes Jahr war es so, dass die anderen Mannschaften gemerkt haben: In Basel gibt es etwas zu holen. Dieses Gefühl muss schnellstens wieder weg.

«Ich verlange von den Fans, dass sie auch nach einem 2:1-gegen Lausanne mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.»

Wie schaffen Sie das?

Gewinnen. Dreckig. Knapp. Egal wie. Da verlange ich von den Zuschauern, dass sie auch nach einem 2:1-Heimsieg gegen Lausanne mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Es muss kein 5:0 mehr sein gegen Teams in der Super League. Das gab es vielleicht einmal, aber diese Zeiten sind vorbei. Wir haben auch an der WM gesehen: Die auf dem Papier schlechteren Mannschaften werden defensiv immer besser.

Für die dreckigen Siege braucht es vor allem etwas: eine charakterlich sehr starke Mannschaft. Ist der aktuelle FCB eine solche?

Ja, absolut. Viele Spieler haben das auch schon bewiesen. Das ist qualitativ eine gute Mannschaft, die eine gute Saison spielen kann. Wir werden ganz oben mitspielen.

https://tageswoche.ch/sport/der-fcb-vor-der-saison-bestuerzung-und-besaenftigung/

Der FCB wollte sein Kader zusammenhalten, hat aber rund 20 Mutationen erlebt. Und die Young Boys haben fast keine Abgänge zu verzeichnen.

Im Ausland hat der FCB ein anderes Standing als YB. Wenn du in der Champions League gut spielst, wechselst du eher ins Ausland, als wenn du in der Liga gut spielst.

Warum auch immer.

Es ist durchaus verständlich. Den Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Spieler siehst du halt, wenn es in den Big Games richtig darauf ankommt.

Bei allem Respekt: Ist im Moment nicht auch ein Spiel gegen Lugano ein Big Game?

Für den FC Basel schon.

Wenn Sie Scout wären, was wäre für Sie wichtiger: Dass ein Spieler im Old Trafford gegen Manchester United oder im Cup im Stadio Communale gegen den FC Chiasso eine gute Figur abgibt?

Den Charakter eines Spielers sehe ich in Chiasso besser. Aber denken Sie, es geht nur um Charakter?

Er sollte ein wesentlicher Bestandteil sein bei der Bewertung eines Spielers.

Das sollte so sein. Ich habe einfach nicht das Gefühl, dass es das entscheidende Kriterium ist.

«Ich bin der Erste, der einen Jungen nach Hause fährt. Dann sitzt man im Auto und kann über alles reden.»

Beim FC Basel wurde eben der 21-jährige Neftali Manzambi aus der ersten Mannschaft gekippt, weil er nicht Rechtsverteidiger spielen will. Hat der FCB ein Problem mit dem Charakter einiger Spieler? Begnügen sich einige einfach mit ihrem Talent?

Das kann sein. Aber das gibt es nicht nur beim FC Basel. Jeder Spieler muss selber wissen, ob er bereit ist, zusätzlich zu arbeiten, um es ganz nach oben zu schaffen. Man kann nicht einfach sagen, der FCB-Jahrgang sei ein schwieriger. Es gibt viele Junge, die wirklich wollen, auch wenn sie nicht mit ausserordentlich viel Talent gesegnet sind. Ich kann nicht sagen, wer, aber es gibt zwei, drei Spieler, von denen ich mehr verlangen würde. Aber ich kann nicht zu einem Jungen hingehen und sagen: «Arbeite mehr!»

Warum nicht?

Ich kann ihm das höchstens vorschlagen. Aber es ist seine Aufgabe, zu mir zu kommen oder den Trainer zu fragen, was er mehr machen könnte.

Sie verlangen von einem 20-Jährigen, dass er zu Ihnen kommt?

Ich gebe ihm das Gefühl, dass er das darf. Mein Ziel ist es, dass jeder Junge so schnell wie möglich weiss, dass er immer zu mir kommen kann. Ich bin der Erste, der einen Jungen nach Hause fährt, weil er die Autoprüfung noch nicht hat. Dann sitzt man im Auto und kann über alles reden. Ich verlange nicht, dass ein Junger in der Mannschaftssitzung aufsteht und den Trainer fragt, was er besser machen kann. Aber als ich jung war, ging ich auch irgendwann zu Marco Streller und habe mich mit ihm ausgetauscht.

Anlaufstelle für die Jugend: Fabian Frei (rechts) erklärt Blas Riveros das Spiel des FC Basel.

Kommen denn viele junge Spieler dieses Kaders zu Ihnen?

Ich kann mich dazu nicht pauschal äussern, wir müssten jetzt jeden einzelnen durchgehen. Aber das mache ich nicht. Wenn einer oder zwei zu mir kommen, ist das okay. Andere gehen vielleicht zu Valentin Stocker oder zu Marek Suchy. Ein Stürmer muss vielleicht eher nicht zu mir kommen. (macht eine Pause) Obwohl ich ihm auch da helfen könnte.

Um was kann der aktuelle FC Basel in dieser Saison spielen?

Der FC Basel wird um den Meistertitel spielen. Ich sage sicher nichts anderes. Ganz sicher nicht.

Und wie sieht es im Europacup aus?

Für die Champions League müssten wir drei Runden überstehen. Da kann so viel passieren: frühe rote Karten, schwache Tage eines Schiedsrichters. Und dann ist es noch eine Frage der Auslosung. Das Ziel ist also im Minimum die Europa League.

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