«Ich habe nicht das Bedürfnis, für jüngste Künstler etwas zu machen – dafür bin ich schlicht zu alt»

Eric Hattan hat den Kunstpreis des Kantons Basel-Stadt erhalten. Im Interview schildert der 61-Jährige, was ihn umtreibt – und weshalb es für Künstler in seinem Alter mehr Angebote braucht.

«Ich bin generell eher unruhig und unterwegs», sagt Eric Hattan, kurzzeitig im Hof seines Büros sitzend.

(Bild: Donata Ettlin)

Eric Hattan hat den Kunstpreis des Kantons Basel-Stadt erhalten. Im Interview schildert der 61-Jährige, was ihn umtreibt – und weshalb es für Künstler in seinem Alter mehr Angebote braucht.

Eric Hattan, Sie arbeiten in verschiedenen Medien. Ist Ihnen eines wichtiger als das andere?

Nein. Ich würde mich keiner Gattung zuordnen. Ich bewege mich vorwiegend im Raum. Und wichtig ist der Ort, an dem ich etwas mache.

Vom Ort hängt ab, was und in welchem Medium Sie etwas machen?

Genau, das ist mein Vorgehen. Grundsätzlich bin ich ein Bastler – im besten Sinne des Wortes: Ich suche Lösungen, ohne genaue Vorgaben zu haben, wie etwas geht. Dazu kommt das Eingehen auf den Raum. Bewegung ist ein wichtiges Stichwort: Ich kann schlecht länger stillsitzen oder mehrere Stunden lang dasselbe tun. Ich mache oft Diverses nebeneinander und bin generell eher unruhig und unterwegs.

Viele Ihrer Arbeiten spielen mit der Wahrnehmung: Trammasten sind geknickt, Objekte minim vergrössert oder Ähnliches. Wollen Sie in Ihren Arbeiten irritieren? Oder ergibt sich das per Zufall?

Es geht nicht ums Irritieren per se. Es geht eher um die Frage: Könnte es nicht auch anders sein? Einen anderen Sinn und neuen ästhetischen Genuss zu erleben, ist oft mein Antrieb. Zufall ist ein wichtiges Moment, auch wenn man den infrage stellen kann. Aber wenn Irritation entsteht, dann nicht aus Zufall, sondern aus dem vielleicht ungewohnten Ansatz für meine Arbeiten.

Zwingen Sie vielleicht den Betrachter dazu, auch genau hinzuschauen?

Ich zwinge ihn nicht, sondern biete die Möglichkeit an. Aber ich denke gar nicht so sehr zuerst an den Betrachter meiner Arbeit. Als Erstes will ich wissen, wie etwas passiert, wenn ich es mache. Das ist es, was mich antreibt, was mir Freude macht. Vielleicht auch mit einem gewissen Schalk. Humor ist mir sehr wichtig. Auch wenn ich eigentlich ein eher ernster, oft auch ein sehr moralischer Mensch bin. Ich finde zum Beispiel, wenn wir Regeln machen, dann sollten wir uns im normalen Alltag dran halten – ich bin aber dann auch der Erste, der sie wieder bricht.

Aber dies geschieht dann im Bewusstsein, dass eine Regel gebrochen wird?

Genau. Ich kann auch sehr stur sein. Wahrscheinlich denken das auch Leute von mir. Das Leben funktioniert aber nicht immer so, wie ich denke und es mir wünsche (lacht). Das mag dazu führen, dass meine Kunst irritiert – weil ich eben selber nicht immer alles glaube und vieles hinterfrage.

Hier im Hof befinden sich diverse Werke von Ihnen, die wie Teile einer Serie daherkommen. Sie haben mir vorhin erzählt, dass da immer wieder neue Stücke dazukommen. Ist das oft so: Sie fangen mit etwas an und nach und nach wächst das?

Diese neueren Arbeiten – die fortlaufende Serie der «Maxe», in Betonsockel eingegossene Rohre, Eisenstangen oder Ähnliches, die Sie ansprechen – sind eher eine Ausnahme. Früher hatte ich nie Lust, Serien zu machen, dasselbe ein zweites Mal ähnlich herzustellen. Heute interessieren mich auch die Wiederholungen und die kleinen Unterschiede in der Wiederholung. Aber insgesamt interessierte mich über all die Jahre schon, immer wieder Neues auszuprobieren.




Unterschiedliche Stangen in unterschiedlichen Kübeln: Was wie eine Serie daherkommt, entsteht über Jahre nach und nach. (Bild: Donata Ettlin)

Also lieber gleich das Nächste versuchen.

Ja. Es gibt Künstler, bei denen wächst das eine aus dem anderen – das ist bei mir nicht so. Das verläuft im Gegenteil sehr sprunghaft. Eher ist es über die Jahre so, dass ich merke, was zusammengehört.

Schaffen Sie eigentlich nur Werke, wenn Sie einen Auftrag für ein Projekt oder eine Ausstellung haben? Was machen Sie denn, wenn keine Ausstellung in Planung ist?

Einen Haufen anderes. Ich beschäftige mich dauernd mit irgendwas, sei das Aufräumen, Lesen, Filmeschauen, Reisen … Ihre Feststellung hat aber etwas. Es ist allerdings nicht so, dass ich erst anfange zu denken, wenn ich ein Projekt oder eine Ausstellungsmöglichkeit erhalte. Grundsätzlich bin ich jemand, der beobachtet. Im weitesten Sinn. Instrumente dazu sind Foto- und Videokamera. Kurzum: Wenn ich also nicht konkret an einem Projekt bin, bin ich am Beobachten, am Schauen, am Flanieren. Ein Ausstellungsprojekt löst aber erst die Prozesse aus, die dann zu Arbeiten führen.

Sie machen sehr unterschiedliche Sachen, sagen, Sie sind sehr sprunghaft – gibt es trotzdem einen roten Faden, der sich durch Ihr Schaffen zieht?

Das müssten wohl andere beurteilen. Für mich selber ist es wie schon gesagt der Raum, das Erfahren des Raumes. Das kann sich in temporären Antworten für Ausstellungen niederschlagen – ich schaffe ja oft ephemere Werke, das heisst, das Werk existiert nach der Ausstellung oft nicht mehr.

Das Letzte, was man in Basel von Ihnen wahrgenommen hat, hat wenig Vergängliches: der Grundstein «Unverrückbar» für die sanierte St. Jakobshalle. Eher ein Werk für die Ewigkeit?

Es ist immer eine Frage der Situation. Auch Kunst-am-Bau-Geschichten müssen nicht für die Ewigkeit sein, weil sich Zeiten verändern und weil sich Arbeiten und Materialien verändern. Die Idee für «Unverrückbar» entstand unter anderem aus Gedanken um ein Projekt, das ich in Biel Anfang der Neunzigerjahre für die Swisscom verwirklicht habe und das nun verlottert, weil seit der Privatisierung der Firma niemand mehr dafür zuständig ist und sich niemand mehr verantwortlich fühlt. Das Werk ist einfach nur noch eine Ruine. Diese Erfahrung hatte einen Einfluss auf die Gestaltung des Projektes hier in Basel. Und ja, im Falle der St. Jakobshalle stellte sich die Frage nach der Ewigkeit, auch für die Jury. Und faktisch könnte man den Stein ja schon noch entfernen, wenn man unbedingt will.

Beim Grundstein handelt es sich um einen Findling. Und auch sonst arbeiten Sie häufig mit Fundstücken. Ist das Ihr liebstes Material?

Es gibt kein Material, das ausgeschlossen ist. Es gibt solche, die ich noch nie verwendet habe, weil es nicht notwendig war, sie zu verwenden. Aber nicht aus einer Ablehnung dem Material gegenüber.

Fällt der Entscheid fürs Material auch aus dem Zusammenhang zwischen Werk und Raum heraus?

Ja, und aus den Produktionsbedingungen heraus. Wenn ich eine halbe Million für eine Ausstellung zur Verfügung hätte, könnte ich anders umgehen, wie wenn ich ein Budget von 5000 Franken habe. Es ist Teil meiner Praxis, dass ich mich da strikt daran halte. Andere sagen, wenn ich nicht mindestens so und so viel habe, kann ich mein Werk nicht fertigstellen – das kommt für mich nicht in Frage. Die Frage für mich war immer: Wie kann ich mit dem, was ich zur Verfügung habe, das Bestmögliche herausholen. Es muss natürlich trotzdem funktionieren: Es kann nicht Karton sein, wenn es Beton sein muss. Aber es muss im Gesamten stimmen. Und das Gesamte ist die Idee, die Umsetzung und das Einhalten des Budgets.

Konnten Sie irgendwann deswegen etwas nicht so ausführen, wie Sie es gerne getan hätten?

Nein, nicht wirklich, denn dann suche ich einen anderen Lösungsweg. Es ist mir wichtig, dass meine Projekte auch finanziell im vorgegebenen Rahmen realiserbar sind. Aufwand, Energiehaushalt und Lösung müssen in einem stimmigen Verhältnis zueinander stehen. Deshalb ist es für mich auch wichtig, unter anderem die finanziellen Möglichkeiten zu kennen, weil ich werde genau das brauchen, was man mir verspricht. Damit kann ich entscheiden, ob ich mir Mitarbeiter leisten kann und welche Materialien möglich sind. Das ist pures Unternehmertum, wenn Sie so wollen.

In Frankreich haben Sie in letzter Zeit einige Projekte realisiert. In Basel hingegen, so glaube ich, hat man schon länger keine Ausstellung mehr von Ihnen sehen können?

Doch, ich hatte kürzlich eine Ausstellung in der Galerie von Nicolas Krupp, zusammen mit Thomas Geiger, und aktuell bin ich im Kunstmuseum Basel /Gegenwart in der Sammlung zu sehen mit einer Videoarbeit von 1997, die letztes Jahr von Bernhard Mendes Bürgi zusammen mit 7 weiteren Videoarbeiten von mir für das Museum angekauft wurden. Tatsächlich habe ich aber ausser einer kleinen Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst 1992 zusammen mit Silvia Bächli und der Einzelausstellung im Kunsthaus Baselland 2003 keine institutionelle Einzelausstellung in Basel realisiert. Warum das so ist, müssen Sie aber nicht mich fragen, sondern die anderen (lacht).

Das liegt aber nicht an einer ablehnenden Haltung Ihrerseits?

Nein, das ist wahrscheinlich Zufall oder eine Frage der personellen Konstellationen. Auch wenn Basel und ich eine spezielle Geschichte haben. Das fing mit der «Filiale» an (der erste Offspace, den Basel kannte, Anm. d. Red.). Als wir 1981 damit anfingen, war es absolut ungewohnt, dass ein Künstler so etwas macht – kuratieren. Man sagte mir damals deutlich: Entweder du bist Künstler oder du bist Kurator oder Galerist. Alles geht nicht. Das bedeutete auch: Wenn du das machst, nehmen wir dich als Künstler nicht ernst. Tatsächlich ging es lange, bis mich in Basel jemand für ein Projekt anfragte, das ich nicht selber mitorganisierte. Wahrscheinlich dachten alle: Der macht das ja selber.

Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen: Viele Künstler organisieren sich in Offspaces oder Projekträumen…

Ja, ich weiss, es gibt diverse Räume hier in Basel, aber ich sehe mir kaum etwas an. Ich bin auch nicht auf Facebook oder Twitter oder Instagram und vielleicht auch nicht mehr so neugierig, sondern sehr selektiv. Nicht, dass mich junge Kunst nicht interessiert, aber ich muss vielleicht nicht mehr so lange hinsehen wie früher, bis ich rausfinde, ob mich etwas interessiert oder nicht. Was möglicher Weise ungerecht ist…

Sie haben die «Filiale» erwähnt und Ihre kuratorische Tätigkeit damals – machen Sie so was heute auch noch?

Die «Filiale» gab es mehrmals und die Unterbrüche sind länger als die tatsächlichen aktiven Jahre. Erstmals ab 1981, dann Ende der Achtzigerjahre, in den Neunziger- und den Nullerjahren nochmal, immer in anderer Besetzung… total wahrscheinlich 12 Jahre.

… aber immer mit Ihnen …

Richtig. Die «Filiale» ergab sich immer wieder, wenn es einen Raum und ein Bedürfnis gab. Das war das Wesentliche.

Doch jetzt ist das Projekt abgeschlossen?

Es gibt unser Archiv unter www.filialebasel.ch seit einiger Zeit online. Projekte und Ausstellungen sind nicht vorgesehen, aber man sollte ja nie nie sagen. Und mittlerweile kann ich mir eine nächste Filiale für ältere Künstler und Künstlerinnen vorstellen.

Warum das?

Weil ich selber in dieses Alter komme. Und weil es eben viele gute Künstlerinnen und Künstler gibt, deren Werk wenig sichtbar ist. Aber das ist mehr eine Idee als ein konkretes Projekt. Ich sage ja nicht, dass es so wird. Jedenfalls habe ich nicht das Bedürfnis, für jüngste Künstler etwas zu machen – dafür bin ich schlicht zu alt, das müssen diese selber machen.

Für diese gibt es genug Angebote?

Ich denke ja. Aber für eine ältere Generation gibt es vielleicht mittlerweile wenig. Also warum nicht ein alternativer Offspace für ältere Künstlerinnen und Künstler?

Beschäftigen Sie diese Fragen, was man mit Künstlern im Alter macht, was mit ihren Nachlässen etc.?

Ja sicher, und nicht erst seit heute. Ich bin ja zuständig für den Nachlass von Hannah Villiger und damit seit 15 Jahren direkt in dieser Materie drin. Natürlich ist das ein Problem und eine Frage – für die ich keine langfristige Lösung habe.

Das wäre meine nächste Frage gewesen …

Ich bin da im Zwiespalt zwischen ephemer oder für die Ewigkeit: Was gibt man weiter? Was will man weitergeben? Mit diesem Problem kämpfe ich täglich. Ich bin eigentlich ständig am Um- und Aufräumen. Das lässt mich nicht los, seit ich 1990 meinen gesamten Besitz als Arbeit ins Helmhaus in Zürich gebracht habe. Damals hätte ich reduzieren und nichts Neues mehr anschaffen können – was ich aber nicht getan habe. Aber die Frage treibt mich um: Nachlassen oder nicht, wertvoll oder nicht, recycling oder nicht? Haltbar oder kurze Halbwertszeit. Aber eine Antwort habe ich nicht.

Die Politik hängt ja bezüglich Künstler im Alter auch hinterher, bezüglich Vorsorge, aber auch Sozialversicherungen …

Das ist eine andere Geschichte, ja. Vor allem, was macht man mit all jenen, die das nicht hatten? Und auch nicht das Glück haben, zum Beispiel einen Preis zu bekommen – so wie ich jetzt.

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Die Preisverleihung an Eric Hattan findet am 21. September, 18.30 Uhr, in der Kunsthalle Basel statt.

Konversation

  1. Ein schöner Hintergrundbericht
    Das sich jemand an Budgetvorgaben hält ist doch sympathisch und beweist mehr Bodenhaftung als manchmal die „öffentliche Hand“, welche Projekte plant und meistens nachfassen muss um die Fertigstellung zu realisieren.
    Das Alter ist für viele Künstler ein Problem, denn meist sind die Ausschreibungen mit Altersbegrenzung versehen. Künstler in Basel zu sein, bedeutet auswärts ausstellen zu müssen, beweglich bleiben und trotz der ART Basel sich nicht „kleinmachen“ lassen. Das Alter hat den Vorteil, dass man in sich ruht, weniger umherschaut und sich nicht mehr an anderen Künstlern orientiert, denn was in einem ruht, ist so reichhaltig, dass man Angst hat, das Ende kommt schneller, als die Umsetzungen der eigenen Visionen. Leider kann man dem Artikel die Eckdaten nicht entnehmen. Aber dank Internet ist eine Recherche heute zügig aufgegleist. Ach so… und herzlichen Glückwunsch zum Kunstpreis, geniessen Sie den 21.September in vollen Zügen!

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