Dimitri Oberlin: «Oft weiss ich nicht, was ich mit dem Gegner anstelle»

Als Neunjähriger verlässt Dimitri Oberlin seine Heimat Kamerun und reist zu seiner Mutter in die Schweiz. Ab diesem Moment gibt es keine Schwierigkeiten mehr, erzählt der 20-Jährige im Interview. Inzwischen erzielt einer der aufregendsten Basler seine Tore in der Champions League.

Dimitri Oberlin, 20 Jahre, Stürmer des FC Basel. Der Schweizer Meister ist die vierte Station in der Karriere des kamerunisch-schweizerischen Doppelbürgers. 

Dimitri Oberlin, wenn man Ihnen beim Fussballspielen zuschaut, weiss man oft nicht, worauf man sich gefasst machen darf. Wie viel in Ihrem Spiel ist Instinkt und wie viel bewusste Überlegung?

Bewusst laufen Dinge wie Pressing oder Positionsspiel ab. Aber im Fussball geht es derart schnell. Wenn ich den Ball habe, dann geht alles über den Instinkt. Oft weiss ich nicht, was ich mit dem Gegner anstelle. Das überrascht ihn.

Und Sie selbst auch?

Ich habe Videos von mir gesehen, da fragte ich mich: «Was versuche ich denn da?» Das sind dann eher schlechte Szenen (lacht). Manchmal mache ich auf dem Feld halt dumme Sachen.

Und manchmal unglaubliche Dinge. Ihr Tor beim 5:0-Sieg gegen Lissabon in der Champions League, dieser Sprint über das ganze Feld, hat sich ins Gedächtnis der Leute eingebrannt.

Es war ein schönes Tor. Meine Familie war zufrieden und meine Freunde auch. Aber ich bleibe der Gleiche, auch wenn das nicht so einfach war. Denn ich lache viel und nehme die Dinge nicht allzu ernst. Wenn ich also nach dem Tor nachgelassen hätte, dann hätten alle gesagt: «Jetzt wird er überheblich.» Die Leute beobachten mich seit diesem Tor genauer, da musste ich aufpassen. Das Tor hat mir also auch in dieser Hinsicht viel gebracht: Ich bin vorsichtiger geworden in meinem Verhalten.

Zwischen diesem Tor und Ihrer Reise von Kamerun in die Schweiz lagen gerade mal gut zehn Jahre.

Unglaublich. Das war damals ein Traum für mich, als Neunjähriger. Ab diesem Moment gab es keine Schwierigkeiten mehr in meinem Leben, denn ich bin mit meinem Bruder in einer besseren Welt angekommen. Ein Traum ging in Erfüllung. Ich war glücklich.

Dimitri Oberlin, 20 Jahre, Stürmer des FC Basel. Der Schweizer Meister ist die vierte Station in der Karriere des kamerunisch-schweizerischen Doppelbürgers.

Sie sind alleine mit Ihrem Bruder in die Schweiz gekommen?
Unsere Mutter war schon immer in der Schweiz, seit wir klein waren. Ich wohnte in Kamerun mit meinem Bruder bei einem Onkel. Deswegen bin ich kein Familienmensch. Ich kann hier ohne enge Bindung zu meiner Familie leben, denn ich habe lange gar nichts anderes gekannt. Als ich neun Jahre alt war, hat meine Mutter entschieden, uns in die Schweiz zu holen. Eine der grössten Schwierigkeiten war für mich der Wechsel in die Schweizer Schule. Das System hier ist besser, organisierter. Und wir mussten gut sein in Französisch, Mathematik und Deutsch. Das war das Schlimmste.

Was haben Sie sonst für Erinnerungen an Ihre Einwanderung?

In der Schweiz konnte ich dreimal am Tag essen. Das war in Kamerun nicht immer der Fall. Fortan kamen wir von der Schule nach Hause, schauten fern und assen – es fehlte plötzlich an nichts mehr. In Kamerun hatten wir wenig Mittel, auch wenn meine Mutter durch ihre Arbeit in der Schweiz immer etwas Geld schicken konnte.

«Ohne Stress wäre ich nicht so weit gekommen.»

Spielten Sie in Kamerun schon Fussball?

Mit meinem Bruder vor dem Haus. Aber nie in einem Verein. Das hätte man bezahlen müssen, was einfach nicht ging. Erstmals im Verein war ich in Moudon, in der Nähe von Lausanne. Beim FC Etoile-Broye habe ich den Fussball kennengelernt.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Fussballschuhe?

Oh ja! Das war in Moudon, meine Mutter hatte sie mir gekauft. Das war unglaublich für mich und alles, was ich je gewollt hatte.

Über den FC Etoile-Broye und den FC Lausanne-Sport kamen Sie als 14-Jähriger zu den Junioren des FC Zürich.

In Zürich war alles grossartig. Wir haben den Nike-Cup gewonnen und ich wurde zum besten Spieler gewählt. Damals realisierte ich aber nicht, was alles möglich sein wird. Denn es ging alles irgendwie zu leicht. Einen ersten Rückschlag erlitt ich mit einer Knieverletzung. Ich musste acht Monate pausieren, erst eine Eigenbluttherapie löste das Problem. Diese Phase war schwierig für mich. Ich hatte Angst, dass der Verein auf mich verzichten könnte. Ein permanenter Stress machte mir zu schaffen, und ich wollte so schnell wie möglich wieder auf das Feld zurückkehren.

«Vladimir Petkovic hat gesagt, dass ich vor dem Tor robuster werden und den Ball noch besser halten muss.»

Wie gehen Sie heute mit Stress um?

Eigentlich ganz gut. Ohne Stress wäre ich nicht so weit gekommen. Ich bin professioneller geworden und habe gelernt, was ich essen darf oder dass ich früher schlafen gehen muss.

Was heisst früher?

Um elf Uhr.

Aha.

Seit dieser Saison befolge ich das strikt.

Seit Sie beim FC Basel sind also. Wie kam es zum Wechsel in die Schweiz?

Ich stand seit einiger Zeit in Kontakt mit Sportdirektor Marco Streller, und mit meinem Freund Breel Embolo habe ich viel gesprochen. Der Wechsel war allerdings nicht einfach, weil Salzburg auf mich zählte. Ich habe aber wegen Verletzungen in Österreich nicht oft gespielt. Und entscheidend war schliesslich, dass der FCB in der Champions League spielt.

Sie belegen nach der Gruppenphase Platz 12 in der Torschützenliste der Champions League. Und nur neun Schweizer haben in der Geschichte mehr Treffer erzielt als Sie.

Das wusste ich nicht (lacht). Aber das ist gut!

Ihre Leistungen sind auch dem Nationaltrainer Vladimir Petkovic nicht entgangen. Wie war der erste Kontakt mit ihm?

Gut, er ist sehr menschlich. Er hat allerdings mehr mit meinem Agenten gesprochen und gesagt, dass ich vor dem Tor robuster werden und den Ball noch besser halten muss.

Sie sind kamerunisch-schweizerischer Doppelbürger. Bis jetzt haben Sie für die Junionrenauswahlen der Schweiz gespielt. Wissen Sie, für welches Land Sie in Zukunft spielen würden?

Ich habe eine Idee (lacht).

Die Schweiz.

Gut möglich (lacht). In Luzern habe ich persönlich mit Vladimir Petkovic gesprochen. Er hat mir jedenfalls gratuliert.

«Wenn beim Pressing einer nicht mitmacht, laufen alle anderen zusätzliche und unnötige Kilometer.»

In Luzern haben Sie in der Winterpause den Preis für den besten Jungprofi empfangen. Fühlen Sie sich wohl an solchen Veranstaltungen?

Es geht so. Ich spürte viel Druck.

Sie spielen in Manchester vor 70’000 Menschen Fussball und eine Bühne im KKL in Luzern macht Ihnen zu schaffen?

(Lacht) Fussball spielen, das kann ich! Aber auf einer Bühne Fragen zu beantworten, zumal die noch in schnellem Schweizerdeutsch gestellt waren, das ist echt nicht einfach.

Am Dienstag spielen Sie zum dritten Mal in dieser Saison gegen Manchester. Werden Sie wieder so viel Räume haben wie beispielsweise gegen Lissabon?

Wir werden jedenfalls versuchen, so gut wie möglich zu verteidigen und auf Konter zu spielen.

Das entspricht Ihrer Spielweise. War das schon immer so oder haben Sie sich taktisch in Basel so weiterentwickelt?

Taktisch gesehen war Salzburg für mich einfacher. Denn da verfolgten wir eine einzige Philosophie: Pressing. Hier in Basel müssen wir uns auf jeden Gegner neu einstellen, national und international. Immer öfter spielen wir aber mit Pressing-Elementen, was mir entspricht. Das ist der Fussball von heute: Verlierst du den Ball, presst du, holst ihn dir zurück und stürmst nach vorne.

Klingt einfach.

Ist es aber nicht. Wenn einer nicht mitmacht, laufen alle anderen zusätzliche und unnötige Kilometer.

Aktuell haben Sie nicht nur Fussball im Kopf, sondern auch einen privaten Konflikt. Sie sind von Ihrer ehemaligen Freundin wegen leichter Körperverletzung angeklagt worden. Wie gehen Sie damit um?

Darüber möchte ich lieber nicht sprechen.

Auf dem Feld beschäftigt Sie die Geschichte nicht?

Ich sagte mir: «Jetzt zeige ich auf dem Feld einfach mehr.» Ich konnte mich jedenfalls immer auf das Fussballspielen konzentrieren.

Konversation

  1. Dimitri, immer so weiter machen, aber auf dem Teppich bleiben, dann kommt es schon gut. Und lass dich nicht von den Medien beeinflussen, wenn’s mal nicht so gut läuft.

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