«Putin setzt Stalins System fort»

Heimat, Freiheit und Frau – Russland nahm Michail Ryklin alles. Aufgegeben hat der Philosoph und Dissident seine Kritik trotzdem nicht. Mit der TagesWoche sprach er über das teuflische 20. Jahrhundert, heldenhafte Landsleute und den erzwungenen Suizid seiner Frau.

«Das Regime weiss so viel mehr über uns als wir», sagt Dissident Ryklin. Und das russischen Gesetze bieten keinen Schutz. «Sie sind so kompliziert, dass man ihnen beim besten Willen nicht folgen kann.» (Bild: Basile Bornand)

Heimat, Freiheit und Frau – Russland nahm Michail Ryklin alles. Aufgegeben hat der Philosoph und Dissident seine Kritik trotzdem nicht. Mit der TagesWoche sprach er über das teuflische 20. Jahrhundert, heldenhafte Landsleute und den erzwungenen Suizid seiner Frau.

Was für ein absonderlicher kleiner Mann. In sämtliche Richtungen stehen Michail Ryklin die Haare zu Berge, er hat zwei verschiedenfarbige Augen (was höchst faszinierend ist, wenn man es erst einmal bemerkt hat), seine Kleidung scheint sich seit Jahren auf eine Art Philosophen-Uniform zu beschränken, und seine Körperhaltung hat etwas Erschrecktes, Zurückhaltendes, Scheues auch. Bis der russische Philosoph und Literat zu reden beginnt.

Sein gesprochenes Deutsch ist makellos, und dennoch sind wir uns nicht immer ganz sicher, ob er die Frage tatsächlich verstanden hat. Hat verstehen wollen. Aber all das, die etwas spezielle Erscheinung, die anfänglichen Missverständnisse, spielen nach wenigen Minuten des Gesprächs keine Rolle mehr.

Wie schlau. Wie fremd. Wie einsichtig. Wie unterhaltsam. Ryklin ist ein äusserst präziser Beo­bachter von Russland. Er bringt uns eine Welt näher, der wir uns viel zu selten widmen. Ryklin selber tut das ebenfalls aus der Ferne. Seit mehreren Jahren lebt der Philosoph im Exil in Deutschland. Gezwungenermassen, weil er sich vom Regime und dessen «operativer Macht» drangsaliert fühlte. Und weil er nicht mehr in jenem Land leben will, das die Schuld am Tod seiner Frau hat.

Herr Ryklin, die Wahlen in Russland gingen für einmal nicht geräuschlos über die Bühne. Hat es Sie überrascht, dass sich so viele Gegner von Wladimir Putin auf die Strasse trauten?

Ich war im Dezember und an Weihnachten das letzte Mal in Russland. Ich habe die ursprüngliche Phase der Proteste also miterlebt. Es kam alles ganz unerwartet. Es ging nach der Duma-Wahl los. Die Proteste flammten auf, und die Hoffnungen waren gross, dass sich tatsächlich etwas ändern könnte. Putin regiert in Russland seit 2000, und ich glaube, es hat niemals eine Anti-Putin-Demonstration stattgefunden – auch nicht mit 2000 oder 3000 Leuten. Man glaubte, das wäre unmöglich. Dann plötzlich kamen mehr als 100 000 Leute.

Dennoch wurde Wladimir Putin gewählt.

Es war im Voraus klar, dass das Regime alles Mögliche mobilisieren würde, um die Proteste zu zerschlagen, und sich neue Wahlbetrugs-Techniken ausdenken würde. Das Putin-Regime war in diesem Zusammenhang schon immer sehr erfinderisch.

Nach der Wiederwahl von Putin brachen die Demonstrationen ab. Haben die Russen aufgegeben?

Eine gewisse Entmutigung kann man feststellen. Ob sie aufgegeben haben, weiss niemand. Die Oppositionellen haben für Anfang Mai einen sogenannten Marsch der Millionen ausgerufen – es kamen dann einige Zehntausend, was auch nicht schlecht ist.

In Westeuropa hatte man die Hoffnung, dass die Proteste der Anfang eines «arabischen Frühlings» russischer Prägung sein könnten. Warum kam es nicht so weit?

Der Vergleich mit arabischen Ländern hinkt in mehrfacher Weise. In demografischer Hinsicht beispielsweise: Russland hat alle Probleme, die westeuropäische Länder auch haben, aber in verschärfter Form. Seit den 90ern sterben jedes Jahr eine Million mehr Menschen als geboren werden. In Tunesien liegt das Durchschnittsalter unter 30 Jahren, ähnlich ist es in anderen arabischen Ländern. Russland ist ein Land, in dem die Lebenserwartung der Männer bei 60 Jahren liegt. Das ist das Rentenalter!

Nur weil die Russen alt sind, lehnen sie sich nicht auf?

Nein. Das russische Volk ist ein überstrapaziertes Volk. Russland erlebte ein teuflisches 20. Jahrhundert – insbesondere die Zeit zwischen 1914 und 1953. In diesen 40 Jahren herrschte ununterbrochener Terror. Die Konsequenz davon ist, dass die Russen heute zwar anfangen zu protestieren, sich aber sehr schnell ohnmächtig fühlen.

Wie zeigt sich das?

Im Dezember formulierte die Opposition einige Forderungen: Entlassung der politischen Häftlinge, auch einige Beamte sollten bestrafen werden, die für den Wahlbetrug verantwortlich sind. Als die Opposition dann bemerkte, dass nichts geschieht, haben sie aufgegeben. Üblicherweise bestehen die Protestierenden auf der Erfüllung von Forderungen. In Russland nicht.

Warum?

Als Erstes wäre da der russische Winter. Man muss wirklich verstehen, was es bedeutet, sich bei minus 25 Grad zu versammeln. Das alleine ist schon eine Heldentat! Wenn du irgendwo bei 30 Grad unter null ausharrst, ist das schon viel. Aber wie sollst du da drei Tage durchhalten? Das geht nicht. Das Regime hat ziemlich klug geplant: Die Duma-Wahl war Anfang Dezember, also schon im Winter. Die Präsidentschaftswahl legten sie auf Anfang März, also immer noch im Winter.

Vom Westen aus gesehen ist es schwierig, der Opposition ein Gesicht zu geben. Wer ist denn gegen Putin?

Es ist eine bunte Mischung aus verschiedenen Kräften. Es gibt Nationalisten, die sagen: «Schluss mit der Judenherrschaft in Russland, Schluss mit dem Joch der amerikanischen Monopolpolitik auf der Welt.» Während die Nationalisten das sagen, stehen daneben Demokraten. Sie sagen: «Wir wollen so sein wie Europa.» Daneben protestieren die Leute, die die ökologische Bewegung vertreten. Es gibt also eine breite Palette von Leuten, die zusammen demonstrieren. Normalerweise stehen solche Leute nicht nebeneinander bei einem Protest. Sie demonstrieren separat. Kann man sich in Deutschland vorstellen, dass die NPD mit den Grünen zusammen irgendwelche Kundgebungen organisiert?

Was würde geschehen, wenn eine so disparate Opposition tatsächlich Erfolg hätte?

Es ist schwierig, Vorhersagen zu machen. Ich kann mir vorstellen, dass Russland als riesiges Land verschwindet und sich mehrere kleinere Länder bilden würden – in so entfernten Regionen wie Sibirien zum Beispiel.

Gibt es überhaupt eine realistische Alternative zum Regime von Putin?

Leider hat Putins System alles gemacht, um ein nachfolgendes System unmöglich zu machen. Es gibt keine unabhängigen Politiker in Russland. Unter Boris Jelzin war es noch etwas freier in Russland. Es gab verschiedene Zeitungen, die unterschiedliche Meinungen vertraten. Es kam manchmal zu Streitigkeiten, weil die Oligarchen von damals unterschiedliche Interessen hatten. Aber unter Putin war Schluss damit.

Wie hat Putin den Kampf zwischen den Oligarchen beendet?

Putin sagte all diesen Oligarchen: «Ihr könnt so viel Geld machen, wie ihr wollt. Ich schaue sogar weg, wie ihr eure Machenschaften organisiert. Aber keine Politik mehr!» Wir wissen alle, was mit Michail Chodorkowski geschah, der als Einziger dagegen etwas unternommen hat und das korrupte System angriff.

Sie kritisieren immer wieder, dass eine öffentliche Kritik an Putin nicht möglich ist und dass freie Medien fehlen.

Man kann über die 90er-Jahre reden, wie man will, aber wir hatten viel mehr Freiheiten. Erst unter Gorbatschow in den letzten Jahren der Perestroika und dann unter Jelzin. Dem kann man vieles vorwerfen, aber er war viel toleranter gegenüber Kritik. Putin begann TV-Stationen zu zerschlagen. Zeitungen, Zeitschrifte, Verlage – ein Medium nach dem anderen verschwand. Das Regime ist sehr erfinderisch in diesem Zusammenhang. Sie verzichten beispielsweise auf direkte politische Zensur. Sie gehen zu einem Medium oder Kritiker hin und sagen: «Sie zahlen doch eine so niedrige Miete, das ist erstaunlich.» Und dann wird die Miete verdreifacht. Sie sagen dann: «Es hat keine politischen Gründe, sie ziehen aus, weil die Miete für sie leider zu hoch ist.» Sie beobachten sehr genau, was die Oppositionellen machen, und wenn es ihnen nicht passt, machen sie dir entweder den Laden zu oder sagen, dass du gegen ein Gesetz verstossen hast.

Aber alles anscheinend in den Grenzen des Rechts.

Die russischen Gesetze sind kein Schutz. Sie sind so kompliziert, dass man ihnen beim besten Willen nicht folgen kann. Wenn das Regime die Oppositionellen erst so weit hat, dann kommen sie zu dir und sagen: «Wir wissen, dass es eine Kleinigkeit ist, wir sind keine Raubtiere – wir kommen dir entgegen. Aber, wir erwarten auch von dir ein Stück Verständnis. Wir wollen dir überhaupt nicht diktieren, was du sagen sollst. Aber du solltest die Linie zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen selbst ziehen.» Sie zwingen dich zur inneren Zensur. Das ist es, was ich die «operative Macht» des Systems nenne.

Sind Sie enttäuscht, dass der Westen Russland nicht schärfer kritisiert?

Nein, das wundert mich auch überhaupt nicht. Stalin hat dem Westen diese grossen Schauprozesse serviert, und die wurden verschlungen. Im Westen sagte man, so sieht doch eine gute Gerechtigkeit aus. Man versteht bis heute mehr vom Nazi-Terror als vom Stalin-Terror. Dieser Terror bleibt bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. Es ist immer noch unklar, wie es funktionierte – und es ist 70 Jahre her! Im Westen versteht man deswegen nicht alles, was in Russland passiert. Man muss dahinter nicht immer einen bösen Willen vermuten. Denn grundsätzlich ist Putin verhasst im Westen!

Interessiert das Putin überhaupt?

Natürlich! Auch Stalin wollte genau wissen, was ein Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger über seine Schauprozesse schrieb. Ihn interessierte auch, was der Westen vom Sowjetsystem seiner Prägung hielt. Bei Putin ist das noch viel deutlicher, weil Putin viel abhängiger ist von der Welt als damals die beinahe autarke Sowjetunion von Stalin.

Auf der einen Seite hasst das westliche Establishment Putin, auf der anderen Seite interessiert es sich kaum für Russland. Das lässt sich auch in der Rezeption der Vergangenheit beobachten: Während die Verbrechen der Nazis heute noch allgegenwärtig sind, wird über die Verbrechen der Sowjetunion kaum mehr gesprochen.

Die Nazi-Verbrechen sind auch viel einfacher zu verstehen! Da steht einer hin und sagt (Ryklin verändert die Stimme): «Ich bin böse, unsere Rasse verdient die Welt zu regieren, wir sind einfach die Allerbesten und werden alle Scheiss-Juden und Russen wie Sklaven behandeln.» Die Nazis haben ihre bösen Absichten nicht verheimlicht. Wie anders klingt es da, wenn ein Sowjetführer wie Stalin sagt, er wolle die Menschheit beglücken und die dargebrachten Opfer dienten einem höheren Zweck: dem Licht der Zukunft! Das ist viel schwieriger zu verstehen und einzuordnen, auch wenn mehr Leute ans Messer geliefert wurden als bei den Nazis.

Was für uns Westler manchmal schwierig zu verstehen ist: Putin wird in Russland gar nicht so schlecht wahrgenommen, oder?

In Russland ist das Leben nicht einfach. Die Leute möchten es einfach ein bisschen besser haben. Putins Trumpf war die Krise von 1998, der Ölpreis lag am Boden, der Rubel wurde massiv entwertet. Und mit seinem Amtsantritt 1999 wächst die Wirtschaft wieder. Das System Putin ist korrupt, sehr korrupt. Aber Putin konnte es sich leisten, denn durch die gestiegenen Rohstoffpreise generierten Reichtum ein bisschen an den Durchschnittsrussen abzugeben. Der Wohlstand der Russen ist unter Putin jedes Jahr um 15 bis 20 Prozent gewachsen, und das ist viel. Die Leute lieben das. Sie sagen, unter Jelzin war es armselig, heute geht es uns besser. Putin wurde als Regenmacher wahrgenommen.

Auch von Ihnen?

Ich war nie von Putin bezaubert. Ich war aus politischen Gründen, aus kulturellen, aus allen möglichen gegen Putin und konnte mir das auch leisten. Ich war schon bei seinem Amtsantritt relativ unabhängig. Putin ist ein Mann, der in vielerlei Hinsicht das System Stalins fortsetzt. Er ist kein buchstäblicher zweiter Stalin, das wäre nicht logisch, aber er ist der Erbe und Verwalter seines Systems. Das sieht man auch in seinem Umgang mit der Demokratie. Er möchte so gerne sein wie seine grossen Vorbilder in Deutschland und Österreich. Aber wenn er von der «gelenkten Demokratie» spricht und sich als Vertreter eines souveränen Staates jede Einmischung in die Gestaltung der Demokratie verbietet, dann argumentiert er nicht anders als Mubarak oder Gaddhafi. Das Regime will ohne Ideologie und ohne Politik alle Probleme lösen. Das ist möglich in einem Land, in dem die politische Polizei seit Stalin so unglaublich mächtig ist. Sie ist in alle Poren der Gesellschaft eingedrungen und hat eine ungeheuer grosse Armee von Denunzianten angeheuert. Das Regime weiss sehr viel mehr über die sowjetische und postsowjetische Gesellschaft als wir, die öffentlichen Intellektuellen. Wir haben Derrida gelesen oder Foucault, Lévi-Strauss und eine Menge andere Denker. Unsere Gegner wissen aber über die russische Gesellschaft viel mehr, weil sie die Organisation sind, die diese Gesellschaft seit den 30er-Jahren gestaltet.

Spüren Sie heute noch den Zugriff des Systems? Auch wenn Sie in Deutschland sind?

Kaum. Das System ist heute auf Selbsterhaltung programmiert, nicht mehr auf Expansion wie zu Stalins Zeiten. Russland ist keine Weltmacht mehr.

Werden Sie umgekehrt in Russland als Systemkritiker und Publizist wahrgenommen?

Ähm, naja. Meine Bücher erscheinen auch in Russland, ja, und ich habe auch einen kleinen Fanclub. Aber so grossen Widerhall, dass sich die Mächtigen dieser Welt dagegen auflehnen würden, den rufen sie nicht hervor.

Nach dem Suizid Ihrer Frau haben Sie angekündigt, ein Buch über die Umstände ihres Todes zu veröffentlichen. Sind Sie fertig damit?

Ja, das Buch ist geschrieben und wird im nächsten Jahr erscheinen. Hoffentlich auch in Russland. Es wurde viel spekuliert über den Tod meiner Frau. Nach all meinen Recherchen und der Auswertung der Tagebücher kann ich sagen, dass es zwar ein Suizid war. Aber ein erzwungener Suizid. Sie war durch die Verfolgung in Russland nach der Zerstörung ihrer Kunstausstellung durch die orthodoxe Kirche und die vielen Monate vor Gericht psychisch so stark belastet, dass sie keinen anderen Ausweg mehr sah (er hält kurz inne und schnauft laut aus). Ja, ja. Das Buch kommt. Es war ein schwieriges Unterfangen, es hat lange gedauert. Jetzt fühle ich mich ein bisschen so … besser. Jetzt konzentriere ich mich auf andere Projekte.

Der Philosoph und Literat Michail Ryklin (64) ist ein Handlungsreisender in Sachen Russland. Er ist in ganz Europa unterwegs und war kürzlich in Basel, wo er auf Einladung der Menschenrechtsorganisation «Nochlezhka», der Galerie «Parzelle 403» und des Basler Osteuropa-Forums im Philosophicum im Ackermannshof über die politische Entwicklung in Russland sprach.

Ryklin studierte Philosophie und Ästhetik an der Staatlichen Universität Moskau und promovierte 1978 in Philosophiegeschichte. 1995 wurde Ryklin Korrespondent der europäischen Kulturzeitschrift «Lettre International». Er war seit 1975 mit der Künstlerin Anna Altschuk verheiratet und lebte mit ihr in Berlin. 2008 wurde seine Frau tot aufgefunden. Ryklin geht von einem Suizid aus und wird in Kürze ein Buch über das tragische Ende seiner Frau veröffentlichen.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 25.05.12

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