Warum schicken Sie Ihre Kinder nicht in die Schule, Herr Stern?

Der Musiker und Autor André Stern erklärt, warum der Mensch nur spielerisch lernt und warum er seine Kinder nicht zur Schule schickt.

André Stern formuliert radikale Ansichten zum Thema Lernen. Am 10. November trat er im Ackermannshof auf. (Bild: Eleni Kougionis)

André Stern ging nie in eine Schule und spricht fünf Sprachen fliessend. Wie geht das? Ganz einfach, sagt der Sohn des Malort-Gründers Arno Stern: mit Spielen.
Im Spiel lerne der Mensch alles, was er fürs Leben braucht, und erst noch ohne Anstrengung, so das Credo des Bestseller-Autors. Ein Kind kenne den Unterschied nicht zwischen Lernen und Spielen, schreibt Stern in seinem neuesten Buch. Deshalb mache es auch keinen Sinn, wenn man dem Kind sage: «Nach dem Spielen machst du dich aber ans Lernen, ja?»

Was der 46-Jährige sagt, klingt eigentlich banal, er sagt es aber mit einer Konsequenz, die aufhorchen lässt. Zum Beispiel sagt Stern, ein Kind vom Spielen zu unterbrechen sei «Gewalt». Und wer das Spiel des Kindes nicht ernst nehme, nehme das Kind nicht ernst.

Mit solch zugespitzten Thesen verkauft Stern seine Bücher und füllt Vortragssäle – kürzlich den Ackermannshof in Basel. In Zeiten, in denen der Leistungsdruck an Primarschulen für Diskussionen sorgt, schien die Erwartung der Gäste klar: eine Alternative zur aktuellen Schulpolitik. Stern sprach in seinen 90 Minuten aber nicht darüber, was in der Schule schiefläuft. Er formulierte nur seine sehr persönliche, radikale Einstellung zum Lernen, die keine allgemeingültige Antwort zum Thema Bildung gebe.

Stern sagt, mit seiner Haltung und seinen Ideen wolle er nicht das System kritisieren. Und doch steht seine Haltung diametral dem entgegen, was an Schulen praktiziert wird.

Herr Stern, als ich klein war, musste ich jeden Tag Cello üben. Manchmal stellten meine Eltern einen Küchenwecker auf den Tisch neben mir. Dann musste ich üben, bis der Wecker klingelte.

So stirbt die Musik in einem. So stirbt der Elan zur Musik, den wir eigentlich alle in uns haben …

… Ich habe das Cellospielen später aufgegeben.

Es ist eigenartig, dass Sie mir das erzählen. Ich habe heute im Zug für mein neues Buch darüber geschrieben.

Was denn?

Musik ist ein Impuls von jedem Menschen. Stellen Sie ein kleines Kind vor einen Lautsprecher mit Musik: Das Kind beginnt zu tanzen – mit einem so sicheren Rhythmusgefühl, da muss man gar nichts entwickeln. Musik darf auf keinen Fall zu etwas werden, das wir müssen. Ab dem Moment, ab dem Musizieren zur Arbeit wird, ist die Musik tot. Die Musik stirbt auf diese Weise in so vielen Menschen, in so vielen Kindern. Niemand muss üben! Sobald man übt, heisst das, man geht es nicht mehr spielerisch an. Und sobald man es nicht mehr spielerisch angeht, kann man das Instrument nicht mehr spielen. Es macht mich als Musiker ziemlich rasend, zu sehen, wie die Musik vernichtet wird – eigentlich aus Goodwill. Ihre Eltern wollten Ihnen die Musik nicht für immer verderben.

Sie wollten, dass ich Cellospielen lerne.

Ja, sie wollten, dass Sie Fortschritte machen. Das Problem ist, dass man so keine Fortschritte machen kann. Denn Musik passiert jetzt und nicht weiter fort!

«Das Kind hat noch keine schlechten Erfahrungen mit Neuem gemacht.»

In Ihrem Buch nennen Sie einige Beispiele, die zeigen, wie Kinder im Spiel lernen. Gibt es auch Dinge, die Kinder nicht mit Spielen lernen können?

Nein. Es geht nur mit Spielen. Wir als Gesellschaft vermischen alles. Zum Beispiel vermischen wir «spielen» mit «sich amüsieren» und «lernen» mit «auswendiglernen» – das ist aber nicht dasselbe. Auswendiglernen, das ist ein Akt, den man durch Willen tun kann. Lernen nicht. Wirkliches Lernen ist, was übrig bleibt, wenn Sie fertig gespielt haben. Neurobiologen wie Gerald Hüther sagen: Eine Information, die uns nicht berührt, geht hier rein und da wieder raus (zeigt auf sein linkes und rechtes Ohr). Darum vergessen wir 80 Prozent von dem, was wir haben lernen müssen – und finden das normal. Du kannst in einer Runde gerne sagen: Oh ja, das habe ich gewusst, aber inzwischen habe ich es vergessen. Niemand nimmt dir das übel. Sagst du: Ich habe das nie gelernt – was eigentlich das Gleiche ist –, dann heisst es: Das ist aber eine Lücke. Es gibt nichts, woran man sich erinnern wird, das nicht mit einer Emotion oder einer spielerischen Haltung verbunden ist.

Ist es nicht sinnvoll als Erwachsener, das Kind an etwas heranzuführen, damit es damit spielt?

Das Kind hat die Veranlagung, in die weite Welt hinauszugehen, es will neuen Gesichtern, neuen Landschaften entgegentreten. Das Kind hat noch keine schlechten Erfahrungen mit Neuem gemacht. Es geht nicht darum, dass man das Kind an etwas heranzieht. Es geht darum, dem Kind keine Steine in den Weg zu legen.

Nach Ihrer Philosophie sollten sich Eltern und Erwachsene gar nicht einmischen in das, was das Kind tut?

Das bedeutet aber nicht, dass man keinen Einfluss ausübt. Sonst landet man beim Laissez-faire, einer Methode, die insbesondere in den 1970er-Jahren praktiziert wurde als Antwort auf die schwarze Pädagogik. In beiden Fällen haben wir es mit einer Manipulation des Kindes zu tun, die vom Erwachsenen ausgeht. Man beeinflusst sich ja gegenseitig, wenn man zusammenlebt.

«Sie sagen Ihrer Partnerin auch nicht: Iss sauber,
sonst gehst du auf dein Zimmer!»

Wie meinen Sie das?

Genauso, wie wenn Sie in einer Partnerschaft leben. Dann verändert sich Ihre Art und Weise zu leben. Dasselbe passiert, wenn Sie ein Kind kriegen. Es geht darum, dass man auf einer Augenhöhe zusammenlebt. Ich begegne dir nicht mit der Idee, dass ich weiss, was für dich gut ist (steht auf, stellt sich neben mich und blickt auf mich hinab). Es geht beim Kind oft von oben herab. Ist das angenehm so (lacht und setzt sich wieder hin)? Auf Augenhöhe sind wir Partner, dann ist es nicht so, dass du mich in Ruhe lässt. Nein, du nimmst mich ernst. Und du denkst, dass das, was ich tue und wie ich bin, relevant ist. Das Kind leidet darunter, dass es sehr schnell die Erfahrung macht: Man liebt mich mehr, wenn ich mehr dem entspreche, was man von mir erwartet. Anders gesagt: Ich gebe meine Kindheit auf, zugunsten von dem, was der Erwachsene unter Kindheit versteht. So hat man keine Kindheit mehr.

Was machen Sie, wenn das Kind beim Esstisch mit dem Wasser spielt und vielleicht das Glas auskippt? Aus eigener Erfahrung weiss ich: Das tun Kinder sehr gerne. Unterbrechen Sie das Kind dann im Spiel?

Kinder sind kleine Forscher, Entdecker und Gestalter. Das Kind hat kein Problem damit, sich an Regeln zu halten, solange die Neins nicht überwiegen – und das tun sie in unserer Gesellschaft leider sehr oft. Wenn es nur noch Neins gibt, ertrinkt das Kind im Nein. Mein jüngster Sohn ist anderthalb Jahre alt und er kippt auch gerne das Wasserglas aus. Er sieht, wie wir am Tisch essen, aber natürlich hat er seine eigene Interpretation davon. Wenn er gerne mit Wasser spielt, kann man das auch sehr gut in der Badewanne organisieren. Am Tisch vielleicht nicht, hier isst man.

Es gibt also Grenzen des Spielens?

Ich würde nicht sagen Grenzen, aber Orientierungen. Eine Grenze ist Machtausübung, eine Orientierung kann ein Anhaltspunkt fürs Zusammenleben sein. Das ist eine andere Haltung. Es gibt keine Rechtfertigung dafür, wenn man mit einem Kind anders umgeht und kommuniziert, als mit dem eigenen Partner – zum Beispiel, wenn es nicht sauber isst. Sie sagen Ihrer Partnerin auch nicht: Iss sauber, sonst gehst du auf dein Zimmer! Wenn Sie es Ihrer Partnerin nicht sagen, gibt es keinen Grund, dass Sie es Ihrem Kind sagen sollten.

«Sie können Ihre Muttersprache nicht nicht lernen.»

Sie sind nie zur Schule gegangen. Ihre Kinder gehen ebenfalls nicht zur Schule. Wie unterstützen Sie Ihre Kinder dabei, dass Sie lesen, schreiben und rechnen lernen?

Die grossen drei Klassiker… Niemand hat mich je gefragt, wie meine Kinder kochen, tanzen und singen lernen.

Lesen, schreiben und rechnen lernt man normalerweise in der Schule und Ihre Kinder gehen nicht zur Schule – deshalb frage ich.

Diese drei Dinge hat man auf einen Altar gesetzt. Es sind die Könige der Fächer. Aber das ist völlig willkürlich und entspricht niemandem.

Sie sind nicht der Meinung, dass jeder Mensch lesen und schreiben lernen sollte?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Mensch lesen und schreiben nicht nicht lernen kann. So wie man die Muttersprache nicht nicht lernen kann.

Man lernt es automatisch?

Ihre Muttersprache wurde Ihnen nicht unterrichtet. Sie durften Ihre Muttersprache in einem eigenen Rhythmus, zum eigenen Zeitpunkt und mit Ihrer eigenen Methodik lernen. Alleine hätten Sie Ihre Muttersprache aber nicht gelernt. Sie haben Sie nur gelernt, weil die ganzen Menschen um Sie herum so gesprochen haben. Sehen Sie sich unsere Welt an: Ist es nicht auffällig, dass die Buchstaben überall da sind? Ist es nicht auffällig, dass wir die ganze Zeit Zahlen nennen und Kalkulationen machen? Es gibt unzählige Kinder, die lesen und schreiben lernen, bevor sie zur Schule gehen. Ich konnte es mit acht Jahren – spät würde man vielleicht sagen. Mein Sohn konnte es schon mit zweieinhalb Jahren – und zwar ganz gut.

Noch ein persönliches Beispiel: Ich hatte in der Schule schlechte Noten in Chemie. Also musste ich Formeln und chemische Zusammenhänge lernen, um nicht vom Gymnasium zu fliegen. So lernte ich die Chemie erst richtig kennen, was doch ein positiver Effekt ist, oder nicht?

Und jetzt: Welche Relevanz hat Chemie in Ihrem Alltag?

Keine.

Wozu dann das Ganze? Wir hinterfragen das nicht. Wenn es morgen für Sie eine Relevanz hätte und Sie hätten es in der Schule nicht gelernt, was meinen Sie, wie lange bräuchten Sie, um das zu lernen, was Sie im Chemieunterricht lernen mussten?

Ein, zwei Tage vielleicht.

Oder vielleicht paar Stunden! Ich bin nicht da, um ein System zu kritisieren, oder eine Methode anzupreisen. Aber es muss mir jemand erklären, was der Sinn der Sache ist, dass man sich zwingt, das und das zu lernen und damit die Erfahrung macht, dass Lernen eigentlich scheisse ist. Das ist eine schmerzhafte Erfahrung. Es ist schade und eigentlich eine Schande, dass man der Chemie das antut. Die Chemie verdient, umarmt zu werden von Menschen, die sie wollen und die nicht genug davon bekommen! Solche, die zu viel davon bekommen – wie Sie in diesem Fall – und sich einige Jahre später nicht mehr daran erinnern und überhaupt nichts damit anzufangen wissen, die hätte man damit eigentlich in Ruhe lassen können. Denn die Chemie braucht Sie nicht – bis zum Tag, an dem Sie sie brauchen. Und dann braucht sie Sie wieder. So ist es bei ganz vielem.

«Kreativität ist eine angeborene Eigenschaft des Menschen, die verschwindet, wenn man nur noch organisiert funktioniert.»

Sie haben ein sehr starkes Vertrauen in den Menschen, dass er das lernt, was er fürs Leben braucht.

Ja. Der Mensch merkt nicht einmal, dass er gerade damit beschäftigt ist, etwas zu lernen. Eines Morgens wacht er auf und merkt: Eigentlich weiss ich so viel über ein bestimmtes Thema, das mir unter die Haut ging. Alles, was wir einmal lernen mussten und wieder vergessen haben, ist verlorene Zeit und verlorene Energie. Meistens geht das nach dem Prinzip: Wo ist eine Wissenslücke, ein Loch? Das müssen wir stopfen. Wo bist du schwach? Da musst du üben. Es sollte vielmehr darum gehen: Wo bist du gut? Das ist dein Element.

In unsere Gesellschaft hört man häufig den Ruf nach mehr naturwissenschaftlichen Fächern und Informatik, genannt MINT, weil das sind die Fächer, die die Jobs von morgen erfordern.

In 30 Jahren braucht man keine Qualifikationen. Die Menschen wollen nur noch Kompetenzen und zwar solche, für die es keine Fächer oder Diplome gibt.

Für Kreativberufe meinen Sie?

Kreativität ist zum Beispiel eine angeborene Eigenschaft des Menschen, die verschwindet, wenn man nur noch organisiert funktioniert.

«Das Kind kommt auf die Welt, öffnet die Augen und merkt, es gibt einen Ozean an Unterschieden.»

Schule ist auch ein sozialer Ort, an dem Menschen aus unterschiedlichen Schichten mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinandertreffen. Ist das etwas, das Ihren Kindern fehlt?

Es ist immer lustig, dass man sich wegen meinen Kindern Sorgen macht, in der Zeit, in der ich mir um andere Kinder Sorgen mache.

Ich mache mir keine Sorgen um Ihre Kinder.

Das Kind kommt auf die Welt, öffnet die Augen und merkt, es gibt einen Ozean an Unterschieden. Da gibt es alle Hautfarben, alle Religionen, alle Berufe, alle Geschlechter. Das Kind hat keinen Grund zu denken, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Es könnte meinen, es gibt genauso viele Geschlechter, wie es Menschen gibt. Das Kind hat überhaupt keinen Grund dafür, sich mit einer Gruppe zu identifizieren, weil es die Gruppen gar nicht sieht. Dem Kind sind auch Rassismus und Sexismus fremd. Toleranz brauchen Kinder nicht zu lernen, denn sie kennen ja gar keine Intoleranz. Sie kennen auch keine Hierarchien zwischen Fächern und Berufen. Für ein Kind ist Stricken und Mathematik gleich. Das Kind begeistert sich genauso sehr für den Fensterputzer wie für den Astronauten. Lebewesen sind soziale Maschinen per se. Sie gehen auf andere Kinder zu, verbinden sich wahrhaftig, weil sie nicht denken, du bist gross, stark und ich bin klein, schwach. Verschiedenartige Kinder, meinten Sie? Die sind in der gleichen Klasse immer gleich alt. Verschiedenartige Menschen jeden Alters – das ist die Realität. Später sind sie auch nicht ausschliesslich unter Gleichaltrigen.

In Basel erhalten Kinder bereits im Kindergarten Lernberichte und füllen mit den Lehrpersonen Selbsteinschätzungen aus. Das ist genau das Gegenteil von der Haltung, die Sie preisen.

Wenn wir nicht von uns und unseren Erfahrungen, Konzepten, Methoden ausgehen, sondern vom Kind, dann würden wir sehen, dass das Kind nicht so funktioniert. Das Kind möchte keine Bewertungen.

Wie erklären Sie sich, dass Schulen zunehmend auf Leistung setzen?

Ich habe keine Antwort darauf, weil ich nicht darüber nachdenke. Das Kritisieren des Alten bringt uns nicht weiter. Die Menschen sind nicht mehr gegen etwas, sie sind mehr und mehr für etwas. Diese Ökologie der Kindheit, von der ich berichte, ist eine neue Haltung des Vertrauens. Eine Haltung, die dem Kind sagt: Ich hab dich lieb, weil du so bist, wie du bist. Das tut jedem gut.

Sie haben viele Berufe. Sie sind Autor, Musiker, Vortragsredner. Wenn alle so leben würden, wie Sie, wer würde den Müll wegbringen, wer würde Bäcker oder Beamter werden?

Ganz einfach: Mein Sohn oder Ihre Tochter. Sie würden das tun, solange sie keine Hierarchien zwischen den Berufen kennen. Das Tolle ist, wenn sich das Kind mit dem Müllmann oder dem Bäcker verbindet, merkt dieser plötzlich: Ich jobbe nicht, ich mache etwas Wunderbares, das dieses Kind bewundert. Wenn man etwas tut, das man wirklich, wirklich will, gibt es keine Grenzen, das man das nicht erreichen kann. Ich glaube, das würde gehen. Dann hätten wir begeisterte Beamte, begeisterte Bäcker. Und alle hätten das Gefühl, dass sie die richtige Person am richtigen Ort sind und dass das, was sie tun, wichtig ist für die anderen und für die Welt.

Der 46-jährige André Stern ist in Paris aufgewachsen und lebt auch heute mit seiner Familie dort.

Konversation

  1. Meine Werte, basierend auf meinen Erfahrungen als Sohn und Vater decken sich größtenteils mit jenen von André. Für mich der ich in einem „normalen“ deutschen Haushalt aufgewachsen und in die „normale“ Staatsschule (Gymnasium) gegangen bin ist es aber schwer die vorgelebten Erziehungsmethoden und das dahinter liegende Menschenbild loszulassen. Ich arbeite daran.
    André durfte sehr frei aufwachsen. Von ihm kann man daher sicher viel lernen.

    Was ich definitiv anders sehe ist das Thema der „Augenhöhe“. Ich begegne meinem Kind nicht auf Augenhöhe weil wir es nicht sind. Es ist ein Knirps und abhängig von mir und seiner Mutter. Damit authentisch umzugehen finde ich ebenso wichtig wie meinem Kind die Freiheit zu geben sich und seine Umgebung zu erkunden ohne dabei ein verrücktes Leistungsprinzip in den Vordergrund zu stellen.

    Beispiele aus anderen Kulturkreisen, speziell aus ausgebeuteten Ex-Kolonien hinken gewaltig. Es ist schon fast widerwärtig die Bedürftigkeit der Menschen die durch unser System in die Misere kamen anzuführen als Argument dafür wie gerne sie doch in unserem System „funktionieren “ würden. Ein bisschen mehr Reflektion bitte…

    Das Gefühl der Überlegenheit entspringt dem Konkurrenzgedanken. Schaffen wir es diesen abzuschütteln, so bleibt was sie angesprochen haben, die Suche nach einer Zukunftsvision in einer Gesellschaft die keine hat. Schön dass Menschen wie Daniele Ganser oder André Stern versuchen eine positive Vision zu zeichnen.

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  2. Bei ersten Lesen des Artikels kam mir spontan der Verschwörungstheoretiker Daniel Ganser in den Sinn. Ich verwarf den Gedanken, fand ihn zuerst absurd. Eine Gemeinsamkeit fand ich doch noch: die stimulierende Droge, die in anderen Gruppierungen und Religionen ebenfalls wirkt: Jene der Überlegenheit. So funktionieren wir Menschen. Wir brauchen Dinge, die uns über das Mittelmass hinausheben. Und die uns die Gewissheit geben, dass es uns braucht in dieser Gesellschaft ohne Zukunftsvision. Meistens sind diese Verschwörungstheoretiker charismatische Persönlichkeiten. Nicht ohne Wirkung wie man sieht, schaffen es doch beide, ganze Säle zu füllen.

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  3. Warum nicht sowohl als auch!?
    Ich meine damit, dass ich meine Kinder in den Kindergarten und Schule schicke. Zuhause kann ich es so machen wie Herr Stern.
    Als meine Kinder klein waren (sie sind inzwischen schon lange erwachsen) kamen sie mir grösstenteils hinterher und schauten mir zu und wollten selber ausprobieren. Und es ist wahr. Sie haben nie so viel mit so viel Begeisterung gelernt, wie in der ersten Zeit. Ich liess sie fast alles machen. Wenn eine Tätigkeit ein wenig gefährlich war, zeigte ich ihnen wo sie sich weh machen können und zeigte ihnen, wie sie es vermeiden können. Eigentlich ist nie was Schlimmes passiert, obwohl ich meine Kinder sehr viel mehr machen liess als andere Eltern.
    Schon bald hatte ich immer mehr Kinder aus der Nachbarschaft bei mir. Sie bastelten sehr viel, machten sich aus Abfall ihre Spielzeuge selber.

    So ab 9 oder 10 Jahren und je älter sie wurden immer mehr, emanzipierten sie sich von mir. Gegen die Pubertät hin gingen sie immer mehr ihre eigenen Wege.
    Da möchte ich Herrn Stern gerne fragen, wie bei dieser Methode, beim spielerischen lernen, die Ablösung von statten geht.

    Nun noch etwas was das lesen lernen betrifft:
    Meine ältere Tochter hatte keine Probleme mit lesen und schreiben lernen. Z.T. malte sie schon Buchstaben vor dem Schuleintritt. Sie fragte mich danach. Vor den Herbstferien (damals war noch Frühlingsschulbeginn) las sie schon ihr erstes Buch.
    Meine zweite Tochter hatte kein Interesse daran. Sie schlängelte sich mehr schlecht als recht durch die ersten Schuljahre. Plötzlich ende des 3. oder zu beginn des 4. Schuljahres entdeckte ich sie beim lesen. Von da an las sie ein paar Jahre sehr viel, bis mehrere Bücher pro Woche. Zum Glück gabs eine Bibliothek für Kinder.
    Das zeigte mir ganz deutlich, dass Kinder sehr unterschiedlich sein können und zur gegebenen Zeit schon nachhaken und es zu ihrer Zeit lernen.

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  4. Ein Freund von mir, der in Ecuador lebt hat mir erzählt, dass er so um die 30 indigene Kinder unterstützt, in dem er ihnen die Schuluniform bezahlt, damit sie überhaupt zur Schule gehen können. Für die Eltern dieser Kinder ist dies ein Segen. Die meisten Eltern dieser Kinder sind noch Analphabeten, hatte nie die Chance, in die Schule zu gehen. Sie hoffen, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden als sie selbst. Millionen andere Kinder auf dieser Welt sind von diesem Umstand genauso betroffen. Die Ideen von Vortragsredner Stern in Ehren, aber es ist wieder einmal eine abgehobene, egoistische Diskussion auf höchstem Niveau eines Intellektuellen in einem reichen Land, der meint, er müsse die ganze Welt bekehren.

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    1. Was Sie sagen, ging mir auch durch den Kopf. Sie haben völlig recht damit, dass es in solchen Ländern eine ganz andere Wahrnehmung von Schule gibt. Das habe ich übrigens auch persönlich erlebt, als ich in Mittelamerika in einem Schulprojekt gearbeitet habe. Die Schule hatte dort einen ganz anderen Stellenwert. Viele Schülerinnen und Schüler gingen gerne zur Schule.

      In europäischen Ländern gibt es eine ganz andere Situation. Sterns Aussagen sehe ich in diesem Kontext. Bei uns gibt es eine andere Schul- und Leistungskultur. Diese zu kritisieren finde ich legitim. Zumal Stern auch nur sagt, wie er das Thema Schule mit seinen Kindern handhabt und wie der Mensch am besten lernt.

      Stern erhebt dabei keinen Allgemeinheitsanspruch. Seine Aussagen können ganz einfach als Inputs verstanden werden, wie man mit Kindern auch umgehen kann. Deshalb ist es in meinen Augen auch keine „abgehobene, egoistische Diskussion“.

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    2. Ich war selbst in Lateinamerika in der Schule und die Leistungskultur ist dort an sich diesselbe wie hier. Was sich unterscheidet: Bei uns müssen die meisten nicht mehr gross eine Leistung zeigen um über die Runden zu kommen. Sozialstaat sei dank. Dementsprechend wird Leistungsfähigkeit und Leistungsdruck negativ konotiert. Das ist in diesen Ländern anders.

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    3. Schoen fuer die Kinder von Herrn Stern, dass sie den Luxus haben so zu leben und spielend durchs Leben zu gehen. Leider ist das fuer die allermeisten Kinder und Erwachsenen auf dieser heutigen Welt nicht moeglich, denn sie muessen um ueberleben zu koennen Faehigkeiten haben, welche sie zum grossen Teil in der Schule erwerben und mit welchen sie dann der Allgmeinheit, den anderen Menschen also, nuetzlich sein koennen und so dafuer sich ueberhaupt Mittel zum Leben beschaffen koennen.
      Wenn Schulen in Lateinamerika als besseres Beispiel erwaehnt werden, dann moechte ich doch gleichzeitig auf die tiefe Bildung und entsprechend tiefe Produktivitaet und Effizienz in diesen Laendern ganz allgemein hinweisen, welche dann wiederum die Hauptursache fuer grosse Armut und Ungleichheit sind. Alles ein bisschen sehr weltfremd, also.

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    4. @Jeremias Schulthess: ich muss mich korrigieren. Das Egoistische bezieht sich nicht auf die Diskussion, sondern auf das Verhalten von Herr Stern. Ich finde, man sollte Kindern nicht im Wege stehen. Als Atheist habe ich meine Kinder trotzdem in den Religionsunterricht „geschickt“. Damit sie später selbst entscheiden können, was sie wollen. Dasselbe gilt auch für die Schule: diese vermittelt wohl mehr Aspekte, als ihnen ihr Vater jemals beibringen kann. Zudem zeigt das Video Herr Stern mit seiner ca. 3-jährigen Tochter. In diesem Alter lernen alle Kinder spielend. Aber auch in dem Video liest der Papa seiner Tochter die Buchstaben vor.

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    5. @AR
      Ich verstehe gut was Sie meinen, jedoch müssen diese indigenen Kinder in die Schule gehen, weil man ihnen ihren ursprünglichen Lebensraum und ihre Lebensart geraubt hat, bzw. ihnen unsere Lebensart aufgezwungen hat. Ansonsten müssten sie nicht zur Schule gehen sondern würden von den Eltern und Stammesgenossen genau das lernen, was wichtig für ihr Überleben ist. Mit Lesen, Schreiben und Rechnen kann man im Urwald (oder sonstwo in der Natur) nicht überleben.
      Hingegen können sie Feuer machen, Hütten bauen und wissen was man essen kann und wie man jagt…
      Ich weiss nicht welche Lebensart im Endeffekt die bessere ist…

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  5. André Sterns Ansichten haben vieles gemeinsam mit der Philosophie der Rudolf-Steiner-Schule. Da werden Kinder ganz nach ihren Neigungen gefördert. Stern ist ein Künstler und möchte sicher auch, dass seine Kinder eher einen künstlerischen Weg beschreiten. Das mag gut gehen, sofern sie Gene haben.
    Nur weil ein Kind vor einem Lautsprecher tanzt, wird es noch lange nicht die Fähigkeiten besitzen, ein Instrument zu lernen und zu spielen. Wer mit zwei linken Beinen tanzt oder kein Musikgehör hat, wird sicher nie ein Nuredin oder Mozart, sowie nicht jeder Flachmaler das Zeugs zum Kunstmaler hat.
    Gerade Rudolf-Steiner-Abgänger bekunden oft Mühe, wenn der Ernst des Lebens auf sie zukommt. Heute wird, anders als früher, den Kindern schon im Kindergarten, auf spielerische Art und Weise, das «Malen» des Alphabets mittels Wasserfarben oder farbigen Malstiften beigebracht. Man muss den Kindern auch nicht immer sagen, dass sie nach dem Spielen lernen sollen. Oft tun sie dies von selbst, wenn sie Spass haben – zB mit Buchstaben malen und dabei lernen, ihren eigenen Namen schreiben. Spielerisch.
    Und ich möchte mal den Müllmann sehen, der abends seinen Kindern mit glücklichen, glänzenden Augen erzählt, wie toll seine Tour heute war. «1500 stinkende Abfallsäcke habe ich heute in den Müllwagen geschmissen. Aber ich liebe meinen Job. Ich bin immer an der frischen Luft».

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  6. Ich wüsste zu gerne, wie er das mit seinem Kind und dem Wasserglas am Esstisch gelöst hat. Rein praktisch. Ganz ohne Theorie.

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  7. An einer verflixten Stelle hat er Recht: Die zunehmende Kapitalisierung der Schweiz bewirkt, dass hier viele Arbeitsplätze verschwinden werden, weil sie gegenüber der Finanzwirtschaft nicht genügendrentabel sind. Da kann man die Kinder noch so drillen und ausbilden: Es hat nicht genügend Arbeitsplätze. Nun kann man ob der verringerten Arbeitsplätze einen darwinistischen Kampf führen, – oder einsehen, dass „Arbeit“, so wie wir sie kennen, eigentlich ein Produkt der Industrialisierung ist. Im Mittelalter bauten sie Jahrhunderte am Kölner Dom, der sich von einem modernen Bauwerk immer noch massiv in Sachen Stil und Kunst unterscheidet.

    Zwei Dinge könnten relevant werden:
    1. Es wird einen guten Teil der Bevölkerung geben, für die keine Arbeit übrig bleibt, weil Maschinen sie alle abgenommen haben.
    2. Wenn man mehr Menschen etwas Arbeit geben will, wird dies nur gehen, wenn wir langsamer arbeiten, dann hat es für andere auch noch.

    Macht es wirklich Sinn, Kinder für den darwinistischen Arbeitsmarkt zu drillen, nur damit sie am Ende wegen Burnout ausscheiden werden?
    Da könnte etwas gewaltig schief laufen!

    Langsamkeit?
    – Da gibt es die Weitwanderwege quer durch Europa, da kann man nicht einfach mal hinjetten.
    – Auf einem kleinen Bötchen kann man sich im Flachland viele Flüsse geruhsam ansehen, das geht aber nur langsam.
    – Früher war „Rossgeschwindigkeit“ Standart. Analog wäre es wohl heute Velogeschwindigkeit.
    – Schon der Sicherheit zuliebe reiste man früher eher in Grupen. Soloreisen sind heute dagegen in.
    – Erst eine eigene längere Krankheit erzeugt meist erst die Einsicht, dass man selber nicht unersetzbar ist. Gut, nach so einer krankheitsbedingten Kündigung darf man sich dann neu orientieren und gilt in der „Rush-Work-Welt“ als Wahl zweiter Klasse (=Versicherungsrisiko).

    Brotloses?
    – Musik soll man „spielen“, nicht drillen! Wer auf dem Klavier die übernächste, statt die nächste weisse Taste drückt, erlebt etwas sehr Überraschendes. Wenn der dritte Finger dann danach noch zwei Tasten frei lässt und so die 1., 3. & 6. Taste gedrückt wird, … na, das muss man selber mal gehört haben!
    – Schauspielerei? Wir hängen stundenlang vor der Glotze, um uns „moderne Märchen“ anzugucken. Der Hang danach scheint also zu bestehen. Warum nicht selber spielen?
    – Musikbands verkaufen uns dutzendweise Musik-CDs zu jeder Zeit, …. weil wir Musik und Gesang offenbar brauchen. ..– aber selber singen?

    Man mache sich selber Gedanken darüber, was auf dem Weg zur vermehrter Effektivität uns langsam schleichend alles verloren gegangen ist.
    Die Angst, dass die vermehrte Freizeit zum Saufen und Kiffen nur verwendet würde, wurde uns aus irgendwelchen Gründen mal erzählt.

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  8. Eine Vision, nicht nur für die Kindererziehung, sondern viel weiter reichend für unser gesamtes zusammen leben und zusammen wirtschaften.
    Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an!

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  9. Danke für Ihr eindringliches Interviewthema. Der Zufall (‚es fiel mir zu‘!) wollte, dass ich gestern das Portrait/Interview mit der Bäuerin Ramona Zimmermann im TV-SRF1 sah. Ihre Familie praktiziert das Lernen mit ihren Kindern genau gleich – Freilernen genannt:
    https://www.srf.ch/programm/tv/sendung/3bc40bae-4e1e-4f5d-b309-b0422661d68a
    In dieser Sendung prallen vier völlig unterschiedliche Auffassungen von Müttern über Bildungsformen und Erziehung ihrer Kinder aufeinander.
    Im heutigen Kriegsschauplatz Bildung/Schule stehen mir Schulformen wie die SOL (Schule für Offenes Lernen, Liestal) oder die Rudolf Steiner-Schulen am nächsten. Leider ist die gängige Politik mit Brachialgewalt daran, all diese hoffnungsvollen Pflänzchen zu zerstören.
    In meiner eigenen, schon recht langen Biografie, habe ich immer am besten und nachhaltigsten gelernt, wenn ich mich dem zuwenden konnte, was mich brennend interessierte. Und meine Neugier ist glücklicherweise bis heute geblieben!

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  10. Ich freue mich über das Interview und darüber, dass sich nebst den vielen fragwürdigen Entwicklungen auch so positive Horizonte ankünden. Mehr und mehr hinterfragen wir unser Tun und Lassen. Ich bin nicht so aufgewachsen. Meine Kinder leider auch nicht. Vieles von Stern ist für mich neu. Ich spüre aber in meinem Herz, dass das was er sagt richtig ist. Und ich freue mich über das neu erlernte und versuche, als vierfacher Grossvater daraus noch viel umzusetzen.
    Danke für den tollen Beitrag Jeremias Schulthess!

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  11. Dieses Gespräch macht mich gleichzeitig glücklich und traurig.
    Glücklich, weil Herrn Sterns Ideen so sehr vom Menschen, vom Kind her gedacht sind und diese Gedanken sehr schön, radikal frei und überzeugend sind. Wer möchte nicht so aufwachsen oder seine Kinder so aufwachsen sehen?
    Traurig werde ich, wenn ich dieses Bild mit den realen Verhältnissen der meisten Menschen in meiner Umgebung vergleiche und erkenne, wie jenseits der tatsächlichen Möglichkeiten unser kleinfamiliär geprägten Strukturen es liegt.
    Den meisten Eltern fehlt schlicht die Zeit, ihre Kinder so zu begleiten, weil sie arbeiten müssen/wollen und sie sind zu isoliert, als dass eine grössere soziale Umgebung ausserhalb der Institutionalisierten wie Tagi, Kindergarten und Schule dies abdecken würde.
    Eigentlich fehlt es uns schlicht an Freiheit, unsere Kinder frei aufwachsen zu lassen – kein schöner Gedanke.
    Vielen Dank für das anregende Interview.

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