Zeit statt Geld – der Tauschhandel kehrt zurück

Heute in einer Woche startet die Zeittauschbörse Region Basel. Nach St. Galler Vorbild wird die Zeit damit auch in der Region Basel zur Tauschware. Ursula ­Lafos und Timo Bindler, Hauptinitianten des Vereins Zeittauschbörse Region Basel, sprachen mit der TagesWoche über die Vorteile des Zeittausches und den Wert eines selbst gebackenen Kuchens.

Timo Bindler und Ursula Lafos bauen in der Region eine Zeittauschbörse auf. (Bild: Alexander Preobrajenski, Artwork: Nils Fisch)

Heute in einer Woche startet die Zeittauschbörse Region Basel. Nach St. Galler Vorbild wird die Zeit damit auch in der Region Basel zur Tauschware. Ursula ­Lafos und Timo Bindler, Hauptinitianten des Vereins Zeittauschbörse Region Basel, sprachen mit der TagesWoche über die Vorteile des Zeittausches und den Wert eines selbst gebackenen Kuchens.

Zeit lässt sich schlecht in eine Schachtel verpacken und weitergeben. Wie muss man sich das Tauschen von Zeit vorstellen?

Timo Bindler: Die Idee ist, dass man einen Teil seiner Zeit im Netz tauschen kann. Seine eigene Zeit also jemand anderem zur Verfügung stellt und dafür ein Zeitguthaben erhält. Mit dem Zeitguthaben kann man sich dann eine Stunde einer weiteren Person ertauschen. So können Sie beispielsweise für einen Nachbarn die Steuererklärung erledigen und jemand mäht für Sie Ihren Rasen. Damit wird die Zeit zu einer Abrechnungseinheit, einer Art alternativer Währung.

Und für die geleistete Arbeit werden dem Nachbarn die entsprechenden Stunden vergütet?

Bindler: Genau. Die Zeit verwalten wir auf einer Onlineplattform, dort hat jeder sein eigenes Konto. Bei einem Tausch wird die Zeit dann auf diesem Konto gutgeschrieben. Wer für jemand anderen etwas anbietet, bekommt die Zeit überwiesen, die er dafür gebraucht hat. Beispielsweise eine Stunde Haare schneiden. Und wenn ich mir von jemandem Musikunterricht geben lasse, wird mir dann der entsprechende Zeitaufwand wieder abgezogen.

Einige Beispiele haben sie bereits erwähnt. Was für Leistungen werden in diesem Zeittauschnetzwerk sonst noch angeboten?

Ursula Lafos: Fähigkeiten und Talente können angeboten werden. Oder auch Dienstleistungen.
Bindler: Es müssen aber nicht unbedingt Dienstleistungen sein. Es kann beispielsweise auch ein Mitglied einem anderen einen Kuchen backen.

Das sind alles Dienstleistungen und Angebote, die man auch auf dem freien Markt beziehen kann. Weshalb also eine Zeittauschbörse?

Lafos: Im Gegensatz zum freien Markt werden die Dienstleistungen nicht in Geld gewertet, sondern in Zeit, für jede geleistete Stunde bekommt man auf seinem Konto eine Stunde gutgeschrieben. So können auch weniger wohlhabende Leute Dienstleistungen beziehen, die sie sich finanziell nicht leisten könnten. Zudem können die Tauschenden neue Kontakte knüpfen und ihr eigenes persönliches Netzwerk vergrössern.

Im Gegensatz zur freien Marktwirtschaft belohnt die Zeittauschbörse alle Dienstleistungen gleich.

Ursula Lafos: Die Zeittauschbörse soll auch zum Nachdenken anregen und die Wertigkeiten in unserer Gesellschaft hinterfragen. Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Welchen Wert geben wir den verschiedenen Dienstleistungen? Die Leute sollen erfahren, dass alle etwas zur Gesellschaft beitragen können. Unabhängig davon, ob sie einen prestigeträchtigen Beruf haben oder nicht.

Freie Zeit wird für immer mehr Leute zur Mangelware und damit auch zum Luxus. Glauben Sie, es sind genügend Personen bereit, ihre Freizeit in eine Zeittauschbörse zu investieren?

Bindler: Es stimmt, wir leben in einer hektischen Zeit. Man sagt, es müsse immer alles schneller gehen. Wenn den Leuten aber etwas daran liegt, nicht alles anonym über das Geld zu regeln, sondern auch einen persönlichen Austausch zu haben und Anschluss zu finden, dann bin ich sehr zuversichtlich.

In St. Gallen beispielsweise besteht bereits ein vergleichbares Netzwerk. Ist das Ihr Vorbild?

Lafos: Genau. Dort hat man auch das Pilotprojekt «Zeitvorsorge» ins Leben gerufen. Als mögliche Form einer vierten Säule in der Schweiz. Das funktioniert so, dass man in jüngeren Jahren Sozialstunden leistet und die auf einem Konto anhäuft. Zu einem späteren Zeitpunkt, im Alter, kann man dann diese Stunden wieder beziehen. Dabei geht es vor allem um einfache Betreuungsdienstleistungen. Im Grunde genommen funktioniert das nach demselben Prinzip wie die Zeittauschbörse, allerdings findet der Zeittausch versetzt statt. In Japan beispielsweise wird dieses System bereits landesweit praktiziert.

Mehr Tauschhandel, die Währung Zeit statt Geld. Sollen solche Wirtschaftsformen zu Bestandteilen unserer Gesellschaft werden?

Lafos: Das wäre ja dann eine politische Bestrebung. Diese Motivation haben wir mit der Zeittauschbörse nicht.
Bindler: Es ist ein Ausprobieren. Und ein Beitrag zum Nachdenken. Sich vorzustellen, was wäre, wenn.

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 18.05.12

Konversation

  1. Dass wird funktionieren, aber die Banken dürfen nicht das Monopol über die Zeit besitzten und es nicht als Geld vermehren versuchen (Kriege, Massaker, Atombomben,…), sondern der Staat (das Volk), und es könnte organisiert werden wie mit versicherungen, das ein teil der zeit gesparrt oder einkassiert wird, eben für die schwächeren (Kranken, Alten). Und wer etwas wirklich braucht der geht eben etwas arbeiten 🙂
    HEY, HABE ICH GERADE LAUT GETRÄUMT??

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  2. Was mich bis dahin immer daran gehindert hat, an Zeittauschbörsen oder Börsen mit Alternativwährung mitzumachen, war, dass es auf mich ein wenig biotopmässig wirkte.
    „Biotop“, weil dort alles ferngehalten wird, was störend wirkt, was nicht dazu passt.
    Ich will es genauer erklären: Es sind „Börsen“, wo jeder gibt und nimmt und das muss im Ausgleich bleiben. Das heisst geben und nehmen muss im Ausgleich bleiben. Alte und kranke Menschen zum Beispiel, können nicht geben, sind aber auf Hilfe angewiesen. Andere wieder haben viel zu geben in solchen Börsen, brauchen aber kaum Hilfe.
    Ich frage mich immer wieder, wie das erweitert werden könnte, dass es trotzdem stimmig ist.

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