Altes Gemüse auf neuen Beeten

Urban Farming ist nicht mehr als ein Medienhype, schreibt TagesWoche-Leser Henri Leuzinger in seinem Gastkommentar. Zur Selbstversorgung seien die urbanen Freiflächen viel zu klein.

Das Urban Farming wird überschätzt, schreibt TagesWoche-Leser Henri Leuzinger. Zur Selbstversorgung seien die urbanen Freiflächen viel zu klein.

Die hübsch aufgemachte Titel­geschichte «Bauernhof Stadt» der ­TagesWoche (Nr. 18) reiht sich ein in den Medienhype, der das Urban Farming zu einer enormen Bewegung stilisiert, die das angeblich so öde städtische Grün in einen wunderbaren Pflanzblätz verwandeln will. Doch stimmt überhaupt, was die zitierten Protagonisten dazu sagen? Oder werden hier Wunschträume nach einer grün-heilen urbanen Welt zelebriert, die etwa so viel mit der Wirklichkeit zu tun haben wie die Sehnsüchte nach einem neuen Leben auf dem Land, welches die «Land-Liebe» so kitschig-heiter plakatiert?

Die Welt in der Stadt sieht ziemlich anders aus. Das beginnt bereits bei Struktur und Nutzung der städtischen Freiräume. Allmendartige Wiesen zum Spielen, Liegen, Plaudern, Tschutten usw. gehören ebenso dazu wie ­Pärke, Ziergärten, dekorativ bepflanzte Rabatten oder ökologische Ausgleichsflächen. Und zum Set der urbanen Freiräume zählen, notabene, auch die Familiengärten, einst Schreber­gärten genannt, meist vereinsmässig organisiert. Einst der Selbstversorgung dienend, genügen sie heute einem weit grösseren Spektrum von Bedürfnissen in der Freizeit im Garten.

Vor diesem Hintergrund präsentiert sich das Urban Farming als neues, von dieser Familiengartenkultur unabhängiges Phänomen. Ein Zweig versteht sich als Kritiker des «industriellen» Systems der Nahrungsmittelher­stellung und -beschaffung der Gross­verteiler. Dagegen gelten die selbst ­gezogenen Früchte und Gemüse als authentisch, naturnah produziert und örtlich vermarktet, als positiv besetzte «grüne» Alternative. Diese grenzt sich gegenüber agrarischen Massenproduk­ten ab, die oft in Schwellenländern ­unter ökologisch und sozial unakzeptablen Bedingungen hergestellt, zu Billigpreisen vermarktet, eine Degradierung der Lebensmittel repräsentieren.

Das Urban Farming hat eine weitere Wurzel in nordamerikanischen Grossstädten. Dort herrscht in vielen Quartieren und Stadtteilen eine Unterversorgung mit Frischwaren. Dies begünstigt den Gemüse- und Früchteanbau auf bisher ungenutzten Flach­dächern oder Freiflächen in der Stadt. Die Hightech-Variante Vertical Farming schliesslich hat in den Augen ­ihrer Verfechter das Zeug, das Er­nährungsproblem in Megacitys des 21. Jahrhunderts lösen zu helfen. ­Interessant ist bei diesem Ansatz, dass er auf modernste Hors-sol-Technologie-Systeme setzt, die bei Vertretern des Biolandbaus und ihrer Kundschaft grundsätzlich abgelehnt werden.

Kaum Grund für Urban Farming

Nun stellt sich die zentrale Frage, ob das Urban Farming mit seinen diversen Spielarten tatsächlich überzeu­gende Antworten im Bereich der Nahrungsmittelproduktion liefern kann. Diesbezüglich unterscheidet sich die Situation in der Schweiz und in Basel wesentlich von jener in Nordamerika. Dies bestätigt Monika Jäggi, promovierte Geografin und ausgewiesene Kennerin der Materie und der Szenen, die sie seit Jahren wissenschaftspublizistisch beobachtet («Jeder Bissen ist politisch: Urbane Landwirtschaft als Instrument für die Stadtplanung» in: COLLAGE 1_2013, Gemüse in der Grossstadt/Agriculture urbaine).

Die Nutzungsstruktur hierzulande ist kleinteiliger und überschaubarer, das Verkehrsnetz dicht, die Logistik leistungsfähig und die Versorgung klappt. Am Vorabend geerntetes einheimisches Gemüse und frisch gepflückte Früchte liegen am nächsten Tag in den Regalen der Einkaufszentren und Quartierläden, keine 24 Stunden nach der Ernte. Wer es noch frischer mag, hat es oft nicht weit zum Direktverkauf auf Bauernhöfen oder Frischmärkten. Aus dieser Perspektive also gibt es kaum Grund für ein Urban Farming amerikanischen Zuschnitts. Der hiesige Boom wurzelt eher im ökologischen Potenzial der Bewegung, ergänzt von sozialen, antiautoritären bis subkul­turellen Komponenten.

Die in der Stadt gezogenen Gemüse genügen den Bio-Standards oft nicht.

Allerdings: Die auf dispersen urbanen Flächen gezogenen Früchte und Gemüse kommen qualitativ oft nicht einmal annäherungsweise an jene Produkte heran, die unter den strengen IP-Suisse- oder Biorichtlinien der hiesigen Landwirtschaft heranreifen, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Auch ­flächenmässig, das zeigt der Tages­Woche-Artikel, reichen innerstädtische Freiflächen bei Weitem nicht aus, um eine Art Selbstversorgung der ­Bevölkerung sicherzustellen: «Von ­jedem freien Stück Stadt in ein Gemüsebeet verwandeln» zu reden, ist völlig unrealistisch, selbst dann, wenn man viele Flachdächer dazu zählen würde, die dann ihrerseits nicht mehr für die Fotovoltaik zur Verfügung stünden.

Schliesslich entpuppt sich die Hightech-Variante des Urban Farming nach D. Despommier als professionelle Hors-sol-Kultur in Perfektion, wie sie etwa die Urban Farmers mit ihrem ­Gewächshauskomplex auf dem Flachdach eines Gebäudes auf dem Dreispitzareal praktizieren. Das Besondere daran ist die kombinierte Produktion von Fischen und Gemüse respektive Küchenkräutern. Sie verwenden ein Aqua­ponic-Betriebskonzept, das an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften erforscht und entwickelt wurde. Der Absatz der Produkte scheint gesichert, wenngleich diese bei Kunden des Biolandbaus auf erhebliche Skepsis stossen.

Eine Revolution in der Nische

Im Sinne einer Zwischenbilanz erscheint die Szene differenziert: Das Urban Farming eroberte sich im Set der städtischen Freiflächennutzung auch bei uns einen respektablen Platz, den die Bewegung nun halten und ausbauen will. Unterstützt von Versuchsanlagen, Forschungsprojekten und innovativen Unternehmungen dürfte sich einerseits die Hightech-Richtung etablieren, während andererseits der bewusst als Kritik an der Massenproduktion konzipierte innerstädtische Nahrungsmittelanbau ökologischer Ausrichtung wohl eher ein Nischen­dasein führen wird – dem publizistisch zelebrierten Enthusiasmus zum Trotz. Denn auch die anderen Nutzungsarten auf den Freiflächen werden ihre Ansprüche geltend machen.

Der Wettstreit um die urbanen Freiflächen ist neu lanciert, Stadtplanung und Stadtgärtnereien sind ­ge­fordert. Und schliesslich werden auch die professionellen Gemüse- und Früchteproduzenten ihre Domänen nicht kampflos preisgeben. Konkurrenz belebt das Geschäft, sei es als Ansporn, die eigenen Produkte und Anbaumethoden weiter zu verbessern, sei es, den Trumpf der Nähe zwischen Produzenten und Kunden – aus der Region, für die Region – noch prägnanter zu vermarkten.

Henri Leuzinger ist promovierter Geograf mit Schwerpunkten in Raum-, Natur- und Landschaftsplanung sowie Fotografie, Gestaltung und Publizistik.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 17.05.13

Konversation

Nächster Artikel