Befreit unsere Kinder von diesem Leistungswahn!

Lernkontrollen, Lernberichte, Selbsteinschätzungen: Was wir unseren Kleinsten zumuten, möchte man keinem Erwachsenen wünschen.

Rein in die Zwangsanstalt, auf dass die Kinder die harte Lebensrealität lernen. Das muss nicht sein. (Bild: Michael Raaflaub)

Der Wahnsinn beginnt bereits im Kindergarten. Lehrpersonen müssen Vier- bis Sechsjährige bereits nach Fachbereichen bewerten. Sortiert das Kind die Klötzchen richtig? Kann es schon bis zehn zählen? Diese Fragen haben im Kindergarten nichts verloren.

In der Primarschule geht es dann weiter mit regelmässigen Lernkontrollen und Bewertungen. Dabei herrscht ein Leistungsdruck, bei dem man nur hoffen kann, dass sich die Kinder trotz Schulbesuch gut entwickeln.

Lernberichte und Zeugnisse sind gut gemeint. Sie sollen zeigen, was Kinder können, was sie nicht können, und wo man sie fördern sollte. Die Nebenwirkung der Bewertungen ist aber, dass Eltern bei ihren Kindern nur noch Defizite sehen. Die Kinder bekommen das mit und lernen, dass in der Schulwelt nur die Leistung zählt.

Richtig so, sagen die Druckmacher. Denn die Kinder müssten auf die harte Lebensrealität vorbereitet werden.

Wir brauchen mehr Vertrauen in die Kinder und Lehrpersonen.

Das mag in Teilen stimmen. Aber müssen das wirklich schon Vierjährige lernen? Müssen Erstklässlerinnen und Erstklässler permanent Tests absolvieren? Die Überprüfungs-Maschinerie in der Schule schafft bald mehr Leistungsdruck, als wir es aus dem Erwachsenenleben kennen. Oder wie oft werden Sie bei Ihrer Arbeit von Ihrem Vorgesetzten überprüft und bewertet?

Kindergarten und die ersten Schuljahre sollten Kindern ermöglichen, spielerisch zu lernen und ihr Interesse an der Welt zu entdecken. Vor allem sollten sie den Kindern den Freiraum geben, den sie brauchen, um sich im eigenen Tempo entwickeln zu können.

Es ist immer leichter, den Druck zu erhöhen als zu senken. Ohne Lernberichte und Zeugnisse fehlt die Rechtfertigung der schulischen Arbeit vor den Eltern und der Politik. Es braucht Mut, den Lehrpersonen mehr Freiheiten zu geben und nicht ständig auf Belege für den Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler zu pochen. Wir brauchen mehr Vertrauen in die Kinder und Lehrpersonen und weniger Kontrolle. Nur damit stoppen wir den Leistungswahn.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/basler-primarschulen-im-leistungswahn/

Dossier Kinder unter Druck

Schon Kindergärtler werden in Basel-Stadt auf Leistung getrimmt. Die heutige Schule stresst Kinder, Eltern und Lehrer.

Alles zum Thema (9)

Konversation

  1. Was nicht messbar ist, wird «messbar gemacht» (man nennt das «Bildungsbürokratie»).

    «Die durch menschliches Versagen entstandene Leere wird stets durch neue Tätigkeit wieder ausgefüllt» (Parkinson).

    Dem ist nichts beizufügen.

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  2. Bevor wir ins ganz grosse Wehklagen verfallen und jeder sein eigenes Schulkonzept propagiert, hier ein Aspekt der völlig ausgeklammert wird, wenn es um die Bildungschancen unserer Kid’s geht.

    Haushaltungen mit Kindern, welche in Armut leben können von dem vorhandenen Bildungsangebot kaum profitieren. Eine anhaltend wirtschaftlich schwierige Lage hat negative Folgen für die Zukunftschancen der betroffenen Kinder. Sie müssen häufiger eine Klasse wiederholen, werden versetzt, haben schlechte Noten und Bewertungen und leiden häufiger an gesundheitlichen Einschränkungen. Die Kinder bleiben in der Armutsfalle, oder rutschen über Kurz oder Lang in die gleiche Armutsfalle, wie ihre Eltern. Kurz: einmal unten, immer unten! Die Bertelsmann Stiftung hat in Deutschland darüber eine grosse und über einen Zeitraum von 10 Jahren betrieben Studie lanciert und jetzt ausgewertet. Erkenntnis: Eine zukunftsorientierte Sozialpolitik muss die Vererbung der Armut durchbrechen. Kinder können sich nicht selbst aus der Armut befreien. Sie haben deshalb ein Anrecht auf Existenzsicherung, die ihnen faire Chancen und gutes Aufwachsen ermöglicht. Das ist die andere Sicht realer Bildungschancen. Dagegen verkommen Leistungsvereinbarungen und der ganze Kontroll-Pipapo, mit dem entsprechenden Benotungsfetischismus, zu lausigen Papiertigern… Die Gesellschaft ist gefordert!

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