Das grosse Debakel

Marie-Paule Jungblut ist weg, weil sie im Umgang mit ihren Mitarbeitern und zum Teil auch mit Leihgebern eine denkbar schlechte Figur abgab. Jetzt wurde bekannt, dass die ehemalige Direktorin des Historischen Museums Basel auch die Finanzen nicht im Griff hatte. Die grosse Frage lautet nun, ob und wie sich das Debakel hätte verhindern lassen.

Immenser Aufwand für einen Publikumsflop: Die Ausstellung «Silber & Gold» im Museum für Wohnkultur im Winter 2015.

(Bild: Dominique Spirgi)

Marie-Paule Jungblut ist weg, weil sie im Umgang mit ihren Mitarbeitern und zum Teil auch mit Leihgebern eine denkbar schlechte Figur abgab. Jetzt wurde bekannt, dass die ehemalige Direktorin des Historischen Museums Basel auch die Finanzen nicht im Griff hatte. Die grosse Frage lautet nun, ob und wie sich das Debakel hätte verhindern lassen.

Es war eine prächtige Schau, die Ende November 2015 im Museum für Wohnkultur eröffnet wurde. Eine, die höchst aufwendig gestaltet war, sich dann aber mit nur gerade 5000 Besuchern als grosser Publikumsflop entpuppte. Die Sonderausstellung «Silber & Gold» entwickelte sich in Sachen Aufwand und Ertrag zum grössten Debakel in der Geschichte des Museums, wie aus internen Kreisen zu vernehmen ist.

«Silber & Gold» – der Ausstellungstitel klingt im Nachhinein wie ein Hohn und eine treffliche Beschreibung zugleich – war nur eine von sieben Sonderausstellungen, die Jungblut 2015 aufs Programm setzte. Dazu kamen die teure Erneuerung der Website, die ausgesprochen kostspielige Lancierung des Online-Games «Basel 1610» und der neue grafische Auftritt – zum Teil wunderbare Initiativen, die zusammengerechnet aber eigentlich hätten dazu führen müssen, dass die finanziellen Alarmglocken laut zu klingeln beginnen.

Museumsinterne Fragezeichen

Museumsintern warfen diese vielen kostspieligen Initiativen tatsächlich viele Fragezeichen auf – zumal es ja kein Geheimnis war, dass Jungbluts Ausstellungspolitik dazu geführt hatte, dass gewisse Stiftungen, die das Museum in der Vergangenheit grosszügig unterstützt hatten, Zurückhaltung an den Tag legten. Das alles führte dazu, dass die abgesetzte Direktorin nun ein Finanzloch in der Höhe von 745’000 Franken hinterlässt, wie das Regionaljournal Basel von Radio SRF publik machte. Zum Vergleich: In der Rechnung des Museums für das Jahr 2014 wurden die gesamten Ausgaben für Ausstellungen mit rund 250’000 Franken beziffert.

Im Museum wusste man, dass Jungblut ihr Programm niemals mit den ordentlichen Mitteln hätte finanzieren können, aber den Mitarbeitern waren die Hände gebunden. Die Direktorin agierte wie eine Alleinherrscherin, das zeigt auch die Tatsache, dass sie die teure Gestaltung der Ausstellung «Gold & Silber» unter der Hand an eine mit ihr befreundete Szenografin vergab. Jungblut verbat sich Einwände aus den Reihen ihrer Mitarbeiter – dies einer der Hauptgründe, die zu den internen Querelen und schliesslich zur Absetzung geführt haben.

Wie hätte das verhindert werden können?

Wird ein Debakel solchen Ausmasses bekannt, stellt die Öffentlichkeit rasch die Schuldfrage. Wer hat wie sehr versagt? War es die breit zusammengesetzte Findungskommission, die Jungblut einstimmig an die Spitze des Kandidatenfeldes gestellt hatte? War es die Regierung beziehungsweise das Präsidialdepartement, das im blinden Eifer, das Museum in neue, zeitgemässe Bahnen führen zu wollen, nicht richtig hingeschaut hat? Oder waren es zuletzt doch die Mitarbeiter, welche die Verwaltung viel früher hätten alarmieren sollen?

Dass die Findungskommission den buchhalterischen Fähigkeiten von Jungblut zu wenig Gewicht beimass, kann man im Nachhinein vielleicht bedauern, es ist aber verständlich. Dass die Regierung wegen der betrieblichen Freiheit – die durch das Museumsgesetz eigentlich glücklicherweise garantiert wird – nicht früher eingriff, kann ihr nur schwerlich zum Vorwurf gemacht werden. Und dass die Mitarbeiter nicht schon früh gegen ihre eigene Chefin ins Feld zogen, versteht sich eigentlich von selber.

Pech gehabt, aber das Museum wird sich erholen

Die Schuld trägt also in erster Linie die Direktorin selber. Pech gehabt, muss man leider konstatieren. Das ist ein lakonisches Fazit. Aber jetzt prinzipiell eine stärkere Kontrolle des Betriebs staatlicher Museen zu fordern, wäre ein falscher Schritt. Wenn man das Korsett zu eng schnürt, wenn man nun für alle Zusagen von Sponsoren- und Spendengeldern, ohne die im Ausstellungsbetrieb nichts läuft, ständig Garantien und Belege einfordern würde, wären herausragende Sonderausstellungen nur noch schwer oder gar nicht mehr realisierbar.

745’000 Franken sind sehr viel Geld. Diese Summe entspricht den gesamten Subventionen für das Sportmuseum für einen Zeitraum von fünf Jahren. Wenn man sich aber im Museum umhört, dann bekommt man nicht das Gefühl, dass nun kollektives Trübsalblasen angesagt ist. Der Vize- und Interimsdirektorin Gudrun Piller ist es offensichtlich gelungen, wieder eine offene Arbeits- und Kommunikationskultur zu etablieren. Die Mitarbeiter bleiben dran in der Gewissheit, dass sich auch mit vernünftigen Budgets gute Ausstellungen realisieren lassen.

Das Historische Museum wird sich vom Finanzdebakel erholen. Früher, falls sich ein Gönner finden lässt, der sich erbarmt, oder später, wenn alles mit Sparmassnahmen ausgeglichen werden muss. Erinnerungen an das Debakel mit dem wegen Unfähigkeit ebenfalls frühzeitig ausgeschiedenen Theaterdirektor Wolfgang Zörner werden wach. Das war Mitte der 1990er-Jahre. Auch damals gaben ein hohes Defizit und eine hohe Abgangsentschädigung zu reden, bis sich das Theater wieder mit Inhalten zum Gesprächsthema machen konnte. Man kann nur hoffen, dass dies dem gebeutelten Museum möglichst bald gelingen möge.

 

Nächster Artikel