Jetzt erst recht – Flüchtlinge bleiben die grosse humanitäre Aufgabe unserer Zeit

Auch nach den Anschlägen in Frankreich wird der Zustrom von Schutzsuchenden anhalten. Wichtig ist jetzt nicht das Errichten eines Notregimes, sondern der aufgeklärte Umgang mit den Menschen, die hier sind, und mit denen, die noch kommen werden.

Refugees and migrants disembark the Eleftherios Venizelos passenger ship at the port of Piraeus, near Athens,Greece,November,14,2015.The United Nations urged financially strapped Greece on Friday to expand reception centers before winter sets in for refugees and migrants who continue to pour onto the island of Lesbos at a rate of 3,300 every day.REUTERS/Michalis Karagiannis

(Bild: MICHALIS KARAGIANNIS)

Auch nach den Anschlägen in Frankreich wird der Zustrom von Schutzsuchenden anhalten. Wichtig ist jetzt nicht das Errichten eines Notregimes, sondern der aufgeklärte Umgang mit den Menschen, die hier sind, und mit denen, die noch kommen werden.

Da kommen sie also über die Grenzen, vor allem im Osten und im Norden, und ihre Zahl soll die ursprüngliche Prognose des Bundes noch deutlich übertreffen. Mit 29’000 Asylsuchenden rechnete der Bund ursprünglich für 2015, kürzlich korrigierte er die Zahl auf 34’000, und es sollen noch mehr werden.

Laut Recherchen der «Basler Zeitung» rechnet das Staatssekretariat für Migration (SEM) allein im November mit bis zu 10’000 Menschen, die Zuflucht in der Schweiz suchen. Und selbst wenn das SEM die Zahl bereits wieder relativiert und sogar als «unseriös» bezeichnet hat, bleibt die Tatsache, dass jeden Monat Tausende von Schutzsuchenden in die Schweiz ziehen.

Die Herausforderung an die Zivilgesellschaft

Aktuell stammen die meisten aus Afghanistan; die Syrer machen derzeit nur rund 16 Prozent aus. Die kantonalen Polizeidirektoren liebäugeln bereits mit einem Notregime des Bundes, das unter anderem das Asylrecht einschränken kann. Sie beurteilen die Lage als angespannt, die Zahl der Unterkünfte wird knapp.

So stehen wir mitten im Brennpunkt der Zuwanderungswelle nach Europa. Sich dagegenzustellen ist sinnlos; die Migration findet statt. Stellen wir uns also besser der Tatsache, dass die Menschen kommen, und viel wichtiger noch: schon hier sind. Es ist die Herausforderung an unsere Zivilgesellschaft, sie aufzunehmen.

Wir lernen einmal mehr, dass die Grenzen eines Nationalstaats nicht die Grenzen der Welt sind.

Man muss nicht jeden Grund verstehen können, nicht jeden Fluchtweg im Geist oder gar zu Fuss selbst mitgegangen sein. Aber man muss die Menschen, die hier sind, akzeptieren – ob sie bleiben wollen oder weiterziehen. Das ist keine staatspolitische Aufgabe; es ist die grosse humanitäre Aufgabe unserer Zeit.

Wir lernen einmal mehr, dass die Grenzen eines Nationalstaats nicht die Grenzen der Welt sind. Entscheiden wir uns also, ob wir es auf die harte Tour lernen wollen, in einem Klima aus Angst, Zurückhaltung, Repression. Oder ob wir uns als aufrichtige Bürger einer Welt sehen, in der wir Verantwortung für andere Menschen wahrnehmen – mit Akzeptanz und Integration. Denn Sicherheit und Stabilität gibt es nur auf dem zweiten Weg. Und zwar für beide Seiten.

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geändert 16. November

Konversation

  1. Liebe sehr besorgte MitbürgerInnen,
    gründet doch einen Verein, nein, besser gleich eine Partei. Letzteres gibt staatliche und private diskrete Unterstützungen.
    Dann kann man zusammen Angst-Arien singen ob der vielen uns bedrohenden Flüchtlinge, die uns den Wohlstand wegessen, uns bald die Arbeit wegnehmen werden und uns aus unseren Villen verdrängen werden.
    Als grosser Chor kann man viel lauter singen als nur alleine!
    Oder man bekommt vom Staat auch leichter eine Grosspackung Valium zur Beruhigung.

    Eine Realität ist doch, egal was irgendwelche Regierungen sagen, dass entweder man selber oder jemand Delegierter soll die Flüchtlinge irgendwie zur Strecke bringen und damit unproblematisch diskret entsorgen, oder es ist halt Teil der Natur, hier der menschlichen Natur. In Brig fragte die Saltina auch nicht, ob sie mal quer durch die Stadt könnte…, viele Hochwässer kommen einfach, die Lawine fragt auch nicht eine Viertelstunde vorher, ob es genehm ist, sie ist dann mit voller Wucht da.

    Blöde einfache Idee:
    Die Natur nehmen, wie sie kommt, irgendwie ist die Menschheit schon damit fertig geworden. Sich halt gegenseitig helfen, von Mensch zu Mensch…
    Den Rest erledigt irgendein Schicksal o.ä.
    (Und das Böseste und Schrecklichste war immer noch die eigene Phantasie, „Propheten-Typ B“ malen sie ja in schrecklichsten Farben.)

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  2. Leider kommen aber nicht ein paar hunderttausend ungarische und tschechische Akademiker und Intellektuelle (die zu dem alle in Europa sozialisiert wurden).

    Es kommen Millionen.: Syrer, Afghanen, Eritreer, Marokkaner, Libiyer, Roma, Albaner (alles in allem davon etwa ein Fünftel Analphabeten), und alle in irgendwelchen Stammes- und Clan-Strukturen sozialisiert.

    Keine Frage: Man muss ihnen helfen. Sie müsssen menschenwürdig untergebracht, ernährt und medizinisch betreut werden. Aber sie müssen wieder zurück, wenn die Lage es zulässt.

    Integration braucht Generationen. Diese Zeit haben wir nicht.

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    1. Auch bei den 14’000 Flüchtlingen aus Ungarn waren nicht alles Akademiker und Intellektuelle.
      Die Wirtschaft braucht auch nicht nur Akademiker.

      Das ist ihre spezifische Negativsicht.
      Positiv heisst es 4/5 sind keine Analphabeten. Es könnte auch sein, dass darunter ein paar Berufsleute sind.
      Die Leute kommen nicht aus dem Busch.
      Die meisten Leute aus Syrien kommen aus Städten.

      Ein klassischer Bärbeiß: Der grosse Manitu weiss, dass wir für die Integration der Flüchtlinge keine Zeit haben. Ist er ums Feuer getanzt und hat die Geister befragt?

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    2. @Bärbeiß: Wichtig ist auch die kontinuierliche Desinformation: «Es kommen Millionen Flüchtlinge». Richtig ist: Im Oktober haben 4’750 Personen in der Schweiz (und wir reden hier von der Schweiz!) einen Asylantrag gestellt (siehe Beitrag von Renato Beck). Pro Kanton sind dies dann mal 182 Gesuche (Oktober). Das heisst pro Arbeitstag und Kanton: 9 Gesuche. Ich meine, dass dies zu bewältigen ist und noch weit entfernt von einer Notsituation liegt.

      Wenn ER bei diesen Zahlen bereits panisch wird, sollte er diskret Hilfe anfordern…

      Die Schweiz hat funktionierende Systeme und adäquate Hilfsorganisationen, welche den Flüchtlingen helfen können. Kürzlich hat RR Christoph Brutschin im Telebasel verlauten lassen, dass die Verwaltung gelassen auf die Situation reagiert und genügend Kapazitäten hat.

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    3. Kleine Ergänzung: Es geht nicht um eine dauernde Integration in unsere Gesellschaft. Es geht darum, den Personen während einer begrenzten Zeit einen sicheren Aufenthalt zu bieten, bis sie in ihrem Herkunftsland wieder ein sicherer Zustand besteht. Ohne die ganzen geflüchteten Personen (oftmals die jungen & gesunden Personen!) besteht in diesen Ländern ein Riesenvakuum…

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  3. Kurze Rückblende: Am 23. Oktober 1956 begann der Volksaufstand in Ungarn. Kurz nachdem Einmarsch der Sowjets flüchteten 200’000 Ungarn in die Schweiz und andere westeuropäische Staaten. Die ungarische Revolution dauerte nur wenige Tage. Anfang November schlugen die sowjetischen Truppen den Aufstand und damit die Hoffnungen auf Freiheit und Unabhängigkeit nieder. Die Intervention löste eine Massenflucht aus Ungarn in westeuropäische Länder aus. Die Schweiz nahm 14’000 Flüchtlinge auf.

    Und hat dies die Schweiz umgebracht?
    Die ungarischen Migranten sind zwischenzeitlich in der 2. und 3. Generation bestens integriert und Teil unserer Gesellschaft.
    PS.: In meiner Gymklasse gab es damals auch einen ungarischen Flüchtling. Er hat später als Arzt praktiziert.

    Es wird Zeit, dass man auch die positiven Aspekte sieht. Der Flüchtlingsstrom kann auch zum Wirtschaftswunder werden. Eine Chance für die Volkswirtschaft. Die jungen Flüchtlinge verändern die Demographie und verjüngen den Bevölkerungsdurchschnitt. Die Wirtschaft erhält junge und motivierte Arbeitskräfte. Die ehemaligen Flüchtlinge werden in wenigen Jahren AHV und Steuer bezahlen.

    Allerdings muss der Staat vorerst in die Integration und Ausbildung investieren. Je schneller, umso besser. Flüchtlinge, welche unmittelbar eine Chance erhalten sind motiviert und können ihre Selbständigkeit aus eigener Kraft sicherstellen.

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    1. Mir ist bewusst, bei diesem Thema kann man kaum differenziert argumentieren, weil es für die eine und für die andere Seite schlecht klingen wird. Der Begriff Wirtschaftswunder ist hier aber ziemlich deplatziert. Umbringen tut es uns nicht, das ist sicher. Aber es ist eine Belastungsprobe, längerfristig auch für die Sozialkosten. Integration in den Arbeitsmarkt ist noch deutlich schwieriger wie einfach eine Wohnung suchen oder behelfsmässige Container erstellen für diese Leute. Grundsätzlich sollten wir uns aber erstmal im Klaren sein, dass mit der Personenfreizügigkeit qualifizierte Leute zu finden für irgend eine Arbeitsstelle kein Problem ist aus Sicht des Arbeitgebers. In früheren Zeiten, als die Wirtschaft viel autarker war hier in der Schweiz, hat man für Jobs immer wieder mal Leute angestellt, die vielleicht etwas unterqualifziert waren aber für diese Stelle dennoch ihre Leistung bringen konnten. Heutzutage ist es komplett anders: Mit der hohen Lohn Situation ist der Druck hoch, dass ein Angestellter auch das Geld einbringen muss. Einfache industrielle Jobs wurden in günstigere Länder ausgelagert, und all die unqualifizierten Leute kann man nicht zum reinigen auf öffentlichem Boden oder in Büros einsetzen, dafür sind es zuviele (zumal diese die bereits Ansässigen – auch grösstenteils Ausländer unmittelbar konkurrenzieren, damit Gefahr der Erosion im Lohngefüge in dieser Branche). Bereits jetzt stellt ein schlechter Bildungs-Rucksack (oder gar keiner…) ein erhöhtes Risiko dar, keine Stelle zu finden, man beachte die Statistiken der einzelnen Bevölkerungs Minoritäten beim Bundesamt für Statistik. Kurzum: wenn jetzt Leute kommen, die gar kein Deutsch können und zum grossen Teil schwer in den Arbeitsprozess zu integrieren sind, dann haben wir nicht einzahlende AHV Migranten, sondern Langzeit Bezüger der Sozialhilfe. Und das wird dann richtig teuer. Es braucht also neben der humanitären Einstellung auch Vernunft und Strategie, und neben einer rein politischen Proklamation vor allen Dingen Sachkenntnis und viel Arbeit von Seiten von Sozialfirmen und der Sozialbehörden (vorzugsweise in Zusammenarbeit mit den Arbeitsverbänden), um hier der Verantwortung gerecht werden zu können und um Erfolge zu erzielen. Wenn es uns nämlich nicht gelingt, die Leute in Arbeit zu bringen, dann werden wir mit Problemen konfrontiert werden wie tendenzielle Aggression und Bildung von Parallelgesellschaften. PS: Ich habe in meinem Betrieb selber einen Flüchtling teilzeitig engagiert.

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    2. @ K. Linder:
      Könnte es sein, dass dieses Arbeitsproblem auch ohne einen einzigen syrischen Flühtling schon zu 80% besteht?
      Überall, wo Leute ausgegrenzt werden, weil sie keine Arbeits-Teilhabe finden, werden sie sich irgendwie anfangen, selbst zu organisieren, wenn sie nicht verwahrlosen wollen.
      Meine Behauptung: Bei aktueller Konjunktur wird sich das Probelm auch ohne einen einzigen Flüchtling zunehmend verstärken.

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