Liebe Demonstranten, bitte nicht so stümperhaft!

Demonstrieren ist eine Kunst. Das Werk missrät jedoch meistens. Unser alter Sponti-Sack mit der Kamera hat ein paar Tipps, die er der jungen Protestgeneration weitergeben möchte.

Okay, eine Demo, aber was wollt ihr uns eigentlich mitteilen? (Bild: Hans-Jörg Walter)

Liebe «Schwarze Erle» und Demofreunde

Am Mittwochabend musste ich eure Aktion für unsere Berichterstattung fotografieren. Ich war verblüfft. Wie kann man nur so stümperhaft vorgehen? Also ehrlich. Schon bei der Kaserne war mit dem ersten Böllerschuss klar: Die Sache wird eskalieren. Unklar blieb aber so manch anderes. 

Ausser einem lausigen Transpi und ein, zwei gegrölten Parolen gabs für das spärliche Publikum in der Klybeckstrasse keinen verständlichen Hinweis auf euer Anliegen. Ziemlich blöd stand das Publikum da, schaute vom Kebab auf und dachte sich höchstens: Das wird wohl wieder ein explosives Gemisch mit viel Scharf sein. 

Nun denn. Euer seltsamer Demozug setzte sich also in Bewegung und zog los zum erklärten und gut bewachten Ziel an der Erlenstrasse. Schnurstracks auf die gelbe Absperrung zu, die die Polizei gezogen hatte. Als wäre es die Ziellinie. Und es passierte, was passieren musste.

Jetzt steht ihr plötzlich ziemlich blöd da. Unorganisiert in Kolonne, die Schwarzen vorne, sie machen ein wenig Pyro und Radau, der Solimob hinten, er hopst entsetzt rum und wundert sich, dass die Sache aus dem Ruder läuft. Zwei, drei Salven Gummischrot (ja, das gehört wirklich verboten!), schon höselt ihr wie die Hühner davon und der Spuk ist vorbei. Zurück bleibt ein kaputter Mistkübel und die zerbrochene Scheibe einer Busstation. Und meine Ratlosigkeit. 

Ich weiss, ich bin ein alter Sponti-Sack. Aber gerade als solcher bin ich dem gepflegten «Räuber & Poly» nicht abgeneigt, das könnt ihr mir glauben. Aber was ich da miterleben musste! Was hattet ihr eigentlich vor? Die Erle zu stürmen? Die Polizisten verjagen? Irgendein Plan?

Oder wolltet ihr einfach nur Dampf ablassen? 

Am Samstag plant ihr anscheinend eine Nachtdemo. Welches Ende schwebt euch da vor? Schon klar, wir ahnen es alle. Ihr müsst es mir nicht verraten. Aber auf eines will ich euch doch aufmerksam machen: Ihr habt es in der Hand. Ihr könnt aus dem Anlass etwas Sinnvolles machen. Vielleicht inspirieren euch ja ein paar Gedanken eines alten Sponti-Sacks.

Ihr habt ein Anliegen, das ihr einer Öffentlichkeit mitteilen wollt. Gut. Ihr wollt also etwas «senden». Was ihr als Sender braucht, ist demnach ein Empfänger. In eurem Fall war bislang nicht ganz ersichtlich, ob ihr für diese Rolle den Hausbesitzer, die Regierung, die Polizei oder alle Stadtbewohner vorgesehen habt. 

Wenn ihr euch dann mal im Klaren seid, wem ihr welche Botschaft reinpfeifen wollt, überlegt euch anschliessend, wie ihr euer Publikum am besten erreicht. Formuliert eure Botschaft einfach und verständlich. Vermeidet Phrasen. Die mögt ihr bei Politikern ja auch nicht. Einfache Botschaften kommen besser an als komplizierte. Werdet kreativ! Bemalt eure Gesichter, singt von mir aus zweistimmige Lieder, verteilt Blumen oder noch besser: Kuchen. Jedes Publikum mag Kuchen! Es wird euch zuhören. 

Und nun veranstaltet das Ganze an einem Ort und zu einer Zeit, die Sinn machen. Fragt euch: Werden wir ein Publikum haben? Oder warten wieder mal nur die Polizisten in Vollmontur und vielleicht ein paar idiotische Fotografen, wie ich einer bin?

Macht euch Gedanken zur bestmöglichen Aktion. Überlegt euch den optimalen Effekt, der eure Botschaft in die Weite trägt. Ich weiss, es ist schwierig. Aber: Es gibt Literatur. Auch umstrittene Anleitungen zum Ungehorsam könnt ihr finden. Googelt doch mal. Diskutiert. Überrascht uns. Überrascht mich! Ich glaube an euch. 

Danke, euer Fotograf.

P.S. Nur so zur Inspiration: Solche Bilder bleiben hängen. 

Konversation

  1. 8er wurde lahmgelegt. Zwangspause an der 3Rosenbrücke-Tram verpasst. Und Filmen lassen wollte sie sich auch nicht.

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  2. Sollte diese Demonstration wiederum nicht bewilligt sein, erwarte ich, dass die Polizei diesem Treiben bereits am Besammlungsort dieser Chaoten ein Ende setzen wird.

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  3. Kuchen ist immer gut. Literatur ist diesen Linksextremisten allerdings zu hoch, ich sehe bei ihren Copypaste-Propaganda-Schmierereien immer wieder Schreibfehler. Von der Intelligenz her genauso debil wie Neonazis.

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  4. Die Bilanz des Demofotografen Hans-Jörg Walter ist ernüchternd. Prädikat stümperhaft für die HausbesetzerInnen und ihre SympathisantInnen. Das ist nachvollziehbar (es ist schliesslich auch ätzend immer die gleichen Bilder von ausufernden Demos zu schiessen…). Trotzdem: Es geht hier nicht um die Ästhetik einer zu Ende gehenden Besetzung. Auch nicht um die Ästhetik einer Demonstration. Es geht auch nur marginal um fehlende Botschaften.

    Es geht hier vorallem um leerstehende Liegenschaften. Es geht hier um Wohnungsspekulation. Bei einer ausgewiesenen Wohnungsnot und einem entsprechend tiefen Leerwohnungsstand, ist es nachwievor ein Frevel, wenn Immobilienfirmen & Investoren Liegenschaften über lange Zeiträume leer stehen lassen. Die fehlende Kreativität orte ich daher eher bei der Politik und der Wohnbaupolitik der Stadt Basel. Die Hände in den Schoss zu legen und auf schicksalhafte Marktentwicklungen zu verweisen, ist bequem. Darüber können ein paar geduldete Besetzungen nicht hinwegtäuschen. Ja, es gibt in dieser Stadt zu wenig günstigen Wohnraum. Die Politik wäre gefordert.
    Da ist das vorauseilende Engagement für einen Luxus-Kunst-Tempel und seine momentane finanzielle Schieflage natürlich interessanter (Kunstmuseum-Anbau: 100 Millionen Baukosten und 4,5 Millionen Betriebskosten).

    Die BesetzerInnen haben in einem Haus gewohnt, welches ohne ihre Anwesenheit leergestanden wäre. Was ich immer noch nicht verstehe: Warum duldet die Politik solche Leerstände? Und warum ist die Stadt, via Immo Basel, nicht fähig ein Konzept für sinnvolle Zwischennutzungen von leerstehenden Liegenschaften aufzugleisen. Eine separate Zwischennutzungsabteilung! Wieso engagiert sich die Politik nicht stärker für einen sozialen Wohnungsbau? Die wenigen Wohnbaugenossenschaften können nicht den gesamten Bedarf/Nachfrage nach günstigen Wohnungen abdecken. Es braucht stärkere Anstrengungen, mehr Engagement.

    Das steht für mich hinter der Besetzung der Erlenstrasse. Hinter dem hilflosen Protest und den wirren Artikulationen.

    Der Rest sind langweilige bis ätzende Rituale: Sowohl von den BesitzerInnen, der Politik, der Polizei und der BesetzerInnen. Kreativ und fantasievoll sind sie alle nicht.

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    1. Herr Meury, Danke für diese sehr differenzierte wichtige Ergänzung der an sich interessanten Beobachtung eines Photographen.

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  5. Ich hoffe diese Botschaft erreicht die Adressaten.
    Die Umsetzung würde dann aber doch etwas Arbeit bedeuten, was für die meisten dieser Personen schwierig wird.

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