Der Grand-Seigneur der Schweizer Grand Hotels

Niemanden in der Schweiz beschäftigen Grand Hotels wie Hans-Ueli Gubser. Seit 30 Jahren sammelt er Artefakte aus der Blütezeit der Luxusetablissements und kämpft darum, dass die alte Grösse auch in den Hotelnamen wieder auflebt.

Hans-Ueli Gubser: Ein Altphilologe will Luxushotels ihren alten Glanz zurückgeben. (Bild: Samuel Rink)

Langsam zieht Hans-Ueli Gubser das Album aus dem Bücherregal. Er blättert. Hotel Krafft, Hotel Europe, Grand Hotel Victoria & National. Hier verharrt er. Vorsichtig zieht er den alten Kofferaufkleber aus der Plastiklasche. «Sehen Sie, auch das Victoria hat sich umgetauft!», sagt er.

Er meint das Prädikat Grand Hotel. Auf dem jüngeren Aufkleber in der Lasche nebenan heisst es nur noch Hotel Victoria. Ein Dorn in Gubsers Auge: «Ich bearbeite den Direktor ein- bis zweimal im Jahr, damit er das Haus wieder umtauft.»

«Grand Hotel und Palace» – um diese Markenzeichen dreht sich Hans-Ueli Gubsers Leben seit über 30 Jahren. Der Altphilologe, der beim Erzählen gerne lateinische und griechische Sprichwörter einflechtet, kämpft um den Erhalt dieser Namenszusätze. Ein Hobby, das er neben der Tätigkeit als Lehrer am Freien Gymnasium aufgriff. Genauso wie das Sammeln alter Dokumente aus der Hotelleriebranche.

Zusammen mit seiner Partnerin Silvia Meyer-Battaglia betreibt er den Club Grand Hotel & Palace. Das ist kein Verein von Hotel-Fans, sondern ein Club in dem über 100 vornehme Hotels Mitglied sind. Darunter das Basler Grand Hotel Les Trois Rois und das Zürcher Dolder Grand.

«So ist es richtig», findet Hans-Ueli Gubser. Wenn es nach ihm geht, soll das «Victoria» wieder «Grand Hotel Victoria et National» heissen.

«Meden agan – nichts im Überfluss. So hiess es eigentlich
bei den Griechen.» Gubser hält sich nicht daran. Der leidenschaftliche
Sammler hat das grösste Privatarchiv aus der Gründerzeit der Grand
Hotels und Palaces. Postkarten, Kofferaufkleber, Hotelprospekte und
vieles mehr bewahrt er in unzähligen Alben auf. «Mittlerweile haben wir
wohl gegen 100’000 Einzelstücke aus der ganzen Schweiz», sagt Gubser. Sein grosser Stolz: der erste Schweizer Hotelführer überhaupt.

Mit Gubsers Sammelfieber kam das Grand-Hotel-Ambiente auch in die gemeinsame Wohnung. Nicht nur auf den Kleiderbügeln in der Garderobe sind Hotelnamen eingraviert, sondern auch auf dekorativen Teeservices in der Stube. Die geschwungenen Sessel stammen aus einer Versteigerung im Dolder, genau wie die Weinkaraffe auf dem Beistelltisch. Den Kaffee serviert seine Partnerin in edlen Porzellantassen. Auf dem Tisch stehen Kekse und Schokolade. Wie im Hotelcafé.

Ein Name für alte Qualität

Eigentlich wäre Lehrer Gubser gerne selber Hoteldirektor geworden. Ursprünglich hat er nicht nur Altphilologie, sondern auch Tourismus in Bern studiert. «Nur weil ich stur war, kam es nie zu einer Karriere in der Branche», erzählt er. Für ihn sei als Arbeitsort nur das Wallis infrage gekommen. Seine Traumstelle habe er nie gefunden.

«Nun ist es zu spät», so Gubser. Nachzutrauern gäbe es aber nichts. Den Lehrerberuf hatte er genauso gerne. Ein bisschen Lehrer ist er noch immer. Seinen Weisheiten aus der Antike schickt er die Übersetzung gleich hinterher.

Wenn es um Geschichte geht, wird Gubser ausführlich. Er spricht vom alten Adel, der monatelang ein ganzes Grand Hotel mit seiner Entourage füllen konnte. Von der Gastgeberkultur und den hohen Ansprüchen an den Service, die damals herrschten. Alte Qualitäten, die seiner Ansicht nach verloren gehen, wenn sich das Grand Hotel nur noch Hotel nennt. Er kämpft nicht nur für den Namen, sondern auch für die Nostalgie und den Auftritt dieser Häuser.

Das Doppelzimmer kostete im Grand Hotel Drei Könige vor 120 Jahren 8 bis 11 Franken. Eine Heizung gabs aber nur gegen Aufpreis.

Der Niedergang der Grand Hotels und ihr verstaubtes Image beschäftigt Gubser sehr. Er holt aus. «Als die Monarchien mit dem Ersten Weltkrieg untergingen, verloren die Grand Hotels ihre wichtigsten Gäste.» Als Folge davon fehlte in der Zwischenkriegszeit das Geld, um die Häuser auf den neuesten Stand zu bringen. Während des Zweiten Weltkrieges sowieso.

«Danach hatten Grand Hotels den Ruf von altem Plüsch, veralteten Einrichtungen und Infrastrukturen», erzählt Gubser. Hinzu kamen aus der Zeit gefallene Traditionen wie Krawattenzwang und mangelnde Kinderfreundlichkeit.

Das Grand Hotel wurde zu einem unbeliebten Prädikat. Auch ein mit Gubser befreundeter Hoteldirektor in Saas-Fee wollte es loswerden. Nicht mit Gubser. «Gib mir 20 Jahre, dann sind Grand Hotels und Palaces wieder ein Markenzeichen wie im 19. Jahrhundert», habe er dem Freund versprochen und sich sogleich an die Arbeit gemacht.

Fortan lag er den Direktoren aller ehemaliger Grand Hotels und Palaces in den Ohren. «Gutta cavat lapidem. Steter Tropfen höhlt den Stein», so Gubser. Was einst Grand Hotel hiess, soll wieder zu alter Grösse kommen. Und das fängt für Gubser mit dem Namen an.

Einmal Mitglied, immer Mitglied

Natürlich zieht Gubser Grand Hotels ordinären Gasthäusern vor. «Andere Luxushotels, besonders Ketten, sehen immer etwa gleich aus. Ein Grand Hotel hat eine eigene Aura und Geschichte.» Seine Mitglieder besucht er regelmässig und gerne. Bei etwa 100 Mitgliedern nimmt das viel Zeit in Anspruch. Er hat stets auch ein Auge auf den Service: «Wir bemerken, wenn plötzlich nur drei statt vier Handtücher bereitliegen.» Er reklamiere aber nur bei gröberen Missständen.

Es müsse auch nicht immer Luxus sein. So würden er und seine Partnerin ab und zu auch ein Kinderlager begleiten. «Audiatur et altera pars – man höre auch die andere Seite», sagt Gubser.

Lange hat Gubser an der Mitgliederliste gearbeitet. Jetzt bleibt er stur. «Neue junge Hotelmanager wollen oft gleich austreten. Das kommt für uns nicht infrage.» Lieber verzichtet Gubser auf die Mitgliedergebühr als dass er die Mitgliederliste kürzen würde. Oft wird seine Hartnäckigkeit belohnt. Spätestens wenn ein Jubiliäum ansteht, bitten auch die jungen Hotelmanager Gubser um historisches Material aus seiner Sammlung.

Junge Hotelmanager wollen oft gleich austreten. Das kommt für uns nicht infrage.

Nach 30 Jahren Lobbyarbeit für Grand Hotels und Palaces glaubt Gubser, seinem Ziel näher gekommen zu sein. Heute stehen nur noch vereinzelte Hotels auf seiner Liste jener Häuser, die zu ihrem alten Namen zurückkehren sollten, zum Beispiel das Basler Hotel Victoria. «Ich hege Hoffnungen, dass auch die letzten Hotels sich noch umtaufen.»

Noch ist der Retter der alten Grösse nicht ganz fertig. Gubser hofft, dass Traditionshäuser wie auch die antiken Sprachen wieder zu altem Glanz finden. Dum spiro, spero – solange ich atme, hoffe ich.

«Ich hege Hoffnungen, dass auch die letzten Hotels sich noch umtaufen.» Wir wünschen viel Glück, Herr Gubser.

Konversation

  1. Hinweis an den Autor: Ein Altphilologe flechtet nicht, ein Altphilologe flicht. Im übrigen besitze ich auch noch ein paar Handtücher mit eingestickten Hotelnamen (Jugendsünden).

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  2. Hans-Ueli Gubser ist ein Träumer, der versucht im Halbschlaf alte Zeiten herbeizusehnen. Da helfen vermutlich auch die schönsten lateinischen und griechischen Sprichwörter & Zitate nicht mehr weiter.

    Mit dem 1. und 2. Weltkrieg und den Krisenjahren dazwischen ist der Edelhotellerie das Publikum definitiv abhanden gekommen. Entweder sind ihre ehemaligen Kunden in den Kriegen getötet worden, haben ihr Hab & Gut verloren, sind enteignet, oder in einem Konzentrationslager umgebraucht worden, emigriert oder hatten gute Gründe unterzutauchen oder sich nach Argentinien abzusetzen. Kurzum die Welt hat sich ziemlich radikal verändert und es gibt in diesem Sinne auch kaum mehr neue Kunden, welche über Monate in einem Luxusetablissement à la Grand Hotel Victoria absetzen können oder wollen. Diese (vermeintliche) Blütezeit ist vorbei. Definitiv! Da nützen auch Namensänderungen nichts mehr.

    Apropos Namensänderung: Wieso soll Hans-Ueli Gubser ein Grand-Seigneur der Schweizer Grand Hotels sein? Wird mir in diesem Artikel nicht klar. Hat er spezielle Verdienste? Gubser ist ein Nostalgiker und ein Sammler von Devotionalien aus vergangenen Zeiten. Sollte er die alten Häuser wieder beleben wollen, müsste er sich schlaue Konzepte überlegen und Ideen entwickeln, welche diesen Häusern einen neuen Sinn und eine entsprechende Wertschätzung geben würden.

    Auch die touristischen Gepflogenheiten haben sich übrigens tüchtig geändert. Das dürfte dem Altphilologen entgangen sein. Leute mit viel Kohle entschwinden in Ressorts, wie auf dem Bürgenstock und erstehen sich dort eine millionenschwer Immobilie. Also keine edle Grandezza, sondern nackter Kapitalismus. Heute lässt der Geldadel nicht die Seele baumeln und fabuliert für die Ewigkeit. Heute jetten die Reichen dieser Welt von Event zu Event, einmal wöchentlich rund um den Globus und klappern ihre diversen Besitztümer ab.

    Ich sag’s ungern, aber auch die Postkutschen sind zwischenzeitlich abgeschafft worden, lieber Herr Gubser. Zudem würde Gubser (ich sag’s ungern) auch das willige Personal, welches sich hinter den Kulissen für Hungerlöhne abrackerte, nicht mehr finden. Aber darüber verlieren wir lieber kein Sterbenswort. Das würde die schöne Idylle tüchtig trüben.

    Ja, Herr Gubser früher waren die Zeiten besser und die Leute viel gebildeter & distinguierter. Heute müssen wir uns mit Reichen, wie Trump und Co. rumschlagen. Stimmt, das ist wirklich ärgerlich. Der alte Glanz & Lack ist ab!

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    1. Sie könnten sich noch täuschen. Gerade Dauervermitungen in Hotels wie dem Kulm Hotel in ST. Moritz boomen. Da kommen tatsächlich noch Leute aus Great Britain oder sonst woher und mieten sich eine ganze Wintersaison dort ein.

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    2. Auch wenn ein paar versprengte Granden sich solche Dauermieten im Kulm in St. Moritz leisten können, dürfte dies nicht das ultimative Geschäftsmodell für die Zukunft darstellen.

      Das Dolder in Zürich beherbergt auch ein paar reiche Dauergäste, welche Wert darauf legen von einem Butler umsorgt zu werden. Die sollen aber bereits weit über 90 sein.

      Ergo ist diese Spezies und ihre Sesshaftigkeit eher ein Auslaufmodell. Es bleibt also bei einem nostalgischen Exkurs.

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