Der nette Revoluzzer von nebenan

Simon Aeberhard setzt sich für eine bessere Welt und gegen Kirchenglocken, Fleischkonsum und Pelztragen ein. Er ist ein sanfter Kämpfer. Für seine Botschaften verwendet er Kreide und Blumen vom Friedhof.

«Ein Mahnmal ist subtiler als ein direkter Angriff auf Pelzträger», so Simon Aeberhard. (Bild: Samuel Rink)

Es ist halb fünf in der Früh. Flüssige weisse Kreide spritzt auf den Asphalt. Es muss schnell gehen. Schnauze und Schwanz des Tiers werden etwas zu rund. Spielt keine Rolle. Den Kojoten erkennt man auch so. Aus dem Schatten des Theaterplatzes schaut eine ad hoc zusammengewürfelte Aktionsgruppe Simon Aeberhard zu. «Warte bitte noch mit den Plakaten. Wir machen erst hier fertig», bittet er eine Mitstreiterin, die gerade die Werbeplakate für seine Petition gegen Pelzimporte ausrollen will.

«Wenn die Polizei kommt, verweist auf mich. Ich nehme das auf meine Kappe», hatte er vor der Aktion im Oval der Serra-Plastik gesagt. Aber eigentlich will auch er keinen Ärger mit den Gesetzeshütern. Aeberhard schüttelt die Sprühflasche und sieht sich dabei um. Ein Auto fährt vorbei. Nein, nicht die Polizei. Also weiter. Noch ein paar Spritzer und das rund zwei Meter lange Tier ist fertig gesprayt.

Auch wenn er mit dem Mahnmal keine bleibenden Spuren hinterlässt, Ärger mit der Polizei möchte Aeberhard trotzdem nicht.

Die sechs Tierschützer kleben Plakate an die Serra-Plastik dahinter. Zünden Grabkerzen an und verteilen um den Kojoten  Blumen, die Aeberhard aus dem Friedhofskompost geholt hat. «Pietätlos? Nein, das ist Recycling!» findet er augenzwinkernd. Ein Thema, das Aeberhard in die hiesigen Medien brachte. Seinetwegen standen in diesem Sommer zum ersten Mal Recycling-Stationen am Rheinufer. Auch dafür hatte er eine Petition gestartet.

Ein Jahr zuvor sorgte Aeberhard mit seinem Kampf gegen Kirchenglocken in Olten für Furore. Als damaliger Anwohner der Friedenskirche rissen ihn die Uhrschläge nächtens aus den Träumen. «Es gab keine Argumente für das Geläut. Wir haben ja alle Armbanduhren und Handys.» Er suchte das Gespräch, sammelte Unterschriften und reichte schliesslich einen Antrag ein. Die Kirche knickte ein. Seither läuten die Glocken in der Nacht immerhin nur noch stündlich.

Die Welt verbessert Aeberhard auch im Berufsalltag. Als Musiklehrer an einer Bezirksschule im Aargau. Dort sensibilisiert er zum Beispiel mit Hip-Hop, Soul und Funk für die prägende Vergangenheit anderer Kulturen. «Aus der Musik lässt sich viel mehr herauslesen, als bloss Noten und Tonleitern», so Aeberhard.

Einen Konflikt zwischen seiner Vorbildfunktion als Lehrer und der nächtlichen Aktion sieht Aeberhard nicht. Im Gegenteil. «Die Schüler nehmen andere Widersprüche viel stärker wahr», ist Aeberhard überzeugt. «Zum Beispiel, wenn ein Lehrer von Ausbeutung in Kupferminen spricht und trotzdem stets das neueste Smartphone kauft.» Indem er etwas unternimmt, sei Aeberhard erst recht ein Vorbild. In Zeiten von Rechtsrutschen, Trump und Co. brauche es mehr Aktivismus. «Ich achte aber stets darauf, dass kein Schaden entsteht. So bleibe ich zumindest in einer Grauzone.» Darum hält er auch einen Kreide- und keinen Farbspray in der Hand.

Mit seiner Aktion will Aeberhard nicht nur gegen Pelze ankämpfen, sondern auch für eine engagiertere Zivilgesellschaft werben. 

Während die spontan zusammengekommene Aktionsgruppe die letzten Blumen und Kerzen richtet, steigt ein Strassenarbeiter der Stadtreinigung die Treppe hoch. Und – oh weh – am Steinenberg zieht eine Kehrmaschine ihre Runden. Dem Mahnmal droht ein kurzes Dasein. Aeberhard ist verunsichert. Er zögert.

Dann geht der Aktivist zum Angriff über: «Grüezi!», spricht er den Arbeiter höflich an. Ein paar kurze Worte mit einem freundlichen Lächeln, verständiges Nicken und freundschaftliches Winken beim Verabschieden. «Sie lassen es stehen», verkündet Aeberhard erleichtert. Die Aktion ist gerettet.

Das Mahnmal steht. An der Wand hängt ein schwarzes Kreuz aus Plakaten. Davor der Kreide-Kojote inmitten von Blumen und Kerzen. Aeberhard ist zufrieden. Es sei seine bisher grösste Aktion dieser Art. Mahnmale hat er schon öfter errichtet. Vor Modeläden in der Stadt zum Beispiel. Seine Mitstreiter dafür findet er in den sozialen Netzwerken. Anders als Aeberhard, der bereitwillig vor dem Mahnmal für Fotos posiert, möchten sie lieber anonym bleiben.

4 Uhr 30, Treffpunkt Serra-Plastik: Aeberhard erklärt der Aktionsgruppe sein Vorhaben.

Aeberhard bedankt sich bei seiner Gruppe für die erfolgreiche Aktion. «Ich habe euch noch ein kleines Dankeschön mitgebracht», sagt er und drückt jedem einen selbergebackenen Lebkuchen in die Hand. «Tschüss und bis bald auf Facebook!» Aeberhard bleibt allein zurück. Mit Kreide hinterlässt er noch eine Botschaft ans Theater, falls sich jemand über die Kerzen und Blumen aufregen sollte. Und dann tritt auch er zufrieden den Heimweg an. Bis er, wie eben hingeschrieben, am Nachmittag sein Mahnmal wieder abräumt. Das gebietet der Anstand.

Konversation

  1. Und seine Kleider sind aus pestizidfreier Baumwolle, gepflückt von glücklichen- und erwachsenen Feldarbeitern und wurden von fair bezahlten Angestellten genäht.
    Aber jetzt mal im Ernst: Bei Pelzen sollte man genauso unterscheiden, wie bei anderen Produkten auch. In der Schweiz werden zB jährlich 30’000 Füchse geschossen, die meisten Pelze davon werden verbrannt… Wäre doch sinnvoller, wenn diese verarbeitet würden.

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    1. Ebenso könnte er gewöhnliche Kreide statt Kreidespray nutzen. Weniger Abfall, weniger Umweltverschmutzung. Aber eben, ein Heuchler wie soviele Aktivisten. Nebenbei noch auf andere Kulturen verweisen, weil er sich als Weisser ja so schuldig fühlt und seine eigene Kultur ablehnt.

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    2. Lieber Bomberman (ach… herrliche Kindheitserinnerungen ;-))

      Dein Anliegen für pestizidfreie Baumwolle und fair bezahlte Angestellten teile ich absolut; aber dazu später mehr.

      Zunächst geht es mir nämlich darum, (d)eine psychologische Kommunikationsstrategie (sog. „Whataboutism“) zu entlarven, welche aktuell sehr häufig verwendet wird und die ich als ziemlich problematisch erachte. Dabei wird der Fokus des Gesprächs auf ein neues, zumeist ebenfalls problematisches Thema verschoben, um dadurch vom eigentlichen Thema abzulenken und die ganze Diskussion zu verwässern (was häufig dazu führt, dass sich die Probleme zu einem regelrechten „Problemberg“ addieren und dann keine Lösungen oder Massnahmen mehr erreicht werden können).

      Deshalb bleiben wir kurz beim Thema Pelz: Ungefähr 80% des in der Schweiz gehandelten Pelzes stammt aus China (der Rest aus wenigen Ländern wie Polen etc., in welchen Pelzfarmen noch nicht per Gesetz verboten sind). Ausserdem stammt ca. 85% aus Käfighaltung, während die restlichen knapp 15% via Tellereisen-Fallenjagd gefangen werden (ebenfalls in der Schweiz illegal).

      Insgesamt beläuft sich also der Anteil an nicht nur ethisch höchst umstrittenen, sondern bei uns effektiv gesetzlich verbotenem Echtpelz auf wohl ungefähr 99%. Deshalb fordere ich ja in der Online Petition auch ein Pelz-Importverbot und kein komplettes Verbot (das Fell von Schweizer Rotfuchs wäre davon nicht tangiert). Ich glaube kaum, dass sich jemand tatsächlich für eine solche Praxis einsetzen möchte, die zu fast 100% bei uns als Tierqual eingestuft und strafrechtlich geahndet würde.

      So, noch zu deinem Fair-Fashion-Anliegen: Da bin ich absolut deiner Meinung! Deshalb sind meine Schuhe (siehe Fotos oben) Fairtrade-zertifiziert, vegan und aus biologischer Baumwolle sowie rezykliertem Polyester (die Marke heisst übrigens „Veja“). 🙂 Ebenso die Jeans der Fair-Fashion-Marke „Wunderwerk“. Der Mantel ist leider noch ein altes Kleidungsstück, aber ich habe mir soeben ebenfalls eine vegane, fair gehandelte und ökologisch produzierte Winterjacke von „Bleed“ gekauft – damit mir dann nun aber auch wirklich niemand mehr etwas vorwerfen kann. 😉

      Vielleicht magst du die eine oder andere Marke ja für deinen nächsten Einkauf in Betracht ziehen (mehr Infos dazu: https://www.saoiaebi.com/the-world-of/fair-fashion-revolution).

      Lieber Gruss
      der nette Revoluzzer von nebenan 😉

      PS: Die Fair-Fashion-Winterjacke von „Bleed“ hat übrigens knapp 350.- gekostet – das ist fast einen Drittel des Preises, den man für einen Woolrich- oder Canada-Goose-Parka bezahlt – und ist sowohl frei von Tierleid wie auch Menschenleid.

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