Die Psychotherapeutin auf der Yoga-Matte

Yoga ist hartes Business: Viele träumen vom Beruf auf der Matte, wenige können davon leben. Regula Guldimann schafft das. Sie führt eines der erfolgreichsten Studios in Basel.

«Alles geht vorbei, jedes Drama.» Dieses Motto hilft Regula Guldimann im Leben.

Dunkelrote Wand, weisse Reispapierlampen. 30 Leute stehen auf einem Bein und machen den Flieger. Von einem Mann tropft Schweiss auf den Boden, einer Frau zittert das Standbein. Nur eine lacht: Regula Guldimann. «Na, merkt ihr schon was?», fragt sie.

In schwarzer Leggins und himmelblauem Shirt schlängelt sie sich zwischen den Matten hindurch und korrigiert hie und da eine Position. Der schwitzende Mann presst hervor: «Am Po.» Guldimann lacht wieder: «Dafür kommt ihr doch, für den Yogapo. Denkt daran: Alles geht vorbei, jedes Drama.» Kurz darauf bremst sie eine Schülerin liebevoll: «Langsam. Du willst zu viel, du kleiner Turbo, du.»

Wenn man Regula Guldimann beschreiben will, muss man aufpassen, keine Kitschsätze in «Schweizer-Illustrierte»-Manier von sich zu geben wie «Yogalehrerin des Herzens» oder «die charmanteste Yogalehrerin Basels».

Alle wollen mit ihr plaudern

Doch es ist nicht zu übersehen: Die Leute lieben Regula Guldimann. Sie kommen ein bisschen früher ins Niyama-Studio an der Falknerstrasse, bleiben ein bisschen länger, um einen Schwatz mit ihr zu halten, sie lachen zu sehen. 

Regula steht an der Tür und begrüsst und verabschiedet jede persönlich: «Sabine, schön, dich zu sehen, bist du wieder gesund?» Oder: «Sara, du kommst neuerdings zweimal pro Woche, gell. Man sieht es, du hast Fortschritte gemacht.» Die Schülerinnen schätzen das. Eine sagt der TaWo: «Man fühlt sich sofort willkommen.» Eine andere: «Obwohl sie so viele Schülerinnen hat, geht Regula auf jede einzelne ein.»

Guldimann fühlt sich mit 42 Jahren fitter als mit 30.

Diese Einfühlsamkeit ist auch Teil des Business-Konzepts, wie Guldimann bei einem Soy-Latte im «Ca’puccino» erklärt. Sie ist die Geschäftsführerin des «Niyama», beschäftigt zwölf Yoga- und Pilateslehrerinnen und -lehrer, die meisten hat sie selber ausgebildet. Sie sagt ihnen: «Ihr müsst die Namen Eurer Schüler kennen, Euch für sie interessieren.»

Kundenbindung nennt man das im Geschäftssprech. Die ist auch nötig. Yoga unterrichten ist ein hartes Business. Die Nachfrage ist zwar gross, aber der Lohn gering. Pro Lektion bekommen die «Teachers» im «Niyama» 70 Franken, das ist für Basler Verhältnisse Obergrenze. Davon leben können die meisten trotzdem nicht.

Zentral und unverbindlich

Geschäftsführerin Regula Guldimann kann von ihrem Studio leben, und das gut. Vor acht Jahren startete sie mit nur einem Raum. Nach eineinhalb Jahren mietete sie den Raum nebenan dazu, weil es so gut lief. Seither gibt es über Mittag immer zwei Stunden parallel: Yoga im einen, Pilates im anderen Raum. 

Den Erfolg hat Guldimann einerseits ihrer Ausstrahlung zu verdanken, aber auch ihrem Geschäftskonzept. Da wären einerseits die zentrale Lage in der Innenstadt und der flexible Stundenplan: Im «Niyama» muss man sich nicht für fixe Lektionen fest anmelden. Man kann spontan in jede der wöchentlich 44 Lektionen reinschneien. Ausserdem muss man kein Abo lösen, sondern kann vor Ort 20 Franken in eine Schachtel legen – die Lehrerin überprüft nicht, wer bezahlt, sie setzt auf Vertrauen.

Das garantiert den Kundinnen und Kunden maximale Unverbindlichkeit – praktisch in einer Zeit, in der man im Job flexibel sein muss und zwischen Sitzung und Familienabend noch schnell spontan eine Yogalektion reinquetscht.

Regula Guldimann war eine der Ersten, die das Drop-in-System in Basel eingeführt haben, ihre Lektionen sind trotzdem – oder gerade deswegen – voll. Vor dem Unterricht bittet sie jeweils: «Rückt zusammen», damit jede auch wirklich ein Plätzchen für ihre Matte findet.

Lieber Yogalehrerin als Psychotherapeutin

Dabei war das Yoga für Regula Guldimann ursprünglich ein Nebenjob. Sie ist Psychotherapeutin für kognitive Verhaltenstherapie. Während des Studiums an der Uni Basel fing sie an, nebenbei Yogastunden zu geben.

Yoga und Verhaltenstherapie – das ist keine überraschende Kombination. In der Therapie versucht man, negative Gedankenmuster zu erkennen und aufzubrechen. Das macht man, allerdings über den Körper, zuweilen auch im Yoga oder in der Meditation, wenn es etwa darum geht, eigene Gefühle aus der Distanz zu betrachten. Mittlerweile gibt es an Universitäten Therapien, die Verhaltenspsychologie und Yoga verbinden.

Regula Guldimann allerdings ist lieber Yogalehrerin als Psychotherapeutin. Bis vor einem Jahr behandelte sie noch Patienten, dann hörte sie auf. Die Arbeit entzog ihr mehr Energie, als sie ihr gab. «Psychotherapie ist problemorientiert, fokussiert auf eine Person», sagt sie. «Im Yoga gibt es mehr Leichtigkeit, in der Gruppe entsteht eine positive Dynamik, du kriegst unmittelbares Feedback.»

Entspricht diese Einstellung nicht einem Zeitgeist, in dem man stets heiter und stark sein muss, keine Schwäche zeigen darf? Ist das nicht ein Symptom des heutigen Leistungsdenkens?

Früher ging sie an ihre Grenzen

Guldimann überlegt: «Nein, im Gegenteil.» Natürlich mache Yoga stark und belastbarer, «aber nicht zwanghaft». Es helfe auch, eigene Muster und Grenzen zu erkennen, das Gleichgewicht zu suchen. Die einen lernen im Yoga mehr zu geben, die anderen es ruhiger anzugehen. «Ich erkenne sofort, welche Schülerinnen ich motivieren und welche ich eher bremsen muss.»

Guldimann selbst gehört zur letzteren Gruppe. Zumindest früher. «Ich war körperorientiert, wollte an meine Grenzen gehen.» Doch das kommt nicht immer gut. Vor ein paar Jahren war sie an einer Yogalektion in Indien. Sie machte eine Schildkröte – dabei sitzt man mit gespreizten Beinen da und legt den Oberkörper flach dazwischen auf den Boden. Der Yogalehrer sagte: «Regula, du bist so steif», und drückte sie weiter in die Position. Bis sie es knacken hörte, eine Oberschenkelzerrung.

Zwei Erkenntnisse nahm Guldimann aus der Verletzung mit. Erstens: Zwang bringt nichts, man muss die Grenzen seines Körpers akzeptieren. Indisches Yoga ist deshalb, zweitens, nicht zwangsläufig das Richtige für Westler, die den ganzen Tag sitzen und unbeweglich sind. Guldimann orientiert sich lieber an amerikanischen Yogalehrerinnen.

Das Philosophische ist ihr wichtiger als früher

Heute macht sie bewusster Verschnaufpausen, teilt ihre Energie ein. Im Training wie im Unterricht: 14 Stunden Unterrichten pro Woche sind das Maximum. Mehr wäre zu viel. Neben Kraftübungen gehören dazu auch Dehnen, Meditation und Atemübungen. Der Geist, das Philosophische ist Guldimann mit den Jahren wichtiger geworden. Und es zahlt sich aus: «Heute, mit 42 Jahren, fühle ich mich gesünder und fitter als mit 30.»

Das Geistige nimmt sie auch mit in die Lektionen. «Ich bin keine Buddhistin», sagt Guldimann. Aber ein bisschen philosophisch dürfen ihre Lektionen schon sein. Jede Woche verfolgt sie ein spezifisches Thema, geistig wie körperlich. Diese Woche sind es Selbstdisziplin in der Meditation und der Hüftöffner. Das Ziel: innere Gedankenmuster wahrnehmen, wieder zum Atem zurückzukehren und die Hüfte zu kräftigen und zu dehnen.

Regula Guldimann möchte als Yogalehrerin alt werden.

Die Schülerinnen mögen das. Eine sagt: «Regula ist ein bisschen esoterisch, aber nicht zu sehr.» Ein Schüler schätzt, wie die Yogalehrerin ihr Wissen über Körper und Geist verbindet. «Regula weiss sehr gut über die Anatomie Bescheid.» Er muss es wissen, er ist Arzt für innere Medizin am Unispital und kommt wenn möglich fünfmal die Woche in die Stunde.

Zurück ins Studio. Dort stehen die Schülerinnen und Schüler auf allen Vieren, Po in der Luft: der Hund, der nach unten schaut. «Konzentriert Euch aufs Atmen. Vielleicht wandern Eure Gedanken jetzt zum heutigen Nachmittag und zu dem, was ihr erledigen müsst. Schnell noch in den Coop, einkaufen, dann telefonieren. Das ist nicht schlimm, beobachtet Eure Gedanken und kommt dann zum Atem zurück. Und seid dabei liebevoll mit Euch selbst.»

Liebevoll, das ist Regula Guldimann mit ihren Schülerinnen und mit sich selber. Es macht sich bezahlt, hoffentlich noch lange: «Ich möchte als Yogalehrerin im ‹Niyama› alt werden», sagt sie.

Konversation

  1. Depressionen gehören zu den tödlichsten und ansteckendsten Erkrankungen. Ich kann den Schritt von Frau Guldimann weg vom negativen hin zum positiven Arbeitsumfeld nur zu gut verstehen. Der Artikel gefällt.

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