Ehemaliger Software-Entwickler programmiert den «Predigerhof» neu

Tom Wiederkehr hatte jahrelang mit Werbung und Informatik zu tun, jetzt auch mit Saucen. Gemeinsam mit zwei geübten Gastronomen verhilft er dem «Predigerhof» zu neuem Leben.

Vom Informatiker zum Werber zum Gastgeber: Tom Wiederkehr vor dem «Predigerhof».

Beim Aufstieg aufs Bruderholz schmerzt die letzte Zigarette doppelt in den Lungen. Und verdammt, muss dieser Eiswind sein? Gottseidank gibt es die Aussicht: Wiesen, Wälder, Häuschen – das Baselbiet in seiner ganzen Pracht.

«Gopferdammi!», tönt es aus den offenen Fenstern eines Häuschens am Spazierweg. Ein grossgewachsener Mann in Turnschuhen und Lederjacke steht im Hof und grinst: «Tja, Handwerker – hier wird halt gearbeitet!» Die Haare auf seinem Kopf sind grau und spärlich. Nichts da, um das glitzernde Ohrpiercing zu verstecken.

Mitten im Umbau

Das Häuschen ist der «Predigerhof», der grossgewachsene Mann Tom Wiederkehr und die fluchenden Handwerker, die braucht es hier oben dringend: Vor fast drei Jahren schloss das Restaurant Predigerhof, nach über zwei Jahrzehnten lief das Geschäft für das Wirtepaar Brunner einfach nicht mehr. Die Räumlichkeiten wurden in der Folge sich selbst und der Zeit überlassen, die sichtlich an ihnen nagte.

Doch seit letzter Woche weiss man in Basel: Das Restaurant Predigerhof wird am 26. Mai wiederbelebt, und zwar von Christine Krieg und Janis Wicki – die langjährige Servicechefin im Restaurant Viertel-Kreis, er langjähriger Koch am selben Ort – und Tom Wiederkehr.

Neben dem Gastrobetrieb soll es Platz und Arbeit für physisch oder psychisch beeinträchtigte Personen geben, zum Beispiel im angegliederten Kräutergarten. Das hatte die Predigerhof AG bereits im August kommuniziert.

«Maggi wird man bei uns im ‹Predigerhof› nicht finden.»

Wir setzen uns mit Wiederkehr an den einzigen Tisch auf der Baustelle, die der «Predigerhof» derzeit noch ist. Er wischt Brotkrumen von der Papiertischdecke, stellt für den Fotografen das Maggi-Fläschchen aus dem Bild. Die Handwerker assen hier eben noch zu Mittag. «Maggi wird man bei uns nicht finden», sagt er und grinst.

Vor dem Treffen war Wiederkehr noch nicht so entspannt, er hatte Bedenken: Wieso sollte er allein ins Zentrum gestellt werden, wieso nicht das gesamte Trio? Weil es die TagesWoche anderen Medien überlässt, 30’000-Zeichen-Porträts zu schreiben. Und weil Krieg und Wicki eben langjährige Gastronomen sind. Wiederkehr hingegen ist doch eigentlich Teilhaber in einer Werbeagentur. Und besetzte er nicht mal den Managerposten in einer IT-Bude?

Von Softwares zu Saucen

«Das stimmt, ich war mal CEO einer Software-Firma», sagt Wiederkehr, Jahrgang 1966, und beginnt einen 15-minütigen Monolog, im Stakkato gesprochen. Hier hat jemand viel zu erzählen. Die Autorin sieht vor dem inneren Auge bereits die 30’000 Zeichen.

«Stures Programmieren war irgendwann nicht mehr so lustig.» Tom Wiederkehr in seiner künftigen Gaststube.

Er begann als Wirtschaftsinformatiker. Für Feldschlösschen arbeitete er in der Software-Entwicklung – zu einer Zeit, als PCs noch 25’000 Franken kosteten. Er wechselte in die Projektleitung, weil «stures Programmieren irgendwann nicht mehr so lustig war».

Nach zehn Jahren wechselte er zu einer «freakigen IT-Firma», wobei Wiederkehr findet, freakig seien solche Buden damals alle gewesen. Er leitete die damals neue Abteilung Outsourcing, die Helpdesks aufbaute und Spezialisten an Kunden wie Sandoz oder Ciba verlieh. «Uns wurden die Techniker aus der Hand gerissen», erzählt er. Die Abteilung wuchs in Schüben: Zu Beginn bestand sein Team aus zehn Personen. «Nach sechs, sieben Jahren waren es 300.»

Die Unternehmensleitung hatte die Idee, eine Software zu entwickeln. Das war billiger als laufend neues Personal einzustellen. Wiederkehr war ein erfahrener Programmierer mit Leitungsfunktion. «Da wurde ich zum CEO.»

«Nach 20 Jahren Informatik hatte ich das Gefühl: Jetzt ist auch mal gut.»

Das war um die Jahrtausendwende. Eine Zeit, als die technologische Tollwut wütete. Investoren schütteten Milliarden in Tech-Unternehmen – ohne, dass diese ein brauchbares Produkt marktreif hatten. «Unsere Software war zu drei Vierteln fertiggestellt, als die Dotcom-Blase platzte», erinnert sich Wiederkehr.

Unternehmen implodierten, die Börse geriet ins Wanken. Der Verwaltungsrat entschied, das Projekt zu stoppen. Wiederkehr erzählt ohne Bitterkeit. «Nach 20 Jahren Informatik hatte ich sowieso das Gefühl: Jetzt ist auch mal gut.»

Und da kam die Kulinarik ins Spiel. Informatiker Wiederkehr hatte die Idee, einen Diät-Kurierdienst aufzubauen. «Um den Leuten zu zeigen, dass es weder die fettige Pizza noch der dickflüssige Eiweiss-Shake sein muss.»

Nur der Zeitpunkt war denkbar schlecht, die krisengeplagten Investoren zögerlich. Wiederkehr fehlte schlicht das Geld. Also ging er zur Swisscom und war drei Jahre lang Marketingleiter. «Ich hatte nach dem Wirtschaftsinformatiker noch einen Master in Marketing gemacht.» Praktisch zur gleichen Zeit wurde er Partner der Basler Werbeagentur WOMM, wo er heute Vollzeit arbeitet.

«Ein grosser Esstisch war mir immer wichtig.»

Tom Wiederkehr braucht vieles und das am liebsten gleichzeitig, denkt man als Zuhörerin. Mit einer beständigen Konstante: dem Essen.

«Ein grosser Esstisch war mir immer wichtig. Ich liebe es, nach der Arbeit zu kochen, Fleisch stundenlang zu schmoren, um es dann meinen Freunden zu servieren und mit ihnen darüber zu plaudern.» Schon als Kind stand er regelmässig am Herd. An den Wochenenden waren die Männer im Haushalt für das Abendessen zuständig.

Das Bild der am Esstisch versammelten Familie bleibt ihm bis heute. Im Gymnasium besuchte er den Hauswirtschaftsunterricht – als einer von zwei Buben. Er lernte, wie man Produkte zubereitet und was dabei mit ihnen geschieht. «Das war spannend für mich.»

Gastgeber mit Konzept

Kochen und Bewirten boten Wiederkehr schon immer Ausgleich, Erholung, vielleicht auch Erdung. 2010 startete er seinen Food-Blog «Piatto Forte». Die Beiträge erschienen jahrelang im «Surprise». 2016 ging im Gundeli das «Tellplatz 3» auf. Mit dabei: Tom Wiederkehr. Hier konnte er seine Passion mit zahlenden Gästen teilen.

Wieso entschied sich Wiederkehr vor 30 Jahren überhaupt für die Informatik statt für die Gastronomie? Wiederkehr überlegt, sucht nach den richtigen Worten. «Ich kann es beim besten Willen nicht sagen. Es kam mir irgendwie nicht in den Sinn.»

Nachdem man im «Tellplatz 3» auseinanderging, sitzt Wiederkehr nun also inmitten einer grossen Baustelle. Er wirkt selbstsicher. «Wir sind ja auch ein gutes Team. Christine Krieg ist eine leidenschaftliche Gastgeberin, und Janis Wicki ein junger, kreativer Koch.» Er selber wird an zwei, drei Abenden pro Woche als Gastgeber präsent sein und sich um Konzept und Lieferanten kümmern.

Das ganze Tier und die komplette Pflanze

Im «Predigerhof» soll es saisonale Produkte aus der Region geben. «Das, was der Bauer gerade im Angebot hat», so Wiederkehr. Nose to tail und root to leaf soll es sein, das ganze Tier und die komplette Pflanze auf dem Teller landen. Im Garten wird es zusätzlich Plättli mit Käse oder Fleisch, selbstgemachte Kuchen und Sirups geben.

Wiederkehr schaut auf seine Armbanduhr. Er hat noch einen Termin. Wir schreiten durch den Hof, ein älteres Paar schaut durch die beschlagenen Fenster. «Ab dem 26. Mai ist wieder offen!», sagt Wiederkehr. «Ah ja? Ach, schön! Das vorher war ja nicht so das Wahre, nicht?»

Wiederkehr lächelt: «Kommen Sie unbedingt vorbei!»

Konversation

  1. Apropos Filz: Joseph Beuys als einer der bedeutendsten und zugleich umstrittensten Künstlern des 20. Jahrhunderts hat viel mit Filz gearbeitet. Filz ist ein vielfältiges Material. Filz wird wegen seiner Elastizität, seiner Isolationsfähigkeit und seiner schweren Entflammbarkeit sehr geschätzt. Beuys steht aber auch für die legendäre Feststellung: »Jeder Mensch ist ein Künstler«.

    Beuys Verständnis von Kunst meint auch das kreative Mitgestalten von Politik und Gesellschaft. Wenn Beuys im Zusammenhang des Predigerhofs nie genannt wurde, könnte man in Abwandlung sagen, dass rund 200 Menschen sich gefunden haben, um mit ihrem Geld selbstlos ein Projekt Predigerhof möglich zu machen. Mit Beiträgen von 1’000.- bis maximal 30’000.- Franken zeichnen diese Menschen bis dato Aktien im Wert von 1’070’000.- Franken und ermöglichen einen Relaunch eines äusserst beliebten Ausflugsrestaurants. Daneben legen die AktionärInnen und Freunde des Predigerhofs selber Hand an, um in ihrer Freizeit den Predigerhof aufzuräumen, zu sanieren und wieder fit zu machen für sein zweites Leben. Sie organisieren ein Kleintierhaltung, eine Produktionsverarbeitung von landwirtschaftlichen Produkten, usw.

    Kurzum: Die bunte Schar der KleinaktionärInnen sind Teil des Projektes Predigerhof und gestalten den neuen Predigerhof nach ihrem Gusto eigenhändig & kreativ. Der Landgasthof Predigerhof ist integraler Bestandteil des Projektes.

    Wer sich am Predigerhof beteiligen will kann dies in Form von Arbeit oder Geld tun: http://prediger-hof.ch/index.html

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  2. Nichts ist nach einem langen Sonntagsspaziergang schlechter, als eine geschlossene Beiz.

    «Nose to Tail», «Root to Leaf», «Gopferdammi»: Alles scheissegal.

    Hauptsache die Beiz ist offen und das Bier ist kalt.

    Das nennt sich Lebensqualität (und da kann mir das wohlmögende Aktionariat gründlich am Arsch vorbeit). Prosit.

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  3. Bei 200 Aktionären regiert der Filz.
    Typisch für Basel.
    Leider hat Herr Beck dies nicht Erwähnt, da dies ein anderes
    Bild ergibt..

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  4. Ich kann Christoph Meury nur beipflichten, da wird etwas schlechtgeredet, das noch nicht mal gestartet ist… das sagt viel über die Kommentarschreiber!
    Zufälligerweise kenne ich Tom über dreissig Jahre und teile einige seiner Leidenschaften. Seine bisherigen Projekte in der Gastronomie waren nie von Geldgier geprägt, sondern von Engagement, Nachhaltigkeit, Sachverstand und Respekt – und letzteres würde ich mir auch in den Kommentaren wünschen. Diese „Baiz“ kenne ich von Sonntagsausflügen in meiner Kindheit und freue mich, sie bald wieder einmal besuchen zu können. Ich wünsche diesem Team und den Aktionären viel Erfolg!

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  5. Noch liegt keine Speisekarte auf dem Tisch, aber schon wissen unsere Berufspessimisten, dass irgendetwas im Argen ist. Hipster-Beiz. Schickimicki. Cüpli-Groov. Unsere Misanthropen schauen in die Kristallkugel und fantasieren. Von alledem hat aber Tom Wiederkehr nichts gesagt. Nicht einmal angedeutet. Man kann also Entwarnung geben. Der Predigerhof ist nicht eine weitere Beiz, sondern das neue/alte Ausflugsrestaurant auf dem Bruderholz. Konzept: Aus Tradition zeitgemäss. Eine Beiz, welche es seit Urzeiten gab und welche Generationen von Familien aufgesucht und mit guten Erinnerungen in den letzten drei Jahren vermisst haben.

    Christine Krieg, Janis Wicki und Tom Wiederkehr werden diesem Kleinod wieder Leben einhauchen und ab dem 26. Mai von 10 bis 22 Uhr für die Gäste da sein. Dass sie frisches Gemüse und saisonale Produkte – eben das was der Bauer gerade im Angebot hat – zu feinen Menüs verarbeiten liegt auf der Hand, respektive vor der Haustüre. Der Predigerhof liegt am Stadtrand, aber mitten in landwirtschaftlichem Gebiet, umgeben von zahlreichen ProduzentInnen. Der Tisch ist also quasi schon gedeckt.

    Zudem ist der Predigerhof mehr als eine Beiz. Der Predigerhof liegt auf einem 5’000m2 grossen Grundstück, gross genug, um Küchengewürze, Kräuter, Obst und Beeren anzupflanzen und im Restaurant »frisch aus dem eigenen Garten« anzubieten. Ein Hofladen, Kleintierhaltung, Kinder- und Erwachsenenspielplatz, Kurse und Seminare, usw. werden das Angebot erweitern.

    Rund 200 AktionärInnen haben Geld an die Hand genommen, um das Projekt Predigerhof möglich zu machen. Sie glauben nicht nur an das kulinarische Konzept: »Nose to tail & root to leaf«, sie glauben auch an das neue Beizerteam und dass eine Ausflugsbeiz für die ganze Familie auf dem Bruderholz Sinn macht und dereinst auch ein entsprechender Anziehungspunkt für Jung und Alt werden kann. In diesem Sinne kann man Christine Krieg, Tom Wiederkehr und Janis Wicki den Daumen drücken und ein fröhliches: Toi, toi, toi hinterherrufen.

    PS.: Auch ich bin einer der 200 AktionärInnen.

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    1. Aha, was verlangt der Aktionär unter dem Strich.
      Toll gibt es selbstlose, aber es gibt eben auch Familien,
      welche am Sonntag dort vorbei gehen Müssen….
      oder bekommen diese Rabatt?

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  6. Eine Baiz mehr. Wie lange geht dies noch gut.
    Früher waren es die Fummelläden – heute die Baizen.
    Hinweis: Leserbrief
    Sara Nenzi vor 4 Tg.
    lieber tagesanzeiger. sag das mal der 6-köpfigen arbeiterfamilie die mit 4000.- auskommen müssen, das essen in der schweiz nicht teuer ist!!!! diese überheblichkeit von intellektuellen die meinen zu wissen wie jeder mensch lebt, wo sie selber studieren durften und sich in der wohligen sicherheit der schweiz betten. die migros hat nur spanisches sklavenhand gemüse und früchte und erst noch halb verfault und geschmacklos. für gute früchte und gemüse muss man zum markt wo man für einen kleine einkaufstasche schnell 70.- hinblättert und auf diesen märkten (bürkliplatz z.B.) sehe ich nur wohlhabende züriberg damen einkaufen!!!!
    https://www.tagesanzeiger.ch/zueritipp/gastro/billig-ist-bloed/story/30196445
    — So ist es auch mit diesen Baizen, auch wenn alles frisch sein Soll.
    Wer kann dies Bezahlen?

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    1. Hast komplett recht! Gut, sagst Du es mal diesen «Liberalen» Jungsters von der TaWo-Redaktion… Die verkehren nur in ihrem eigenen Kuchen und in den In-Lokalen ihrer Facon. Haben eben keinen Stallgeruch des Proleatriats an sich, und in ihrer Perspektive wäre dies SVP!

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