Foodwaste in Basler Privatgärten: Stephanie Nabholz rettet kiloweise Obst

Am Samstag eröffnet die Sammlerei im Monatsmodell. Stephanie Nabholz und Menschen mit «seelischen Wunden» haben im Sommer Fallobst in Basler Privatgärten gesammelt und eingekocht.

Konserviert den Sommer im Glas: Stephanie Nabholz. (Bild: Eleni Kougionis)

Könnte Kunst sein: Ein kleiner karger Raum, grüne Gemüsekisten aufeinandergetürmt, in einer stehen Einmachgläser in Orange, Rot und Grün, beleuchtet vom weissen Licht aus Neonröhren und orangen Lampen. In einer der Kisten ein kleiner Bildschirm, darauf fahren Hausdächer und Baumkronen durch den blauen Basler Himmel, dazu tönt es: klirrklirr.

Es ist das Klirr, das Gläser machen, wenn sie aneinander stossen. Der Film zeigt Stephanie Nabholz‘ letzte Kompott-Fahrt: 750 Gläser haben sie und ihr Team mit einem Cargovelo über die Johanniterbrücke gefahren und hier im Monatsmodell an der Amerbachstrasse aufgebaut. Am Samstag eröffnet die Sammlerei, dann kann man hier Tomaten-Passata, Chutney oder Konfi kaufen.

Jetzt steht Nabholz mit Mütze auf dem Kopf im kalten Raum, setzt sich, fängt etwas an zu erzählen, steht wieder auf, nimmt ein Kürbis-Chutney aus einer grünen Kiste und sagt: «Hast du gesehen? Dieses schöne Orange? Die Etiketten haben wir alle selber angeschrieben. So schön.»

Einmachen, statt verfaulen lassen

Nabholz‘ Kürbisse, die Pepperoni, die Quitten und die Kirschen, sie sind alle in der Region gewachsen. In Gärten von Leuten, die die Früchte selber nicht essen konnten oder wollten. Wenn Stephanie Nabholz im Sommer durch die Stadt fuhr, fiel ihr jedes Jahr auf, wieviel Obst in der Stadt herumliegt und verfault. Sie dachte: «Da muss man etwas machen.» Also ging sie diesen Frühling von Tür zu Tür und fragte die Leute, ob sie die Früchte einsammeln dürfe, wenn sie reif seien. «Niemand sagte Nein.»

Im Hinterkopf hatte sie eine Idee: Ein Projekt mit Leuten, die eine psychische Erkrankung haben. Oder, wie sie selber sagen, mit «seelischen Wunden». Die Krankheiten kommen nicht von nichts, sie haben Ursachen. Im Körper oder in der persönlichen Geschichte. Meistens beides.

Stephanie Nabholz arbeitet bei der Selbsthilfe Basel, dort kommen verschiedene Leute mit seelischen Wunden in Selbsthilfegruppen zusammen. Nabholz fragte herum: «Wer möchte mit mir Früchte sammeln, einkochen und verkaufen?» Zehn Leute wollten.

Kumm, mir wei go Kirsi günne

Gemeinsam gingen sie in den Sommermonaten von Garten zu Garten und sammelten die Früchte ein. Einmal ernteten sie Kornelkirschen bei einer Läufelfingerin. Während sie die Früchte einsammelten, arbeitete die Gartenbesitzerin im Gemüsebeet nebenan. Plötzlich sagte jemand: «Es gibt doch dieses Schweizer Lied über die Kirschenernte, aber ich weiss nicht wie es geht.» Da tönte es aus dem Gemüsebeet: «Chumm, mer wäi go Chiirssi günne.» Die Läufelfingerin wusste, wie es ging. «Das war einfach so ein schöner Moment», sagt Nabholz.

Könnte Kunst sein: Die Sammlerei im Aufbau.

Immer wieder nimmt sie ein Glas aus einer Kiste. Sie öffnet eines, hält ihre Nase daran. «Es riecht nach Sommer, das ist konservierter Sommer.» Wenn Nabholz über ihre Erlebnisse mit der Sammlerei spricht, klingt sie wie die Maus Frederick aus dem Bilderbuch von Leo Lionni. Während seine Familienmitglieder für den Winter Nüsse und Früchte sammeln, sitzt er nur in der Sonne – zum Unmut der anderen. «Ich sammle Farben und Wörter», erklärt er. Und als es Winter ist und die Vorräte zur Neige gehen und die Mäuse in der dunklen Höhle frieren, holt Frederick seine Schätze hervor. Er erzählt von Farben, von Blumen, vom Sommer, bis allen Mäusen warm wird. «Frederick, du bist ja ein Dichter», sagten seine Verwandten. «Ich weiss, ihr Mäusegesichter.»

Die Küche ist das Herz

Nabholz‘ Inspiration für die Sammlerei kommt aus Berlin, dort gibt es bis zu 200 sogenannte Sozialfirmen. Das sind Firmen, die auf Initiative von beeinträchtigten Menschen entstanden sind, etwa kleine Handwerksbuden, Gastrobetriebe. Sie verkaufen Produkte und Dienstleistungen, sind aber nicht vollkommen selbsttragend.

Die Menschen der Sammlerei können in Basel häufig nicht im ersten Arbeitsmarkt arbeiten, fühlen sich in geschützten Werkstätten aber eingeschränkt. Nabholz wollte ihnen einen anderen Weg bieten: Einen Ort, wo sie nach ihrem Tempo arbeiten können, ohne den Leistungsdruck aus der Wirtschaft, wo es heisst: «Ab in den Stollen, schuften, schuften, schuften.»

Das Sammeln und Einkochen schien ihr perfekt. «Die grosse Küche ist das Herz des Projekts.» Die Küche ist warm, sie strahlt Geborgenheit aus. Hier leert sich der Kopf, ergeben sich Gespräche, kommt man sich nahe.

Da war zum Beispiel ein Mann, der sagte: «Ich will nur rüsten, aber von den heissen Pfannen halte ich mich fern.» Die Vorstellung, die richtige Temperatur fürs Einmachen zu finden und sauber ins Glas einlöffeln zu müssen, setzte ihn unter Druck. Doch Tag für Tag kam er der Pfanne näher. Am Schluss stand er da und löffelte die Konfi ins Glas. «Darum gehts, die Grenzen auszuloten, zu sehen, was möglich ist.»

12 Kilo Kirsipfludi, keine Kraft im Arm

An ihre Grenzen kam zwischendurch auch Nabholz. Sie leistete alle Arbeit für die Sammlerei in ihrer Freizeit, unentgeltlich. Sie suchte finanzielle Unterstützung und fand diese bei zwei Stiftungen und der Manor,  die Zucker und andere Materialien spendete, die nicht auf Bäumen wachsen. Dazu kamen 12 Tage sammeln, 18 Tage einmachen.

Nabholz hatte keine Ahnung, wie viel Konfi oder Chutney eine zehnköpfige Gruppe am Tag produziert. Am dritten Einmachtag stand sie am Abend da, mit zwölf Kilogramm Kirsipfludi, die durchs Passevite mussten, und null Kraft in den Armen. «Ich brach in Tränen aus.»

Wer hats erfunden? In diesen Werbekarten steckt die Hilfe von zig Menschen.

Doch mit gutem Essen und gutem Schlaf wurde sie wieder fit. Und mit viel, viel Unterstützung. Da war der Grafiker, der Nabholz die Karten mit Siebdruck machte, da war der Fotograf (unser TagesWoche-Fonzi), der ihr ein Foto schenkte. Insgesamt 50 Leute halfen Stephanie Nabholz und ihrem Team beim Organisieren, Rüsten, Kochen, Vorbereiten. «Das ist einfach unglaublich.»

Jetzt geht es erstmals ans Verkaufen. Im Januar gibts dann eine Sitzung – in der Küche, mit gutem Essen. Dann will Nabholz mit ihrem Team besprechen, ob und wie es weitergehen soll. Das Projekt ist ein Pilot. Ob es weiter existiert, hängt davon ab, ob die Leute weitermachen wollen. Früchte gibt es genug. Jetzt müssen nur noch die sommerhungrigen Mäuse kommen.

Eröffnung der Sammlerei,11. November, 16-20 Uhr, Amerbachstrasse 55. Reguläre Öffnungszeiten: Do-Sa, 16-20 Uhr. Am 9. Dezember zügelt die Sammlerei ins Art Johann, Elsässerstrasse 75. Der Erlös geht an die Mitarbeitenden der Sammlerei.

Konversation

  1. Gestern war ich an der „Vernissage“ der Sammlerei.

    So wunderbar was Frau Steff Nabholz mit ihrem tollen Team geschaffen hat. Ich durfte alles Eingemachte degustieren mit feinem Zopf. Aromatisch duftend und ausgewogen lecker auf dem Gaumen sind ausnahmslos alle Produkte, nicht verkocht, sondern mit der genau richtigen Textur. Mein persönlicher Favorit sind die eingemachten Kornel-Kirschen (es ist eine grosse „Mühe“ Kornel-Kirschen zu verarbeiten). Als Gastronom weiss ich darüber Bescheid 😉

    Ein sehr schöner, ja berührender Moment war drei der Teammitglieder persönlich kennen lernen zu dürfen. So ein schöner Moment, diese Freude, dieses Glück, beiderseits, hier der Konsument, da die Produzenten.

    Ich möchte ganz herzlich Frau Nabholz danken. All die Zeit, die Kraft und Ausdauer, die sie einsetzte für dieses Projekt. Ich bin mir nicht sicher ob „wir alle“ verstehen können, welch Einsatz es braucht für ein ehrenamtliches Projekt wie dieses… und was es auslösen kann bei Beteiligten (und um Un-Beteiligten).

    Und um mich zu wiederholen, ich bin tief berührt von der Freude die mir gestern auf verschiedenen Ebenen geschenkt wurde.

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  2. Es ist ja sehr lieb, was sie da macht, aber es beschreibt ja damit implizit auch, dass in der hiesigen Wirtschaft immer mehr Leute ihren Platz verlieren und dann möglichst unsichtbar „entsorgt“ werden müssen.

    Die Beschäftigung dient ja auch dazu, dass man diese Menschen eben nicht sehen muss, – – oder will.

    So sieht man dann nur noch die Erfolgreichen und Flüssigen in der Stadt.

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  3. Übrigens: Diese praktischen, grünen Kisten werden «IFCO-Gebinde» genannt, von der gleichnamigen Firma gegen Entgelt verleast (meistens an grosse, gewerbliche Betriebe) und liegen keineswegs «gratis» zur persönlichen Mitnahme am Wegrand.

    Da hat wohl jemand «Sharing Economy» komplett falsch verstanden (aber Hauptsache, das Lastenvelo ist subventioniert).

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