Für eine freundlichere Welt schickt Florian Graf Kunst bachab

Ein talentierter Streber schickt Basels Kunstinstitutionen den Rhein hinunter. Der Künstler Florian Graf sucht in seiner Heimat nach der perfekten Lebensbalance.

Zwischen statischer Sicherheit und dem bewegten Streben nach Freiheit: Florian Graf.

Auch wenn uns eben ein Platzregen vom Rheinufer in ein nahes Restaurant getrieben hat: Wasser ist ein tolles Element! Vor allem als Feierabend-Fluss nach einem hitzigen Arbeitstag, darüber ist man sich schnell einig. «Der Rhein macht Basel im Sommer zum besten Ort der Welt», schwärmt Florian Graf, ganz Bebbi.

Kann man mal so stehen lassen. Immerhin lebte der 38-jährige Künstler schon an rund einem Dutzend Orte auf dem Globus und zog zusätzlich wegen der Arbeit viel herum. Viel kann er davon berichten. Das Gespräch fliesst munter und mäandert wie ein wilder Fluss.

Doch zurück zum städtisch korrigierten Rhein. Denn Graf ist einer von zwölf Künstlern, die von 9. bis 14. Juli täglich um fünf Uhr ein schwimmendes Ensemble-Werk namens «Water Yump» vom Tinguely Museum zur Flora Buvette flössen.

«Normal berufstätige Menschen können nicht erst 50 Bücher lesen, um ein Kunstwerk zu verstehen.»

Es ist nicht seine erste Kunstperformance auf dem Rhein. Der Bach war bereits Bühne, als Graf während der Art Basel 2016 in Gedenken an Erasmus von Rotterdam auf einem skulpturalen Floss von hier nach Rotterdam schipperte. «Wegen des Hochwassers war das alles andere als idyllisch», erinnert er sich. «Das Floss kämpfte sich um die Loreley-Felsen wie durch aufgewühlte See und ab Köln fühlte man sich neben all den riesigen Frachtschiffen wie ein Velo zwischen LKWs auf der Autobahn.»

Zum Trip hätte auch der Titel eines der berühmtesten Bücher von Erasmus gepasst: «Das Lob der Torheit». Doch trifft das Narrenlob viele Werke von Graf – ob Skulpturen, Zeichnungen, Performance, Buch oder Video. Meist holt er die Aufmerksamkeit auf einfache, oft ironische Art.

Manch ernsthafter Künstler wäre darüber irritiert, er jedoch bejaht: «Meine Kunst soll sexy und ansprechend sein, also oberflächlich faszinieren und überraschen. Denn normal berufstätige Menschen können nicht erst 50 Bücher lesen, um ein Kunstwerk zu verstehen.»

Als Beispiel nennt er seine weiss-grüne Leuchtkastenarbeit «Exist» – eine leichte Abwandlung der bekannten Exit-Signalisierung über Ausgängen. «Jeder kennt das Zeichen und seine Bedeutung. Die simple Variation irritiert und weckt hoffentlich bei allen Menschen Interesse. Hat man erst die Aufmerksamkeit, folgt eine tiefgründige Auseinandersetzung mit Wortspiel, Bedeutung und Objekt.»

Das Schwärmen der Security-Leute

So freute es ihn speziell, als die Security-Leute der Kunstmesse Chicago von seinen «Waltzing Walls» schwärmten – sie hielten es für das «coolste Stück der Messe». Kunst ist für Graf «die emotionale und psychologische Auseinandersetzung mit den Widersprüchen dieser Welt». Sein Werk soll ein Beitrag sein für eine «etwas freundlichere, leichtere und träumerische Welt».

Für das aktuelle Rhein-Ensemble malt er die Schriftzüge von Basler Kunstinstitutionen auf schwimmende Leinwände. «Detailgetreu und präzise wie die Datenmalereien des japanischen Künstlers On Kawara oder die lithografischen Arbeiten des Baslers Rémy Zaugg», sagt Graf.

Der Vorwurf, er kopiere bloss die Ideen anderer, statt Eigenes zu kreieren, trifft ihn nicht: «Referenzen sind die Grundvoraussetzung, etwas zu erschaffen.» Komplett neue Kunst zu erfinden, ist nach Tausenden von Jahren Kulturgeschichte und global immer enger vernetzter Menschen fast unmöglich. «Ich möchte einen weiterführenden Beitrag an die vorhandene Historie leisten», ergänzt der international erfolgreiche Künstler frei von Eitelkeit.

Er nannte sich auch erst mit 27 Jahren Künstler, weil er davor als persönliches Fundament «Hunderte Bücher lesen und Abertausende Ausstellungen besuchen musste». Dieser Entscheid basiert auf Selbstkritik, nicht mangelndem Selbstvertrauen. Bereits als Siebenjähriger kanzelte er bei einem Ferienbesuch in Salzburg die dortigen Strassenmaler ab: «Das kann ich besser.» Sein Vater kaufte dem «arroganten Sohn» einen Malkasten und seither füllt Graf Skizzenbücher. Fast 200 Stück à rund 100 Seiten sind es bis heute, fein säuberlich nummeriert und archiviert.

Die meisten Bände sind voller Ideen für gebaute Strukturen oder Skulpturen. Denn ähnlich einem Synästhetiker, bei dem gewisse Sinne verschmelzen, empfindet Graf Emotionen räumlich. Ein guter Grund, warum er nach der Schule das Architekturstudium an der ETH Zürich wählte. Doch bald wollte er abbrechen, da er parallel als Bühnenbildner am Wiener Burgtheater eine neue Welt entdeckte.

Aber dann veranstaltete die ETH zu ihrem 150-Jahre-Jubiläum einen gut dotierten Wettbewerb für einen Pavillon in Zürich. «Das Thema hiess Luftschloss. Unser Projekt war eine Universität in Afghanistan.» Sein Dreierteam gewann, in Bamiyan entstand ihr Uni-Gebäude, und Graf schloss sein Studium ab – als Jahrgangsbester.

«Prekariat ist bei einem Künstler mit alternativem Glamour verbunden. Trotzdem ist es Selbstausbeutung ohne Sicherheit.»

Ist er ein Streber? «Voll, ein mega Streber», meint Graf. «Wobei, eher ein Getriebener, der nach einem Ziel strebt. Denn es ging mir nicht um die Noten, sondern um das damit verbundene Reisestipendium plus 5000 Franken Prämie. Das bedeutete damals Freiheit.»

Seither widmete er sich der Kunst und sammelt fleissig Preise, Stipendien und Künstlerresidenzen rund um die Welt. Der Verdienst reichte trotzdem lange nicht für eine eigene Wohnung. Existenzielle Sicherheit ist für Graf denn auch ein ständiges Thema: «Klar kann Prekariat bei einem Künstler falsch verstanden werden, da dieses Leben selbst gewählt und mit all den Reisen, Preisen und Projekten stets mit alternativem Glamour verbunden wird. Aber es ist trotzdem Selbstausbeutung ohne Sicherheit.» Doch genau die Unsicherheit wirft Zweifel und Fragen auf, die ihn auch weitertreiben.

Kaum zurück in Basel wird Graf bald schon Einsiedler.

Darum geht das Thema Sicherheit für ihn weit über das rein Pekuniäre hinaus. Es geht um sein persönliches Projekt: Die Kunst der perfekten Balance zwischen statischer Sicherheit und dem bewegten Streben nach Freiheit.

Als Basis dieses Projekts hat er seinen Lebensmittelpunkt zurück in seine Heimatstadt Basel verlegt. «Wobei ich momentan viel im Ausland bin und ab August für einen Monat als Einsiedler leben werde» – als Teil seines Skulpturengartens «Out & About» auf dem Hofgut Mapprach in Zeglingen.

Dann muss Graf los, um sich um die Versicherungsfälle zweier beschädigter Skulpturen zu kümmern. Als wir das Restaurant verlassen, drückt die Sonne. Die Welt scheint nach dem Gespräch schon etwas freundlicher.

«Water Yump» – ein schwimmendes Ensemble im Rhein von Thomas Geiger mit 12 Künstlern, kuratiert von Benedikt Wyss, in Kooperation mit dem Museum Tinguely.

9. bis 14. Juli 2018, täglich 17 Uhr; Vernissage 9. Juli, 17 Uhr. Start auf der Wiese vor dem Museum Tinguely.

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