«Ich gehöre hierher und trotzdem nicht dazu»

Vom FCB-Junior zum Juso: Der junge Kurde Baran Coskun hat sein ganzes Leben in Basel verbracht und hofft, bald von einer erleichterten Einbürgerung profitieren zu können.

«Da wurde mir klar, dass ich eben doch noch ein Ausländer bin»: Baran Coskun.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Baran Coskun stand am Flughafen in Katar, als er begriff, dass er nicht dazugehört. Coskun war damals 14 Jahre alt und mit den Junioren des FC Basel unterwegs zu einem Turnier. Während seine Schweizer Teamkollegen die Passkontrolle locker passierten, kontrollierten die Grenzwächter Coskuns türkischen Pass und seine Schweizer Aufenthaltsbewilligung akribisch. Seine Freunde mussten warten, wegen ihm.
«Da wurde mir klar, dass ich eben doch noch ein Ausländer bin», sagt Coskun heute. Wir treffen den inzwischen 21-Jährigen zusammen mit seinem Cousin Mahir Kabakci in einer Kleinbasler Weinbar. Beide haben kurdische Wurzeln, sind jedoch in der Schweiz geboren. Während Kabakci bereits seit über zehn Jahren im Besitz des Schweizer Passes ist, steckt in Coskuns Tasche noch immer ein C-Ausweis.

Eine Radar-Busse verhinderte die Einbürgerung

Coskuns Grosseltern kamen in den 1970ern in die Schweiz, sie verliessen auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat Dersim (türkischer Name: Tunceli), eine Provinz im Osten der Türkei. Sie liessen sich im Kleinbasel an der Feldbergstrasse nieder, der Grossvater fand Arbeit in einem Restaurant. Wenig später kam auch Coskuns Mutter nach Basel, wo sie ab der 5. Klasse die Schule besuchte. Coskuns Vater wiederum kam als junger Mann ebenfalls wegen der Arbeit nach Basel.

Damit sind Coskun und seine ältere Schwester Ausländer der dritten Generation. Sie wurden in der Schweiz geboren und bereits ihre Eltern haben praktisch ihr ganzes Leben in der Schweiz verbracht. Die beiden Geschwister könnten von einer erleichterten Einbürgerung profitieren, falls die Einbürgerungsinitiative am 12. Februar angenommen wird.

Es ist nicht so, dass die Coskuns nicht schon versucht hätten, Schweizer zu werden. Vor neun Jahren stellte die ganze Familie – also Mutter, Vater, Baran und seine Schwester – ein Einbürgerungsgesuch. Der Versuch scheiterte, weil die Mutter einige Jahre zuvor einmal zu schnell fuhr und dabei von einem Radar geblitzt wurde. Die Behörde entschied: Diese Familie ist nicht reif für den roten Pass.

Baran Coskun
Bei aller Liebe zur Schweiz, Coskun ärgert sich auch manchmal über das System: «Ich lebe hier, hier sind alle meine Freunde und die Familie. Wie soll ich noch mehr beweisen, dass ich dazugehöre?» (Bild: Alexander Preobrajenski)

Dieser Entscheid sorgt bei Coskun noch heute für Stirnrunzeln. «Mir fällt es schwer, nachzuvollziehen, weshalb eine solche Radar-Busse uns zu schlechten Schweizern machen soll. Sind uns denn keinerlei Fehler erlaubt? Müssen wir perfekt sein?» Die Familie Coskun war enttäuscht und traurig. Sie alle fühlen sich als Schweizer, arbeiten hier seit vielen Jahrzehnten, bezahlen Steuern, haben ihre Kinder grossgezogen.

Vom Fussball zur Politik

Baran Coskun wollte es noch einmal versuchen. Doch neben Schule, Sport und Lehre fehlten ihm sowohl Zeit als auch Geld für ein erneutes Einbürgerungsgesuch. Nachdem er es beim FC Basel nicht in die U16-Auswahl geschafft hatte, führte ihn sein Weg zum FC Concordia über die Old Boys und zuletzt zum FC Dornach. Das intensive Fussballtraining musste er inzwischen verletzungsbedingt aufgegeben. Der Sport fehlt ihm.

Während Coskun in seiner Jugend bei jeder Gelegenheit dem Ball nachrannte, beschäftigte sich Kabakci mit Politik. Er begleitete seinen Cousin Wochenende für Wochenende zum Morgentraining, Coskun besuchte dafür vor einigen Monaten das erste Juso-Treffen. Inzwischen ist er Parteimitglied, wenn auch noch eher passiv. «Ich bin politisch noch nicht so bewandert wie Mahir und die anderen Jusos. Da muss ich noch etwas aufholen.»

Baran Coskun, Mahir Kabakci
Über seinen Cousin Mahir Kabakci fand Baran Coskun sein Interesse an der Politik. «Ich will abstimmen gehen. Schliesslich bin ich von der Politik persönlich betroffen.» (Bild: Alexander Preobrajenski)

Dennoch: Coskun ist interessiert daran, was politisch um ihn herum passiert. «Ich lebe hier und bin Teil der Gesellschaft, da ist es doch naheliegend, dass ich mich auch einbringen will.» Das Stimmrecht ist ein weiterer Grund dafür, dass Coskun Schweizer werden will. «In der Türkei muss man Angst davor haben, seine eigene Meinung zu sagen. Und hier haben wir diese funktionierende Demokratie. Das beeindruckt mich.»
Coskun arbeitet heute als Logistiker und träumt davon, eine Familie zu gründen. Demnächst will er sich eine eigene Wohnung suchen. Auch so etwas, was leichter fällt mit einem Schweizer Pass. Und die Autoversicherung kommt ihn teurer zu stehen, ohne den Schweizer Pass. «Als ob dieses Dokument etwas an meinem Fahrstil verändern würde», bemerkt er kopfschüttelnd.

Es sind diese Momente, in denen Coskun, der sich als Schweizer fühlt, am Schweizer System zweifelt. «Ich bin hier geboren. Hier lebe ich, hier ist meine Familie, hier sind alle meine Freunde. Wie soll ich noch mehr beweisen, dass ich dazugehöre?»

Erleichterte Einbürgerung: So funktioniert es

Die Schweiz kennt zwei Verfahren der Einbürgerung, die ordentliche und die erleichterte. Für Letztere kommen heute beispielsweise Ehepartner von Schweizern in Frage, nach mindestens fünf Jahren Ehedauer. Die Vorlage, über die am 12. Februar nun abgestimmt wird, verlangt, dass auch junge Ausländerinnen und Ausländer der dritten Generation unter bestimmten Voraussetzungen eine erleichterte Einbürgerung beantragen können.

Dabei handelt es sich nicht um einen Automatismus, sondern lediglich um ein vereinfachtes und abgekürztes Verfahren. Auch gelten sowohl für die ordentliche wie für die erleichterte Einbürgerung die gleichen Anforderungen bezüglich Integration. Zusätzlich sollen für Ausländerinnen und Ausländer der dritten Generation folgende Kriterien gelten:

  • Die Person darf höchstens 25 Jahre alt sein,
  • muss in der Schweiz geboren und mindestens fünf Jahre zur Schule gegangen sein,
  • muss über eine Niederlassungsbewilligung verfügen.
  • Mindestens ein Elternteil muss sich zehn oder mehr Jahre in der Schweiz aufgehalten und fünf Jahre die Schule besucht und ebenfalls eine Niederlassungsbewilligung erworben haben.
  • Ein Grosselternteil muss in der Schweiz ein Aufenthaltsrecht erworben haben oder hier geboren worden sein.

Gemäss einer aktuellen Studie der Uni Genf wären heute ungefähr 25’000 junge Ausländerinnen und Ausländer von der Gesetzesänderung betroffen. Diese stammen hauptsächlich aus Italien, der Türkei und den Staaten Südeuropas. Die Studienautoren gehen davon aus, dass über die nächsten zehn Jahre noch einmal knapp 24’000 Kinder für eine erleichterte Einbürgerung infrage kommen würden.

Konversation

  1. Stimmt es wirklich, dass wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung einer Person eine ganze Familie nicht eingebürgert wurde? Und das in Basel? Es wäre ein Skandal. Journalismus bedeutet kritisch zu sein, insbesondere bei Eigenaussagen von Personen. Eine solche Aussage ist ein Aufruf zur Recherche, danach kann ggf. der Skandal produziert werden.

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  2. Das ist wiedermal allerfeinste Polemik der Gutmenschen vor einer Abstimmung die knapp werden könnte. Einmal in der 30er Zone mit 35 geblitzt werden hat garantiert keinen Einfluss auf ein Einbürgerungsgesuch.

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    1. Das nennt sich jetzt alternative Fakten schaffen Herr Meier. Nur weil sie nicht glauben, was da war und es auch noch bagatellisieren, macht es das nicht richtiger.

      Und zum Thema Polemik möchte ich nur die Wahlplakate der SVP zu dem Thema in Erinnerung rufen. Die Frau in der Burka ist ja sowas von nicht-polemisch – oder? Ausserdem ist es doch an der Presse, von Menschen zu erzählen, die von einem JA profitieren könnten. So kann sich doch jedeR ein Bild davon machen, ob er oder sie dafür stimmen soll oder nicht.

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    2. @Minister

      Nun ja, die SVP kommt nicht im Artikel vor. Die eine Polemik mit der anderen vertreiben zu wollen, ist auch keine Diskussion, nicht wahr. Von Burkas ist auch nicht die Rede. Die Oberlehrer mögen hier korrigierend eingreifen.

      Fachfrau Beatrice Isler hat dazu Stellung genommen. Wenn ich ihr Votum richtig verstanden habe, geht es auch um die eigenen, proaktiven Bemühungen der Antragssteller. Mit rosinenpickendem Konsumverhalten (Militärdienst) Forderungen an die hiesigen Usanzen zu stellen, kommt nicht gut an. Versuchte Assimilation wäre da schon besser.

      Die Abstimmungsvorlage ist trotzdem anzunehmen. Wer lässt sich denn heute noch von der SVP ins Bockshorn jagen?

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    3. Wenn bei einer Einwohnerzahl von 8 Millionen, mindestens 1.5 Millionen ständige Wohnbevölkerung nicht wählen und nicht abstimmen darf, dann kann man so ein Land weder frei noch demokratisch nennen.
      1444 sind wir im Joggeli in einem Himmelfahrtskommando für die Freiheit gestorben. Mut bis Furchtlosigkeit braucht es für die Freiheit. Angsthasen wie Sie haben aber leider Überhand bekommen und die Freiheit ist uns Eidgenossen damit durch die Finger geronnen. Dieses Herrenmenschgetue macht uns nicht frei, auch wenn offenbar mittlerweile viele Menschen in diesem Land gerne daran glauben. Solange wir Eidgenossen uns über Menschen wie die Coskuns sehen, wird die Freiheit nicht wieder heimkehren. Und tausende aufrechte, furchtlose, stolze Eidgenossen sind in zahlreichen Schlachten für nichts gestorben. Wahre Eidgenossen und damit echte Patrioten würden keine Sekunde zögern, Baran und Mahir das Wahl- und Stimmrecht zuzusprechen. Und dadurch das Eidgenössische Erbe leben und ehren!

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  3. Wie man halt den Blick auf die Dinge hat, die Freunde haben während der Passkontrolle auf ihn gewartet. Mehr dazu gehören kann mann doch gar nicht… will man denn wirklich zu 100% dazugehören? Wo bleibt da die eigene Identität? Und warum will man dazugehören? Und ich erwarte keine Antworten…

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  4. Als Mitglied der Einbürgerungskommission der Bürgergemeinde der Stadt Basel erlaube ich mir hier einen kleinen Einwurf:
    Im Einbürgerungsverfahren werden – auch bei der erleichterten Einbürgerung – Bund, Kanton und Gemeinde eingebunden bleiben. Das „erleichtert“ bezieht sich „nur“ auf das Verfahren. Die Kriterien bleiben dieselben.
    Um beurteilen zu können, warum die Familie Coskun wegen eines zu schnellen Fahrens nicht eingebürgert worden ist, müsste man fairer Weise die Akten dazu haben, um zu sehen, um was für eine Busse es sich handelte. Schade, hat Familie Coskun es nicht nochmals probiert, denn sicher wurde ihnen mitgeteilt, ab wann sie sich wieder melden können.
    Ich wünsche jedenfalls Herrn Coskun alles Gute für die erleichterte Einbürgerung. Ich schätze sein Anliegen, denn es gibt wirklich junge Männer, die diesen Weg nicht gehen wollen, weil sie keinen Militärdienst in der CH leisten möchten (O-Ton aus einer Familie, die ich kenne!). Und ich freue mich, wenn er sich politisch engagiert.

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  5. Ist es nicht die SVP, die öffentliche Blitzkastenregister führt um den guten, Schweizer Bürger vor Staatsbevormundung zu schützen?

    Rasen, ja gerne, aber nur für Schweizer; meinetwegen auch für reiche Ausländer.

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  6. wenn es nicht zum Heulen wäre, wäre es zum Lachen. Wegen einer Geschwindigkeitsbusse die Einbürgerung verweigern….das steht einer Bananenrepublik „gut“ an, aber nicht einer Nation, die sich brüstet die älteste Demokratie der Welt zu sein. kranker Bürokratismus gemischt mit bünzliger Kleinkariertheit würde ich das nennen

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