Ein Leben lang Kommunist: Zum Tod von Ruedi Bantle

Ruedi Bantle ist sein Leben lang Kommunist geblieben. Die Revolution hat er nicht mehr erlebt: An Heiligabend verstarb Bantle 91-jährig. Aus diesem Grund schalten wir ein Portrait des Basler Politikers nochmals auf, das 2014 erstmals publiziert wurde.

«Ich bereue nichts.» Ruedi Bantle konnte damit leben, dass er die Revolution nicht mehr erleben würde.

Ruedi Bantle ist sein Leben lang Kommunist geblieben. Neben der Politik war dem Arbeiter stets auch die Kunst wichtig. Dass er die Revolution nicht mehr erleben wird, ist für ihn kein Grund zur Resignation.

Würde man Ruedi Bantle ein Original nennen, es wäre eine Respektlosigkeit. In vielerlei Hinsicht entspricht der 88-Jährige dem Schweizer Klischee – im guten Sinne. Er strahlt eine wohlmeinende, aber zurückhaltende Grundanständigkeit aus, hat seinen Lebensunterhalt mit harter Arbeit bestritten, pünktlich alle Rechnungen bezahlt, nie Schulden gemacht.

Vielleicht das einzige, was Ruedi Bantle von anderen Menschen seiner Generation unterscheidet: Seit frühster Jugend ist er der Utopie von der «klassenlosen Gesellschaft» verpflichtet. Ausserdem ist Bantle eines der schwindenden Beispiele des Arbeiterintellektuellen – ein Proletarier, der sich von seiner Arbeit nie davon abhalten liess, sich in seiner Freizeit mit Ökonomie, Politik, Philosophie und Kunst zu beschäftigen.

Solidarität liegt in der Familie

Im Laufe der Jahrzehnte schaffte sich der Mechaniker eine Sammlung von Originalgrafiken an, um die ihn mancher gutbetuchte Schöngeist beneidet. «Für mich hatte die Arbeiterbewegung auch immer einen kulturellen Auftrag», sagt er. «Im Verlauf von 60 Jahren habe ich mit meiner Frau Erika etwa 300 Originalgrafiken und Zeichnungen von engagierten Künstlerinnen und Künstlern gesammelt.» Darunter sind Werke von illustren Namen wie Käthe Kollwitz, Georg Grosz, Paul Camenisch oder Franz Masereel.

Den Sozialismus, die Solidarität mit den Schwachen und Ausgebeuteten, hat Bantle praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Seine Eltern waren Mitglieder der Kommunistischen Partei Schweiz und nach deren Verbot 1944 Gründungsmitglieder der Partei der Arbeit (PdA). Einen Grossteil seiner Freizeit als Jugendlicher verbrachte er in der kommunistischen Jugend und später in der «Freien Arbeiterjugend». Dort ging es zu, wie es in Jugendverbänden halt so zugeht: «Die Wanderungen und Sportveranstaltungen waren für uns manchmal wichtiger als die politische Schulung.»

Anarchos, Kommunisten und Grüne – alle sprechen mit grosser Zuneigung von Bantle und seiner Frau.

1942 begann Bantle eine Mechanikerlehre. Nach dem Abschluss arbeitete er im Rheinhafen als Kranführer, ein paar Jahre später in Bulgarien in einer Brigade im Eisenbahnbau. 1956 wurde er ins Zentralkomitee der PdA gewählt. Im selben Jahr marschierte die UdSSR in Ungarn ein. «Obwohl wir den Einmarsch der Sowjetunion nicht befürwortet hatten, warf uns das als Partei sehr zurück.»

Die 1968er-Bewegung schliesslich führte zu einer Massenabwanderung der jungen Parteimitglieder. Die Partei hatte den Anschluss an die neuen sozialen Bewegungen verpasst. «Auf die Schwulenbewegung, den Feminismus, das Konkurrenzdenken gegenüber den ausländischen Kollegen hatten wir damals einfach keine Antwort. Das alles traf uns unvorbereitet.»

Was Ruedi Bantle nicht daran hinderte von 1970 bis 1984 kräftig in der regionalen Politik mitzumischen. Er kämpfte für Ambulatorien in den Quartieren, trug massgeblich zur Annahme des neuen Abbruchgesetzes, zur Initiative «Grün statt Grau» und zur Parkinginitiative bei. Später wurde er Redaktor der PdA-Zeitung «Vorwärts». Ausserdem war er von 1972 bis 1984 Basler Grossrat und später Bürgergemeinderat (1999–2005).

Integrationsfigur der Linken

Mit der aufkommenden Bewegung um die «Alte Stadtgärtnerei» in den 80er-Jahren wurden Ruedi und seine Frau Erika Bantle zu Verbindungsgliedern zwischen den unterschiedlichsten linken Strömungen und Generationen. Vom verqueren Anarchisten über militante Jungkommunisten bis hin zu Umweltschützern und Sozialdemokraten: Nirgendwo spürt man anderes als grossen Respekt und Zuneigung, wenn von den beiden Integrationsfiguren die Rede ist.

«Eigentlich habe ich immer nach dem Motto von Käthe Kollwitz gelebt», sagt Bantle: «Ich will wirken in dieser Zeit, nicht mehr und nicht weniger.» Da seine Ehe kinderlos geblieben ist, hat das Paar den grössten Teil der Kunstsammlung veräussert und den Erlös an soziale Projekte in Vietnam und Afrika, die Zeitung «Vorwärts», das Zentralamerikakomitee und an ein Behindertenheim in Havanna gespendet.

«Ich bereue nichts», sagt Bantle im Rückblick auf sein Leben. Weder bei ihm noch bei seiner auch nach 50 Ehejahren innig geliebten Frau Erika ist jene Resignation zu spüren, die mancher alte Parteigenosse vor sich her trägt. Ihm sei klar, dass er die Revolution nicht mehr erleben werde, sagt er, während erneut verschmitzte Lachfalten sein Gesicht durchziehen: «Aber der Kapitalismus ist auch keine Lösung – und es pressiert ja nicht.»

Konversation

  1. Ziemlich dreist, meinen Text nochmal zu verwenden ohne mich auch nur anzufragen ob das ok ist. Ist es eben nicht. Sondern, angesichts einer Person wie Ruedi schäbig, geizig und respektlos.

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  2. Menschen die dem schreienden, für viele tödlichen Unrecht dieser Welt nicht tatenlos zuschauen und deshalb ein Leben lang den Greueln von Ausbeutung und Krieg entgegentreten verdienen Respekt. Ruedi war einer der auch meine Hochachtung verdient hat, unabhängig davon, dass ich nicht in seiner Partei war und bin. Schade, dass ich erste jetzt von seinem Tod erfahre, ich hätte ihn gerne auf seinem letzten Weg begleitet.

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  3. Bis vor Kurzem stand hier noch ein despektierlicher «Kommentar» eines Kommunistenfressers, der (es liegt in der Natur der Sache) zwischen «Utopie» und Verbrechen nicht unterscheiden kann (oder eher nicht will).

    Wenn die Welt einfach wäre, dann bräuchte es alle Bantles nicht.

    Seien wir froh, dass er da war: Er hat wenigstens ein wenig verändert.

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    1. „Kommunistenfressers“? Mag sein, das nehme ich genauso als Kompliment wie „Nazifresser“.
      Wenn ein Beitrag den Titel hat: „Ein Leben lang Kommunist“ und dann nicht auch über die Verbrechen und die Opfer (wie sie es auch in meiner Familie gab) welche diese „Utopie“ in der Realität verursacht hat gedacht wird, sondern nur das Leben eines netten Menschen würdigt, so lehne ich dies ab.
      Denn es wird einem dadurch nahe gelegt Kommunismus sei etwas Gutes. Und dies ist, wenn man die Realität dieser „Utopie“ anschaut, eine blanke Lüge. Diese „Utopie“ ist und bleibt eine extremistische Ideologie und nicht alle Anhänger dieser Ideologie sind wie der nette Herr Bantle. Andere Anhänger dieser Ideologie tragen den Namen Stalin, Mao und Pol Pot und dies darf man niemals vergessen! Ansonsten ignoriert man das millionenfache Leid der Opfer der „klassenlosen Gesellschaft“!

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  4. Ruedi Bantle hatte seiner Zeit etliche Weggenossen bei der PDA. Es war aber immer mehr zu beobachten, dass der eine oder andere seinen Idealen untreu wurden und sich aus dem politischen Leben zurück zogen oder sich nicht mehr exponierten. Wahrscheinlich lies es sich so einfacher leben. Ruedi Bantle aber blieb sich und seiner Überzeugung immer treu. Und das gebührt Hochachtung.

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  5. „Kapitalismus ist nicht die Lösung!“
    Er wirft sich wie ein Keil zwischen die Menschen und lässt uns unsere eigentliche Aufgabe auf der Erde vergessen.

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  6. … liebt Ruedi und Erika und wünscht ihnen ein langes Leben.

    Aber ehrlich: Das Schwarzweissbild hat mich gestern etwas erschreckt.

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