S-Hot der Gangsterrapper, Esat das Arbeitstier

Coiffeur bei Tag und Gangsterrapper bei Nacht: Esat Akpinar alias S-Hot vollbringt den Spagat zwischen zwei Welten. Eine Erfolgsgeschichte trotz schlechtester Ausgangslage.

Jake an den Hebeln und S-Hot am Mikrofon. Zusammen wollen die beiden den Schweizer Streetrap neu definieren.

(Bild: Nils Fisch)

Coiffeur bei Tag und Gangsterrapper bei Nacht: Esat Akpinar alias S-Hot vollbringt den Spagat zwischen zwei Welten. Eine Erfolgsgeschichte trotz schlechtester Ausgangslage.

«All my life I’ve been considered as the worst.»
(Notorious B.I.G. in «Hold Ya Head»)

Manche Geschichten beginnen mit einer bösen Ahnung. Die Zeichen stehen auf Desaster, es gibt nur einen Weg und der führt steil nach unten. Die Geschichte von Esat Akpinar ist eine solche Geschichte. Doch Ahnungen können täuschen.

Esat Akpinar ist heute 24 Jahre alt und steht in seinem Coiffeursalon Clean Cut mitten in Kleinhüningen. Es ist ein kleiner Salon: Zwei Friseurstühle, eine Theke, im Schaufenster eine etwas biedere Weihnachtsdekoration. Zusammen mit seinem Angestellten schneidet Akpinar hier seit drei Jahren Haare, stutzt Schnäuze, schärft Bartkonturen. Am Vormittag ist es noch ruhig, später am Tag füllt sich der Salon mit Kumpels und Kunden. Man spricht türkisch, albanisch, kurdisch, breites baseldeutsch. Eine Szene wie in Dutzenden Kleinbasler Coiffeursalons.



Esat Akpinar aka. S-Hot vor seinem Coiffeursalon in Kleinhüningen, der Laden ist gleichzeitig Treffpunkt für seine «Jungs».

Esat Akpinar aka. S-Hot vor seinem Coiffeursalon in Kleinhüningen, der Laden ist gleichzeitig Treffpunkt für seine «Jungs». (Bild: Nils Fisch)

S-Hot steht im Aufnahmestudio, aus seinen Kopfhörern hämmern harte Beats, er rappt energisch seine Zeilen ins Mikrofon. Mit seiner Stimme boxt er Löcher in die rauchgeschwängerte Luft.

«Ich bi Street-Apotheker will ich Stoff tick Bra!
Ihr sind Würscht mit Bart, so wie Conchita.»
(S-Hot in «Auf Jetzt!»)

Am Mischpult sitzt Jake, Produzent bei PW Records, und feste Grösse in der Basler Hip-Hop-Szene. Sein Kopf nickt im Rhythmus von Musik und Anerkennung, seine Hände fliegen über Regler und Computertastatur. Im Vorraum liegen Hanteln, Tabakbeutel und Zigarettenpapierchen. Die Sitzgelegenheiten sind besetzt, Kumpels die eben noch im Coiffeursalon rumhingen, fläzen jetzt hier auf dem Sofa.

Esat, Coiffeur und tüchtiger Sohn türkischer Migranten, und S-Hot, Gangsterrapper und aggressiver Provokateur, sind zwei Seiten der gleichen Person. 

Esat war berüchtigt für seine Rechte, nicht berühmt für seine Reime.

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren die Grenzen zwischen Esat und S-Hot weniger klar gezogen. Damals hat er die Welt, über die er rappt, noch belebt. Es ist die Welt von Drogendealern, Kleinkriminellen, Hooligans und Berufsschlägern. Seine Aggression beschränkte sich nicht auf das Verbale. Esat war berüchtigt für seine Rechte, nicht berühmt für seine Reime. Es sollte schmerzhafte Einsichten und eine ganz bestimmte Begegnung brauchen, damit sich das ändern konnte.

Esat wächst bei seinen Grosseltern in Kleinhüningen auf. Sie sprechen kaum Deutsch und sind dem kleinen Jungen mit der vielen Energie nicht gewachsen. Esat verbringt schon als kleines Kind viel Zeit draussen auf der Strasse, mit anderen Kindern und Jugendlichen. Er ist fünf, als ihn sein Bruder, der Profikämpfer, das erste Mal zum Thaiboxen mitnimmt. Das Kämpfen sollte sein Leben fortan bestimmen. Es war sein Weg, seine Energie und seine Wut gewinnbringend einzusetzen.

«Ich bi wie mi Härz Ah! Ich schloh die ganzi Zyt.»
(S-Hot in «Chugle us Blei»

Es folgt eine problematische Phase, die mehrere Jahre dauert. Vom Training gestählt trägt Esat den Kampf aus dem Ring in den Alltag und auf die Strasse. Er spricht heute nicht gerne über diese Zeit, sie hat ihm viel Ärger und einige Vorstrafen eingebracht. Er will verhindern, dass sie ihn wieder einholt, dass seine Dummheiten von früher seinem Coiffeursalon schaden. Gangster will er nur noch als Rapper sein, die Boxhandschuhe hat er eingemottet.

Das mit dem Rappen hat vor etwa sieben Jahren angefangen. Hip-Hop der härtesten Sorte passte als Soundtrack zum Lebensstil, den Esat und seine Jungs pflegten. Im Gangsterrap erkannten sie sich wieder: Drogendealer, die über ihre Erlebnisse an der Strassenecke und im Gefängnis rappten, über Beats und Sounds, die sich Polizeisirenen und Gewehrfeuer zu eigen machten. An Partys und Freestyle-Turnieren schnappte sich Esat manchmal das Mikrofon. Bald stellte sich heraus, dass er mit Worten ebenso gut umgehen konnte wie mit seinen Fäusten.

Irgendwann gewann er eines dieser Freestyle-Battles, «rasierte» seine Gegner wie Esat gerne sagt. Im Siegestaumel fiel der Entschluss, die Sache etwas ernsthafter anzugehen. Ein Video wurde produziert, auf YouTube veröffentlicht und bis heute über 60’000 Mal angeklickt. S-Hot kam an mit seinem Strassenrap. Seine Reime über Kleinbasels finsterste Ecken stiessen auf Anklang. Also legte er los mit seiner Crew «Basel bi Nacht» (BBN), produzierte Video um Video und schliesslich ein Mixtape, das er kostenlos bereitstellte.

«Ich gseh ä Marktlücke im Schwiizer Rap
Ich schloh Dir ä Zahnlücke und mach witer Cash.»
(S-Hot in «Let’s Get Ready To Rumble»)

Dieses Tape wurde von über 10’000 Menschen heruntergeladen und S-Hot fing an, in Interviews von seinem ersten Album zu sprechen. Das Erscheinungsdatum und der Albumtitel standen fest, noch bevor die erste Zeile geschrieben, der erste Beat produziert war: «Rumble in the Jungle» sollte am 30.10.2015 erscheinen, genau 41 Jahre nach dem gleichnamigen, legendären Boxkampf zwischen George Foreman und Muhammad Ali.

«Ich habe ein Jahr über mein Album gesprochen, produziert wurde es schliesslich innerhalb von knapp zwei Monaten», sagt Esat. Als Freestyler und YouTube-Rapper hat sich Esat eine Fangemeinde erarbeitet, dank derer sein Album direkt auf Platz 6 der offiziellen Schweizer Hitparade aufstieg. Für eine Woche war es gar das bestverkaufte Rapalbum in der Schweiz. Rasiert.

Erfolg ist Esat wichtig. Wenn seine Musik nicht angekommen wäre, hätte er nicht weiter gemacht. «Ich bin zu stolz. Wenn mir niemand beim Rappen zuhören will, höre ich auf damit.» Doch so weit kommt es nicht. Im Gegenteil. Angefeuert von den Verkaufszahlen, hat Esat für den kommenden März gleich sein zweites Album angekündigt. «Das ist unsere Zeit, die müssen wir nutzen», sagt er. Mit «uns» meint er sich und Jake, der S-Hots Reimen musikalisch den Rücken freihält.

Ungefähr zur gleichen Zeit als Esat die Musik ernster zu nehmen begann, suchte er auch sonst nach Alternativen. Anfang 20 schien ihm ein von Schlägereien und Ärger mit der Staatsgewalt bestimmtes Leben plötzlich nicht mehr besonders erstrebenswert. «Ich fragte mich, ob ich mit meinem Leben wirklich nicht etwas Besseres anstellen konnte.» Er konnte.

Zu dieser Einsicht verhalfen ihm aber nicht nur seine ersten musikalischen Erfolge. Viel bedeutender war die Begegnung mit einer jungen Serbin namens Mejra. «Ohne sie wäre ich im Gefängnis, im Spital oder auf dem Friedhof gelandet», ist sich Esat sicher.

«Ohni Dich wär ich scho lang verlore»
(S-Hot in «Rose usem Asphalt»)

Sie wusste nichts über seinen Ruf als Schläger, und er zeigte sich ihr von seiner besten Seite. Mejra und Esat verliebten sich, verbrachten mehr und mehr Zeit miteinander. Statt dass Esat abends und am Wochenende um die Häuser zog und Ärger suchte, blieb er mit Mejra zu Hause. Die Zeit verging und Esat hatte immer weniger gemein mit der Person, die er vor wenigen Monaten noch gewesen war. Im vergangenen Herbst haben Mejra und Esat geheiratet.

Esat baute weiter an seinem neuen Leben. Die Schulzeit war eine Odysee gewesen. Esat wurde von Schulhaus zu Schulhaus versetzt und hin und her geschoben. Die Suche nach einer Lehrstelle blieb erfolglos, niemand wollte dem jungen Mann mit den Vorstrafen eine zweite Chance geben. Also nahm Esat die Sache selbst in die Hand. Er meldete sich für eine private Coiffeurschule an. Die 6’000 Franken, die er dafür pro Semester bezahlen musste, konnte er nur mit grösster Mühe zusammenkratzen.



Esat ist ein Arbeitstier. In seinem Coiffeursalon ebenso …

Esat ist ein Arbeitstier. In seinem Coiffeursalon ebenso wie im Studio. (Bild: Nils Fisch)

Sein Abschluss ist nicht anerkannt, folglich fand er damit auch keine Stelle. Also hängte er sein Diplom in dem kleinen Salon, in seinem Salon, an der Kleinhüningerstrasse an die Wand. Aus Esat dem Rüpel wurde Esat das Arbeitstier.

Die Energie ist immer noch die gleiche wie früher, doch Esat kann sie heute einsetzen, ohne dass jemand zu Boden geht. Auf «Rumble In The Jungle» hat S-Hot einige altgediente Basler Rapper wie Kalmoo, Zitral, Levo Rimed und Krime versammelt. Sogar Griot, seit Langem vom Fenster verschwunden, hat einen Auftritt. Die alte Garde schätzt S-Hots rohe Power, lässt sich davon anstecken.

«Kum S-Hot, jag ihne Angscht i,
all dene Mongis,
Basel isch bald di.»
(Griot in «Staatsfeind»)

Das sagt auch Produzent Jake. «Beim Schreiben und hinter dem Mikrofon ist Esat eine Maschine.» Kaum zwei Stunden benötigen die zwei für einen neuen Song. «Ich zeige Esat einen Beat-Entwurf, er schreibt seine Reime, während ich den Beat ausbaue und eine Stunde später steht er im Aufnahmeraum», sagt Jake.

Natürlich ist das Ergebnis dabei keine lyrische Grosstat, doch darum geht es nicht beim Strassenrap. Kreative Beleidigungen, fiese Vergleiche, übersteigerte Egos, Gewaltandrohungen und Geschichten aus dem Untergrund, all das klingt banal, wenn es nicht authentisch und mit überzeugender Verve brachial ins Mikrofon gebellt wird. Im Streetrap macht die Power den Unterschied zwischen peinlich und grandios.

«Zisch ab, mir wärde dich ins Koma schicke
Das isch Mike Tyson Sound, zum Ohr abbisse.»
(S-Hot in «Das isch Rap»)

Zuerst war «Rumble In The Jungle» für Jake ein Job wie jeder andere. Esat hätte ihm die Studiozeit bezahlt und ihre Wege hätten sich wieder getrennt. Doch als zwei Lieder im Kasten waren, machte Jake Esat ein Angebot: Sie würden das Album unter seinem Label PW Records gemeinsam herausgeben. Die Zusammenarbeit läuft so gut, dass Jake auch die Beats für das nächste Album stellt.

Es wird «Auf Jetzt» heissen und zehn Lieder sind bereits fertig. Auch das nächste Video ist bereits angekündigt.

Die Fans werden also zuverlässig mit neuer Musik und vielleicht auch bald mit einer eigenen Kleiderlinie von S-Hot versorgt. Was fehlt, sind Live-Auftritte. «Das hat irgendwie noch nicht geklappt», sagen Esat und Jake. Vielleicht ist «Rumble In The Jungle» deshalb schon nach einer Woche wieder aus den Charts verschwunden.

Doch Esat wäre nicht S-Hot, wenn er das Blatt nicht auch in diesem Fall wenden könnte.



… wie im Studio und hinter dem Mikrofon.

Im Studio ist S-Hot bereits ein Routinier, die Live-Erfahrung fehlt ihm noch. Doch spätestens nach seinem zweiten Album wird sich das wohl ändern. (Bild: Nils Fisch)

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