Ungebremst auf Titeljagd

Seit zehn Jahren sitzt die frisch gekürte Goldsprint-Schweizer-Meisterin Astried Hübner im Kuriersattel. Diesen Samstag will sie das Jubiläum auch als Basler Meisterin feiern – mit dem Titel aus ihrer neuen Heimat.

Velokurierin Astried Hübner liebt die Strasse – nur E-Bike-Fahrer mag sie nicht.

(Bild: Hans-Jörg Walter)

Seit zehn Jahren sitzt die frisch gekürte Goldsprint-Schweizer-Meisterin Astried Hübner im Kuriersattel. Diesen Samstag will sie das Jubiläum auch als Basler Meisterin feiern – mit dem Titel aus ihrer neuen Heimat.

Velokuriere meiden das Rotlicht wie Vampire die Sonne. Beim «Red Light Crit» am Samstag gehts jedoch nicht um den Ampelfluch, sondern um ungebremste Lieferlust im Milieu. Ab Mittag rasen zwischen Mittlerer Brücke und Kaserne 50 Kurierinnen und Kuriere um den Basler Meistertitel. Gerüstet mit überdimensionierten Taschen und spartanischen Velos müssen sie wie im Berufsalltag möglichst schnell Aufträge liefern, die sie per Telefon erhalten. Da zählen nicht nur dicke Waden. Geschick und Gehirn braucht es genauso.

Im Startpulk steht auch Astried Hübner. Mit zehn Jahren Berufserfahrung in der Tasche gehört sie in der Szene zu den «alten Säcken». «Meine 36 Jahre machen sich nur bei der Lebenserfahrung bemerkbar», sagt Hübner. «Das Kurierleben hält mich jung. Nur beim Sprint steckt halt nicht mehr dieselbe Explosivität in den Beinen.»
 Das klingt schon fast als Drohung an die Mitfahrerinnen, denn im Goldsprint holte Hübner letztes Wochenende an den Schweizerisch-Deutschen Meisterschaften in St. Gallen den Titel.

Bei dieser Disziplin duelliert man sich auf der Velo-Rolle und sprintet ohne Widerstand über imaginäre 250 Meter. Was ziemlich locker klingt, ist in der Realität ein echter Härtetest. Wegen diesen nicht mal 15 Sekunden Speed-Spuhlen musste sich schon manch Fahrer wortwörtlich auskotzen. Hübner: «Da hat mein Quäl-Gen mal wieder Qualität bewiesen. Wirklich geschmerzt hat aber, dass ich das Hauptrennen absagen musste.»

Eine Erkältung zwang Hübner zum Forfait. Dabei ist sie trainiert und motiviert wie lange nicht mehr. «Letztes Jahr hatte ich eine Krise und dachte: ok, zum Zehnjährigen höre ich auf mit Kurierfahren. Doch diesen Frühling wurde mir klar: Ne, ich fahr so lange Kurier, bis ich vom Fahrrad falle! Und im Sommer wurde auch die Lust auf Wettkämpfe wieder geweckt.»

Seit Juni eilt sie von Rennen zu Rennen – nicht nur Kuriermeisterschaften. Hübner fährt auch bei den Fixed-Kriterien mit. In der Schweiz sind diese Rennen, wo man mit Bahnrädern ohne Bremsen auf abgesperrten Rundkursen durch die Städte rast, noch nicht angekommen. Hübner reiste deshalb quer durch Europa: Rotterdam, London, Hamburg, Frankfurt und Amsterdam waren die letzten Stationen. Berlin und Mailand warten noch. «Diese Fixed-Serie ist nicht ganz so dreckig wie Kurieranlässe, aber es hat hier einige aus der Messenger-Familie und es wird auch Party gefeiert.»

Vom Kurier- auf den Bürostuhl

Hübner fährt denn auch ab nächstem Jahr für das Team Mess Pack Berlin. Das passende Rad für die Rennen haben ihre Kurierfreunde vom Bike Syndicat aus Köln zusammengebaut. In beiden Städten lebte und arbeitete Hübner auch als Kurierin. «Die Kurier-Szene funktioniert wie eine Familie. Du kannst überall auf der Welt arbeiten, und wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich auf die Kuriere verlassen.» Ausserhalb der Schweiz zählt das auch bei Unfällen. «Hier verdient man als Kurier dreimal so viel wie in Deutschland und ist erst noch versichert.»

«Yoga ist eine super Sache, die Strasse kann es aber nicht ersetzten.»

In Berlin wäre Hübner froh um Versicherungsschutz gewesen. «Ein russisches Auto schoss mich mit 70 Km/h von links ab. Das Rad war komplett am Arsch. Das Auto ebenso. Ich hatte zum Glück nur eine schlimme Gehirnerschütterung und war auf der ganzen linken Seite blau – aber nichts gebrochen.» Ohne Versicherung musste sie nicht nur für das Material zahlen, sondern nach drei Wochen auch wieder in der Sattel, damit was auf den Teller kommt. Weil ihr damaliges Arbeitsgerät, ein Rennrad, kaputt war, musste sie auf ihr Freizeitrad umsteigen und fährt seither meist Bahnrad. «Minca ist meine treue Kurierschlampe», sagt sie. Alle ihre Velos tragen Frauennamen und werden herzlich Schlampe gerufen. «Der raue Jargon kommt wohl auch daher, dass die Kurierwelt sehr Jungs-lastig ist. Aber das liegt mir durchaus.»

Doch ausschliesslich Kurierfahren ist auch für Hübner zu viel. «Als ich im Juli 2011 in Basel anfing, fuhr ich vier bis fünf Schichten die Woche, also fast täglich. Nach eineinhalb Jahren war ich hungrig auf Abwechslung. Die Beine waren müde und ich brauchte vor allem wieder Futter für das Hirn.»

Eigentlich hat Hübner ja Kommunikations-Design studiert. Auf der Suche nach einem Ausgleich für den Kopf fand sie in Basel eine Stelle als Grafikerin, musste aber zu 100 Prozent einsteigen. «Das war ein harter Wechsel vom Kurier- auf den Bürostuhl. Den Mangel an Glückshormon-Ausschüttung auf dem Rad konnte auch der für mich astronomisch hohe Lohn Ende Monat nicht ausgleichen. Ich stürzte in ein Loch.» Auch Yoga, das ihr Arbeitskollegen als Ausgleich empfahlen, funktionierte nur halbwegs. «Yoga ist eine super Sache, die Strasse kann es aber nicht ersetzten.»

«Mit 18 Jahren wollte ich nur tanzen und die Nächte auf Techno-Partys durchfeiern. Jetzt suche ich den Rausch durch den Tag auf dem Rad. Das ist nun mein Rock ’n’ Roll.»

Seit knapp zwei Jahren hat Hübner die perfekte Mischung gefunden und kümmert sich zu 50 Prozent um Marketing, Kommunikation und Grafik eines Schweizer Anbieters, der Sicherungssysteme für Hochseilparks herstellt. «So reicht die Kohle, und ich habe vor allem genug Freiheit, um auch noch Rad zu fahren, Yoga zu machen und zu klettern.»

Dieses Freiheitsdenken hat sie wohl vom Vater. Der stellte sich in der DDR gegen das System und durfte 1988 mit der Familie zu Verwandten nach Köln ausreisen. Hübner: «Der Osten ist meine Herkunft, Köln meine Hood und Basel meine Heimat. Ich vermisse manchmal die wunderbar versifft-dreckigen Ecken der Grossstädte. Dafür bin ich schnell in der Natur. Mit 18 Jahren wollte ich nur tanzen und die Nächte auf Techno-Partys durchfeiern. Jetzt suche ich den Rausch durch den Tag auf dem Rad. Das ist nun mein Rock ’n’ Roll.»

Wer ist hier gefährlich?

Dass sie in Basel Bremsen an ihr Bahnrad montieren muss, stört sie. Anderes aber noch mehr. «Hier und in Zürich werden Räder schon viel kontrolliert. Aber mein Feindbild auf der Strasse sind die Elektrovelos. Du hörst sie nicht und die Fahrer kommen in hohem Tempo, können aber nicht fahren. Da halte ich Fixie-Freaks, die das Velo beherrschen, für weit weniger gefährlich.»

Ob bei den Basler Meisterschaften «Minca» oder Bahnschlampe «Betty Ford» geritten wird, weiss Hübner noch nicht genau. Erst muss die Erkältung abklingen.
 Abends wird dann so oder so die Jubiläums-Party gefeiert. «Basel geniesst in der internationalen Kurierszene nicht nur einen Top-Ruf, weil die Rennen hier immer gut organisiert sind und es lecker Essen gibt: Kuriere wollen auch feiern!»

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Die Basler Meisterschaften der Velokuriere finden vom 10. bis 13. September 2015 im Rahmen des Velofests Basel statt. Am Fest selbst gibt es zahlreiche Events und Aktivitäten. Das Provisorisches Programm für den 12. September 2015

  • 12:00           > Beginn auf Festgelände
  • 13:00-15:00 > Final Défi Vélo
  • 13:15-14:45 > Basler Meisterschaft Velokuriere
  • 14:45-15:30 > FunGames Velokuriere
  • 15:30-16:00 > Siegerehrungen Velokuriere und Défi Vélo
  • 16:00-17:00 > Korso durch die Stadt
  • 17:00-17:30 > Offizieller Festakt
  • 17:30-18:30 > Finalläufe PumpTrack
  • 18:30-19:00 > Siegerehrungen Pumptrack
  • 19:00-20:00 > …kurzes Atemholen…
  • 20:00-21:30 > Konzert Schwellheim
  • 21:30-22:00 > Ausklang auf dem Festgelände

Mehr zum Fest.

Konversation

  1. Ich werde nie begreifen, warum gewisse Velofahrer meinen ohne Bremsen auszukommen.
    Ansonsten: Ich mag den „Soundtrack“ zum Goldsprint Video 🙂

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