Auf Albert Hofmanns Spuren durchs Basler Pendlergewühl

Rund um den Holzpark am Klybeckquai wurde am Donnerstag das «LSD-75»-Festival eröffnet. Unter anderem mit einer Gedenk-Fahrradtour zwischen Basel und Bottmingen. Ein Reisebericht.   

Es ist kurz nach vier an diesem Donnerstag und der stahlblaue Himmel spannt sich wie die Planen der umliegenden Zelte über den Hafen. Suchbewegungen in Helm, Radlerhosen, Strümpfen. «Bist du auch hier für die Radtour?»

Treffpunkt: ein kleines rotes Klapprad mit Körbchen an der Lenkstange. Darin lag ein Stapel Papiere, «für die Route, damit sich keiner verfährt», sagt Anna* im weissen Kittel und reicht die Papiere herum. Ein Druck von Google Maps, viel zu klein um irgendwas zu sehen. Sollte sich jemand verfahren, würde der Zettel kaum weiterhelfen, so viel steht bereits fest.

Aber Anna ist ja da, also braucht sich niemand Sorgen zu machen. Heiss wie es ist, trägt Anna ihren weissen Kittel zwar ungern, aber ein bisschen Folklore muss sein, sagt die Doktorandin für pharmazeutische Chemie an der ETH Zürich.

Folklore heisst in dem Fall: Aufzusatteln für den legendären Bikeride auf den Spuren Albert Hofmanns, der am 19. April 1943, also auf den Tag vor 75 Jahren, mit 250 Mikrogramm Lysergsäurediethylamid im Leib von den Sandoz-Labors in Basel nach Hause pedalte und dabei die wunderlichsten Dinge erlebte.

Ihm zu huldigen, dafür sind die Leute heut hier.

«Bleibt sicher, nehmt Rücksicht» ruft Anna und der Zug von 40 Behelmten setzt sich in Bewegung, weg von der Uferstrasse, unter dem rostigen Kranen hindurch über die Dreirosenbrücke und vor die Tore des Novartis-Campus.

Erster Auflauf, kurze Verwirrung. Tom, der den Zug leiten sollte, ist weg.

Dafür lacht einem beim Blick über die Schulter Achim entgegen: «Na, wie gehts denn nun weiter?» Achim trägt ein buntes Gilet über der nackten, sehnigen Brust, auf dem Kopf trägt er, Ton in Ton, einen Hut. Und Achim hat eine Brille, die in gelbschillernder Farbe zwei Katzenaugen projiziert. «Ich seh da drunter ganz normal, ich schwörs dir», sagt Achim.

Der Zug fährt weiter. Biegt auf den Luzernerring über die Gleise des St. Johanns und fährt hinein in die Windungen der Vorstadt, wo sich nun die hofmannsche Jüngerschar und der einsetzende Abendverkehr in die Quere kommen.

«Toll find ich das, richtig toll», ruft Tabea und betätigt energisch ihre Klingel, bis dass der ganze Zug mitklingelt und plötzlich liegt da auch eine politische Note in der Luft. «Mit welcher Selbstverständlichkeit sich die Autofahrer das Recht nehmen, uns den Raum und die Luft zu nehmen, die sollen ruhig kurz in sich gehen», sagt Tabea.

Und vor den Ausfahrten der Kreisverkehre zwischen Kannenfeld und Bottmingen stauen sich die Autokolonnen, hinter verspiegelten Windschutzscheiben ist nur schwer zu erkennen, ob die Fahrer dort in sich gehen. Oder kochen vor Wut.

Einmal rechts abgebogen, Stop. Holeestrasse. Hier habe Hofmann mal gewohnt, 1939 sei das gewesen,  ruft Anna von vorne und sie erzählt noch mehr aber so richtig versteht das ein paar Radreihen weiter hinten schon niemand mehr. Ein Mann in weinroter Samthose beugt sich höflich zu einer Frau im gelben Shirt, er wohne hier, wollte nur kurz Zigaretten kaufen und dann sowas.

Der Mann freut sich sichtlich, ist interessiert, hat auch den Namen Albert Hofmann schon gehört, weiss aber nicht wo der Holzpark ist, oder die Uferstrasse, wo später noch dieses Feuer angezündet werden soll. Aber er freut sich über die Einladung, vielen Dank, vielleicht schaut er am Wochenende mal vorbei.

Weiter fährt also der Tross und man fragt sich gegenseitig, was denn der Halt eben sollte: «Was, da hat Hofmann gewohnt?» Zwei Jungs in Gummisandalen, in denen jede Zehe ihren eigenen Platz zum Wohnen hat, drehen um. Fotos machen. Zum Glück haben sie die Karte.

In den verkehrsberuhigten Seitenstrassen Bottmingens entspannt sich die nervöse Gemengelage zwischen Pendlerstrom und Pilgerfahrt.

Links und rechts sprudeln die Brunnen in den Gärten, die spröden Replika marmorweisser Engel winken lasziv über Thujahecken auf die Strasse hinüber. Mehr Platz zum Rollen, mehr Platz zum Plaudern. Tonka aus Wien ist den ganzen Weg hergekommen für «LSD 75», das viertägige Festival im Gedenken an die phänomenale Erfindung Albert Hofmanns.

Sein Rad habe er sich von einem «Basler Bürger» ausgeliehen, sagt er, in der ganzen Stadt seien ja vor lauter schönem Wetter keine Räder mehr zu mieten gewesen. «Alles ausgemietet» nennt er das.

Jedem sein Andachtsmoment

Tonka sieht jung aus, kaum spriesst ihm der Bart über der Lippe, aber er ist ganz begeistert, wenn er von Hofmann und der Wirkung erzählt, die seine Forschung und Arbeit auf ihn hat. «In Wien nennen sie mich die kleine Apotheke», sagt er und klopft sich fröhlich auf die Bauchtasche. Besinnt sich dann aber und kriegt gerade noch so den Lenker zu packen, denn der Konvoi biegt scharf nach rechts und dann gehts so steil hinauf, dass gekeucht wird. Dann sind wir da.

«So, hier ists», sagt Tom, der sich inzwischen wieder als Reiseleiter etablieren konnte. «Hier wohnte Albert Hofmann».

Hier wohnte also Albert Hofmann, der Erfinder des LSD. Also, nicht wirklich in diesem Haus, sagt Tom, das alte sei irgendwann abgerissen worden. Aber hier stand es, hier Ecke Sonnenrain/Oberwilerstrasse. Hier war es. Also rücken alle die Räder zusammen auf der andern Strassenseite, drängen sich in eine quadratische Garageneinfahrt zwischen Chromstahlgittern und Sichtbeton und applaudieren laut.

Und zünden sich eine Zigarette an. Jedem sein Andachtsmoment.

Ada schält eine Banane. Ein Herr in Dreiviertel-Hosen verschenkt Rauchquarzkristalle. Und irgendwo blitzt schüchtern eine hellblaue Phiole in den Abendhimmel, ist schon wieder weg, Reissverschluss zu.

Anna, die mit all dem Pathos nichts zu tun hat, zerrt sich den Folklorekittel vom Leib. «Feierabend», sagt sie und erzählt dann doch noch so dies und das über die Strahlkraft der hofmannschen Arbeit für den Forschungsstandort Basel.

Ein Bad im Brunnen

Zwischen den Pedalen brandet erneuter Applaus auf, will sich den Weg bahnen zwischen Sichtbeton und Hauptstrasse zur Hausnummer 41 oder 39 hinüber aber ein BMW hupt die Verzückten rüde aus dem Weg. Der Fahrer will heim. Hat auch Feierabend. Und offenbar keine Nerven für die historische Bedeutung dieses Ortes.

Also fädelt die Schar wieder ein in den jetzt schon dickflüssigen Abendverkehr, perlt die Hauptstrasse herab über den Dorenbach hinweg Richtung Schützenmatte wo noch ein Brunnen in Beschlag genommen wird. «Trinkpause» – kann Anna nicht ganz ausformulieren, da sitzen schon zwei ohne Hosen im Wasser. «Badepause.»

Er kenne den Weg zu Hofmanns Adresse in- und auswendig sagt Achim über den Brunnenrand hinweg, die Katzenaugenbrille hat er vorsichtshalber über den Hut gestülpt. Er kommt einmal im Jahr hierher und pedalt die 7,5 Kilometer oder wie viele es sind, in stiller Andacht ab. Anerkennendes Nicken. Man erzählt sich von ähnlichen Reisen.
Und man fragt nach den eigenen Erfahrungen die man mit Hofmanns Forschung gemacht habe, ob eher gute oder schlechte vielleicht. Die guten überwiegen, so hört man, das sei alles in allem eine wirklich positive Sache.

Zurück an der Uferstrasse ist gerade die Live-Übertragung der Konferenz in Münchenstein zu Ende gegangen, die hier über Lautsprecher zwischen die Steine und Strohballen transportiert wurde. Die Sonne geht unter. Es sei Zeit für die Eröffnungszeremonie.

Also fassen sich alle an den Händen, die Radfahrerinnen, Dazugekommenen, Passanten.

Und zu den dumpfen Schlägen auf zwei kuhhautbespannte Tamburine singen die einen ein Lied und zünden andere ein Feuer an. Das LSD-Festival zu Ehren Albert Hofmanns ist damit eröffnet.

*Namen geändert. Das #LSD75 Festival  läuft noch bis am Sonntag, den 22. April. Hier gehts zum Programm. 

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