Ein Rundgang ausserhalb des Olympia-Ghettos

Sotschi erlebt die Winterspiele auf ihre eigene Art: Während die westliche Welt auf Olympia schaut, zelebrieren russische Schwulen und Lesben im Nachtclub Majak eine seltene Freiheit in ihrer Heimat. Eine Reportage aus der Stadt am Schwarzen Meer, die nicht so ganz ins Bild der Wettkämpfe passt.

In this photo taken Saturday, Feb. 8, 2014, Veranda, who would only his stage name, gets ready backstage to perform at the Mayak cabaret, the most reputable gay club in Sochi, Russia, host to 2014 Winter Olympics. Russia adopted a law last year, prohibiti (Bild: DAVID GOLDMAN)

Sotschi erlebt die Winterspiele auf ihre eigene Art: Während die westliche Welt auf Olympia schaut, zelebrieren russische Schwulen und Lesben im Nachtclub Majak eine seltene Freiheit in ihrer Heimat. Eine Reportage aus der Stadt am Schwarzen Meer, die nicht so ganz ins Bild der Wettkämpfe passt.

Das Nachtprogramm im Majak beginnt mit einer patriotischen Einlage der etwas anderen Art. Ein Video wird abgespielt, in dem die russische Nationalhymne von Lesben, Schwulen und Kindern gesungen wird, so wunderbar und melancholisch, wie sie nur sein kann. Die Gäste in Sotschis bekanntestem Schwulenclub unterbrechen ihre Gespräche; es ist eine ergreifende Antwort auf Russlands umstrittenes Gesetz, das «homosexuelle Propaganda» bestraft, vermeintlich zum Kinderschutz.

Alexej hat sich an der Bar einen Wodka mit Apfelsaft geholt. Er ist aus Moskau und alleine hier. Das heisst, nach Sotschi ist er mit einem Freund gekommen, aber dem hat er nicht gesagt, wo er hingeht, denn sein Kumpel ist «natürlich». Alexej sagt das wirklich so: «natural».

Er selbst hingegen ist schwul. Seine Familie weiss das nicht. Das weiß eigentlich nur sein Freund, der in Moskau geblieben ist: Zusammen geht das Paar nicht in die Öffentlichkeit. Alexej hat seinem Freund versprochen, dass er ihm von den Winterspielen eine Schneeflocke mitbringen wird.

Von Schwänzen und Titten

Doch bevor es im Majak allzu sentimental werden kann, betritt Zaza Napoli die Bühne, eine Drag Queen mit riesigem Dekolleté. In ihrer politisch maximal unkorrekten Kabaretteinlage geht es vor allem um «Schwänze» und «Titten» und ein bisschen auch um Putin, wie Alexej verrät: «versaut, aber elegant» findet er ihren Humor.

Es ist wohl ein gutes Zeichen, dass das Thema im Majak nicht totgeschwiegen wird. Das Thema, das große Teile der Weltöffentlichkeit gegen Russland aufgebracht hat, das zwischenzeitlich zu Boykottaufrufen führte und bei der Eröffnungsfeier beispielsweise zu einer dezidierten Toleranzaufforderung von IOC-Chef Thomas Bach an die Politik.

Alles halb so wild, findet Alexej, denn «in Russland existieren viele Gesetze nur formal». Das mit dem Kinderschutz könne er schon verstehen, und in den fünf Schwulenklubs Moskaus habe es nach der Gesetzeseinführung nur einmal ein Problem mit den Autoritäten gegeben, aber dann habe der Besitzer bei Putin angerufen – «sein Klub ist immer noch geöffnet».

Aber ist es wirklich so normal, im Verborgenen zu lieben und falsche Spuren legen zu müssen, um die echten zu verwischen? Alexej sagt, er habe nie ein Problem mit seinem Doppelleben gehabt, von dem er eine erste Ahnung bekam, als er sich mit acht in einen neuen Klassenkameraden verknallte.

«Sowjet» vom anderen Ufer

Olympia im Majak: An der Bar küssen sich Männer, die Tanzfläche belegen Frauen, die ziemlich heterosexuell wirken, und auf der Bühne tritt jetzt Waranda auf, der nächste Transvestit. Sie hat nicht nur riesige Kunstbrüste umgeschnallt, sondern trägt zum Sportfest auch eine Retro-Trainingsjacke aus Sowjetzeiten, die ikonischen CCCP-Buchstaben mit reichlich Pailletten betont, und um den Hals eine dieser Akkreditierungen, die selbst Zuschauer für den Olympiapark benötigen.

In etwa das gleiche Freiheitsgefühl, das heimliche Homosexuelle im Majak empfinden müssen, befällt den Reporter, wenn er für ein paar Stunden das olympische Sicherheits-Ghetto verlässt.

Es geht entspannt und gemächlich zu im Zentrum von Sotschi. An der Hafenpromenade kündigt ein Bolide die anstehende Formel-1-Premiere der Stadt an, vor den Luxusgeschäften stehen künstliche Kirschblüten und hinter den Jachten ankern bombastische Kreuzfahrtschiffe. Als die Sonne im Schwarzen Meer versinkt, sind die Geschäfte voller als die Olympia-Fanzone mit ihren Riesenbildschirmen.

Schneesport interessiert nicht wirklich

Die Kurstadt begleitet das erste Wochenende ihrer Spiele mit höflichem, aber überschaubarem Interesse. Das liegt wohl auch daran, dass Russland im Allgemeinen und die Bewohner seiner wärmsten Stadt im Besonderen mit Schneesport nicht allzu viel anfangen können.

Die Bars am Ufer schalten ihre Fernseher erst ein, als am Abend die Eiskunstlaufwettbewerbe beginnen. Und wo die Einheimischen essen gehen, ein paar Kilometer weiter südöstlich vom Hafen, vorbei an Parks, Springbrunnen und der Datsche von Stalins Geliebter, gibt es erst gar keine Fernseher.

«Sotschi war eine viel schönere Stadt, bevor Olympia kam: Alles war grün, Natur, Bäume». Die Meinung hat Natascha im Café Derevnya nicht exklusiv. Sie trägt enge Leggins mit Leopardenoberteil und gehört zu einer Geburtstagsfeier, bei der sich alle Mädchen sehr viel Mühe mit ihrer Kleidung gegeben haben, derweil die Männer ihre Ressourcen eher aufs Trinken konzentrieren.

Es ist, für Sotschi typisch, eine multikulturelle russische Abendgesellschaft, viele haben Wurzeln in den nahen Ex-Sowjetrepubliken Georgien und Armenien. Und womöglich liegt es auch daran, dass es eine sehr offene Abendgesellschaft ist. Igor, der einzige, der permanent grimmig dreinschaut, informiert jedenfalls, man solle sich bloss nicht einbilden, dass Besucher überall so herzlich an den Tisch gebeten würden wie bei ihnen im Derevnya.

Natascha fügt noch hinzu, dass Olympia in der Stadt trotz allem eine tolle Sache sei, und auch mit dieser Ansicht trifft sie wohl die allgemeine Befindlichkeit. Warum es gegen die negativen Aspekte dieser Olympischen Spiele nicht das geringste öffentliche Aufbegehren gibt, hat aber natürlich trotzdem ganz andere Gründe.

Der unpatriotische Park

Die Demonstrationszone liegt im Stadtteil Hosta, auf halbem Weg zwischen dem Zentrum und dem Olympiagelände in Adler. Ja, Demonstrationszone. Nur hier, im «50-Jahre-Sieg-im-Vaterländischen-Kriegs-Park», hinter den Brücken der Schnellstraße, dürfen sich Kritiker während dieses Treffens der Weltjugend versammeln – und wenn sie es tun, dürfen ihre Bekundungen nichts mit den Olympischen Spielen zu tun haben. Anders gesagt, man lässt es einfach gleich bleiben: Abgesehen von ein paar Müttern mit ihren Kindern ist der patriotische Park menschenleer.

Alexej, der homosexuelle Russe, der in Moskau ein Doppelleben führt, hat das Demonstrationsgelände auch nicht auf der Reiseroute. Er ist wegen dem Sport nach Sotschi gekommen. Am meistens freut er sich auf Frauen-Eishockey.

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