Ab 80 ist Schluss mit Rente

Die steigende Lebenserwartung der Menschen bringt die Pensionskassen in Schwierigkeiten. Ein radikales neues Finanzierungsmodell könnte Bewegung in die Rentendiskussion bringen. 

Die steigende Lebenserwartung der Menschen bringt die Pensionskassen in Schwierigkeiten. Ein radikales neues Finanzierungsmodell könnte Bewegung in die Rentendiskussion bringen. 

Das lange, gesunde Leben, das wir uns alle wünschen, kann für Pensionskassen zum Albtraum werden – oder wenigstens zum Risiko, zum «Lang­lebensrisiko». Um es zu beheben, werden vor allem zwei Massnahmen vorgeschlagen: späteres Pensionierungsalter und/oder Senkung des Umwandlungssatzes, mit dem das vorhandene Alterskapital in eine lebenslängliche Rente umgewandelt wird. Beides entspricht in der Wirkung einer Senkung der ­Renten.

Beide Richtgrössen werden politisch festgelegt. Sie sind deshalb nur schwer zu verändern; bei jeder Verschlechterung droht ein Referendum. Und zwar eines mit guten Erfolgsaussichten – wie zuletzt jenes im März 2010, als eine weitere Senkung des Umwandlungssatzes mit über 70 Prozent Nein-­Stimmen überaus deutlich verworfen wurde. Das Referendum hatte die Ge­werkschaft Unia ergriffen.

Mit diesem Abstimmungssieg blieb allerdings das zugrunde liegende Problem ungelöst. Die Menschen werden immer älter: Laut Berechnungen des Bundesamtes für Statistik könnte bis zum Jahre 2050 die sogenannte Rest-Lebenserwartung von 65-Jährigen nochmals um rund fünf Jahre zunehmen: 65-jährige Männer werden dann im Durchschnitt 89,5 Jahre alt, 65-­jährige Frauen sogar 92 Jahre.

Wobei der Medizin in den nächsten Jahrzehnten durchaus weitere Quantensprünge gelingen dürften, die die Lebenserwartung weiter erhöhen könnten – etwa in der Krebsmedizin oder mit individuell massgeschneiderten Medikamenten, auf welche zum Beispiel das Basler Pharmaunternehmen Roche setzt. Dann wäre bis 2050 selbst eine Lebenserwartung von 100 Jahren in Reichweite. Das wäre für die dann noch rüstigen 95-Jährigen zwar sehr schön, für ihre Pensionskassen wäre es jedoch ein Desaster.

Ausserdem ist der für den aktuellen Umwandlungssatz massgebliche technische Zins, der je nach Pensionskasse knapp über oder knapp unter vier Prozent liegt, auf absehbare Zeit wohl kaum mehr zu erwirtschaften. Schon gar nicht lässt er sich über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren garantieren – wie uns das die Experten noch bei der Einführung des Berufsvorsorge-Obligatoriums weismachen wollten.

Immer wieder empörte Proteste

Das heisst kurz und bündig: Die Renten müssen künftig mit weniger Geld länger gezahlt werden. Unter­deckungen bei den Pensionskassen werden chronisch, die vorgeschlagenen Sanierungsmassnahmen und die dazugehörenden empörten Proteste werden zum Running Gag.

Das sieht auch die mit ihrem letzten Referendum siegreiche Gewerkschaft so. Rita Schiavi, in der Unia-Geschäftsleitung zuständig für Sozialversicherungsfragen, konstatiert, dass praktisch alle Sanierungsvorschläge nur dazu führen, dass mehr Geld in die zweite Säule gepumpt wird, für das es dann aber kaum hinreichend rentable Anlagemöglichkeiten gebe.

«Die Pensionskassen sind selber Teil des Problems», sagt Schiavi. Weil das enorme angesparte Kapital, gegen 700 Milliarden Franken, keine Investitionsmöglichkeiten mehr findet – jedenfalls keine, welche die langfristig notwendige Verzinsung versprechen. Deshalb wehrt sich die Unia dagegen, immer mehr Geld in das System der zweiten Säule einzuschiessen. Und weil dieses Nein zwar richtig ist, auf Dauer aber nicht ausreicht, bemüht sich die Unia um alternative Lösungen für die Finanzierungsprobleme der Pensionskassen.

Weg mit dem «Langlebensrisiko»

Eine denkbare, ziemlich radikale Lösung lautet: «Entlasten wir die Pen­sionskassen vom ‹Langlebensrisiko›!» Mit diesem Ansatz, der auch innerhalb der Unia noch nicht ausdiskutiert ist, will Rita Schiavi den Druck von den Pen­sionskassen nehmen, ständig mit der Gefahr der Unterdeckung zu leben, die dann entweder zu Sanierungsmassnahmen zwingt oder zu riskanteren Anlagen verführt, die den Schaden noch vergrössern können.

Das «Langlebensrisiko» auszulagern, könnte konkret bedeuten: Die Pensionskassen sind im Bereich des Versicherungsobligatoriums nur noch verpflichtet, die versprochenen Renten bis zum Alter 80 zu entrichten; danach übernimmt ein zentraler, umlagefinanzierter Sicherheitsfonds die Fortzahlung der Rente.

Für die Pensionskassen brächte dieses Verfahren mehr Planungssicherheit, weil der Zeitraum, in dem die Rente ausgerichtet werden muss, begrenzt ist. Die Bereitstellung von Reserven oder Rückversicherungen für die Finanzierung des «Langlebensrisikos» entfiele. Der technische Zinsfuss könnte sehr niedrig gehalten werden, der Umwandlungssatz hoch – als extreme Variante wäre sogar ein Zinssatz null denkbar, bei dem das angesparte Alterskapital ganz einfach in 180 gleich bleibenden Monatsraten aufgezehrt würde. Auf jeden Fall wäre die Gefahr viel kleiner, alle paar Jahre wegen der Kapitalmarkt-Entwicklung in Unterdeckung zu geraten. Aus Renditen, die über den geringen technischen Zinssatz hinausgehen, könnten zum Beispiel Rentenanpassungen oder Prämien an den vorgesehenen Sicherheitsfonds finanziert werden.

Dieser Teil des Systems wäre kostengünstiger zu bewirtschaften als bisher, die entsprechenden Beiträge wären geringer. Dafür müsste der Sicherheitsfonds finanziert werden. Hier setzt das Modell auf das Umlageverfahren, wie es auch in der AHV angewendet wird: Die Erwerbstätigen und ihre Arbeitgeber ­finanzieren mit ihren Beiträgen die ­Einkommen der Rentner – neu eben auch die Renten der über 80-Jährigen. Dass sich dies unweigerlich auf die Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern auswirken wird, ist auch Rita Schiavi klar. Sie ist jedoch überzeugt, dass dieses Modell «günstiger zu stehen kommt und sicherer ist, als wenn man stabile Renten bei höheren Lebens­erwartung vorfinanzieren müsste».

Im Übrigen, so meint sie, stimme es ohnehin nicht, dass in der zweiten Säule jede Generation nur für sich und die eigene Rente spare. Es ist ja immer die aktive Generation, welche die Wirtschaftsleistung erarbeiten muss, aus der die Anlagerendite auf dem Alterskapital der Rentner gespiesen wird. Offenkundig wird die Umverteilung zwischen den Generationen immer dann, wenn eine Pensionskasse in Schieflage gerät und saniert werden muss; dann bezahlen nämlich in der Regel nur die aktiven Mitglieder und die Firmen die Sanierungsbeiträge. Also wäre eine Verstärkung der Umlagefinanzierung in der zweiten Säule nichts umwerfend Neues.

Schritt aus der Sackgasse

Ob dieses Modell in die Tat umgesetzt werden kann, steht in den Sternen. Es ist wohl nicht einmal innerhalb der Unia unumstritten. Aber es könnte ein erster Schritt sein, der aus der gegenwärtigen Sackgasse hinausführt, in welcher der einen Seite nichts anderes einfällt, als die Renten zu kürzen (wahlweise mittels Pensionsalter 67, 70 oder noch mehr und mittels einer weiteren Reduktion des Umwandlungssatzes auf 6,4 oder gar 6,2 Prozent), und die andere Seite ausser ihrem entschiedenen Nein auch keine konstruktiven Beiträge bietet.

Wichtig ist nicht, ob dieses Modell gegen andere Vorstellungen siegen wird. Wichtig ist die Hoffnung, dass die darin enthaltenen Denkanstösse Gegenstand von Gesprächen werden können. Die zweite Säule ist nicht einfach eine Sparkasse, bei der man sein Geld für den späteren Konsum einzahlt; sie ist eine Sozialversicherung. Und zu deren wichtigen Eigenschaften zählt seit jeher, dass sie dem Wohl des Ganzen dient, dass die Starken für die Schwächeren einstehen und diese mittragen. Das vorgestellte Modell trägt diesem Verständnis jedenfalls eher Rechnung als das Rezept Rentenkürzung.

 

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 10.02.12

Konversation

  1. Ob sich die Idee von Schiavi durchsetzen wird, steht mehr als nur in den Sternen. Aber es ist gut, dass einmal über andere Finanzierungsmodelle diskutiert wird, denn dass das aktuelle System nicht auf die ständig wachsende Zahl der RentnerInnen ausgerichtet ist, ist wohl jedem klar. Man kann zwar das Rentenalter erhöhen, nur, wer beschäftigt diese Menschen? Bereits jetzt haben es ältere Stellensuchende auf dem Arbeitsmarkt sehr schwer. Das Problem wird also nur verlagert, von den Pensionskassen auf die Arbeitslosenkasse. Und schlussendlich ans Sozialamt. Keine gute Lösung.

    Dann also lieber sinkende Renten? Nur wer bezahlt dann die immer weiter steigenden Gesundheitskosten? Auch wer lange rüstig ist, kommt häufig irgendwann in die Lage, sich nicht mehr selber versorgen zu können. Der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft ist nicht mehr so, dass die Angehörigen ihre Eltern bei sich zu Hause pflegen wollen – meist wegen ihrer Berufstätigkeit auch nicht können. Es ist illusorisch zu glauben, dass gerade wenig verdienende Arbeitnehmer während ihrer Erwerbstätigkeit so viel zur Seite legen können, um die Lücken, die durch sinkende Renten entstehen, langfristig füllen zu können (wobei anzumerken ist, dass auch mit höherer Rente ein Alters- oder Pflegeheim auf Dauer schwierig zu finanzieren ist).

    Im Artikel wird im letzten Abschnitt die Sozialversicherung beschworen. Sie diene dem Wohl des Ganzen. Wie wahr und immer noch gültig. Nur leider stimmt der zweite Nebensatz nicht mehr. Die Starken stehen immer weniger für die Schwächeren ein. Wenn die Starken nur einen Bruchteil mehr leisten würden, müsste man sich keine neuen Modelle ausdenken. Jene, welche Millionen scheffeln, sollten endlich einsehen, dass sie eine Verpflichtung gegenüber ihren Mitmenschen haben. Und das bedeutet nicht nur, dass dass man ab und zu mal eine grössere Spende macht. Sondern konstant etwas für die Absicherung der Sozialversicherungen tut.

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  2. Das Umlageverfahren ist kein Rentenstopp. Der Titel des Artikels ist höchst irreführend. Schade, so wird emotionalisiert statt nachgedacht.

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