Als man die Zeitungen noch von Hand schrieb

Information war schon im 16. Jahrhundert wichtig. Wer darüber verfügte, hatte Macht. Die Familie Fugger ist ein Beispiel dafür. Jetzt wurden neue Erkenntnisse über ihre handgeschriebenen Zeitungen bekannt.

Sex and Crime vor 400 Jahren (Bild: Österreichische National Bibliothek)

Information war schon im 16. Jahrhundert wichtig. Wer darüber verfügte, hatte Macht. Die Familie Fugger ist ein Beispiel dafür. Jetzt wurden neue Erkenntnisse über ihre handgeschriebenen Zeitungen bekannt.

Die Print-Zeitung ist tot – es lebe das Internet! Seit Langem wird der Tod der gedruckten Nachrichten voraus­gesagt, eingetreten ist er noch nicht. Wahr ist allerdings, dass sich immer mehr Menschen online informieren. Weshalb die TagesWoche einen Zwitter in die Welt gesetzt hat: mit einem Fuss noch in der gedruckten, mit dem an­deren schon in der digitalen Welt. Damit befindet sie sich an einer medialen Schnittstelle. Einen ähnlich epochalen Wechsel gab es schon vor rund 400 Jahren.

Damals, am Anfang des 17. Jahrhunderts, ging man von der handgeschriebenen zur gedruckten Zeitung über. Über den Buchdruck und seine medialen Folgen wurde schon viel geforscht. Die technologisch unspektakulären Vorgängerzeitungen dagegen fristeten ein wissenschaftliches Mauerblümchendasein. Der Kulturhistoriker Oswald Bauer hat sich in seiner Dissertation ihrer angenommen. Sein besonderes Augenmerk galt den sogenannten Fugger-Zeitungen aus Augsburg. Augsburg war damals eine wohlhabende deutsche Handelsmetropole, Tagungsort des Reichstages und ein wichtiges europäisches Kommunikationszentrum mit eigener Post – und Hauptsitz des Fugger-Imperiums.

Grosser Wissensvorsprung

Die Zeitungen – Information bedeutet bekanntlich Macht – verhalfen dieser Handelsfirma zu einem Wissensvorsprung und damit zu Prestige und Einfluss; die Fugger gehörten zu den informiertesten Kreisen der damaligen Zeit. Ihr Unternehmen expandierte in die ganze damals bekannte Welt und sie wurden unermesslich reich: Vom Baumwoll- und Gewürzhandel gingen sie zum Bergbau über und stiegen schliesslich ins Bankgeschäft ein.

Was versteht man unter Fugger-Zeitungen? Es sind handschriftliche, ein- bis dreiseitige Berichte, die im 16. Jahrhundert im Auftrag der Firma Fugger geschrieben wurden. In der Medien- und Kommunikationsgeschichte gelten sie geradezu als Paradebeispiel für den ältesten überregionalen Informationsaustausch, wobei aber die Berichte, wie Bauer betont, «der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren». Ihr Name rührt daher, dass die Brüder der Unternehmerfamilie Fugger, Octavian Secundus (1549–1600) und Philipp Eduard (1546–1618), diese «Zeitungen», wie sie die Nachrichtenblätter nannten, nicht nur initiiert, sondern auch eifrig gesammelt hatten.

Die Fugger-Brüder begannen ihr weitverzweigtes Informationsnetzwerk in der Mitte des 16. Jahrhunderts zu knüpfen. Voraussetzung für das Zirkulieren der Zeitungen war eine postalische Infrastruktur. Erst seit den 1530er-Jahren gab es in Europa feste Postrouten, die auch von Privatpersonen benutzt werden konnten. Diese Post hatte fixe wöchentliche Ab- und Eingangstage, was ein regelmässiges Eintreffen der Zeitungen garantierte. Eine Sendung aus Venedig hatte rund sechs Tage bis Augsburg, aus London brauchte sie 32 Tage, aus Lissabon 48 und 273 aus dem fernen Goa! Die eintreffenden Neuigkeiten wurden in Augsburg kopiert und weiterverschickt, um sämtliche Niederlassungen auf dem Laufenden zu halten.

Berichterstatter waren einerseits die Leiter der Fugger-Niederlassungen in den grossen Handelsstädten, also Angestellte, dann Freunde und Bekannte, andererseits aber auch professionelle Nachrichtenschreiber, die «Novellanten». Heute würde man von Korrespondenten sprechen. Dieser Berufsstand hatte sich in Italien entwickelt und breitete sich im Lauf des 16. Jahrhunderts in ganz Europa aus. Novellanten wie beispielsweise ein Marsilio della Croce oder ein Hieronimo Acconzaioco schrieben aus Venedig und Rom nach Augsburg. Sie wurden für ihre Arbeit bezahlt und verlangten, wie aus der Korrespondenz ersichtlich ist, auch gelegentlich eine Erhöhung ihrer Pauschale. Die wurde ihnen aber nicht immer gewährt, was zur Folge hatte, dass die News eine Weile ausblieben.

Auch in Augsburg selber beschäftigten die Fugger bezahlte Schreiber, einen Jeremias Crasser und einen Jeremias Schiffle. Ihre Bezahlung erfolgte nach abgelieferten Bögen. Die Novellanten, so hat Oswald Bauer herausgefunden, waren ausgebildete Männer in Spitzenpositionen, die über gute Kontakte verfügten und auch an geheime Informationen herankamen. Ihre Lieferungen scheinen aber dennoch von unterschiedlicher Qualität gewesen zu sein. So beklagte man sich in Augsburg über die Nachrichten von Acconzaioco, dass «alles Lufft und nichts ist». Novellanten schrieben für mehrere Auftraggeber, ihre Dienste konnte man abonnieren, was sich aber nur wenige leisten konnten.

Aktualitäten aus aller Welt

Die Firmeninhaber erwarteten Aktualitäten aus der gesamten damals bekannten Welt, insbesondere aus den grossen Handelszentren Europas: Antwerpen, Rom, Venedig, Köln, Lyon, Wien, Prag, Konstantinopel. Weniges erreichte sie auch aus dem Nahen Osten, aus Indien und aus Übersee. Die Gebrüder Fugger wollten über alles informiert werden: «Weil dergleichen zuwissen nit kann geschaden und etwa zue andern sachen ain licht gibt und man auch also sehen kann, was in der welt umbgeht.»

Oswald Bauer hat sich die Mühe genommen, den Textinhalt stichprobenweise zu analysieren. Er kommt zum Schluss, dass die Fugger-Zeitungen – entgegen früheren Annahmen – nicht primär Wirtschaftsnachrichten enthalten; über die Hälfte berichtet von Krieg und Gewalt. Die Reporter waren zum Teil sehr nahe dran. So schreibt einer aus dem Kriegslager vor Bonn 1588: «Heut früe alss ich spazieren gangen mit ettlichen bekhanten im lager, schies­sen die aus der statt mit ainer mosgetten zwischen uns mieten durch, dz ir gleich ainen lufft under die augen gab und trifft nit weitt von mir 2 mit ainander, welliche alssbaldt thodt gepliben.»

Wirtschaftliche und politische Informationen kommen an zweiter Stelle. Auch über Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Erdbeben, Epidemien wird gerne berichtet. Es gibt zudem weichere Nachrichten zu Gesellschaft und Kultur, über Hochzeiten und Beerdigungen; es werden Städte beschrieben, religiöse Feste und Ku­riosa wie Kometen oder Wunderheilungen – alles Themen, die heute noch in jeder Printzeitung zu finden sind. Wird man sie morgen nur noch digital lesen können? Wie auch immer. Zeiten und Medien ändern sich, der Inhalt der sogenannten News scheint indes seit vielen Jahrhunderten derselbe geblieben zu sein.

Die Sammlung der Fugger-Zeitungen hat erstaunlicherweise die Zeit überdauert. Sie befindet sich heute in der Österreichischen National­bibliothek in Wien, umfasst 30 Bände mit über 16 000 Zeitungen aus den Jahren 1568 bis 1605. Im Jahr 1605 erschien in Strassburg die erste gedruckte öffentliche Zeitung – die «Relation aller Fuernemmen und gedenckwuerdigen Historien». Handgeschriebene Nachrichten gab es gemäss Oswald Bauer noch bis ins 18. Jahrhundert hinein.

Oswald Bauer: «Zeitungen vor der Zeitung», Akademie Verlag, Berlin, 2011.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 02/12/11

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