Andere Uni, andere Sitten

Der Regierungsrat Baselland hat aufgrund eines Postulats die Bewertung von Studienleistungen an Schweizer Universitäten mit der Uni Basel verglichen.

(Bild: iStock Photo/ Artwork Nils Fisch)

Die Bologna-Reform an der Universität ist ein viel diskutiertes Thema. Nun hat der Regierungsrat Baselland aufgrund eines Postulats die Bewertung von Studienleistungen an der Uni Basel mit anderen Universitäten untersucht.

Eines der erklärten Ziele der Bologna-Reform an Schweizer Universitäten war, die Mobilität von Studierenden zu erhöhen. Dazu wurde ein Bewertungssystem geschaffen, mit dem die Leistungen der Studierenden abgegolten werden können, das sogenannte European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS). Studienleistungen von ungefähr 25–30 Stunden werden dabei mit einem Credit Point (auch ETCS-Punkt) belohnt.

Das Problem: Nicht an jeder Uni werden Veranstaltungen mit gleich viel ETCS-Punkten vergütet.

Deshalb beauftragte der grüne Landrat Klaus Kirchmayr 2010 in einem Postulat den Regierungsrat zu prüfen, «inwieweit das Absolvieren gleicher Studienkurse an Schweizer Hochschulen (z.B. in der Romandie) mit gleich vielen ‹Bologna-Punkten› wie an der Uni Basel berücksichtigt werden kann».

Grenzen für Harmonsierungsbestrebungen

Am 14. August legte der Regierungsrat Baselland den Bericht zu Kirchmayrs Postulat vor.

Laut diesem ist «die vom Postulanten verlangte Prüfung … Gegenstand der laufenden Beratungen» in der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten (CRUS) und der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK). Da es jedoch «keine identischen Studienkurse gibt und die Schweizer Hochschulen unterschiedliche Bachelor- und Mastermodelle kennen, sind diesen Koordinations- und Harmonisierungsbestrebungen Grenzen gesetzt».

Mit der Einführung dieser ETCS-Punkte sollte «zwar die Mobilität erleichtert werden», jedoch sollte sie nicht eine Vereinheitlichung der Studiengänge an verschiedenen Unis zur Folge haben.

Ausserdem sei der «Prozess der Konsolidierung der Bologna-Reform» noch nicht abgeschlossen, schreibt der Regierungsrat. Ein «Abbau der Mobilitätshemmnisse» sei zudem im Gang.

Der Regierungsrat appelliert zudem an die Eigenverantwortung der Studierenden. Diese sollten vor dem Austausch mit der Heim- und der Gastuniversität Vereinbarungen treffen über Studienleistungen, die sie auswärts erbringen sollen.

Nachholbedarf bei der Anerkennung

Dass allerdings die Bologna-Reform die Mobilität der Studierenden gesteigert hat, belegen die Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) und die Studierendenstatistiken der Hochschulen:

Im Jahr 2008 haben 20,9 Prozent der Master-Absolvierenden im Laufe ihres Studiums im Rahmen des Erasmus-Programms Studienaufenthalte an einer Gastuniversität gemacht oder von Studienangeboten wie EUCOR profitiert. Im gleichen Jahr waren es bei den Lizentiats- und Diplomstudenten lediglich 15,7 Prozent. 

Das Bologna-System, bei dem erst ein Bachelor- und dann ein Masterabschluss erworben wird, bietet Studierenden zudem die Chance, nach dem Bachelor den Master an einer anderen Uni zu absolvieren. Seit der Einführung des neuen Systems 2005 nahm die Zahl von Studenten, die für den Master an eine andere Schweizer Universität wechselten, um jährlich durchschnittlich 1,4 Prozent zu.

Fazit: Die Bologna-Reform hat zwar dazu beigetragen, dass Studierende vermehrt den Studienort wechseln, doch bei der Anerkennung von Studienleistungen besteht noch Nachholbedarf.

Konversation

  1. Der Bologna-„Reformprozess“ ist derart umstritten – und zwar vor allem aus der Hochschullandschaft selber heraus -, dass der Begriff „Erfolg“ des Prozesses nach zehn Jahren seiner Genesis durchaus in Frage steht: Unter anderem vor allem für Hunderttausende von Studierenden in Europa.
    Dazu einige Kommentare aus Deutschland:

    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/studienreform-der-bologna-boykott-11857113.html

    Oder:
    http://www.ftd.de/karriere-management/karriere/:bologna-prozess-bachelor-macht-studenten-nicht-mobiler/70076987.html

    Oder:
    http://www.sueddeutsche.de/bildung/bachelor-und-master-absolventen-zweiter-klasse-1.1442064

    Nebenbei bemerkt:
    Zu hinterfragen ist wohl auch der folgende Satz in Frau Kern’s Artikel über die Antwort der basellandschaftlichen Regierung zu einer Parlamentsanfrage:
    „Der Regierungsrat appelliert zudem an die Eigenverantwortung der Studierenden. Diese sollten vor dem Austausch mit der Heim- und der Gastuniversität Vereinbarungen treffen über Studienleistungen, die sie auswärts erbringen sollen.“
    Man stelle sich solcherlei „Eigenverantwortungs-Wahrnehmung “ im Rahmen der Zeitvorgabe des Bachelor-Studiums, nämlich 6 Semester bis zum Abschluss, einmal konkret für eine einzelne Person vor. Ich kenne mehrere Studierende, welche für einen Wechsel an eine so genannte Gastuniversität innerhalb Deutschlands einen Zeitaufwand für Organisatorische von mindestens einem halben Semester gebraucht haben.
    Die Frage, ob mit den ständigen Prüfungen in einzelnen Lehrmodulen die Qualität der Lehre wie auch jene des Wissens genügend berücksichtigt wird, ist dabei noch gar nicht gestellt, geschweige denn beantwortet.

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  2. Wenn Förderung der Mobilität ein Ziel der „Bologna-Reform“ ist, dann ist eine Zunahme um 1.4% in 7 Jahren nicht gerade beeindruckend! Das heisst doch so etwa: Wenn vorher 100 Studierende nach dem Bachelor/Vordiplom die Uni gewechselt haben sind es jetzt 101!

    Ich habe das selber vor etwa 30 Jahren versucht: wechseln von Basel nach Lausanne nach dem Vordiplom. Nach einem (an sich sehr anregenden!) Jahr musste ich die Übung abbrechen weil die Lausanner, mit ihrem damals sehr viel „verschulteren“ Hochschulsystem, irgendwie mit meinen Basler Vorleistungen nicht klar kamen. Die Basler hingegen, zumindest damals mit sehr viel freieren Studiengängen, haben meiner Rückkehr keine Steine in den Weg gelegt. Kurz: Dank ihnen habe ich nur gewonnen und nichts verloren!

    Ob man jemals mit einem immer stärker reglementierten und verschulten Studiensystem, plus oben drauf dann noch die ganze europäische Punkte-Bürokratie, die Vorteile eines einfach offeneren, flexibleren und freieren Studiengangs auch nur erreichen kann??

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    1. Liebe Frau Bockemühl,

      ihr Kommentar hat mich auf einen Fehler im Text aufmerksam gemacht: Es handelt sich um eine Zunahme der Möbilität um durchschnttlich 1,4 Prozent pro Jahr seit 2005. Viel ist das freilich auch dann nicht…

      Selbstverständlich habe ich den Fehler im Text korrigiert.

      Beste Grüsse,
      Noëmi Kern

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