Basels einziger Stadt-Ausrufer

Vor 16 Jahren ist Urs Marti (1947–2001) verstorben. In Basel bleibt er als der Mann mit dem Megafon unvergessen. Bekannte von ihm erinnern sich.

Urs Marti hat sich ab den Neunzigerjahren als Ausrufer in ganz Basel einen Namen gemacht: «Megafon-Urs». (Bild: «stöckerselig»)

«Fischstäbchen, Tartarsosse, Salzkartoffeln – neun Franken!» – Konzentriert, aber stets mit fröhlicher Miene klaubt Urs Marti aus einem Stapel Zettel seine Notizen hervor. Dann ruft er quer über den Marktplatz und durch sein rotes Zirkus-Megafon: «Wollt ihr etwas gegen die Grippe tun, ohne Chemie, dann holt ein Kilo Clementinen, 2.80.»

Das Megafon hat er nicht immer dabei. Aber nie würde er ohne die drei übereinander gestülpten Hüte auf die Strasse. Ein Zöllnerhut und zwei Baseballmützen. Dazu trägt er eine gelbe Jacke der mittlerweile verschwundenen Gratiszeitung «Baslerstab», die er in den Briefkästen zu verteilen pflegte, bevor er seine Berufung als Stadtausrufer fand.

Aus der Innenstadt der Neunziger- und frühen Nullerjahre war der «Megafon-Urs», wie man Urs Marti auch nannte, nicht wegzudenken. «Er war rund um die Uhr draussen, auch bei Regenwetter und im tiefsten Winter», erinnert sich Andres Stampfli.

Drämmli-Schaffner und Menü-Verkünder

Stampfli lebt seit 26 Jahren im Männerwohnhaus der Heilsarmee. Er hat Marti als Mitbewohner gekannt, der ein paar Jahre nach ihm eingezogen war. «Er liess sich jeweils zum Morgen-, Mittag- und Abendessen hier blicken. Ansonsten war er immer unterwegs», sagt Stampfli. «Ich habe ihn meistens alleine gesehen. Doch er war immer freundlich zu den Leuten.»

Andres Stampfli erinnert sich noch gut, wie Marti eine Zeit lang mit roten und grünen Kellen und Lämpchen den Tramverkehr beim Marktplatz regelte. Immer dann, wenn der Chauffeur abfahrbereit war, gab er das entsprechende Signal.

Allmählich wandelte sich der Schaffner zum Ausrufer. Er machte sich jeweils frühmorgens auf die Socken, klapperte die Aushänge der Restaurants, die Tagesmenüs, sowie diejenigen der Läden ab. Akribisch kritzelte er sämtliche Neuigkeiten in seine Notizbüchlein und verstaute es dann in seiner ledernen Kontrolleurstasche.

«Er suchte immer wieder nach Aufträgen und hätte gerne daraus eine Profession gemacht», erinnert sich der Künstler Christian Selig. Dieser und seine Partnerin Annette Stöcker stellten vor 17 Jahren zusammen mit Urs Marti zwei Kunstprojekte auf die Beine. «Er war immer gut Freund mit den Leuten und nie aufdringlich», sagt Selig.

Durch keine Vorschriften eingeengt

Trotzdem waren längst nicht alle erfreut, wenn der «Megafon-Urs» auftauchte. Insbesondere dann nicht, wenn er lange am gleichen Ort verharrte und von dort aus die Strassen beschallte. Es kam zu Beschwerden von Ladenbetreibern und zeitweise beschlagnahmte die Polizei gar das Megafon.

«Für die einen war er ein Kundenschreck, für die anderen eine Persönlichkeit, die die Stadt farbiger machte.»

Christian Selig, befreundeter Künstler

Aber Marti wusste sich auch dann zu helfen. Er nahm in solchen Situationen einfach mit einem Leitkegel oder einer Kartonröhre vorlieb. Auch so konnte er seine Stimme verstärken. Anette Stöcker sagt: «Urs Marti war jemand, der sich keine Vorschriften machen liess.»

Abgesehen von den Ladenbetreibern gab es auch viele, die die Sache lockerer nahmen. Gymnasiasten baten ihn sogar darum, die Vorstellungen ihrer Schülertheater auszurufen. Manche Beizer spendierten ihm gelegentlich ein Bier oder ein Sandwich, wenn er ihre Menükarten rezitierte.

«Für die einen war er ein Kundenschreck», sagt Selig, «für die anderen eine Persönlichkeit, die aus dem Kontext herausfiel und die Stadt farbiger machte.» Er habe halt etwas gemacht, was sonst niemand gewagt hätte.

Für die Kunst unterwegs

Das Kunstprojekt des Duos «stöckerselig» und Marti gipfelte in zwei Ausstellungen mit Video-, Ton- und Textinstallationen. Während drei Wochen hatten ihm die beiden Künstler für das Projekt «good news – bad news» immerzu Zettel mit Nachrichten überreicht. Dabei fügten sie ihre Namen in die aktuellen Schlagzeilen ein. «Wir übernahmen während der Dauer der Aktion die Verantwortung für das ganze Geschehen der Welt», erklärt Stöcker.

Wenn Marti also bei seinen Rundgängen zwischen Menüverkündigungen den einen oder anderen dieser Zettel hervorklaubte, klang das etwa so:

«‹stöckerselig› befanden sich in einer Schachtsohle, als sie von einer Bohrstange erschlagen wurden.»

Oder:

«Die kläglich gescheiterte Übernahme der Basler Kantonalbank durch das Künstlerpaar ist das grösste Desaster in der 125-jährigen Firmengeschichte.»

Im Gegenzug bekam der Ausrufer jeweils eine Mahlzeit in seinem Lieblingslokal spendiert, im «Roten Engel». Bewusst wollte das Künstler-Duo mit diesen dadaistisch angehauchten News die Neugier der Passanten wecken. Marti nahm diese Aufgabe gerne an. «Er war völlig unkompliziert und freute sich, da man sich für ihn und seine Arbeit interessierte», erzählt Stöcker.

«Jeder ist ein Original»

Die Begegnung zwischen «stöckerselig» und «Megafon-Urs» kam aus einem bestimmten Grund zustande. Das Künstler-Duo beschäftigte sich damals stark mit dem Thema Urbanität. Zu Beginn der Nullerjahre wollten die beiden weg von den «White Cubes» und den Museen kommen und sich hin zur Stadt bewegen, so etwa mit Arbeiten über Paris, aber auch Basel. Die Zusammenarbeit mit Urs Marti war ein Teil davon.

«Die Stadt hat einen Mitbürger verloren, den man fast schon als ein vertrautes Familienmitglied wahrgenommen hat.»

«Basler Zeitung», 2001

Der Begriff des Stadtoriginals, diese Etikette, die immer wieder Leuten wie Marti anhaftet, erfährt dabei eine eigenwillige Definition: «Jeder ist ein Original – die Stadt ist ein Sammelsurium an Originalen, doch nur wenige outen sich als solche», so Selig. Es gebe nun mal diejenigen, die sich in «normalen» Verhaltensmustern bewegen, und die anderen, die ihren Platz auf eine explizitere Art und nach ihren Spielregeln in Besitz nehmen. Somit sei das Original eng mit dem urbanen Raum verbunden.

«Wir hatten Zeiten, als es die Ausrufer gab», sagt Selig. Marti habe etwas aufleben lassen, das mit Radio, Fernsehen und Internet aus dem städtischen Raum verdrängt wurde: «Er führte das Dialogische wieder ein, doch nicht als anonyme Person, sondern als jemand, dem man physisch und auf Augenhöhe begegnen konnte.»

Urs Martis Tasche, die Notizbüchlein und, natürlich, das Megafon.

Wer aber war der Mann, bevor er in die Rolle des Schaffners und Ausrufers schlüpfte? Wie «stöckerselig» vermuten, war er Disponent bei einer Transportfirma. Sonst ist nicht viel über ihn bekannt. Ebensowenig über seinen überraschenden Tod im Alter von nur 54 Jahren.

Marti wurde in der Nacht vom 14. November 2001 in seinem Zimmer im Männerwohnhaus der Heilsarmee aufgefunden, «sanft entschlafen», wie die «Basler Zeitung» in einer Meldung die Heimleitung zitierte. «Die Stadt hat einen Mitbürger verloren, den man fast schon als ein vertrautes Familienmitglied wahrgenommen hat», stand damals in der Zeitung.

In Stadtgesprächen lebt «Megafon-Urs» weiter. Immer dann, wenn denkwürdige Basler Persönlichkeiten zum Thema werden, seien es verstorbene wie «Bluemefritz» oder lebende wie der «Legionär», die lächelnde Frau oder der «Geheimagent».

Urs Marti ist nicht nur im kollektiven Gedächtnis der Stadt verewigt. Ein Videowerk und Fotos aus dem Projekt von «stöckerselig» hängen in der Sammlung des Thurgauer Kunstmuseums, der Kartause Ittingen. Die wenigen Habseligkeiten des Verstorbenen werden hingegen von den beiden Künstlern sorgsam als Erinnerung aufbewahrt: die Tasche, vollgeschriebene Notizbücher und, natürlich, das Megafon.

Konversation

  1. Nächste Geschichte in der Rubrik „Nostalgie & Stadtoriginale“:
    „Fritz Holderried alias Blueme-Fritz“, by Michel Schultheiss.

    Da wären auch noch Popcorn-Selmeli, Pfluume-Bobbi, Änishänsli oder Fotzeldorli. Last but not least: Hanspeter Hammel, alias -minu ;-)).

    Menschlich genug, „panther“?

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
    1. AR so stimmts doch Danke.
      fählt no dr Schorsch vom Haafebeggi 2
      Minu will nicht Stadtoriginal sein
      Zur prominenten Kategorie wird etwa immer wieder der Kolumnist Minu gezählt. Dieser findet diese Etikette jedoch problematisch: «Ich habe mich immer gegen den Ausdruck Stadtoriginal gesträubt», meint Minu. Für ihn habe der Begriff einen Beigeschmack von «nicht ganz hundert». «Ich glaube nicht, dass ich besonders originell bin, nur ein bisschen anders als die Norm. Daher nehme ich diese Bezeichnung mit einem Seufzer in Kauf», sagt er.

      Danke Empfehlen (0 ) Antworten
  2. ich vermisse einen menschlichen kommentar von AR!!!
    https://tageswoche.ch/form/portraet/goldschmied-mathias-jenny-ist-ein-perfektionist-noch-lieber-waere-er-ein-verrueckter-kuenstler/
    „das handwerk ist am aussterben. jede woche oder einmal pro monat einen beitrag über einen kleinbetrieb? marroniverkäufer, floristin, fährimaa, usw….“
    mir, lieber AR sind solche beiträge wie der hier näher als ihre „kindischen “ bemerkungen gegen über mir.
    nur so von wegen netiquette, welche ich jetzt übertrat..
    bleiben wir künftig nett zu und miteinander, was der Tawo mehr
    hilft, als unsere giftspritzen.
    AR… Urs musste in den zivilschutz. er sass da und hörte musik. kopfhörer mit alten audiogerät, batteriebetrieben. damals war ich instruktor und weigerte mich diesen Urs einzubinden, was von der weiteren obrikeit nicht goutiert wurde. dank einem anwesenden arzt PD. Dr. wurde die sachlage geändert zu gunsten von Urs, er blieb hörte musik und putzte ohne aufforderung die tische nach dem essen etc., resultat Urs bekam von dienstleistern batterien geschenkt….und wurde als volles mitglied integriert ( absitzen der dienstpflicht )
    tja Tawo, vielleicht die künftige zeitung: mit arikeln aus dem off???

    Danke Empfehlen (0 ) Antworten
Alle Kommentare anzeigen (3)

Nächster Artikel