Basels Unterwelt

Versorgungstunnels, Schutzräume, ein unterirdisches Spital: Direkt unter unseren Füssen versteckt sich eine geheimnisvolle, dunkle Welt, die nur wenige je zu Gesicht bekommen.

Geschützter Operations­saal im Spital unter dem Spital. (Bild: Nils Fisch)

So gross Basel ist, so weitläufig ist auch sein unterirdisches Ver­sor­gungssystem. Tausende von Rohren, Leitungen und Kabeln transportieren Trinkwasser und Gas, ver­sorgen Haushalte mit Strom und erschlies­sen Kommunikationswege für Medien, Telefonie und Internet. Unterirdische Anlagen sorgen für den Unterhalt ganzer Gebäude oder dienen zum Schutz vor Kriegs- und Katastrophenfällen. Unter dem Erdboden arbeitet pausenlos eine riesige Maschinerie. Sie versorgt die Bürgerinnen und Bürger mit lebensnot­wendigen Ressourcen und vernetzt sie untereinander – eine Stadt unter der Stadt.

Kanalisation: Der Abstieg in die Dunkelheit

Die Kanalisation ist der urbane Albtraum schlechthin. In jeder Stadt ranken sich Mythen und Legenden über die unterirdischen Schattenwelten. In der Pariser Kanalisation gibt es jahrhundertealte Katakomben und in New York sollen sogar Krokodile im Abwasser schwimmen. Menschen gingen in den riesigen Kanal­syste­men verloren und Ratten, so sagt man, ­leben dort zu Tausenden. Ein Ort des Grauens und des Schreckens soll die Kanalisation sein. Wer in die Eingeweide der Stadt hinuntersteigt, müsse damit rechnen, nie wieder das Tageslicht zu erblicken.

«Alles Unfug!» sagt Jürg Amatter, Teamleiter Abwasser, und seit 17 Jahren im Untergrundgeschäft tätig. «Ausser ein paar Ratten und Kakerlaken habe ich noch keine Tiere in der Basler Kanalisation gesehen, und verloren gegangen ist auch noch niemand.» Wir möchten ihm gerne Glauben schenken, schliesslich werden wir gleich selbst in die schmutzigen Tiefen Basels hinabsteigen. Beim St. Albans-Tor öffnet uns Amatter einen Kanaldeckel. Rostige, in die Kanalwand getriebene Steigeisen führen hinunter ins Dunkel. Dort ist es warm, feucht und und ein leichter Fäkalgeruch liegt in der stickigen Luft. Doch haben wir uns vor dem Abstieg auf einen massiv beisserenden Gestank eingestellt. «Gar nicht so schlimm, nicht wahr?», fragt uns Martin Hofmann, Leiter Entwässerung und Gewässer Basel. Nein, wirklich nicht so schlimm. Dann schon eher die Finsternis. Denn es ist stockduster unter der Erde. In der Kanalisation gibt es keine Beleuchtung, zu teuer wäre der Aufwand, erklärt Hofmann. Wir müssen Taschenlampen einschalten, um etwas sehen zu können.

Der grösste Wirbelfallschacht Basels

Durch eine Wendeltreppe gelangen wir in einen Komplex, der den grössten Wirbelfallschacht Basels beherbergt. Dieses Bauwerk dient der Überwindung grosser Höhenunterschiede, indem das Abwasser mittels Einlaufspiralen kreisförmig abgeleitet wird und schliesslich als Wasserfall in den untenliegenden Kanal mündet. Ähnlich einer Toilette. Von dort aus fliesst das Abwasser in die Kläranlage. Hier unter dem St. Albans-Tor gibt es zwei solcher Fallschächte. Einen kleinen von 60 Zentimeter Durchmesser, der für das reguläre Abwasser genutzt wird, und gleich nebenan einen grossen Wirbelfallschacht von drei Meter Durchmesser, um bei starken Regenfällen das Flutwasser auffangen zu können. Beide stürzen das Wasser zwölf Meter in die Tiefe. Wir steigen weiter hinab auf den Grund des Betonbaus. Das Fallwasser fliesst hier durch einen niedrigen Kreiskanal, der in der Dunkelheit verschwindet. Zu beiden Seiten ist der Kanal begehbar, doch nicht heute, denn die Gehwege sind durch den Regen der vergangenen Tage noch nass und rutschig. «Zu gefährlich.», sagt Hofmann. Wir kehren zurück ans Tageslicht.

Doch so einfach wollen wir uns nicht geschlagen geben und einen Abwasserkanal passieren. Also begeben wir uns zur alten Stadtmauer im St. Alban, wo Amatter einen weiteren Kanaldeckel öffnet. Wir steigen nochmals runter und landen direkt in einem geräumigen Abwasserkanal, der auf beiden Seiten mit Gehwegen gesäumt ist. Zu unseren Füssen fliesst die braune Brühe, das Resultat Tausender Toilettenspülungen, an uns vorbei. Neben Kot und Toilettenpapier schwimmen vor allem gebrauchte Binden im Schmutzwasser mit, welches in einen Kanal mündet, der für Menschen unbegehbar ist. Vor dieser Sackgasse weiten sich die Wände zu einem abfallenden Raum, womit der begehbare Kanal selbst zur Brücke wird. Wenn bei starken Regenfällen der «Brückenkanal» überflutet wird, fliesst das Dreckwasser über dessen Brüstung in den untenliegenden Kanal und von dort aus direkt in den Rhein. «Diese Kanalentwässerung darf per Gesetz maximal 20 Stunden pro Jahr betrieben werden.», sagt Hofmann. Auf die Frage, was man denn mache, wenn es mehr Flutwasser gebe, als in 20 Stunden bewältigt werden können, sagt er: «Dann müssen wir das Abwasser halt länger in den Rhein fliessen lassen. Aber das kommt selten vor.»

Den Haushalt in der Kanalisation entsorgt

Das gesamte Kanalisationssystem Basels ist etwa 760 Kilometer lang. Davon begehbar sind gerade mal 110 Kilometer. Wobei «begehbar» das falsche Wort dafür ist, wie Jürg Amatter zu berichtigen weiss: «Die meisten Kanäle haben eine Höhe von nur einem Meter. Bei diesen müssen wir uns auf einem Skateboard sitzend fortbewegen.» Wertvolle Gegenstände hat er im Untergrund bisher noch keine gefunden. Dafür aber mal ein Moped und einen Kühlschrank. «Eines Nachts öffnete jemand einen Kanaldeckel und schmiss seinen Haushalt in die Kanalisation.», sagt Amatter, «Wie er das Moped und den Kühlschrank durch den Gullydeckel kriegte, ist mir heute noch schleierhaft.»

Wir begeben uns zurück zur Oberfläche. Wir haben keine einzige Ratte gesehen, geschweige denn meterlange Reptilien. Auch gibt es laut Martin Hofmann in Basel keine Katakomben. Unheimlich ist es schon, dort unten, wo totale Finsternis herrscht. Aber Angstschweiss lief uns keiner über den Rücken. Die urbanen Schauergeschichten vom Grauen in der Tiefe mögen in anderen Städten ihre Berechtigung haben, nicht aber hier in Basel.

 

Leitungstunnel: Die unterirdischen Lebensadern der Stadt

Durch einen geheimen Zugang in Form einer Littfasssäule begeben wir uns in die Tiefen des Voltaplatzes, wo sich ein Leitungstunnelsystem von fast drei Kilometern Ausmasse erstreckt. Regale aus Metall, an den Seiten der Tunnelschächte verschraubt, führen Telekommunikations- und Stromleitungen mit sich. Trinkwasser-, Gas-, und Fernwärmerohre schlängeln durch die unterirdischen Gänge, verlieren sich in der Ferne. Es ist hell und sauber hier unten. Auch die Luft ist, dank zahlreicher Belüftungsanlagen, erfrischend. Christian Fatzer, Sachbearbeiter Leitungstunnel des Tiefbauamtes BS, führt uns durch den Schacht «Voltastrasse» Richtung Rhein. Das Geländer ist mit fluoriszierender Farbe bestrichen, damit bei Stromausfall die Arbeiter noch etwas sehen können.

Wir steigen tiefer in den Untergrund. Inzwischen befinden wir uns unter dem Eingangstor der Novartis. Dort treffen wir auf Bauarbeiter, die gerade ein Chemieabwasserrohr des Pharmariesen installieren. Keine zwei Meter neben dem Trinkwasserrohr der Stadt. Ein Doppelrohr soll aber genügend Auslaufschutz für das Chemiewasser bieten, sagt Fatzer. Staatliche Firmen kaufen Plätze für ihre Leitungen in der Tunnelanlage. «Wir vom Tiefbauamt sind der Besitzer des Bauwerkes. Die Leitungsbetreiber, wie zum Beispiel die IWB oder Swisscom, haben ihren Anteil gekauft. So zahlen diese auch an den Unterhalt des Bauwerkes.», sagt Christian Fatzer. Swisscom verlegt Glasfaser- und Telefonkabelleitungen in den Schächten, die IWB unter anderem Gas- und Trinkwasserrohre, sowie Stromleitungen. An private Firmen, wie beispielsweise die Novartis, wird der Platz nur vermietet.

Spazieren unter dem Rhein

Inzwischen sind wir in einem Komplex angelangt, der sich neben der Dreirosenbrücke kurz vor dem Rhein befindet. Hier fing man damals vor zehn Jahren mit dem Bau des Tunnelsystems an. Entsprechend findet man hier grosse Räume vor, in denen Baumaterial gelagert wurde. Wendeltreppen führen uns tiefer in den Schoss der Erde, bis wir den «Leitungstunnel Rhein» erreichen. Dieser liegt 17 Meter unter der Rheinoberfläche, ist 290 Meter lang, und unterführt den Fluss bis an das gegenüberliegende Rheinufer, wo er in die Leitungstunnelanlage «Klybeck» mündet. Der Unterwassertunnel ist im Gegensatz zu den anderen Schächten rund gebaut und massiv kleiner, so dass man gerade noch aufrecht durchgehen kann. «Wenn ein Frachter auf dem Rhein über den Tunnel fährt, kann man hier drin ein tiefes Brummen vernehmen», sagt Christian Fatzer. Wir treten den Rückzug an.

Notfälle hätte es bisher selten gegeben, nicht einmal ein Wasserrohrbruch. Das Bauwerk hat eine Lebensdauer von mindestens 100 Jahren und ist erdbebensicher. In ganz Basel gibt es 31 unterschiedlich grosse Leitungstunnel mit einer Gesamtlänge von schätzungsweise 11 Kilometern. Bei mehreren Millionen Metern an Leitungen und Rohren, die sich unter der Stadt Basel durchwinden, bilden die begehbaren Strecken nur einen Bruchteil des gesamten Systems. Die Leitungstunnel werden gebaut, wenn grosse unterirdische Bauarbeiten anstehen, wie eben hier am Voltaplatz, wo über Jahrzehnte hindurch gegraben wurde. Die normalerweise direkt im Erdreich verlegten Leitungen werden in den angelegten Schächten gebündelt, um Platz für die Bauarbeiten zu schaffen.

Nach Beendigung der Bauarbeiten bleiben die Tunnel in Betrieb, da sie einige Vorteile bieten: der Zustand der Kabel und Rohre ist immer ersichtlich und gasführende Leitungen können besser überwacht werden. Während man bei Problemen mit erdverlegten Leitungen die Strasse aufreissen muss, um den Fehler zu beheben, lassen diese sich bei einem Leitungstunnel bequem und ohne Störung des Personenverkehrs eliminieren. «Doch den gesamten Untergrund Basels mit Leitungstunneln zu versehen, wäre ein illusorisches und sinnloses Unterfangen.», sagt Christian Fatzer. «Denn bei Strassen, die beispielsweise nur Stromkabel und eine Wasserleitung haben, stünden die Kosten für den Bau eines Leitungstunnels in keinem Verhältnis zum Nutzen. Überhaupt fehlt es der Stadt an finanziellen Mitteln, um in ganz Basel Leitungstunnel anzulegen.»

 

Postbahnhof: Umschlagplatz für Briefe und Pakete und Schutzraum für den Ernstfall

Thomas Degen, Immobilienbewirtschafter der Post Basel, ist eine augenfällige Erscheinung. Mit selbstjustierbarer Brille und Zwirbelbart wirkt er, wie ein Exzentriker aus dem 19. Jahrhundert. Und er erzählt gerne ausführlich. Kein Wunder, weiss er doch aus seinen 43 Dienstjahren bei der Schweizerischen Post einiges zu berichten. Von früheren Tagen, als den regulären Zügen ein Bahnpostwagen mit Postsendungen angehängt wurde, welche Postmitarbeiter während der Fahrt sortierten. Oder vom schwindenden Briefstrom in der modernen Zeit und den daraus erforderlich gewordenen logistischen Umstrukturierungen.

So fahren heutzutage auf zwei Gleisen Transportzüge vom Umschlagbahnhof Muttenz direkt in den unterirdischen Postbahnhof des roten Postgebäudes Basel 2, wo die Post auf einer Fläche von 15 000 Quadratmeter umgeschlagen und via Postautos in der Stadt verteilt wird. Bis zu 200 Angestellte arbeiten hier zu Spitzenzeiten. Um neun Uhr morgens herrscht aber gerade Flaute. Nur ein Angestellter des Reinigungsdienstes verrichtet seine Arbeit. Degen grüsst ihn mit Namen. Er kennt seine Mitarbeiter.

Der alte Geldtunnel der UBS

Neben dem Postbahnhof befindet sich der neue Posttunnel, der sechs Meter unter den Gleisen des Bahnhofs SBB liegt. «Gebaut wurde der Posttunnel anfangs der 70er-Jahre.», sagt Thomas Degen, «Bis vor zehn Jahren wurde die Post noch von Zügen in den Bahnhof SBB geliefert. Direkt von den Gleisen wurde diese dann mittels eines Aufzugs hierher, und dann zu den Sortieranlagen im Basel 2 verfrachtet.» Damals gab es acht solcher Aufzüge, heute jedoch existieren nur noch vier davon. Sie werden von SBB-Mitarbeitern für den Transport von Gepäckstücken genutzt.

Thomas Degen schwelgt wieder in Erinnerungen. Er erzählt Anekdoten von damals, als er noch ein junger Spund und einfacher Postmitarbeiter war: «Im Sommer, wenn es in den Waggons brütend heiss war, haben wir in kurzen Turnhosen die Post sortiert. Und im italienischen Como deckten wir uns immer mit Schnaps ein. Damals ging noch alles sehr kameradschaftlich zu und her» Heute sei das nicht mehr so, sagt Degen: «Das Arbeitsklima ist ruppiger als früher.» Zwei Jahre hat er noch bis zur Pensionierung.

Inzwischen sind wir beim alten Posttunnel angelangt. Dieser befindet direkt unter den Gleisen des Bahnhofs und zwei Meter unter der Erdoberfläche. Der inzwischen fast 110 Jahre alte Tunnel diente bis 1975 als Transportweg für Briefe und Pakete. Durch einen separaten Tunnel, der beim Bankverein anfängt und in den alten Posttunnel mündet, transportierte die UBS Geld und Wertgegenstände. Diese wurden von Bankmitarbeitern hier in Empfang genommen und auf Zügen mit dem jeweiligen Bestimmungsort der Güter geladen. Heute, in den Zeiten des elektronischen Geldtransfers, ist der UBS-Tunnel stillgelegt. Auch der alte Posttunnel ist ein Relikt aus vergangenen Tagen. Seine 250 Meter Länge werden nur noch von der IWB zur Verlegung ihrer Fernwärme- und Telekommunikationsleitungen genutzt.

Der Schutzraum

Im Postgebäude Basel 2 befinden sich drei unterirdische Ebenen. Jede Ebene hat eine Fläche von 8000 Quadratkilometer. Im untersten Stockwerk befindet sich eine 2000 Quadratmeter grosse Schutzanlage für den Kriegs- und Katasptrophenfall. Kernstück des Baus bildet der Speisesaal, bestückt mit einer langen Reihe Tischen und Stühlen. An den Seiten gehen weitere Räume ab, Schlafräume mit Feldbetten, Toiletten mit Waschmöglichkeiten, Freizeitzimmer mit nichts drin. Der Luftschutzraum ist für 1200 Postmitarbeiter ausgelegt. Im Kriegsfall soll hier ein funktionstüchtiger Kommandoposten aufrechterhalten werden. Dumm nur, dass dieser Posten der Kreispostdirektion 1997 aufgelöst wurde.

«Seit dem Bau dieses Schutzraums Ende der 70-er Jahre, ist er natürlich noch nie genutzt worden.», sagt Thomas Degen, «Manchmal feierten Mitarbeiter des Gebäudeunterhalts hier drinnen Weihnachten.» Eine ungeöffnete Schaumweinflasche in der Küche liefert davon noch beredtes Zeugnis ab. Hinter der Küche befindet sich das Notstromaggregat des Postgebäudes. Sein Tank umfasst 15 000 Liter Dieselöl. Doch den grösseren Tank hat das Trinkwasser der Schutzanlage: 90 000 Liter umfasst er. Im Katastrophenfall ist das aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Degen rechnet vor: «Sollte eine atomare Verseuchung, zum Beispiel durch Fessenheim, Basel heimsuchen, wäre unser Grundwasser noch mindestens eine Woche lang trinkbar. Danach müssten wir auf den Trinkwassertank zurückgreifen. Bei einem Liter Wasserverbrauch pro Person würde das Trinkwasser für etwa 75 Tage reichen.» Waschen und Klospülen läge während dieser Zeit natürlich nicht mehr drin. «Wahrscheinlich würden die Leute ob des Gestanks hier unten freiwillig rausgehen, noch bevor sie verdursten.», sagt Thomas Degen. Inzwischen dauert die Führung bereits seit drei Stunden an. Wir werden müde und der Kopf schwirrt uns vor Informationen und Eindrücken. Thomas Degen hat Erbarmen mit uns und führt uns zum Ausgang des Gebäudes, wo wir mit sichtlichem Aufatmen unsere Gesichter gen Sonne wenden.

 

Untergrundspital: Für den Notfall stehen 3000 Betten, diverse Operationssäle sowie eine Apotheke bereit

Unter der Johanniterbrücke führt eine Metalltür direkt in den unterirdischen Komplex des Universitätsspitals Basel. Hier werden pro Stunde 1300 Kubikmeter Wasser aus dem Rhein gepumpt. Das Spital braucht diese Unmengen an Wasser zum Kühlen ihrer medizinischen Geräte und Serverstationen, aber auch für die Operationssäle, damit diese möglichst keimfrei bleiben. Fünf Pumpen fördern das zuvor gefilterte Flusswasser bergauf durch einen engen, 250 Meter langen Tunnel. Im anschliessenden Kontrollraum, unterhalb des Rossettibaus an der Spitalstrasse gab es schon mehrmals Überflutungen. «Hier sind uns bereits dreimal die Wasserrohre gebrochen.», sagt Hanspeter Hari, Leiter Intervention. «Das Wasser stand im 4. UG bis zehn Zentimeter hoch.»

Wir gehen weiter durch einen 400 Meter langen Energietunnel. Die IWB leitet hier Fernwärme zum Heizen der Spitalgebäude durch. Mit jedem Meter wird es wärmer. Am Ende des Tunnels angekommen, schwitzen wir, wie nach einem finnischen Saunabesuch. Durch eine weitere Tür gelangen wir in ein dunkles Labyrinth aus Gängen und Rohren. Hari führt uns zielsicher in die Technikzentrale des Klinikums 2. Hier, zehn Meter unter der Erdoberfläche, erstreckt sich ein 100 mal 5 Meter grosser Raum, vollgestoppt mit einem Gewirr aus silbernen Lüftungsrohren und Förderbändern. Im nicht minder kleinen Raum nebenan stehen fünf Meter hohe Wassertanks. Das darin gelagerte Flusswasser wird mittels fünf Turbokühlern und einer Gesamtleistung von 13,3 Megawatt auf 6 bis 8° Celsius runtergekühlt. «Das Unispital Basel hat damit eines der grössten Kälteverbundnetze der Schweiz.», sagt Hanspeter Hari.

Die Blutpost

Das Unispital Basel verwendet, trotz modernster Gerätschaften, immer noch das Rohrpostsystem. Doch lediglich um Blutproben zu transportieren. Eine Blutpost, sozusagen. «Bei 3000 Blutproben, die täglich von einer Klinik zur anderen verschickt werden müssen, ist das die effektivste Methode.», sagt Hari. Er zeigt uns die Schnittstelle, wo alle Rohre zusammenlaufen. Ein Roboter nimmt die Blutproben in Empfang und schickt diese via das entsprechende Rohr an den Adressaten. Alles vollautomatisch.

Eine Blutprobe in das falsche Rohr gesteckt habe der Roboter noch nie, versichert Hari, doch manchmal bliebe eine Patrone in den Rohren stecken, dann kann man sich im ganzen Komplex auf die Suche nach dem Rohrkrepierer machen. Doch der Roboter hat auch schon mal eine mechanische Störung gehabt. «Der Fussboden war mit Blutprobepatronen übersät.», sagt Hanspeter Hari. «Der Einfachheit halber habe ich sie persönlich auf die Abteilungen gebracht.»

Nukleare Abwassertanks

Im Cityparking, circa sieben Meter unter Tage, öffnet uns Hari eine geheime Tür. «Was ich ihnen jetzt zeigen werde, hat noch nie ein Medienteam zu Gesicht bekommen.», sagt er. Wir sind gespannt. In einem weitläufigen Raum befinden sich 16 schwarze Tanks mit dem Zeichen für Radioaktivität versehen. Eine Schildinschrift informiert uns: Tankanlage Nuklearmedizin. «Hier sammeln wir das nukleare Abwasser unserer Krebspatienten.», sagt Hanspeter.

Durch ein  neuartiges Behandlungsverfahren gegen Krebs werden Nuklide, radioaktive Elemente, in den Blutkreislauf des Patienten iniziiert, welche an den Krebszellen haften bleiben und diese zerstören. Der Urin und das Wasser mit dem sich die Patienten waschen ist radioaktiv und muss deshalb in den schwarzen Tanks zwischen 30 bis 70 Tagen gelagert werden. In dieser Zeit verflüchtigen sich die radioaktiven Elemente soweit, dass das Abwasser zur Spezialwasserentsorgung in die Kläranlage ARA weitergeleitet werden kann.

«Das Unispital Basel hat eine weltberühmte Methode zur Behandlung von Krebs.», sagt Hanspeter Hari. Muss wohl, schliesslich hat sich auch Steve Jobs, Gründer der Firma Apple, kurz vor seinem Tod hier inoffiziell seinen Bauchspeicheldrüsenkrebs behandeln lassen. «Das kann ich nicht bestätigen.», sagt Hari. «Selbst ich habe davon nur durch Zeitungen erfahren. Solche Informationen werden hier äusserst vertraulich behandelt.»

Die unterirdischen Operationssäle

Inzwischen sind wir im vierten Untergeschoss der Parkhalle Cityparking angelangt. Hier, in 20 Metern unter dem Spitalgarten kann die gesamte Ebene im Kriegs- oder Katastrophenfall abgeriegelt und mit 3000 Notbetten belegt werden. Ein Stockwerk tiefer befinden sich die geschützten Operationsstellen (GOPS). Auf 7400 Quadratmeter Fläche stehen hier zwei Operationssäle, ein Röntgenraum, eine Apotheke, Liegestellen, Arbeitsräume und vieles mehr für einen autonomen Spitalbetrieb zur Verfügung.

In den 70er Jahren, als die GOPS gebaut wurde, waren die Röntgen- und Operationsapparate fest installiert. Doch bereits vor acht Jahren waren sie technologisch derart veraltet, dass man sie kurzerhand auf den Müll schmiss. Nur ein paar Geräte rettete man vor der Müllpresse; zu Medienzwecken. Bei einem Katastrophenfall werden die im Spital verwendeten Apparaturen hier nach unten gebracht.

Autonome Roboter mit Laserabtastung

Hanspeter Hari führt uns schnellen Schrittes weiter durch die GOPS. Nach einer gefühlten Ewigkeit schliesst er eine unscheinbare Tür auf: «Nach ihnen, bitte.», sagt er, mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Wir treten durch die Tür und finden uns in einem Gang der Versorgungsebene für das Unispital wieder. Rechterhand kommt ein Roboter auf uns zu. Wir weichen erschrocken zurück. «Das sind unsere Mitteltransportanlagen.», sagt Hari. Komischer Ausdruck für autonome Roboter, die mittels Laserabtastung selbstständig manövrieren können. 19 Stück gibt es von ihnen. Zusammen transportieren sie täglich über 100 Tonnen an Essen, Wäsche, Kehricht, und weiteres. Und nach einem anstrengendem Tag gehen sie um 20 Uhr selbstständig ins Bett, pardon, zur Ladestation.

Mit einer Tonne Leergewicht möchte man diesen robusten Robotern aber nicht im Wege stehen, wenn sie auf einen zu rollen. Hanspeter Hari versichert uns, dass sie stehen bleiben, sobald sich ein Hindernis ihnen in den Weg stellt. Wir sind neugierig und halten unseren Fuss vor einen der vorbeieilenden Wäschetransporteure. Doch der hält auch in zehn Zentimeter Entfernung nicht an. Wir ziehen unseren Fuss schnell wieder zurück. «Er wird anhalten, halt nur nicht auf der Stelle.», beteuert uns Hari. Doch für ein erneutes Experiment sind wir zu feige und nehmen stattdessen den Fahrstuhl Richtung Oberwelt.

Video zu den autonomen Robotern im Unispital Basel.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 12.10.12

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