Das Archiv des Vergessens

Das Haus für elektronische Künste zeigt eine Ausstellung mit einem mehrfach irritierenden Titel: «Collect the WWWorld. The Artist as Archivist in the Internet Age». Der Künstler als Archivar? Was heisst das? Ist der Archivar auch Künstler? Und wie sammelt man das WWW, das selbst schon eine Sammlung ist?

Das Haus für elektronische Künste zeigt eine Ausstellung mit einem mehrfach irritierenden Titel: «Collect the WWWorld. The Artist as Archivist in the Internet Age». Der Künstler als Archivar? Was heisst das? Ist der Archivar auch Künstler? Und wie sammelt man das WWW, das selbst schon eine Sammlung ist?

Medienforscher und Ägyp­tologen wissen: Erinnern und Vergessen ist auch eine Frage der Medienentwicklung. Als einst der ägyptische Gott Theuth König Thamus die Schrift schenken wollte, lehnte dieser ab, weil die Menschen das Erinnern verlernen würden, wenn sie alles aufschreiben können.

Die Schrift wurde trotzdem erfunden. Seither ist das Gedächtnis nicht mehr an Erinnerung gebunden und Speichern keine Frage der mündlichen Überlieferung mehr. Wenn die Wörter sich vom Sprechenden lösen, können auch die Verstorbenen weiterhin «mitreden». Aber nur zu den Bedingungen der Lebenden. Die Wortführer einer Ge­sellschaft lassen nur das ins kulturel­le Gedächtnis der Gegenwart aufsteigen, was dem politisch gewünschten Entwurf der Vergangenheit entspricht.

Aber so neutral operiert auch das Archiv nicht. Die Materialbesessenheit des Archivars findet ihre Grenzen in der räumlichen Beschränkung und den Vorgaben der Politik. Man kann und will gar nicht die ganze Welt archivieren. Es muss immer entschieden werden, was der Aufnahme wert ist. Das Archiv ist keine fotografische Abbildung der Welt. Es sei denn, die Welt selbst findet in einem Archiv statt.

Alles, was im Netz präsent ist, ist zugleich für immer aufbewahrt. Es wird auch nicht mehr unterschieden zwischen dem, was es zu bewahren gilt, und dem, was vergessen werden kann. Alles wird verlustfrei präsent gehalten.

Träfe Theuth heute auf Thamus, um ihm das WWW zu schenken, müsste dieser wieder ablehnen, nun aus Furcht, die Menschen würden das Vergessen verlernen. Denn das strategische Vergessen ist nicht nur Merkmal des kollektiven Gedächtnisses; auch Individuen kontrollieren so ihre Identität.

Aber das WWW ist ein automatisches, mehr oder weniger ungewolltes persönliches Archiv all seiner Nutzer, zu dem alle jederzeit freien Zugang haben. Das ist keine kleine Sache. Denn wenn das Recht auf Vergessen verloren geht, erlischt auch die Aussicht auf Vergebung. Niemand entkommt mehr seinen Jugendsünden, weswegen der damalige Google-CEO Eric Schmidt 2010 ernsthaft meinte, in Zukunft solle jeder junge Mensch das Recht haben, mit Volljährigkeit seinen Namen zu wechseln. Ein skurriler Gedanke, der unterschlägt, dass gerade Google ermöglichen würde, die neuen mit den alten Namen zu verlinken.

Schmidts Fantasie, ebenso wie die Idee einiger Politiker, für Social-Network-Daten ein Verfallsdatum einzuführen, zeugt von der veränderten gesellschaftlichen Rolle des Archivs. Es bewahrt und vermittelt nicht mehr nur die Eckpfeiler und Bezugspunkte einer Kultur, es gestaltet selbst diese Kultur. Wird man nicht schon das gemeinsame Trinken vermeiden, wenn sich nicht kontrollieren lässt, wer welche Bilder ins Netz stellt und wer sie später aufsucht? So eine Vermutung. Eine andere besagt, dass Leichen kein Thema mehr sind, wenn klar wird, dass alle eine im Keller haben.

Der Cache speichert alles

Wer auch immer recht behalten wird, die gesellschaftliche Debatte dieser Situation erfolgt zunächst nur defensiv unter dem Schlagwort Datenschutz. Die Kunst ist einen Schritt weiter und stellt die Praxis des Archivierens, die im Internet jedem offen steht, in einen ambivalenten Bedeutungszusammenhang.

Davon zeugt die Ausstellung «Collect the WWWorld. The Artist as Archivist in the Internet Age» im Haus für elektronische Künste in Basel. Der Künstler als Archivar? Was soll das heissen? Ist dann der Archivar auch Künstler? Und wie sammelt man das WWW, das doch selbst schon eine Sammlung ist? Die Sache wird klarer, schaut man sich drei Beispiele genauer an.
Da ist zunächst Evan Roths «Per­sonal Internet Cache Archive», das die Images zeigt, die Roths Computer automatisch im Cache speichert, wenn er mit dem Browser eine Website öffnet (evan-roth.com). Jeder, der im Netz unterwegs ist, wird so zum Sammler ohne Zutun und Wissen. Deswegen auch der Name für diesen Speicherort, der im Französischen «Versteck» bedeutet. Dort findet man ein detailliertes Tagebuch seines Online-Lebens, das allerdings aus Bildern besteht, an die man sich zum Grossteil gar nicht erinnert. Denn gespeichert werden auch jene Bilder einer Website, die man nur flüchtig oder nie gesehen hat.

Dieses Tagebuch sagt einem also nicht direkt, wer man ist, aber wo man war. Und das sagt, ebenso wie die automatisch gespeicherten Adressen der besuchten Websites, immerhin so viel über einen Menschen, dass die Netzgemeinde Sprüche wie diesen hervorbringt: «Dein engster Freund ist, wer deinen Browserverlauf löscht, nachdem er dich tot vor dem Rechner gefunden hat.»

Ernster betrachtet, gewissermassen als Verbindung von Bild- und Archivwissenschaft, lassen sich die nicht wahrgenommenen Bilder im eigenen Tagebuch als eine Form des «optisch Unbewussten» verstehen. So bezeichnete der Philosoph Walter Benjamin einmal die Gesten eines Menschen, die für ihn und andere nicht wahrnehmbar sind, durch den Fotoapparat aber zum Vorschein kommen, weil dieser schneller schaut als das menschliche Auge.

Das gewaltige Bild, das Roth aus den verschiedenen Cache-Bildern montiert, ist einerseits eine Sammlung von «Schnappschüssen aus einem bestimmten Zeitpunkt unserer Welt- und Kulturgeschichte», wie es im Ausstellungstext heisst. Andererseits ist diese Montage ein Porträt des Sammlers und hält zugleich dessen Unbewusstes fest. Nicht indem es eine unsichtbare Geste Roths auf das Foto bannt, sondern indem es die Bilder festhält, die Roth auf seinem Gang durchs Internet nicht oder kaum bewusst wahrgenommen hat.

Reise durch Google Street View

Gegenläufig zu Roths Cache-Archiv sind die Arbeiten von Travis Hallenbeck und Jon Rafman. Rafmans «The 9 Eyes of Google Street View» ist die Sammlung eines Flaneurs, der auf seiner Online-Reise durch Google Street View dieser visuellen Speicherung der ganzen Welt auf Stras­senebene bestimmte Bilder entnimmt. Wie es sich für einen Sammler gehört, sind es die kuriosen Dinge, die das Interesse wecken: ein Baby, das allein die Strasse entlangkrabbelt, ein Toter auf dem Asphalt.

Während Google urteilsfrei aufnimmt und – Baby hin, Toter her – die Aufnahmen ausnahmslos präsentiert, so lange die räumlichen Koordinaten stimmen, sind für Rafman jene befremdlichen Aufnahmen die relevanten. Er stellt damit nicht nur aus dem Google-Archiv ein ­eigenes Archiv zusammen, er wendet durch sein Auswahl­kriterium zugleich die maschinelle Archivierungspolitik von Google Street View zurück ins Menschliche.

Dieses Bedürfnis, dem Automatischen eine persönliche Note zu geben, hatte kurz nach Rafmans individuellem Google-Street-View-Archiv übrigens auch die kollektive Pinnwand «Pinterest.com» entstehen lassen, auf der man seit März 2010 Bilder und Videos aus dem Web nach thematischen Kriterien versammeln und kommentieren kann.

Vergleichbar und doch ganz anders ist Hallenbecks «Flickr Favs», das auf 315 Buchseiten jeweils 36 ausgewählte Fotos von Flickr.com zusammenstellt. Das sind noch immer eine Menge Bilder, aber ein Buch hat zumindest ein sichtbares Ende. Wieder erscheint der Künstler als Flaneur, der sich in einem Online-Archiv bedient. Aber nach welchen thematischen oder ästhetischen Kriterien wählt Hallenbeck seine Bilder aus?

Das einzige erkennbare Ziel ist die Auswahl an sich – und das ist der Skandal. Denn damit sind sowohl Archivar als auch Künstler am Nullpunkt ihrer Bestimmung angelangt. Als Archivar stellt sich Hallenbeck nicht mehr in den Dienst der Spurensicherung, sondern vernichtet Material. Als Künstler will Hallenbeck, anders als Rafman, durch die Auswahl nicht mehr das Besondere hervorheben. Er will auch nicht eine besondere Geschichte komponieren. Die Materialentsorgung erfolgt bei Hallenbeck nicht, weil das Archiv zu klein geworden wäre, denn das WWW kennt keine Wachstumsgrenzen. Es geht einzig darum, die mit dem Internet verbundene Archivierung von Realität auf ein erträgliches Mass herabzusetzen.

Symbolisiert diese Art von Archivkunst also eine Kapitulation des Archivars und des Künstlers gleichermassen? Oder ist im Gegenteil der unzuverlässige Archivar der radikalere Künstler angesichts der Tatsache, dass es zwar noch ein Leben ausserhalb des WWW gibt, aber im WWW kein Leben mehr ausserhalb des Archivs?

Es ist das Verdienst dieser Ausstellung, ihren Besuchern nicht nur viele Schnappschüsse der Online-Kultur zu offerieren, sondern sie mit solch kniffligen Fragen nach Hause zu schicken. Man ist gut beraten, sich dort noch einmal den Katalog zur Ausstellung «Deep Storage» (1997) im Haus der Kunst in München vorzunehmen und vielleicht auch das Bändchen «Postproduction», mit dem der französische Kunsttheoretiker Nicholas Bourriaud 2002 die Kunst der Wiederverwertung erklärt. Zuerst aber, das ist klar, wird man einen Blick werfen ins eigene Cache-Tagebuch.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 11.05.12

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