Debütroman übers Älterwerden: Jetzt ist das Kind tot und die Dinge nehmen ihren Lauf

Getötete Kinder, vermodernde Städte – im Erstling der jungen Schweizer Autorin Michelle Steinbeck geht es nicht gerade harmonisch zu und her. Dafür wurde sie für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert. Eine Rezension und drei Konfrontationen mit der Autorin.

Mutiges Debüt: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» von Michelle Steinbeck rechnet ab mit der unsäglichen Adoleszenz.

(Bild: Jonas Grieder)

Getötete Kinder, vermodernde Städte – im Erstling der jungen Schweizer Autorin Michelle Steinbeck geht es nicht gerade harmonisch zu und her. Dafür wurde sie für den Deutschen Buchpreis 2016 nominiert. Eine Rezension und drei Konfrontationen mit der Autorin.

Geschüttelt. Und gerührt. Sollten Sie jemals einen Lesestoff nach diesem Rezept an Ihrer bevorzugten Büchertheke bestellen – dies wäre das Buch, das Sie vermutlich ausgeschenkt bekämen: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch». Schon der Titel löst leichte Benommenheit aus.

Wir setzen uns hin, klappen den Umschlag auf. Ab die Post. Wir lesen: Harmlose Blinkschuhe an Kinderfüssen, blühende Stauden. Und dann…

Rumms!

Auf Seite 17 werden wir jäh an die Wand gefahren. Ein Kind stirbt. Bügeleisen gegen den Hinterkopf. Es hat da «ein ordentliches Loch reingehauen».

Verflucht! Das wollten wir doch gar nicht! Also, die Erzählerin. Die, die wir in der Ich-Perspektive begleiten. Sie hat das glühende Bügeleisen vor Schreck aus dem Fenster geschmissen. Aber jetzt ist das Kind tot und die Dinge nehmen ihren Lauf.

Keine Baukastenliteratur

Zur darauf folgenden Irrenfahrt lädt Michelle Steinbeck, 25 Jahre alt und Debütantin in Sachen Romanveröffentlichung. Das hat noch gefehlt, könnte man sagen, denn Steinbeck hat ausser in der «Königsklasse» schon in allen erdenklichen Winkeln des Literaturbetriebs ihre Spuren hinterlassen. Sie ist Redaktorin der Zürcher «Fabrikzeitung» und gehört zu den Mitgliedern von Babelsprech, den neuen Hoffnungsträgern der Lyrikszene von Berlin bis Zürich. Bis sie mit ihrem ersten Roman herausrücken würde, war allerdings nur eine Frage der Zeit, als Absolventin des Literaturinstituts in Biel. Jetzt ist es soweit.

Steinbecks Umtriebigkeit liess zumindest der Szene der Veröffentlichung mit erhöhter Erwartung entgegenblicken, und mit dem Stallgeruch der Erfolgsschmiede Biel an den Hacken lässt es sich weniger leicht debütieren als auch schon. Aber eins vorneweg: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» wird kein Öl in die müssigen Diskussionen um die sogenannte Baukastenliteratur giessen, so viel steht fest.

These 1: Jungen Literaten wird gerne vorgeworfen, sie schreiben zu kontrolliert und abgeklärt. Sie wollten diesen Stimmen mit ihrem Roman mal richtig auf die Mütze geben.

Steinbecks Roman liest sich ab der ersten Seite wie ein Stück ungezogene Flegelprosa. Der Erzählerin Loribeth widerfährt zwar früh das unangenehme Missgeschick, ein Kind umzubringen, aber wer dafür Reue erwartet, sieht sich getäuscht. Ärgerlich ist es, das tote Kind. Und wohin damit? Loribeth steckt es in einen Koffer und macht sich auf die Reise zu ihrem Vater. Dieser hatte die Familie früh verlassen. Und für die Tochter steht da noch eine Rechnung offen.

Nach dem Ausgangsknaller und dem Ziel vor Augen stünde einer ordentlichen Entwicklung des Plots eigentlich nichts im Weg – wäre da nicht eine Autorin am Werk, die sich wenig um Ordnung schert und schon gar nicht darum, was der Leser da und dort erwarten würde. Vergeblich, zu glauben, dass hier eines sittlich zum Nächsten führt. Und vergeblich auch die Hoffnung, irgendwann Loribeths nächsten Schritt wenigstens vorausahnen zu können.

Die Erzählerin, so erfahren wir zu Besuch bei einer Wahrsagerin, ist selbst «noch sehr ein Kind in sich drin». Und wenn Kinder eines sind, dann unberechenbar.

These 2: Kinder kommen in Ihrem Roman enorm schlecht weg und werden dabei sehr authentisch skizziert. Sie waren selbst als Kind ein unerträglicher Balg.

Loribeths Reise kann als Parabel auf das Älterwerden gelesen werden. Was langweilig klingt. Und aufregend ist, wenn man wie Steinbeck den Karren immer wieder gehörig an die Wand fährt. Mit ihrer Sprache quält sie den Leser durch die Adoleszenz wie das Leben selbst.

Das geht nur über handfeste Körperlichkeit. Und der Roman strotzt tatsächlich vor Sinnlichkeit im unromantischen Sinn: Es stinkt und fault allenthalben, Gliedmassen werden abgebissen und das Wasser steht der Erzählerin bis zum Hals, während ihr der Hunger den Magen von innen auffrisst. Erwachsenwerden: eine einzige Apokalypse.

These 3: «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» ist ein Gegenentwurf zu unserem wohlbehüteten Älterwerden in einer wohlbehüteten Gesellschaft.

Dem kraftvollen Ausdruck zum Trotz bleibt der Erzählstrang hie und da etwas zahnlos, weil inkonsequent. Brenzlige Situationen werden zu oft – puff! – einfach aufgelöst. Dabei wünschte man dem beteiligten Personal auch mal mehr als bloss eine Schramme.

Der Kohärenz der Geschichte tut dies aber keinen Abbruch. Und am Ende bleibt der Eindruck eines mutigen Romandebüts: Entgegen der Tendenz, dem Realismus neue Denkmäler zu bauen, bedient sich Steinbeck in «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» einer entfesselten Phantasie, die in der zeitgenössischen schweizerischen Literaturlandschaft ihresgleichen sucht.

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Dieser Text entstand vor der Buchvernissage am 8. April 2016. Wir präsentieren ihn aus aktuellem Anlass nochmals: Wie «Der Spiegel» berichtet, steht Michellle Steinbeck auf der Liste der 20 Nominierten.

Ein Dank geht an die Buchhandlung & Antiquariat Waser am Rümelinsplatz für die Video-Kulisse.

Konversation

  1. „Der Studiengang BA in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut bietet die schweizweit einzigartige Möglichkeit, sich auf Hochschulniveau mit der Entwicklung der eigenen Schreibpraxis zu befassen“ […]

    „Im Zentrum des Studiums steht die eigene Textproduktion. Begleitet durch einen Mentor, eine Mentorin und in verschiedenen Schreibateliers arbeiten die Studierenden an ihren Texten (alle Gattungen sind möglich)“ […]

    „Das Studium schliesst mit dem Titel Bachelor in Literarischem Schreiben ab und qualifiziert zur Bewerbung für fachverwandte Masterstudiengänge an einer Fachhochschule“ […]

    Ich weiss nicht, was Hemingway zur dieser „Ausbildung“ gesagt hätte (möglicherweise hätte er vorher ein paar heben müssen). Und Thomas Mann hätte wohl in schierer Verzweiflung mit seinem Zettelkasten gerauft.

    Aber eines weiss ich sicher: Der Beruf „Schreib-Mechatroniker“ ist einer der ersten, der durch einen Bot abgelöst wird.

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  2. Irgendwann im Laufe der Schulzeit haben wir doch gelernt, dass Wale Säugetiere sind und keine Fische, auch wenn sie im Wasser leben. Soviel zum Wortkonstrukt «Walfisch» im Titel, der nicht nur Benommenheit auslöst…

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  3. Es nähme mich schon sehr wunder, ob ich in der TaWo irgendwann eine Literaturkritik lesen kann, die sich nicht primär durch infantile Flappsigkeit („rumms!, puff!“ usw.) profilieren zu müssen meint.

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