Der Anzug eines Biedermannes

SVP-Grossrat Oskar Herzig findet, klassische Theaterstücke sollten auch klassisch daherkommen. Diesen Wunsch hat er bei der Regierung hinterlegt. Das ist zwar härzig – aber realitätsfremd.

SVP-Grossrat Oskar Herzig mags auf der Bühne klassisch. (Bild: Artwork Hans-Jörg Walter)

SVP-Grossrat Oskar Herzig findet, klassische Theaterstücke sollten auch klassisch daherkommen. Diesen Wunsch hat er bei der Regierung hinterlegt. Das ist zwar härzig – aber realitätsfremd.

Er liegt nun schon ein paar Tage auf unserem Tisch, der «Anzug betreffend Aufführung von Klassischen Theaterstücken parallel in klassischer und moderner Form» von SVP-Grossrat Oskar Herzig. Irgendwie blieb er hängen (beziehungsweise auf der Tischplatte kleben) – ein Charakterzug, den Absurdes so an sich hat.

Was wir darin gelesen haben, hat uns auf Anhieb etwas erheitert. Besucher des Theaters Basel würden «Mühe bekunden» mit der Umsetzung von klassischen Theaterstücken und insbesondere Opern in die heutige Zeit, steht da zu lesen. Und: «Viele davon äussern den Wunsch, eine Oper wieder einmal in alter Form, d.h. in den Kostümen der Zeit der ursprünglichen Handlung zu sehen.» Die Regierung solle doch deshalb bitte das Gespräch mit der Theaterleitung suchen und prüfen, ob es nicht möglich wäre, neben den «modernen» Inszenierungen in derselben Spielzeit auch eine «klassische Form» desselben Stückes zu zeigen. Herzig erhofft sich dadurch sogar, dass Leute beide Vorstellungen besuchen und damit die Anzahl der Theaterbesuche gesteigert werden könne.

Quer durch die Jahrhunderte…

Nun, ein Blick auf den Spielplan des Theaters für die kommende Saison zeigt: Da gäbe es einiges, was sich für solches eignen würde. Gottfried Kellers «Das Fähnlein der sieben Aufrechten» etwa: Her mit der Schützenfest-Atmosphäre! Wobei: deren Kostüme sehen heute eh noch gleich aus wie im 19. Jahrhundert…

Puccinis Oper «Tosca» übersetzen wir gleich noch ins Deutsche – des besseren Verständnisses wegen. Und wir freuen uns auf Wagners «Lohengrin» im possierlichen Rittergewand, scheppernde Rüstung inklusive. Bei Frischs «Biedermann und die Brandstifter» hingegen wäre eine zweite Version wohl unnötig, denken wir. Anzug bleibt Anzug, Feuer bleibt Feuer.

…bis in die Gegenwart

Aber lassen wir die Polemik. Denn im Ernst: Ob eine Inszenierung «modern» oder «klassisch» daherkommt, hängt nicht nur von den Kostümen oder vom Bühnenbild ab. Welche Kleider die Schauspieler tragen, ist doch im Grunde irrelevant. Es ist die Art und Weise, wie das Stück als Ganzes auf die Bühne gebracht wird. Würde das Theater Herzigs Antrag folgen, dann müssten die Stücke von den Regisseuren doppelt erdacht und von den Schauspielern doppelt interpretiert werden. Nur schon aus organisatorischen und Kostengründen ist dies eine hirnrissige Vorstellung – wenn auch als einmalige Ausnahme vielleicht durchaus amüsant.

Und ganz abgesehen davon: Schauen wir uns die Theaterstücke nicht sowieso mit den Augen von heute an? Ist es nicht auch die Pflicht eines Theaterschaffenden, uns vor Augen zu führen, welche Relevanz ein altes Stück noch in der Gegenwart hat? Vieles, was Autoren vor Jahren und Jahrhunderten zu Papier brachten, lässt sich in die heutige Zeit übertragen und regt gerade deshalb zum Denken an. Eine zeitgenössische Inszenierung rüttelt uns doch da mehr auf, weil die Distanz zum Gezeigten geringer ist. Da geht es nicht um das reine Schauspiel-Sehvergnügen – sondern auch um Kunst. Und diese darf nicht nur der Zeit entsprechen, sondern sogar politisch sein.

Apropos Politik: Im Zuge der Diskussionen um die Subventionen fürs Theater Basel wird doch immer von dessen «Relevanz» gesprochen. Diese wird durch einen Rückzug in den Konservativismus wohl kaum erhöht. Da gibt es keine zwei Interpretationen.

Konversation

  1. und könnte, souverän umgesetzt, ganz neue und sicher kontroverse Diskussionen zum Thema Theaterarbeit provozieren. Das Theater Basel sollte das einfach mal eine Spielzeit lang machen.

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  2. Ich habe eigentlichs eher viel Sympathie für das Anliegen von Herrn Herzig, Kultur hat doch immer 2 Ebenen. Die eine Ebene bezieht sich auf das erhaltende, reproduzierende welches den Zuschauern erlaubt in die historischen Begebenheiten einzutauche. Die andere Ebene erlaubt eine morderne Interpretation, oder hier viel relevanter das schreiben neuer Stücke. (Die konsequente Umsetzung modernes Material zu verarbeiten).

    Mich schrecken die Medienberichte über Nackt herumrennende Schauspieler jedenfall dermassen ab, dass ich wohl das Häbse Theater (auch eine Kulturform, wenn auch eine andere) besuche, nicht aber das Theater Basel.

    Betreffend der Politik, bei der höhe der Subventionen darf sich die Politik sicherlich einmischen oder Sie erhält eine klar definierten Rückfluss aus der Kultur, aber da wären wir wieder bei Baschi Dürrs Ausschreibungen…

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  3. Wäre es nicht schön, wenn die Politiker die Kultur den Kultur-Schaffenden überlassen würden? Will man wirklich den Kulturpolizeistaat? Wird echt Dummheit in der SVP gelehrt und befürwortet? Bitte, ihr Wähler, Ihr habt das Sagen!!

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  4. Oskar Herzigs Bemühen ist tatsächlich herzig, aber es trifft, glaube ich, unser Theater- bzw. Schauspielproblem nicht.
    Im Bereich Oper sehe ich zudem gar kein Problem. Im Gegenteil, weiter so! Die Operninszenierungen in der Aera Delnon sind bis jetzt mit ganz wenigen Ausrutschern, die es ja auch geben darf, immer grossartig gewesen – so interessant für uns Zuschauer waren Opern in Basel noch nie und das Theater Basel ist unter ihm zu einem international anerkannten Opernort geworden und mehrmals sind völlig zu Recht Inszenierungen mit Preisen ausgezeichnet worden – wobei viele weitere es durchaus auch verdient hätten.
    Unser dahinsiechendes Schauspiel ist ein anderes Problem, das sich mit Herzigs Antrag, wenn der wirklich so formuliert ist wie im Artikel dargestellt, auch nicht gleich lösen lässt. Ich möchte aber Herrn Herzig ganz stark unterstützen, wenn er mit seinem Vorstoss eigentlich nur meint, man solle mal wieder Schauspiele aufführen. Wie „Das Fähnchen der sieben Aufrechten“ daherkommen wird, ist mir egal – ich möchte es nicht unbedingt sehen, ausser es ist halt in meinem Abonnement. Ich sehe einfach nicht ein, weshalb das Schauspielhaus „Schauspielhaus“ heisst, wenn es doch gar keine Schauspiele bringt. Gottfried Keller hat kein einziges geschrieben, also lassen wir ihn doch in Ruhe! Offenbar will man ein bisschen Swissness zeigen. Deshalb zeigt man vom Langweiler Frisch fast jedes Jahr etwas, sei es eine Bühnenadaption von „Stiller“, sei es „Biografie“ oder sonst was. Dürrenmatt, der mit Basel mehr am Hut hatte, erscheint seit Jahren nicht mehr. (Wenn schon Lokalpatriotismus gezeigt werden soll, könnte ich mir kleinere lokale Kaliber wie von Arx etc. völlig modernisiert vorstellen; der immer noch in Riehen wohnhafte Hochhuth ist vielleicht politisch zu heikel oder schon passé, und seine Dramen eignen sich nicht zum modernisieren.) Die lokalen Grössen sind in guter Gesellschaft, denn auch die Klassiker werden nicht „gepflegt“, obwohl sie nicht nur für Schulklassen interessant wären. Einen Shakespeare – normalerweise das Flaggschiff in der Saison jedes Sprechtheaters – gab es seit drei Jahren nicht mehr. Die Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ in der vorletzten Saison bleibt am besten unerwähnt. Ein gewisser Herr Goethe hat mehrere Stücke geschrieben, aber letzte Saison entschied man sich für „Werther“ – witzig inszeniert, aber kein Stück von ihm. Viel lieber wenden sich junge Regisseurinnen und Regisseure irgendwelchen nicht-dramatischen Stoffen zu, die sie dann ganz nach ihrem Belieben irgendwie dramatisch verwusteln können. Das mögen sie halt, aber wir Zuschauer möchten wenigstens daneben trotzdem auch noch ein bisschen „ernsthaftes“ Theater, es darf sich dabei auch um Komödien handeln…

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  5. Hätten Sie argumentiert, dass es herzig ist, dass ein Grossrat dieses Anliegen für ein politisches Thema hält, dann müsste ich Ihnen beipflichten.
    Aber Ihre Argumentation ist doch sehr undifferenziert. Oder warum ist es denn bei einem klassischen Konzert normal, dass klassische Instrumente verwendet werden? Würde mann die Logik der Opern- und Theaterinszenierungen auf die klassischen Konzerte übertragen, dann müsste man sie mit E-Gitarre, Keyboard und Schlagzeug spielen.
    Oskar Herzig hat einen absurden Weg für sein Anliegen gewählt, aber sein Anliegen ist es nicht. Und ziemlich sicher hat recht, wenn er behauptet, dass mit klassischen Inszenierungen der klassischen Opern die Besucherzahl am Theater Basel gesteigert werden könnten.

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  6. Doch, gibt es!

    wenn alle Bühnen im Konsens „modernes Theater“ aufführen, kann eine „historische Aufführung“ durchaus eine Relevanz haben.

    Aber dann konsequent.

    Shakespeare ohne Frauen, männliche Schauspieler only. Und ohne Einzelrollen!

    Doch, wäre gewiss äusserst spassig.

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