Der Druck auf Lehrer und Schüler steigt

Dank den neuen Schul-Checks soll die Qualität der Bildung besser kontrolliert und verbessert werden können. Es droht die Gefahr, dass Bildung auf ihren «Gebrauchswert» reduziert wird. Doch Schule ist mehr als bloss Vorbereitung auf die Berufskarriere.

Neue «Checks» sollen die Schulqualität verbessern, doch Talente wie Teamfähigkeit oder Kreativität lassen sich nicht messen. (Bild: iStock)

Dank den neuen Schul-Checks soll die Qualität der Bildung besser kontrolliert und verbessert werden können. Es droht die Gefahr, dass Bildung auf ihren «Gebrauchswert» reduziert wird. Doch Schule ist mehr als bloss Vorbereitung auf die Berufskarriere.

Jeden Abend darf ein Kind in der Kindersendung «Zambo» von Radio SRF einen Wunsch äussern. Wie etwa kürzlich Katharina: «My Wunsch in d Nacht isch, dass i gueti Note ha und spöhter e guete Job grieg.»

Kann das der Herzenswunsch eines Primarschulkinds sein?

Sätze wie dieser machen deutlich: Es ist gesellschaftsfähig geworden, die Schule auf die Rolle als Vorbereiterin auf die Berufskarriere zu reduzieren. Viele Erwachsene sagen das, Leute aus der Wirtschaft, Lehrerinnen und Lehrer – und auch Eltern.

Kein Wunder, wird der Schulalltag immer hektischer, geprägt durch Noten, Vergleiche und Tests, manchmal sind es vier oder fünf pro Woche. Manche Eltern mühen sich ab, Hilfestellung zu geben, Kinder zu trösten. Andere zucken mit den Schultern oder entwickeln feindselige Gefühle gegenüber Schule und Lehrerschaft.

Die Checks in den Schulen kurbeln den Konkurrenzwahn weiter an.

Der Konkurrenzwahn ist nicht vom Himmel gefallen. Er etablierte sich mit den seit dem Jahr 2000 veröffentlichten Pisa-Rankings. Mit diesen Vergleichsstudien nehmen Wirtschafts­organisationen unter der Führung der Organisation für wirtschaftliche ­Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Einfluss auf die Bildung, ­indem sie behaupten, die Schulen wettbewerbsfähig zu machen und Mängel im Bildungsbereich der ein­zelnen Länder aufzudecken.

Die Öffentlichkeit wurde aufgeschreckt, Politiker, die sich sonst ­wenig um Bildung kümmerten, setzten sich sofort für «bessere» und «leistungsfähigere» Schulen ein. Der Druck auf Lehrpersonen und Schüler steigt seither stetig an.

Basel-Stadt beteiligt sich zwar nicht mehr an den Pisa-Rankings. Doch der steigende Leistungsdruck wird auch hier im Rahmen der Harmos-Reform mitgetragen. Ab dem neuen Schuljahr 2013/14 werden im Bildungsraum Nordwestschweiz sogenannte Checks eingeführt.

Zusammen mit einer «Aufgabensammlung» sollen sie ein Hilfsmittel sein, das den Kindern, vor allem aber den Schulen und den Verantwortlichen des Bildungswesens, Rückmeldungen gibt, wo Leistungen verbessert werden können. Details zu den Qualitäts­sicherungsmassnahmen, die einen ­objektiven Einblick in die Leistungs­fähigkeit der Schülerinnen und ­Schüler geben sollen, werden auf der Internetseite des Bildungs­raumes Nordwestschweiz aufgelistet.

Die Anonymisierung ist eine Farce – eine Geheimhaltung wird gar nicht möglich sein.

Keinesfalls sollen die Checks zu mehr Leistungsdruck führen oder als Disziplinierungsinstrument gegenüber der Lehrerschaft verwendet werden, wurde immer wieder beteuert, um der aufkeimenden Kritik im Vorfeld der Testentwicklung zu begegnen. Des­wegen würden die Checks auch anonymisiert.

Heute zeigt sich, dass das nicht stimmt. Die Anonymisierung ist eine Farce, weil die Resultate zur Leistungssteigerung von der jeweils höheren ­Hierarchiestufe (Lehrerschaft, Schulleitung, Bildungsdirektion) verglichen werden müssen. Eine Geheimhaltung wird gar nicht möglich sein, und in Extremfällen wird die Herausgabe von Daten sogar erzwungen werden können.

Lehrer in der Sandwichposition

Eltern und Kinder müssen ohnehin über ihre Resultate informiert werden. Lehrerinnen und Lehrer müssen also alle Daten einer Klasse kennen. Sie sollen zudem die Eltern anleiten, wie sie die Leistungen ihrer Kinder verbessern können und mit ihnen sogar Lernverträge (!) abschliessen können. So entsteht ein problematisches Machtgefälle zwischen Lehrerschaft und Elternhaus. Das hierarchische Prinzip funktioniert aber auch in ­entgegengesetzter Richtung: Die Schulleitungen beurteilen den durchschnitt­lichen Wissensstand ­einer Schulklasse und die Leistungen ihrer Lehrer.

Letztere geraten also in eine un­gemütliche Sandwichsituation. Sie müssen zwangsläufig ein Interesse ­daran haben, dass ihre Klasse gut abschneidet. Um dies zu erreichen, müssen sie sich selbst zu Befehlsempfängern degradieren, die standardisierte Tests mit vorgefertigten Aufgabensammlungen vorbereiten und durchführen. Korrektur und Auswertung werden aber von einer externen Stelle vorgenommen – was 4,6 Millionen Franken pro Jahr kosten wird. Die Lehrer würden so entlastet, heisst es. In Tat und Wahrheit nimmt man ihnen Gestaltungsmöglichkeiten weg.

Nicht alle Talente sind messbar

Was spricht weiter gegen Checks? Checks sind Momentaufnahmen und geben nur beschränkt Auskunft über das Können und Wissen, weil sich in der Bildung nicht alles messen lässt. Fähigkeiten wie Kreati­vität, Vorstellungsvermögen oder Teamfähigkeit entziehen sich solchen Standards, obwohl sie entscheidend sind für den Bildungsstand. Wie gehen Klassen und ihre Lehrer künftig mit benachteiligten oder behinderten Kindern um, die den Leistungsschnitt drücken?

Man kann sich auch fragen, warum die Checks ein Bestandteil des Abschlusszeugnisses sein sollen, wenn behauptet wird, dass sie nur ein Instrument zur Qualitätsverbesserung sein sollen. Es ist wohl eine Reaktion auf gewisse Arbeitgeber, die bei der Lehrstellenvergabe bereits heute eigene Checks verwenden, um «die Besten» zu bekommen. Es ist eine trügerische Hoffnung, zu glauben, dass diese Firmen künftig auf eigene Tests ­verzichten werden.

Checks seien «objektiv» und ­«gerecht», wird argumentiert. Je nach Schulstandort wird die Zusammensetzung der Schülerschaft jedoch verschieden sein, was dazu führt, dass die Chancen, die Tests zu bestehen, höchst ungleich verteilt sein ­werden.

Eine Gefahr besteht zudem darin, dass das Lernen einseitig auf die in den Checks vorgegebenen Prüfungskompetenzen ausgerichtet wird. Die Zeit für anderes wird knapp – etwa für eine bessere Allgemeinbildung. Eine Vorahnung dazu bietet die Absicht, im Lehrplan 21 sogenannte «weiche» Fächer wie etwa Geschichte zu marginalisieren oder gar ganz zu streichen.

Bildung als «Gebrauchswert»

Das hat Konsequenzen für die Qualität der Bildung. Mit den Checks wird ein Konzept eingeführt, das Bildung auf den Gebrauchswert reduziert. In den laufenden Reformen werden die Schulstrukturen immer mehr den Strukturen der Wirtschaft angeglichen. Man entwickelt Standards, benennt Kompetenzen und setzt Kontrollinstrumente ein. Das alles nach einem streng hierarchischen Prinzip, das die demokratische Mitsprache einschränkt.

Um beim Beispiel der Checks zu bleiben: Es ist nicht verwunderlich, dass die Informationen über deren Einführung sehr spärlich flossen und auch die Lehrerschaft erst im Frühjahr 2013 – also knapp ein Vierteljahr vor der Einführung der Checks – ­detailliert informiert wurde. Ent­schieden wurde die Sache von den ­Regierungsräten und ihrem Expertenstab. Die zuständige Behörde im ­Kanton Basel-Stadt, der Erziehungsrat, konnte dieses Geschäft nur zur Kenntnis nehmen und hatte dazu nichts zu sagen.

Auch die Öffentlichkeit wurde ­spärlich bis gar nicht informiert. Sollte so eine öffentliche Debatte vermieden werden? Sollte verhindert werden, dass die Betroffenen sich wehren?

Weshalb wurde eine öffentliche Debatte über die Checks verhindert?

Es ist symptomatisch für den ganzen Reformprozess: Wenn Kritiker auf den Mangel an Transparenz und demokratischer Mitsprache hinweisen, verweist man sie auf die grundsätz­liche Zustimmung der Schweizer Stimmbürger zur Harmonisierung des Schulwesens (Harmos). Nur war damals, vor mehr als zehn Jahren, eine vergleichsweise bescheidene Angleichung in den wichtigsten Fragen gemeint – und keineswegs ein derart ­radikaler Umbau des ganzen Schul­systems mit solchen technokratischen Auswüchsen.

Heute stellt niemand mehr die alles entscheidende Frage, was Schulbildung eigentlich sein sollte. Ziel kann nicht die Reduktion auf eine erhoffte oder mögliche Berufskarriere sein. ­Natürlich muss die Schule auch aufs Berufsleben vorbereiten. Klarsichtige Arbeitgeber wissen aber, dass sie motivierte und kreative Menschen brauchen und nicht Leute mit standardisierten Kompetenzen.

Eine möglichst breite Allgemein­bildung trägt zum Verständnis einer immer komplexeren Welt bei; sie macht junge Menschen selbstständig und urteilsfähig und ist schliesslich die Grundvoraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie. Bildung soll Menschen mündig machen. Das müssten sich doch alle Eltern und ­Pädagogen wünschen.

So funktioniert das neue Check-System
Ab dem Schuljahr 2013/14 sollen in den vier Kantonen BS, BL, SO und AG sogenannte Checks (Leistungstests) eingeführt werden. Zuerst zu Beginn der 3. und 6. Klasse der Primarschule, dann stufenweise bis 2017 am Ende der 2. und 3. Klasse der Sekundarschule.
Die Checks sollen Kinder, Eltern, Lehrer, Schulleitungen und Schulbehörden über den derzeitigen Leistungsstand informieren und gezielt zu Verbesserungen verwendet werden. Prüfungsfächer sind Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften. Die Checks sind standardisiert und werden von ­einer Aufgabensammlung zur Vor- und Nachbereitung begleitet.Die Ergebnisse werden von einer externen Stelle gesammelt und ausgewertet.
Die Resultate liegen dem Abschlusszeugnis bei und können zur Lehrstellenbewerbung genutzt werden.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 28.06.13

Konversation

  1. liebe frau stibler, ganz herzlichen dank für diesen beitrag. besonders, dass sie es nicht auslassen, die grundsätzliche frage „was bildung eigentlich soll“ aufzuwerfen und auch in aller kürze gleich eine antwort geben, die mir aus dem herz spricht. die ökonomisierung der bildung erachte auch ich als problematisch und den grat zwischen transparenz und abarbeiterei als sehr schmal.
    einzig mit dem abschnitt zur sandwichposition von lehrpersonen bin ich nicht vollumfänglich mit ihnen einverstanden. diese gefahr mag in der tendenz bestehen, ich persönlich sehe mich aber nicht zur befehlsempfängerin degradiert. meine schulleitung ist erstens sensibel und professionell genug, meine leistung nicht ausschliesslich an diejenige meiner klasse in einer momentaufnahme (check) zu knüpfen, sondern mein wirken als lehrerin differenzierter wahrzunehmen. zweitens habe ich es – mit etwas courage – als lehrerin immer noch selber in der hand, wie sehr ich mich dem testvorbereitungswahn hingeben mag oder eben nicht. dass dies nicht allen lehrpersonen gleich leicht fallen wird, will ich damit nicht bestreiten – und den sinn von checks suche ich trotzdem weiterhin vergeblich.

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  2. das ganze gibt es seit über 10 jahren unter dem wundervollen namen „no child left behind“ in den usa und wurde damals von george w. gutgeheissen. wie sehr das amerikanische bildungssystem nun den bachab ist (bzw. sich dadurch nicht gebessert hat), dürfte ja allgemeinhin bekannt sein.

    standardisierte tests sind das absolute gegenteil der massnahmen, die man treffen sollte.

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  3. hat es die kleine Katharina: „…ass i gueti Note ha und spöhter e guete Job grieg.“ Das ist eigentlich nur konsequent, da alle unsere Lebensbereiche längst völlig ökonomisiert worden sind.
    Zu viele Schlauberger glauben, es sei wissenschaftlich und klug, bei schwierigen Problemen zuerst alles messen zu wollen. Also misst man hirn- und konzeptlos unmessbare Grössen wie den „Lehr- und Lernerfolg“ oder die „Intelligenz“ und mehr mit lächerlich unbeholfenen statistischen Grössen wie Durchschnitt und Streuung an heterogenen und viel zu kleinen Populationen. Aber es ist halt sexy, weil es wissenschaftlich klingt. Aber leider stellt es das Gegenteil davon dar!
    Wissenschaft fängt damit an, das Unbekannte und Unverstandene möglichst objektiv zu beschreiben. Die erste Schwelle, nämlich adäquate Massstäbe und Methoden zur Erfassung der interessierenden Grössen zu entwickeln hat man aber forsch übersprungen. Und so versaut eine Gang von angeblich wissenschaftlich arbeitenden Sesselfurzern den Schulalltag.
    PISA und BOLOGNA lassen grüssen.
    Der robuste Massstab zur Bewertung der Schule? Nach wie vor brauchen wir reife Persönlichkeiten, geleitet von Liebe und Freude zur Sache wie zu den Kindern. Kommt dann der gesunde Menschenverstand hinzu, dann kann die Schule für das Leben und nicht nur für die Karriere vorbereiten.
    Eine schöne Utopie.

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  4. in der eingekaufte Standard-Software ganze innerbetriebliche Abläufe entgegen der Vernunft umkrempelt, in der das blitzartige Abarbeiten eines „Work-Flows“ das Mass aller Dinge ist, in der Mittdreissiger ohne soziale Kompetenz Regierungsrat werden können, hat sich die Gesellschaft offensichtlich damit abgefunden, dass sie komplett fremdbestimmt ist.

    Was soll man in der Schule dann noch fördern? Wohl nur die Akzeptanz des Fremdbestimmtseins.

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  5. Ich arbeite seit Jahren in einem Schulhaus mit vielen MigrantInnen. Seit Jahren müssen wir in derr 6. Klasse Schul-Checks (heute heissen sie noch Orientierungsarbeiten) in Deutsch und Mathematik durchführen. Regelmässig schneiden unsere SchülerInnen schlecht ab, da die meisten eine andere Muttersprache haben und aus sozial tieferen Schichten kommen. Immer wieder haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir in unserem Schulhaus mehr Mittel brauchen würden, um unsere Kids besser zu fördern. Resultat: Es gab nicht mehr Lektionen sondern eher weniger.
    Ich frage mich, warum machen wir jedes Jahr diese Tests, wenn aus den Resultaten keine Konsequenzen hervorgehen?

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