Der Frauenverein setzt in der Krise auf Männer

Die grösste Betreiberin von Kindertagesstätten in der Schweiz steckt tief in der Krise. Seit 2013 schreibt die Basler Organisation familea trotz staatlicher Subventionen Verluste in Millionenhöhe. Die Probleme beim ehemaligen Basler Frauenverein lösen sollen ausgerechnet: Männer.

Aggressive Wachstumsstrategie: Der Basler Betreuungsriese familea ist in die Krise gerutscht.

(Bild: Eva Rust)

Die grösste Betreiberin von Kindertagesstätten in der Schweiz steckt tief in der Krise. Seit 2013 schreibt die Basler Organisation familea trotz staatlicher Subventionen Verluste in Millionenhöhe. Die Probleme beim ehemaligen Basler Frauenverein lösen sollen ausgerechnet: Männer.

Wie sich die Zeiten doch ändern. 2001 war es, da feierte der Basler Frauenverein sein hundertjähriges Bestehen und die damalige Geschäftsführerin Gigi Plattner-Höhn meldete nicht ohne Stolz, dass der Verein ohne Ausnahme von Frauen geführt wird: «Wir sind der Auffassung, dass der Frauenverein gut geleitet wird und dass es noch zu wenige grössere Unternehmen gibt, in denen die Verantwortung mehrheitlich von Frauen wahrgenommen wird.» 

Mittlerweile nennt sich der Basler Frauenverein familea, schreibt dank einer verpatzten Wachstumsstrategie Millionenverluste und weist in der Geschäftsleitung keine einzige Frau mehr auf. Im Vorstand halten sich Frauen und Männer die Waage. Im Juli trennte sich familea von Geschäftsführerin Tessa Müller «im gegenseitigen Einvernehmen». Die Geschäftsleitung wurde daraufhin zunächst von sieben auf fünf und schliesslich auf vier Personen verkleinert. Sämtliche verbliebenen Frauen wurden in die Wüste geschickt oder durch Männer ersetzt. Der einst teuer aufgebaute Verwaltungsapparat wird wieder eingedampft.

Rückläufige Auslastung: Die goldenen Zeiten für Kita-Betreiber mit langen Wartelisten sind vorbei.

Johanna Marty hat viele Jahre für familea gearbeitet, zuletzt als Leiterin der Personaladministration, bis sie im letzten Jahr in Pension ging. Sie empfindet die Redimensionierung der Verwaltung als positiv. «Jetzt wird in der Verwaltung eine schon längst fällige Korrektur vorgenommen.» Die Trennung von Müller sei überfällig gewesen, sagt Marty: «Unter den Betreuerinnen hat niemand verstanden, weshalb die Verwaltung derart ausgebaut wurde, während in den Kitas gespart wurde.»

So wurde beispielsweise der Springerpool aus Kostengründen gestrichen, der notwendig war, um den Ausfall von Betreuerinnen, die krank waren oder kündigten, auszugleichen und die kontinuierliche Betreuung der Kinder zu gewährleisten. Mittlerweile wurde das Springersystem wieder installiert. Trepp versichert: «In den Kitas wird nicht gespart.»

Bonus gestrichen

Dafür wurde sämtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Bonus für das Jahr 2016 gestrichen. In der Vergangenheit erhielten alle familea-Angestellten nach Abschluss des Geschäftsjahres einen Bonus von mehreren Hundert Franken für die Leistung des Vorjahres. «Aufgrund der wirtschaftlichen Situation haben wir den Bonus nicht gesprochen», sagt Schultheiss. Es sei auch eher einer Anwesenheitsprämie gleichgekommen als einem Bonus. Marty sieht die Funktion des «Zustupfs» anders: «Für die Mitarbeitenden war der Bonus ein willkommener Lohnbestandteil und eine Anerkennung der erbrachten Leistung. In den vergangenen Jahren sind die Anforderungen an die Betreuer und Betreuerinnen konstant gestiegen.»

Das Basler Erziehungsdepartement verfolgt die Krise bei familea mit Interesse. Wankt der Betreuungsriese, wackelt auch das Kita-Konzept des Kantons. Das Erziehungsdepartement (ED) hat nun dafür gesorgt, dass familea höhere Ansätze für seine Kinderheime erhält, der zweiten defizitären Sparte. Das soll dem Verein auch Luft verschaffen, die Probleme in den Krippen zu meistern.

Politik schaltet sich ein

Sandra Dettwiler ist beim ED zuständig für die externe Kinderbetreuung. Sie sagt, familea sei dem Kanton gegenüber in erster Linie für die Qualität der Arbeit mit den Kindern verantwortlich. Kommunikation und Unternehmensstrategie dagegen sei Sache des Vorstands oder der Geschäftsstelle. «Wir interessieren uns dafür, ob der Leistungsauftrag erfüllt wird. Für alles Weitere ist familea selbst verantwortlich.»

Die Politik interessiert sich allerdings durchaus für einzelne Details. 2015 beschäftigte sich die Geschäftsprüfungskommission des Grossen Rats mit familea und legte dringend nahe, die kritische Situation im Overhead-Bereich aufzulösen. Eine Zweckentfremdung von Steuermitteln, die für die Betreuung gedacht sind, stand im Raum.

Auf Mann folgt Frau

Die Massnahmen, die familea eingeleitet hat, stimmen Dettwiler zuversichtlich: «familea wird den Turnaround schaffen.» Das glaubt selbstredend auch der Mann, der für diesen Job engagiert wurde. Übergangsgeschäftsführer Martin Trepp rechnet mit einer schwarzen Null ab 2018. Sein Nachfolger wird eine Nachfolgerin sein, kündigt Vorstandschefin Schultheiss an. Der Vertrag sei bereits unterschrieben, noch diesen Monat soll die Frau vorgestellt werden.

Ist die Krise gemeistert, dürfen bei familea wieder die Frauen ran.

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Wie lösen andere Länder das Dilemma der Betreuungskosten? Die TagesWoche hat sich mit verschiedenen Finanzierungssystemen auseinandergesetzt. Sie lesen am Mittwoch mehr dazu.

Konversation

  1. Kitaplätze sind in der Schweiz ebenfalls durch die Gemeinden unterstützt und subventioniert. Sprich tiefere Einkommen zahlen weniger, nur ist der Grundpreis pro Betreuungsplatz hier wesentlich höher als in D oder F.

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  2. Geht es hier um Genderfragen oder um die Sanierung eines Existenzbedrohenden Problems?
    Was ist falsch daran wenn man fähige Fachmenschen damit beauftragt den Laden wirtschaftlich auf Trab zu bringen damit er weiter existiert?
    Sorry, Herr Beck. Der Artikel ist inhaltlich gut. Der Titel …’setzt und der Krise auf Männer‘ stört mich. Siehe meine zwei Fragen.

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  3. Wenn es hier im Lande um Geld geht, muss etwas Messbares her, das dann optimiert werden kann.
    In der Industrie geht es um Stückzahlen, in der Altenpflege geht es um die Anzahl zu Duschenden am Morgen pro Pflege und auch bei den Kitas wird sich doch irgendwas Messbares finden lassen, woran man zuindest die Peseudo-Effizienz messen kann:
    – Anzahl Klötze pro Minute, die ein Kind auftürmen kann
    – Anzahl Quadratmeter, die ein Kind in einer Viertelstunde farblich behandeln kann
    – Anzahl Minuten, die ein Kleinkind nach entsprechenden Massnahmen still sitzen kann
    – Anzahl Kinderhände, die eine Bereuerin pro fünf Minuten waschen kann.
    – Anzahl sauberer Kinder nach einem Mal-Nachmittag

    Das Unmessbare kann dann getrost vergessen werden.

    Die Folge davon wird die „Debilisierung“ der Betreuung sein mit Konzentration eben auf obige Messpunkte.
    Das Hauptwerkzeug der Betreuerin wird dann der Laptop sein, worin peinlich genau eben obige Erfolgspunkte täglich protokolliert werden müssen
    …natürlich lohnabhängig!

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    1. @cesna

      exakt! die notorische quantifizierung der (lebens)qualität.

      in der diktion der topqualifizierten (sprich: quantifizierungs-gegrillten):

      «basierend auf objektivierbarer costeffectiveness wird die zukunfts-kita ideal mit kindern bespielt»

      (angeleitet vom tremola-geprüften turnaround guru – yeah!)

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    2. @ Chröttli:
      Besonders Tremola!
      Kopfsteinpflaster-Strasse ohne ordentliche Randbegrenzung mit jeglicher Möglichkeit des Absturzes in jeder Kurve.

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  4. Dass das ED die Krise bei familea gemäss Artikel „mit Interesse“ verfolgt, mag mich nicht wirklich zu beruhigen. Die aggressive und grössenwahnsinnige Wachstumsstrategie hat dem ehemals hoch geschätzten Basler Frauenverein sehr geschadet. Der Vorstand ist im Umgang mit Personal und Finanzen seiner Aufsichtspflicht offenbar nicht genügend nachgekommen.
    Die Mitarbeitenden in den Kitas und Kinderheimen arbeiten sehr kompetent und verantwortungsbewusst. Es bleibt zu hoffen, dass sie ihre wertvolle Betreuungsarbeit zum Wohl von Kindern und Jugendlichen ohne weitere Einschränkungen weiterführen können. MIt der Unterstützung und Wertschätzung einer neuen Geschäftsleiterin !!

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    1. meine Worte, meine Worte… und das nicht nur, weil ich vielleicht „erblich“ belastet bin….

      Meine Kinder waren in Familea-Tagis und an der Betreuung hat es da nicht gehapert. Die Leuite vor Ort haben immer sehr gute Arbeit geleistet. Aber zu behaupten, sie seien dabei durch die Bezirksleitungen (ja, das gab es… gibt es die immer noch?) und die Geschäftsleitung in Ihrer Arbeit unterstützt worden, das wage ich nicht. Eher habe ich das Gegenteil erlebt…. Insofern ist es höchste Zeit, dass diese Fehlentwicklung mit dem Wasserkopf „zu grosser Administration“ an teuerster Lage in der Stadt (obwohl die vorherige Lage in einem – soweit ich weiss – vereinseigenem Haus auch sehr zentral war…) korrigiert wird und die Gelder der Organisatio (zu grossen Teilen Subventionen) dort eingesetzt werden, wo sie eingesetzt werden sollten: bei den Mitarbeiterinnen und den Kindern.

      Last, but not least: in der GL Männer und in der täglichen praktischen Arbeit vor Ort Frauen. Wieso überrascht mich das nicht…. und die Argumentation der LDP-Frau (Präsidentin des Vereins) ist so was von schwach…..

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  5. Andere Länder sind viel weiter entwickelt und gut vergleichbar. Z.B. in Frankreich arbeiten Frauen seit dem 2. Weltkrieg, und Krippenplätze sind daher von je her stark subventioniert. Die Notwendigkeit wurde schon immer annerkannt.
    In der Schweiz setzt man immer noch stark auf die Einwanderung, und es spielt den konservativen Kreisen keine Rolle, ob Frauen nach den teuren Bildungsjahren zu Hause bleiben müssen. Die Schweiz ist in dieser Hinsicht immer noch ein Entwicklungsland.

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