Der lange Weg zur Tagesschule

Jenseits der Stadt haben es Tagesschulen schwer. Das Angebot war bislang geprägt von Wirrwarr und fehlender Kontrolle. Mit dem Gesetz zur familienergänzenden Kinderbetreuung will der Kanton Baselland das nun ändern.

Erziehung wie im vorletzten Jahrhundert: Am Mittagstisch in Allschwil mussten Kinder zur Strafe Sätze abschreiben. (Bild: Foto: iStock/Montage Nils Fisch)

Wenig Angebote, unklare Zuständigkeiten und fragwürdige Methoden – viele Gemeinden in der Region Basel tun sich schwer mit Tagesschulen. Ein neues Gesetz soll nun die Grundlagen schaffen für ein Angebot, wie es in der Stadt bereits bestens funktioniert.

Wer sein Kind in Baselland auf eine Tagesschule schicken will, hat wenig Auswahl. Es gibt gerade mal eine Handvoll Schulen mit Tagesbetreuung, etwa in Bottmingen, Reinach, Binningen, Oberwil und Allschwil. Insgesamt gibt es im Baselbiet zirka 40 Einrichtungen mit beschränktem Betreuungsangebot im Schulbereich. Jede Gemeinde entscheidet selbst, ob sie auf Kinderbetreuung setzen will oder nicht. Politisch heisst das: Gemeindeautonomie. Praktisch bedeutet es: viel Wirrwarr und keine zentrale Kontrolle.

Das soll sich nun ändern. Mit dem Gesetz zur familienergänzenden Kinderbetreuung (FEB) will der Kanton die Rahmenbedingungen verbindlich regeln – und die bestehenden Tagesschulen nachträglich unter die Lupe nehmen.

Niemand ist verantwortlich

Eine Einrichtung, die der Kanton nun überprüfen will, ist die Allschwiler Tagesschule. Sie existiert seit August 2011, nachdem eine entsprechende Vorlage von der Bevölkerung mit grosser Mehrheit angenommen worden ist. Für die Primarschüler sollte die Schule von morgens bis abends geöffnet sein – für Unterricht, Mittagessen, Spielen, Hausaufgaben machen. Nur sechs Monate nach der Abstimmung nahm die Tagesschule den Betrieb auf. Für die Planer eine faktisch unlösbare Aufgabe, wie sich im Nachhinein herausstellte.

Für ein Betreuungsangebot an Schulen müssen zahlreiche Auflagen erfüllt und Bewilligungen eingeholt werden. Wobei es im Baselbiet keine kantonalen Vorgaben gibt und auch auf Gemeindeebene nicht ohne Weiteres klar ist, was es braucht. Dadurch benötigt man Zeit, um den geltenden Bestimmungen gerecht zu werden. In Allschwil ging aber alles sehr schnell – zu schnell.

«Es war damals unklar, ob Tagesstrukturen an Schulen unter die Bewilligungspflicht des Kantons fallen oder ob diese in der Verantwortung des Schulrates respektive der Gemeinde Allschwil liegen», sagt Esther Kilchmann, Leiterin Kind und Jugend im kantonalen Amt für Kind, Jugend und Behindertenangebote rückblickend. Bei der Gemeinde nachgefragt heisst es: Der Schulrat sei nicht dafür zuständig gewesen. Manche meinten, der Einwohnerrat trage die Verantwortung, andere glaubten, der Gemeinderat sei in der Pflicht. Am Ende war niemand so richtig für die Kontrolle zuständig.

Esszwang am Mittagstisch

Tanja Bieg leitet die Bildungsabteilung in Allschwil und rechtfertigt das Bewilligunsverfahren damit, dass man für Tagesstrukturen Vorgaben des Bundes einzuhalten hatte: «Wir erhalten für unsere Tagesschule eine Anstossfinanzierung vom Bund. Für diese mussten die entsprechenden Auflagen erfüllt werden.»

Man könnte sagen, Bewilligungsverfahren seien lediglich bürokratischer Ballast – Hauptsache, die Betreuung stimmt. Doch ein genauerer Blick zeigt: In Allschwil gab es erhebliche Schwierigkeiten im Betreuungsbereich.

Wer im Hort nicht spurte, musste 20 Mal schreiben: «Ich darf keine anderen Kinder plagen.»

Ein Insider erzählt von den Problemen, mit denen die Tagesschule Allschwil in der Anfangszeit zu kämpfen hatte. Es gab kein pädagogisches Leitbild, Praktikanten waren überfordert, und es wurde latschiges Essen aus der Altersheimküche aufgetischt. Und vor allen Dingen: Man setzte auf altbackene Erziehungsmethoden. Am Mittagstisch herrschte Esszwang: Was auf den Teller kam, musste aufgegessen werden. Kinder, die im Hort etwas falsch machten, mussten Sätze wiederholt aufschreiben – zum Beispiel zwanzig Mal: «Ich darf keine anderen Kinder plagen.» So funktionierte Erziehung im vorletzten Jahrhundert. In der Ausbildung zur Fachperson Betreuung (Fabe) lernt man heute andere Erziehungsmethoden.

Allschwil hat aus Fehlern gelernt

Zu diesen Kritikpunkten meint Bieg von der Gemeinde Allschwil, man befinde sich in einem «wichtigen Entwicklungsprozess» und gewinne «jeden Tag neue Erfahrungen und Erkenntnisse dazu». Gemeinderätin Franziska Pausa, zuständig für Bildung, Erziehung und Kultur, spricht in einem ähnlichen Ton über die Schwierigkeiten der Anfangszeit: «Es war eine grosse Herausforderung, da wir bis zur Inbetriebnahme der Tagesschule nur eine sehr kurze Vorlaufzeit hatten.»

Und wie sieht es heute aus? Eine Mutter, deren Sohn regelmässig in der Tagesbetreuung ist, sagt, es habe sich im letzten Jahr einiges getan. Zwar stecke die Tagesschule noch «in den Kinderschuhen, aber grundsätzlich, finde ich, geht es in eine richtige Richtung. Es gibt einfach noch einige Dinge, die verbessert werden müssen.»

Der Betreuungsbereich hat nun ein pädagogisches Konzept und einen neuen Leiter. Man hat in Allschwil aus den Fehlern gelernt.

Für die Stadt sind Tagesschulen ein Steckenpferd

In Basel-Stadt läuft es ganz anders in Sachen Tagesschulen. Die Richtlinien für die Inbetriebnahme von Tagesstrukturen sind sehr detailliert. Wer eine Betreuungseinrichtung eröffnen will, muss zuerst eine Flut von Papieren ausfüllen. Dann erscheint in regelmässigen Abständen eine Aufsichtsperson, die kontrolliert, ob die Regeln eingehalten werden. Brandschutzbestimmungen, Gesundheitsvorschriften, Betreuungssituation – alles wird minutiös geprüft.

In den nächsten zehn Jahren soll der Anteil an Schülern in Tagesstrukturen von 23 auf 60 Prozent steigen.

Tagesschulen sind sozusagen ein Steckenpferd der städtischen Bildungspolitik. Erziehungsdirektor Christoph Eymann liegt sehr viel an diesem Bereich. Er sagt, der «Planungs- und Realisierungsaufwand» sei beträchtlich: «Es gibt meines Wissens kein anderes Gemeinwesen, das sich so ehrgeizige Ziele hinsichtlich des Ausbaus der Tagesstrukturen gesetzt hat und in der Lage ist, diese zu erreichen.» Im Schuljahr 2014/15 wurden 2100 Betreuungsplätze im Schulbereich angeboten. Und jedes Jahr sollen laut Eymann 250 neue Plätze dazu kommen. In den nächsten zehn Jahren soll der Anteil an Schülern, die ein Tagesstrukturangebot besuchen, von heute 23 auf 60 Prozent steigen.

Dass die Stadt in der Kinderbetreuung einiges richtig macht, zeigt auch die kürzlich publizierte Studie «Familienergänzende Kinderbetreuung und Gleichstellung» des Forschungsbüros Infras. Nur Genf bietet pro Kopf mehr Betreuungsplätze im Schulbereich als Basel-Stadt (Stand 2010), Baselland zählt zu den Schlusslichtern.

Im Zwiespalt zwischen Föderalismus und Zentralismus

In der Stadt werden die Tagesschulen stärker subventioniert. Für die Eltern kostet ein Tag für Essen und Betreuung je nach Einkommen zwischen 13 und 34 Franken. In Bottmingen kostet ein ganzer Tag Betreuung zu 6 Stunden zwischen 15 und 69 Franken. In Allschwil sind es 23 bis 42 Franken – wobei das Angebot nicht so flexibel wählbar ist wie in den vergleichbaren Einrichtungen in der Region.

Warum ist der Unterschied zwischen Stadt und Land so gross? Eine Erklärung liegt in der Politik der beiden Kantone. In Basel-Stadt ist es leichter, ein Bildungsprojekt zu fördern, da nur eine Behörde darüber entscheidet. Im Baselbiet sind die Gemeinden verantwortlich für Kindergärten, Primarschulen und familienergänzende Kinderbetreuung. Nicole Schwarz vom Verband Bildung und Betreuung beider Basel sieht darin ein grundsätzliches Problem: «Die strukturellen Unterschiede zwischen Gemeinden und Kanton behindern im Allgemeinen die Förderung von Kinderbetreuung.» Es ist der altbekannte Zwiespalt zwischen Föderalismus und Zentralismus. Der Kanton soll eine fortschrittliche Bildungspolitik fördern und darf gleichzeitig den Gemeinden nicht zu viel vorschreiben.

Liestal wagt den Spagat

Mit dem Gesetzesvorschlag zur familienergänzenden Kinderbetreuung will die basellandschaftliche Regierung nun genau diesen Spagat wagen und zumindest «minimale Qualitätsvorgaben» machen. Nicole Schwarz begrüsst den Vorstoss: «Das FEB-Gesetz versucht eine wichtige, wenn auch kleine Lücke zu füllen.»

Wahrscheinlich ist die neue Gesetzesvorlage auch der Grund dafür, dass sich der Kanton nun um nachträgliche Bewilligungsverfahren bemüht. Esther Kilchmann vom kantonalen Amt für Kind, Jugend und Behindertenangebote nennt die Betreuungsstätten, die der Kanton im Moment nachträglich prüft: Allschwil, Bottmingen, Aesch und Binningen.

Wenn der gute Ruf zum Problem wird

Binningen habe die Unterlagen bereits erhalten und sei dabei, die Kriterien zu überprüfen, erklärt der hier zuständige Ressortleiter für Bildung, Philipp Bollinger. Seit 2007 gibt es an der Primarschule Binningen einen Mittagstisch, später kam die Nachmittagsbetreuung dazu. Warum hat der Kanton nicht früher ein Bewilligungsverfahren durchgeführt? «Man ging wohl davon aus, dass an einer Schule keine unzumutbaren Verhältnisse herrschten», sagt Bollinger. «Ein Gemeinderatsbeschluss legte die allgemeinen Bedingungen für die schulische Betreuung fest.» Es ist dasselbe Szenario wie in Allschwil.

Keine Kontrolle muss nicht zwangsläufig schlechte Betreuung bedeuten.

Keine Kontrolle muss nicht zwangsläufig schlechte Betreuung bedeuten. Das zeigt ein Blick nach Reinach oder Bottmingen. Dort werden kaum Kritikpunkte laut. Ariane Vischer hat ihren Sohn in die Tagesschule Bottmingen geschickt. Grundsätzlich war sie sehr froh, dass sie als berufstätige Mutter von dem Angebot profitieren konnte. Ihren Beruf als Praxisassistentin hätte sie ohne die Tagesschule nicht in demselben Masse ausführen können. Über die Qualität sagt sie: «Die Tagesschule Bottmingen geniesst einen sehr guten Ruf. Das wurde dann zum Problem, weil deshalb viele Kinder in diese Schule geschickt wurden und die Qualität dadurch immer mehr abnahm.»

«Kinder hüten kann jeder»

Die grösste Herausforderung für die Tagesbetreuung bleibt, gut qualifiziertes Personal zu finden. Damit haben Baselland und Basel-Stadt gleichermassen zu kämpfen. Wenn jährlich bis zu 250 neue Betreuungsplätze entstehen, braucht es mehr ausgebildete Fachkräfte. Sofern dieses Personal nicht vorhanden ist, greifen die Tagesschulen auf Quereinsteiger zurück, die pädagogische Erfahrung mitbringen. Maximal ein Drittel des Erziehungspersonals habe keine pädagogische Ausbildung, erklärt die Leiterin der Tagesstrukturen Basel-Stadt, Claudia Magos.

Erziehung sorgt stets für Kontroversen. Die meisten Eltern haben ihre eigenen Vorstellungen, was gute und schlechte Erziehung sei. Selbst ausgebildete Fachkräfte können angesichts der oft divergierenden Ansprüche in die Bredouille geraten, und umgekehrt machen Personen ohne Spezialausbildung in den Augen der Eltern oft alles richtig. «Es herrscht die Meinung vor, Kinder hüten könne jeder», bringt Bildungsexpertin Schwarz das grundlegende Problem auf den Punkt: «Das führt dazu, dass die Wertschätzung gegenüber Betreuungsberufen gering ist, was schliesslich in den Anstellungsbedingungen und im Lohn zum Ausdruck kommt.»

Ein Beitrag zur Chancengerechtigkeit

Am Ende spielt das Geld eine zentrale Rolle. Viele Gemeinden in Baselland scheuen sich vor Investitionen in Betreuungsangebote. «Mittagstische zu organisieren, das bedeutet Koordination, Aufbau- und Betriebsarbeit», erläutert Schwarz. Dafür müssten neue Personalressourcen aufgebaut werden, «für die der Kanton nichts zahlt». Dabei müssten die Gemeinden eigentlich selber daran interessiert sein, mehr Betreuungsplätze einzurichten. Zwar verdiene man mit der Kinderbetreuung direkt kein Geld, sagt Schwarz, aber Gemeinden mit guten Angeboten würden ihre Standortattraktivität erhöhen und neue zahlungskräftige Einwohner anziehen.

Fachleuten ist längst klar, dass auch in der Schweiz der Trend in Richtung in Tagesschulen weist.

Von guten Betreuungsangeboten profitieren nicht nur Doppelverdiener-Familien. Es gehe in den Tagesschulen um mehr als um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sagt die Basler SP-Nationalrätin Silvia Schenker: «Es geht vor allem um gute Bildung.» Tagesschulen seien insbesondere «für Kinder wichtig, die daheim nicht die notwendige und gewünschte Unterstützung für ihre Hausaufgaben erhalten können». Somit seien die Tagesschulen auch ein Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit. Der Bildungsexperte und Allschwiler Einwohnerrat Ueli Keller spricht im Zusammenhang mit Tagesschulen von einem «neuen Lebens- und Bildungsraum für die Schülerinnen und Schüler».

Für Fachleute ist längst klar, dass auch in der Schweiz der Trend in Richtung in Tagesschulen weist. Finnland, Schweden, Deutschland, Frankreich und viele weitere Länder gingen mit gutem Beispiel voran, meint Keller. Er ist überzeugt: «In 20 bis 30 Jahren werden Tagesschulen der Standard sein – kostenlos und für alle.»

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