Der Tierschützer von Amtes wegen

Markus Spichtig, der Basler Kantonstierarzt, hat sich stark gemacht für den Schutz vor bissigen Hunden. Bis in die Kindergärten. Nun geht er in Pension.

Markus Spichtig war sieben Jahre lang Basler Kantonstierarzt und geht nun in Pension. (Bild: Michael Würtenberg)

Markus Spichtig, der Basler Kantonstierarzt, hat sich stark gemacht für den Schutz vor bissigen Hunden. Bis in die Kindergärten. Nun geht er in Pension.

Ob in der englischen Serie «Der Doktor und das liebe Vieh» oder im deutschen «Heim für Tiere»: Die Fernseh-Tierärzte wirken alle in ländlicher Idylle – in stattlichen Häusern, umgeben von blühenden Gärten und grünen Landschaften. Wenn Markus Spichtig, der Basler Kantonstierarzt, von seinem Büro aus zum Fenster hinausschaut, blickt er direkt auf den Schlachthof – wo jährlich mehr als 600 000 Tiere getötet werden. «Ist das nicht etwa so, wie wenn ein Arzt seine Praxis im Friedhof hätte?» Markus Spichtig ist einen kurzen Moment etwas irritiert über diesen Vergleich, nimmt ihn aber nicht übel. Er sei sich gewohnt, zu erklären, dass «hier keine Tierarztpraxis ist, wo Katzen, Hunde und Meerschweinchen gepflegt werden». Er erhalte immer wieder mal Anfragen von jungen Frauen, die gerne Tierarztassistentin werden möchten.

An der Wand hängen die Bilder von Markus Spichtigs Amtsvorgängern, alles Männer. Bald wird die Reihe um sein Foto ergänzt. Ende März geht der 65-Jährige in Pension. Das ist auch der Grund für unseren Besuch. Und auch weil wir nicht so genau wissen und daher erfahren möchten, was die Aufgaben des Kantonstierarztes sind.

Tiere sind auch Lebensmittel

«Auch hier geht es um die Tier­gesundheit und um das Tierwohl», sagt Spichtig. Alles, was das ausmacht, haben der Kantonstierarzt und sein Team zu überwachen und zu kontrollieren – Tierhaltung, Arzneimittel für Tiere, Tierversuche, Artenschutz, das Hundewesen und einiges mehr. Weil gewisse Tiere aber auch Fleischlieferanten sind und somit Lebensmittel, gehört laut Beschrieb ebenso die «Sicherstellung der menschlichen Gesundheit» zu den Aufgaben des Veterinäramts. Deshalb ist es organisatorisch dem Bereich Gesundheitsschutz im Gesundheits­departement zugeteilt. Und deshalb macht die Nähe zum Schlachthof irgendwie Sinn.

Jedes geschlachtete Tier wird systematisch auf seine «Genusstauglichkeit», wie Spichtig sagt, untersucht. Nicht, ob das Fleisch zart oder zäh ist, sondern, «ob es von einem gesunden Tier stammt». Dabei könne man nicht alles von blossem Auge erkennen, über manche Krankheiten oder Rückstände von Medikamenten gebe erst der Laborbefund Auskunft. Nicht systematisch, aber doch mit regelmässigen Kontrollen auf den Bauernhöfen werde auch die Tierhaltung überprüft.

Dabei spielt keine Rolle, was Markus Spichtig persönlich als gute und artgerechte Haltung empfindet, sondern, was das Gesetz vorschreibt. Er ist jedoch der Meinung, dass sich in der Landwirtschaft in den letzten Jahren vieles verbessert habe. Das zeige sich beispielsweise beim Salmonellenbefall bei den Hühnern, der dank besserer Haltung und Kontrolle deutlich zurückgegangen sei. «Letztlich ist es so: Glückliche Tiere gleich bessere Lebensmittel», sagt Spichtig.

Falsch verstandene Tierliebe

Im Amt des Kantonstierarztes, das wird deutlich, haben romantische Vorstellungen von Tierliebe keinen Platz. Seine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass seinen Bereich betreffende Gesetze – das Tierschutzgesetz, das Lebensmittelgesetz und Teile des Heilmittelgesetzes – eingehalten werden. Auch bei den Tierversuchen, welche bekanntlich viele Tierschützer als eines der grössten Verbrechen am Tier bezeichnen. Solche seien jedoch, sagt Spichtig, für eine gewisse Grundlagenforschung unabdingbar. Und sie würden auch nur dann bewilligt, wenn es keine Alternativen gebe. Zudem ist er der Meinung, «dass die Tierversuche besser hier durchgeführt werden, wo wir sie unter Kontrolle haben, als irgendwo, wo die Gesetze lasch sind».

Aber es gibt noch etwas, das Spichtig jetzt, zum Ende seiner Amtszeit, gerne loswerden möchte. Etwas zum Thema falsch verstandener Tierliebe und unkritischer Medien. Er holt zwei Berichte, die er aus Zeitungen herausgerissen hat. Berichte über eine Organisation, die verwahrloste Hunde aus Mallorca in die Schweiz bringt. «Diese Leute glauben, sie tun den Tieren etwas Gutes.» Ein Irrtum, sagt Spichtig. Zunächst einmal müsse man sehen, dass es in solchen Ländern immer verwilderte Tierpopulationen gebe, einzelne Tiere in die Schweiz zu bringen, nütze gar nichts. «Viel sinnvoller wäre die Hilfe vor Ort – sie zu kastrieren und wieder auszusetzen.» So aber transportiere man – oft nicht tierschutzkonform – Hunde hierher, die nicht nur Krankheiten importierten, sondern auch sehr schlecht sozialisiert seien. «Es kommt zu Beissvorfällen, und schliesslich müssen wir sie einschläfern, das ist doch unsinnig.»

Hunde sind Spichtigs grosses Thema, zumindest was seine Medienpräsenz betrifft. Denn als vor ein paar Jahren mehrere schwere, in einem Fall sogar tödliche Bissattacken von Hunden die Öffentlichkeit erschütterten, war Markus Spichtig ein gefragter Mann. Er stand dem Kanton mit dem strengsten Hundegesetz vor – es sah für gewisse Hunderassen eine Bewilligungspflicht vor.

Hundebisse haben abgenommen

Zu Beginn noch etwas belächelt, sei es plötzlich zum Vorzeigemodell geworden, sagt Spichtig. «Heute hat fast jeder Kanton die Bewilligungspflicht, einige sind mit dem Verbot gewisser Rassen sogar noch weiter gegangen.» Die Statistik zeige, dass die restriktiveren Gesetze etwas gebracht haben: Sowohl die Zahl der Beissvorfälle als auch die der potenziell gefährlichen Hunde habe abgenommen. Doch Spichtig sagt auch: «Das Gesetz ist gut und wichtig, aber damit lässt sich nicht jeder Biss verhindern, es braucht flankierende Massnahmen.»

Als eine solche führte er vor rund fünf Jahren Kurse für Kindergarten-Kinder ein, in denen sie lernen, wie sie sich Hunden gegenüber verhalten müssen. Wie sie auf einen Hund zugehen sollen, wie und wann sie ihn streicheln können, und dass sie nicht vor ihm davonrennen dürfen, weil sie sonst bei dem Tier den Beutetrieb wecken. «Stadtkinder, insbesondere Kinder, die aus Ländern stammen, in denen Hunde reine Wachhunde oder wild sind, haben oft Angst vor Hunden.» Und reagieren deshalb falsch auf sie.

Als Mann der Praxis wusste Spichtig, dass ein trocken-theoretischer Vortrag nicht viel daran ändern würde, deshalb organisierte er ein Team aus fachlich und pädagogisch ausgebildeten In­struktorinnen, die mit ihren Hunden die Kurse durchführen. Die Rückmeldungen von Eltern und Kindergärtnerinnen seien sehr gut, sagt Spichtig. War die Teilnahme anfangs noch freiwillig, gehört heute der Kurs «Kind und Hund» zum Pflichtstoff im Kindergarten des Kantons Basel-Stadt. Ein bisschen stolz ist er darauf, das gibt er zu. «Ja, wenn Sie so wollen, der Kurs ist so etwas wie mein Kind.» Dieses Kind hat es geschafft, es hat seinen festen Platz.

Markus Spichtig macht jetzt seinem Nachfolger Michel Lazlo Platz. «Auch wenn ich keinen Tag meiner Basler Zeit missen möchte», hat er nun andere Pläne. Zum Beispiel Reisen. Weil seine Frau nicht gerne fliegt, auf Rädern. Das Wohnmobil steht parat. Als Erstes gehe es nach Holland, an die grosse Blumenausstellung. Vielleicht auch mal der Donau entlang, wer weiss …
Etwas anderes jedoch steht fest: Der Umzug nach Luzern, etwas näher zur alten Heimat Obwalden, wo Markus Spichtig ursprünglich herkommt. «Näher zu unseren Enkeln», sagt Spichtig. Jetzt mehr Zeit mit ihnen verbringen zu können – darauf freue er sich besonders.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 02.03.12

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