Die fiesen Pollen treffen schon die Kleinen

Es gibt immer mehr Allergiker in der Schweiz. Und an Nachwuchs mangelt es nicht: Auch viele Kinder sind betroffen.

«Hatschi»: heuschnupfengeplagtes Mädchen (Symbolbild). 

Wenn sich der kleine Laurin* im grünen Gras wälzt, glüht seine Haut danach knallrot. Der 6-Jährige hat Heuschnupfen. Sobald der Frühling zum Sommer wird und sich die ersten Gräserpollen bemerkbar machen, beginnt Laurin zu husten. Seine Augen jucken und schwellen an. Häufig hat er starkes Nasenbluten.

Wie Laurins Mutter berichten einige Eltern der TagesWoche, dass ihre Kinder dieses Jahr besonders stark unter Pollenallergien leiden. «Mama Mama, Auge weh!», klage die kleine Lisa* schon seit einigen Wochen. An Schlaf sei für sie und ihre Eltern derzeit kaum zu denken: Die 5-Jährige ist allergisch auf Birkenpollen. Ein 5-Jähriger musste unlängst gar wegen Atemnot in den Notfall.

Horror-Jahr für Pollenallergiker

Ist dieses Jahr schlimmer als andere Jahre, was die Pollen betrifft? Und leiden Kinder immer früher unter den Pollen?

Die erste der beiden Fragen lässt sich mit einem lauten «Ja» beantworten. Gleich aus mehreren Gründen ist 2018 fast schon ein Pollen-Rekordjahr, berichtet die «Süddeutsche Zeitung». Erstens liege das an den für hohe Pollenkonzentrationen geradezu optimalen Wetterbedingungen. Zweitens sei 2018 ein sogenanntes «Mastjahr» für die Birken, in dem die Bäume, besonders viele Pollen produzieren. Und: Die Zahl der Birkenpollen nehme seit 35 Jahren zu, so die Zeitung weiter.

Die Antwort auf die Frage, ob heute schon Babys mit Allergien zu kämpfen haben, ist nicht so einfach zu beantworten. Kleinkinder mit Heuschnupfen – das sei «nicht üblich», sagt Noemi Beuret, Expertin bei aha! Allergiezentrum Schweiz zur TagesWoche. «Typischerweise» reagierten Säuglinge, die von Allergien betroffen sind, zuerst auf Nahrungsmittel oder hätten eine atopische Dermatitis (Neurodermitis) – daraus könne sich nach einigen Jahren aber eine Pollenallergie entwickeln.

Erfahrungsgemäss brauche es zwei bis drei Pollensaisons, bis sich ein Heuschnupfen entwickle. «Typischerweise entwickelt sich der Heuschnupfen aber vom Kindes- ins Schulalter», sagt Noemi Beuret.

Starke Zunahme der Zahl von Allergikern

Sicher ist: Es gibt immer mehr Allergiker. Laut Allergiezentrum war in der Schweiz im Jahr 1926 eine von 100 Personen von einer Pollenallergie betroffen. Heute sind es 20 von 100 – ein Fünftel der Bevölkerung.

Erbliche Faktoren spielten eine Rolle, sagt Noemi Beuret, das Risiko sei erhöht, wenn ein Elternteil oder beide Elternteile oder Geschwister von Allergien betroffen seien. Aber «Umwelt und Lebensstil» hätten ebenfalls grossen Einfluss. Die Prävention beginne schon vor der Geburt, mit einer abwechslungsreichen und ausgewogenen Ernährung in der Schwangerschaft. Und: «Rauchen, auch Passivrauchen, schadet.»

Ist das Baby einmal da, helfe das Stillen während der ersten vier Lebensmonate. Beuret: «Stillen hat erwiesenermassen einen schützenden Effekt auf das Allergierisiko.» Völlig falsch sei hingegen die Annahme, man könne bestimmte Lebensmittel meiden und damit einer Allergie-Entwicklung vorbeugen. Das Gegenteil sei der Fall.

Abklärung und Behandlung

Bei Verdacht auf Heuschnupfen sollten Eltern ihr Kind von einem Arzt untersuchen lassen, sagt Noemi Beuret. Denn: «Grundsätzlich sollte eine Pollenallergie immer behandelt werden, um einer Verschlechterung vorzubeugen. Aus einem unbehandelten Heuschnupfen kann sich ein allergisches Asthma entwickeln», so die Expertin.

Die Therapie müsse immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen. Die Symptome bekomme man meist medikamentös in den Griff. Eine Pollenallergie könne auch «ursächlich angegangen» werden, sagt Noemi Beuret: «mit einer Desensibilisierung». Das könne helfen, die Symptome massiv zu lindern. Eine solche Immuntherapie ist in der Schweiz für Kinder ab dem fünften Lebensjahr zugelassen.

Tipps und Tricks

Ansonsten gelten – für Kinder wie für Erwachsene – die üblichen Verhaltensregeln für Pollenallergiker. Es sei «wichtig, die Blütezeit der Bäume, Sträucher und Gräser zu kennen, deren Pollen eine Allergie verursachen können», so Beuret. Und sie fügt ihrem E-Mail folgende Tipps an, die helfen sollen, «die Symptome zu lindern»:

  • bei starker Belastung Aktivitäten nach drinnen verlegen
  • bei jeder Aktivität draussen: Sonnenbrille aufsetzen
  • sich als Eltern über die Pollenbelastung informieren: www.pollenundallergie.ch oder via App «Pollen-News»
  • bei schönem, windigen Wetter nur kurz an die frische Luft
  • Wäsche nicht im Freien trocknen lassen
  • während der Pollensaison nur kurz stosslüften
  • vor dem Schlafengehen die Haare des Kindes waschen

*Namen geändert

Konversation

  1. Danke für die klare medizinische Aufklärung! Der heutige Regen war ein Segen. Es ist heuer verrückt, wie auch ich als Betroffene erlebe.

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