Die Krise und die Uni

Wie Wirtschaftsstudenten die Zeiten der Verwirrung erleben. Ein Vorlesungsbesuch.

(Bild: Livio Marc Stoeckli)

Wie Wirtschaftsstudenten die Zeiten der Verwirrung erleben. Ein Vorlesungsbesuch.

Die künftige Wirtschaftselite trägt gestreifte Pullover und gefütterte Daunenjacken und füllt das Auditorium des WWZ Basel im Jacob-Burckhardt-Haus nach dem ewigen Gesetz der Universität: Von der Mitte nach vorne, von der Mitte nach hinten. Die ersten Laptops werden aufgeklappt, Wasserflaschen platziert, Leuchtstifte ausgepackt. Sechs Kreditpunkte bringt der Besuch der Vorlesung «Lohn und Motivation» bei Prof. Dr. Michael Beckmann. Sechs Kreditpunkte auf dem Weg zum künftigen Ökonomen, zur künftigen Führungskraft, die eine «aktive und gestaltende Verantwortung in Unternehmen oder in Institutionen übernehmen möchte», wie es Dekan Yvan Leng­wiler auf der Website des WWZ formuliert.

14.15 Uhr: Michael Beckmann, ein hagerer Mann mit Brille und leiser aber deutlicher Aussprache, hat sich hinter seinem Laptop bereit gemacht. Die Gespräche ebben ab, Beckmann beginnt. «Heute befassen wir uns mit Kapitel sieben. Leistungs­anreize und intrinsische Motivation.»

Die Finanzkrise ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften. Nachdem die Immobilienblase in den USA 2007 geplatzt war und in der Folge die Weltwirtschaft ins Wanken geriet, stellten sich Politiker und Ökonomen weltweit dieselben Fragen: Wie konnte es dazu kommen, weshalb wurden die Warnsignale nicht erkannt, und warum haben die Modelle versagt?

Eine grundsätzliche Diskussion

So grundsätzlich wie heute wurde über die Wirtschaftswissenschaften seit 1939 nicht mehr diskutiert. Es war John Maynard Keynes, der zehn Jahre nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 mit seiner «Allgemeinen Theorie» die Volkswirtschaftslehre revolutionierte und dem Staat zu grösserem Einfluss verhalf.

Die Weltwirtschaft heute ist um ein Vielfaches komplexer als vor 80 Jahren, einfache Lösungen sind keine in Sicht. Und so streiten sich Ökonomen weltweit über die Ursachen der Krise und darüber, wie sich ähnliche Szenarien in Zukunft verhindern lassen. Im Fokus steht der «Homo oeconomicus», wirtschaftswissenschaftliche Lichtfigur und Grundlagenmodell zahlreicher Theorien. Es beschreibt den Menschen als rational agierenden Nutzenoptimierer, zuverlässig und jederzeit berechenbar.

Doch in jüngster Zeit ist das Modell ins Wanken geraten. Mitverantwortlich ist die deutsche Berkeley-Professorin Ulrike Malmendier. «Auch Öko­nomen sollten versuchen, den Menschen besser zu verstehen», sagte sie kürzlich dem «Handelsblatt». Mit diesem Leitgedanken verschafft sich Malmendier in Zeiten der Krise Gehör. Sie ist eine der weltweit führenden Experten für verhaltensorientierte Wirtschaftsforschung. Dieser Forschungszweig versucht, die Theoriewelt der Ökonomen mit dem tatsächlichen Verhalten der Menschen in Einklang zu bringen. Etwa, indem Bezüge zur Psychologie hergestellt werden.

Wo ist die Krise?

Haben wir also eine Krise der Wirtschaftswissenschaft? Oder nicht eher eine der Politik? Die Sichtweise hängt auch vom Standpunkt ab. Rolf Weder, Professor für Aussenwirtschaft und Europäische ­Integration, Studiendekan und Präsident der Prüfungskommission am WWZ, schaut von innen nach aussen, und er sagt: «Ich wundere mich manchmal schon, wie aus Studenten so schnell Interessensvertreter werden können.» In der Theorie wüssten jene ehemalige Studenten der Wirtschaftswissenschaft durchaus, was zu tun wäre. «Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Finanzmärkte reguliert werden müssen. In der Theorie wird nichts anderes gelernt.»

Das Problem sei die fehlende Implementierung der an der Uni gelehrten Theorien in der freien Wirtschaft und in der Politik. «Es wäre am schlauesten, würden sich Wissenschaftler und Leute aus der Praxis gemeinsam an einen Tisch setzen und die Frage erläutern: ‹Wie wollen wir den Markt regulieren?› Man kann diese Frage nicht den Interessensvertretern überlassen – das funktioniert gesamtwirtschaftlich nicht.»
Die Krise als solche hält Weder für «packendes Anschauungsmaterial». Einen Grund, das Studienangebot zu ändern, sieht er allerdings nicht: «Wir erläutern die Theorie heute schon an den Beispielen aus der Praxis.»

14.29 Uhr: «Der ‹Homo oeconomicus› reagiert mit dem Arbeitseinsatz Null, wenn der Prinzipal einen Fixlohn zahlt.» Beckmann steht vor den Studenten, in seinem Rücken wird eine furchterregende Formel an die Wand projiziert, noch spürt man einen hohen Grad an Aufmerksamkeit im Raum.
Was Berkeley-Professorin Ulrike Malmendier etwas wolkig im «Handelsblatt» formulierte, erhält bei Beckmann die mathematische Legitimation. Er geht bei seiner Vorlesung von «zuverlässigen» und «unzuverlässigen Agenten» (Arbeitnehmern) aus. Es ist eine Weiterentwicklung des rein nutzoptimierten «Homo oeconomicus». In der Vorlesung von Beckmann spielen Begriffe wie Autonomie, Arbeitsfreude und Wertschätzung eine Rolle. Die Frage dahinter: Wie muss ein Lohnregime ausgestaltet sein, damit die Arbeitgeber das Beste aus ihren ­Angestellten herausholen? «Jetzt brauchen Sie die Unterlagen, die ich Ihnen geschickt habe. Jetzt wird es leider etwas ungemütlich.»

Reflektiert und kritisch

Bewegung bei den rund 50 Studenten im Auditorium. Vor einigen liegt jetzt ein beachtlicher Packen Papier. Die Leuchtstifte sind gezückt. Noch sind die Studenten mit Elan dabei. Sie studieren in spannenden Zeiten und präsentieren sich dabei durchaus reflektiert und kritisch. Das grosse Geld, der Status – für Wirtschaftsstudenten von heute liegt die Motivation offenbar anderswo: «Ich habe mich schon immer für die Dinge interessiert, die ich noch nicht genau kenne», sagt beispielsweise Mathias Haas, Student im siebten Semester an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Basel. Über Moral («Das Moralverständnis kann nicht erst die Universität vermitteln») spricht er ebenso selbstverständlich wie über den Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe («Die vorhandenen Mittel müssen effizient eingesetzt werden»).

Attraktive Arbeitsbereiche für die Zeit nach dem Studium sieht er in der Aussenwirtschaft oder bei Nichtregierungsorganisationen. Haas wird kaum je in die Fussstapfen eines Brady Dougan oder Daniel Vasella treten. Doch, ob er in Zukunft dazu beitragen kann, einen nächsten Zusammenbruch der Weltwirtschaft zu verhindern?

«Ich habe das Rüstzeug mitbekommen, die Ur­sachen einer Krise zu erkennen. Aber wie ich das in der Realität einmal umsetzen kann, wenn neue Finanzprodukte auf den Märkten gehandelt werden, deren vollständige Risiken nicht bekannt sind, ist für mich ­offen.» Dabei sieht er, neben der Implementierung der ­Theorie in die Praxis, noch einen weiteren ­Risikofaktor. «Das Problem ist, dass die Politik sich von den Finanzinstituten beraten lässt. Jene, die wissen, wie man sie kontrollieren könnte, geben ­Anweisungen, wie man sie kontrollieren soll. Das kann nicht gut gehen.»

«Ethik und Moral kommen zu kurz»

Zur gleichen Sorte von Studenten gehört Tristan Czodrowski. Der junge Mann aus dem Ruhrpott ­studiert in Basel im vierten Semester, zum Gespräch trinkt er einen Pfefferminztee. Die Wirtschaftskrise bezeichnet er als «eine unglückliche Verkettung von verschiedenen Faktoren». Im Gespräch wird rasch klar, Czodrowski ist ­Student einer modernen Wirtschaftslehre. Der «Homo oeconomicus» in seiner ehemaligen Form hält er für überholt. «Es gibt keine rein rationalen Entscheidungen», sagt Czodrowski. Und auch er spricht von den Differenzen zwischen Praxis und Theorie. «Viele Modelle sind sehr verkürzt und die Theorie ist oft nicht mit der Praxis vereinbar.» Mit der Lehre am Basler Institut ist er sehr zufrieden, vor allem die Kombination von Volkswirtschaft und Betriebswirtschaft sagt ihm zu. Etwas vermisst er jedoch auf seinem Lehrplan. «Ethik und Moral kommen zu kurz.» Die Ärzte würden in Ethik unterrichtet und auch die Biologen. «Ich verstehe nicht, weshalb das bei uns fehlt. Schliesslich können nicht nur Ärzte gefährlich werden.»

«Es bräuchte strengere Bestimmungen»

Neben ihm sitzt Nico Sütterle. «Das Studium ist durch die Finanzkrise noch interessanter geworden», sagt der Student im dritten Semester. Die Aktualität findet dabei in Sehweite des Instituts statt: Nur einige Hundert Meter vom WWZ entfernt befindet sich eine der wichtigsten Schaltzentralen der globalen Finanzwirtschaft. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat mit den sogenannten «Basel III» vor wenigen Monaten die Eigenkapitalvorschriften für Banken drastisch erhöht. «Meiner Ansicht nach ist das der richtige Weg. Es bräuchte jedoch noch strengere Bestimmungen», sagt ­Sütterle.

Reflektierend, kritisch, breit interessiert. Sind diese drei Studierenden Ausnahmeerscheinungen? Oder interessiert sich die Mehrheit aller Studierenden mit solchem Weitblick für ihr Studium?

Czodrowski winkt ab. «Das Wirtschaftsstudium ist auch ein Auffangbecken für all jene, die nicht genau wissen, was sie studieren sollen. Da gibt es solche, mit denen kann man sich nicht über die einfachsten Wirtschaftsfragen unterhalten.» Dabei, ergänzt Sütterle, sei das Studium kein Spaziergang.

14.38 Uhr: Jetzt wird es tatsächlich ungemütlich im Auditorium der Wirtschaftswissenschaften. Beckmann beginnt mit der Herleitung der Theorie. Neben dem Bild des Beamers leuchtet ein Projektor mit handgeschriebenen Formeln auf. «P ist eine monoton steigende Funktion. Implikation: Der Schwellenwert fällt mit der Risikoaversion der Agenten, der Varianz des Leistungsmasses sowie den Kosten der Anreizsetzung.» Für die Prüfung müsse man das nicht unbedingt wissen, sagt Beckmann. «Aber wer über Weihnachten genug hat von den Verwandten und vom Gänsebraten, der kann sich das ja trotzdem einmal anschauen.»

Zu jenen, die Risikoaversionen und monoton steigende Funktionen bereits hinter sich haben, gehört Thomas Bolli. Er hat vor rund zehn Jahren an der Universität Basel Wirtschaft studiert und ist heute als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich angestellt

Das Modell des «Homo oeconomicus», des rational handelnden Menschen, wankt.

Bolli kam als Linker nach Basel an die Uni, im Gymnasium las er Marx und konnte sich in endlosen Debatten über Gerechtigkeit verlieren. «Im Studium ging es nur noch um Effizienz. Die Gerechtigkeit als zweiter grosser Wertepol spielte keine Rolle mehr.» Seit der Krise beobachtet Bolli ein Umdenken, langsam zwar, aber spürbar. Weg vom Weltbild ­Effizienz, hin zum Untersuchungsgegenstand Effizienz. «Es muss jenen Leuten, die danach in der freien Wirtschaft Karriere machen, wieder bewusster werden, dass der eine Pol nicht ohne den anderen gedacht werden kann.»

Bis zu einem eigentlichen Paradigmenwechsel sei es aber noch ein langer Weg. Ein solcher wäre für Bolli erst möglich, wenn die Leute besser verstünden, wie Geld mit Zufriedenheit zusammenhängt. «Oder eben nicht.»

Etwas pragmatischer geht Lukas Mohler an das Thema heran. Er hat ebenfalls vor zehn Jahren, noch vor der Krise, an der Universität Basel studiert, und ist heute wieder dort gelandet: Als Lehrbeauftragter der Abteilung Aussenwirtschaft und Europäische Integration – in der Abteilung von Studiendekan Rolf Weder.

Die Grundlagen bleiben

«Die Änderung der Forschung geht der Änderung der Lehre voran», sagt Mohler. Durchbrüche in der Forschung würden aber erst mit einer gewissen Verzögerung in die Universitäten gelangen und auch nur einzelne Aspekte betreffen. «Die Grundlagen bleiben sich gleich. An diesen kann auch eine Krise nichts ändern.»

Wenn eine Änderung zu beobachten sei, dann eher eine in die Breite. So geschehe etwa auf dem Feld der Verhaltensökonomie viel Interessantes: «In diesem Gebiet ist mit einem weiteren Nobelpreis zu rechnen.» Es ist, als ob sich die Wirtschaftswissenschaften der modernen Welt anpassen würden: Die Zeiten der Gewissheiten sind vorbei; sie wurden ersetzt durch die ­grosse Unübersichtlichkeit.

15.24 Uhr: Auch das Modell mit den zuverlässigen und unzuverlässigen Arbeitnehmern, dessen ­mathematische Finessen Michael Beckmann seinen Studentinnen und Studenten jetzt schon gut eineinhalb Stunden ­näherzubringen versucht, stammt aus einem ­artfremden Feld: der Psychologie. ­«Haben Sie Fragen? Keine?» Beckmann lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. «Mir ist schon klar, dass das etwas schwer verdaulich war.» Keine sichtbare ­Reaktion aus dem Auditorium. Der Professor spricht jetzt darüber, dass zusätzliche An­reize (Boni, etc.) unter gewissen Umständen die ­Motivation eines grundsätzlich gut motivierten Mitarbeiters untergraben können. Auch das lässt sich mathematisch herleiten.
Beckmann wechselt zum Hellraumprojektor und erlebt dann seine ganz persönliche Krise. «Jetzt hat mein Laserpointer den Geist aufgegeben. Ohne Vorwarnung. Sauerei.» Der Professor behilft sich mit einem dicken Stift, gleichzeitig gibt der erste Student auf, packt seine Tasche und verschwindet nicht gerade leise aus dem Vorlesungssaal.

Der verwirrende Nobelpreis

Das Ganze ist ja auch verwirrend. Für jene, die mitten drin sind, an der Uni, in der freien Wirtschaft. Und für alle anderen.
Ende Oktober wurde der Nobelpreis für Wirtschaft an drei amerikanische Ökonomen vergeben: Eugene F. Fama, Lars Peter Hansen und Robert J. Shiller. Fama gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Theorie der effizienten Märkte. Robert J. Shiller geht in eine andere Richtung: Er hat erforscht, wie die Irrationalität der Akteure den Aktienmarkt beeinflusst und bringt Aspekte der Verhaltensökonomie in die Finanzmarktlehre.

Die Zeiten der Gewissheit sind vorbei; sie wurden ersetzt durch die grosse Unübersichtlichkeit.

«Wir widersprechen uns in entscheidenden Punkten», schrieb Robert J. Shiller diese Woche in der «New York Times». Dennoch freue er sich, gemeinsam mit den beiden Kollegen, den Preis gewonnen zu haben: «Ich bin glücklich darüber, selbst wenn es manchmal so ausschaut, als ob wir von verschiedenen Planeten stammen würden.»

Fama und Shiller stehen exemplarisch dafür, wie die Wirtschaftswissenschaft mit der Krise umgeht: stur auf alten Modellen beharrend und dennoch – und paradoxerweise – mit einem offenen Blick nach vorne. Wie hat es doch Rolf Weder formuliert? «Wir wissen, wie es funktionieren würde. Aber es hapert an der Implementierung.»

15.42 Uhr: Für diesen Transfer in die Wirklichkeit wären die jungen Menschen hier im Auditorium zuständig. Jene zwei zum Beispiel, die sehr engagiert auf einem iPad herumdrücken und im Spiel «Age of Empires» eine Armee zum Angriff auf eine Burg dirigieren. Von der allgemeinen Unruhe aufgeschreckt, schauen die beiden hoch: Ihre ­Kommilitonen packen zusammen, die Vorlesung ist vorbei, der Saal leert sich innert Sekunden.

Zurück bleibt Michael Beckmann. Er wolle den Studenten nicht einfach Prinzipen erklären, sagt der Professor. «Sie sollen auch verstehen, wie die Modelle funktionieren.» Deshalb stützt er die erst zehn Jahre alte Theorie mit der Herleitung und detaillierten Formeln. Die Studierenden sollen verstehen, wie Lohn und Motivation zusammenhängen. Und weshalb hohe flexible Lohnanteile die Motivation der Angestellten unter Umständen schwächten. «Die Studenten sollen die Zusammenhänge begreifen. Alles andere ist Gewäsch.»

Wir verabschieden uns und lassen die Studentin zu Beckmann, die geduldig hinter uns gewartet hat. Sie hätte jetzt doch noch eine Frage.

Quellen

«Das Versagen der Ökonomen» – Text aus dem «Wall Street Journal».

«Der Homo oeconomicus lebt» – Text aus der FAZ.

Robert J. Shiller in der «New York Times» über seinen Nobelpreis.

«Ökonomie neu denken» – Text aus dem «Handelsblatt».

Artikelgeschichte

Erschienen in der Wochenausgabe der TagesWoche vom 15.11.13

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