Die Lehre der Nonnen

Rhythmus ist alles – wer ihn finden kann, hat gute Aussichten auf ein langes Leben. Niemand demonstriert das besser als Nonnen.

Nonnen verzichten nicht nur auf Rauchen und Trinken, sie hauen im Allgemeinen auch sonst nicht über die Stränge. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

Rhythmus ist alles – wer ihn finden kann, hat gute Aussichten auf ein langes Leben. Niemand demonstriert das besser als Nonnen.

Medizinisch gesehen verläuft ein nachhaltiges menschliches Leben wie folgt: Man wird gezeugt, geboren und lebt dann rund 100 Jahre. Dann hört die Zellteilung auf, und man stirbt. Tatsächlich gibt es kaum jemand, dessen Leben so verläuft, aber es gibt eine Menschengruppe, die diesem Ideal ziemlich nahe kommt: die Nonnen.

Das ist das Resultat einer berühmten Studie von David Snowden, Medizinprofessor an der University of Kentucky. Jahrzehntelang hat er das Leben der frommen Frauen untersucht, und zwar so gründlich, dass unter den Nonnen der folgende Witz zirkulierte: «Wenn wir sterben, dann steigen unsere Seelen in den Himmel auf, aber unsere Gehirne gehen nach Kentucky.»

Warum Nonnen so alt werden

Im Jahr 2001 hat Snowden die Resultate seiner Studien in einem Buch mit dem Titel «Aging with Grace» veröffentlicht. Er weist darin nach, dass Nonnen nicht nur überdurchschnittlich alt werden, sie werden es auch bei überdurchschnittlicher geistiger Gesundheit. Die Gründe dafür liegen zunächst auf der Hand: Nonnen ernähren sich vernünftig, rauchen und trinken nicht und bewegen sich regelmässig. Das ist jedoch nicht die ganze Geschichte. Der Alltag der Nonnen verläuft nach einem streng geregelten Plan, der sich kaum je ändert. Warum ist gerade diese Monotonie so entscheidend?

Der menschliche Körper ist äusserst konservativ. Er versucht beispielsweise stets, eine bestimmte Körpertemperatur aufrechtzuerhalten – etwa 36,8  Grad – und will all seine verschiedenen Systeme in einer Balance halten. «Er sucht stets sein Gleichgewicht und ist geradezu süchtig nach einem Zustand, wo er sich sicher und behütet fühlt», stellt David B. Agus in seinem Buch «The End of Illness» fest.

Gleichgewicht ist alles

Agus ist ein Arzt und Krebsspezialist in Kalifornien. Sein Forschungsansatz stellt die Annahmen des traditionellen Krankheitsbegriffs auf den Kopf. Krankheit ist nicht nur etwas, das von aussen kommt – ein Virus beispielsweise, gegen den man sich mit Medikamenten schützen muss. Menschen werden auch krank, weil ihr Körper auf der Suche nach seinem inneren Gleichgewicht so gestresst wird, dass er irgendwann kapituliert. Dabei kann Stress auch gesund sein. Sportliche Betätigung etwa führt bei Untrainierten zunächst zu Muskelkater.

Auch damit signalisiert der Körper zunächst, dass er verärgert ist, weil er aus seiner Kuschelzone gedrängt wurde. Regelmäs­siges Training führt jedoch dazu, dass der Körper sein Gleichgewicht bald auf einem höheren Niveau wieder findet und damit gesünder wird. Ungesund ist es hingegen, wenn der Körper immer wieder aus seinem Gleichgewicht geschubst wird, ohne dass sich dabei ein Trainingseffekt einstellen kann. Genau dies geschieht, wenn wir unregelmässig schlafen oder essen, wenn wir versuchen, verschiedene Dinge gleichzeitig zu erledigen oder wenn wir von einer Zeitzone in eine andere wechseln.

Unheilige Allianzen

Der moderne Mensch bewegt sich in einer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, er ist sieben Tage 24 Stunden rund um den Globus aktiv. Das Resultat ist ein Lebensstil, der so ziemlich das Gegenteil des geregelten Nonnen-Alltags ist: Wir essen unregelmässig, schlafen zu wenig, hetzen um den Erdball und bilden uns ein, Multitasking zu beherrschen.

Für unseren Körper ist das eine Qual, die verschiedensten Formen von ungesundem Stress addieren sich und gehen unheilige Allianzen ein: So gibt es zwischen Schlafmangel und unregelmässigem Essverhalten einen empirisch belegten Zusammenhang. Die Häufung von ungesundem Stress führt zu Übergewicht und Depressionen, den beiden modernen Volkskrankheiten.

Unter Nachhaltigkeit versteht man gemeinhin die Versöhnung des Menschen mit der Natur. Die Ökonomie muss so organisiert werden, dass sie die Ökologie nicht zerstört. Der scheinbar unaufhaltsame Vormarsch von Übergewicht und Depressionen zeigt jedoch, dass der Mensch auch mit seiner eigenen Natur versöhnt werden muss.

Regelmässigkeit ist der Schlüssel

Deshalb empfiehlt uns der Arzt David B. Agus, wenn immer möglich zu versuchen, das Prinzip der Nonnen zu kopieren und sture Regelmässigkeit in unseren Alltag zu bringen. Das bedeutet: Immer zur gleichen Zeit ins Bett gehen, zur gleichen Zeit essen, unnötiges Reisen in andere Zeitzonen vermeiden und jede Gelegenheit zu Bewegung nutzen.

Der Einzelne allein kann sich unmöglich gegen die Anreize der 24/7-Gesellschaft durchsetzen. Nachhaltigkeit ist jedoch mehr als Ökologie. Es bedeutet auch, die Gesellschaft wieder vermehrt so zu organisieren, dass wir unseren Körper nicht permanent überfordern. Die Nonnen haben dies längst erkannt.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 22.06.12

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