Die SDA machte schon News, als Sissi in Genf ermordet wurde

Vor bald 124 Jahren gründeten Zeitungsverleger die Schweizerische Depeschen-Agentur (SDA). Sie wollten damit Kosten senken und den in- und ausländischen Nachrichtenfluss gewährleisten.

Nach 1918 zeichnete die SDA ihre Texte mit dem Kürzel ag für Agentur.

Es war im Jahr 1898, als die österreichische Kaiserin Elisabeth in Genf auf offener Strasse ermordet wurde. Ein Ereignis, das nicht nur österreichischen Zeitungen zu Jubiläumsjahren auch in der jüngeren Vergangenheit einen Bericht wert ist. Gut möglich, dass das 120-Jahre-Jubiläum auch im News-Ticker der Schweizerischen Nachrichtenagentur SDA aufpoppen wird.

Mit der Gründung der Schweizerischen Depeschen-Agentur am 25. September 1894, also vier Jahre vor Sissis Tod, begann ein neues Kapitel der Schweizer Pressegeschichte. Zuvor waren die hiesigen Zeitungen für Nachrichten aus dem Ausland und zum Teil auch für solche aus dem Inland weitgehend auf die Dienste ausländischer Agenturen angewiesen.

Damit mochten sich einige Zeitungsverleger auf die Dauer nicht abfinden. Ihnen missfiel, dass jede Zeitung mit den diversen Agenturen gesonderte Abonnementsverträge abschliessen musste, was «für dieselben nicht nur sehr kostspielig war, sondern die schweizerische Presse in hohem Mass von diesen fremden Agenturen abhängig machte», wie es in der Jubiläumsschrift «25 Jahre Schweizerische Depeschen-Agentur» heisst.

Treibende Kraft hinter der Agentur-Gründung war Charles Morel, Redaktionssekretär des «Journal de Genève». Unterstützung erhielt er insbesondere von Hermann Jent, Verleger des Berner «Bund», sowie von NZZ-Chefredaktor Walther Bissegger.

Aktiengesellschaft im Besitz der Zeitungen

Die Agentur erhielt die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, deren Aktien weitgehend im Besitz der interessierten Zeitungen waren. Die Gründungsmitglieder verzichteten ausdrücklich darauf, mit der Agentur Gewinne zu erzielen. Allfällige Überschüsse sollten vor allem in den Ausbau des Nachrichtendienstes fliessen.

Die Auslandsnachrichten bezog die SDA anfänglich fast ausschliesslich von der französischen Agentur Havas und vom deutschen Unternehmen Wolffs Telegraphisches Bureau. Mit beiden schloss die SDA Exklusivverträge ab, die jene Verträge ersetzten, die zwischen den einzelnen Zeitungen und den beiden ausländischen Agenturen bestanden hatten.

Am 11. September 1889 von der Agentur in die «Neue Zürcher Zeitung» gespült: Die Nachricht von der Ermordung der Kaiserin Sissi.

Wolff und Havas hatten die Berichterstattung über das Weltgeschehen untereinander aufgeteilt. Havas lieferte Nachrichten aus den westlichen Ländern Europas sowie aus Afrika, Amerika und Asien, Wolff aus Deutschland, Österreich, Russland und den übrigen osteuropäischen Ländern.

Nachrichten statt Propaganda

Die Propagandaschlachten des Ersten Weltkriegs zogen auch die SDA in Mitleidenschaft. In jenen Jahren hiess in der Schweiz «Wolff und Havas» so viel wie «unwahrscheinliche Nachrichten». Und wer zu jemandem sagte: «Verzell kai Hawass», gab ihm zu verstehen, er solle keinen Blödsinn von sich geben.

Die SDA war sich dieser Problematik bewusst. So stellte der Verwaltungsrat im Jahresbericht von 1914 fest:

«Die Agentur muss ihren Abonnenten einen möglichst vollständigen Dienst anbieten. Sie hat aber auch die Aufgabe, nicht nur eine strikte Neutralität – das ist selbstverständlich –, sondern – und das ist wahrscheinlich schwieriger – eine ebenso strikte Unparteilichkeit und Objektivität einzuhalten. Sie hat deshalb vom ersten Tag an jeweils die Quelle der Information festgehalten, die sie aus kriegführenden Ländern erhalten hat. Sie hat es damit den Redaktionen – und der Öffentlichkeit – ermöglicht, daraus die eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen und das Wahre vom Falschen zu unterscheiden.»

Vielfache Herausforderungen

Nach der Machtergreifung der Nazi im Jahr 1933 wurde es für die SDA schwieriger, solche Prinzipien hochzuhalten. Die Presse-Attachées der deutschen Botschaft drängten mehrmals bei Bundesbehörden darauf, die SDA solle mehr Nachrichten des Deutschen Nachrichtenbüros aufnehmen.

In gleichem Sinne äusserte sich 1938 Bundesrat Giuseppe Motta gegenüber dem Verwaltungsrat der SDA. Motta monierte, die Agentur verhalte sich nicht genügend neutral und verbreite zu viele Meldungen der Agentur Havas. Vonseiten der SDA wies man Motta darauf hin, dass die Meldungen von Havas und der britischen Agentur Reuter eben weniger von Propagandasprache belastet seien. Trotzdem verhielt sich die SDA in der Folge vorsichtiger, um Deutschland und Italien nicht zu reizen.

Im Laufe ihrer – auch ökonomisch – nicht immer leichten Geschichte musste sich die SDA unterschiedlichen Herausforderungen stellen: Sei es, dass ihr zeitweise Konkurrenten das Feld streitig machten, sei es, dass auch sie sich mit dem rasanten technologischen Wandel konfrontiert sah, der die Zeitungs- und Medienhäusern in den 1980er-Jahren erfasste und sie noch immer umtreibt.

Informationsaustausch zwischen den Regionen

Der Leistungsauftrag, gemäss dem die SDA im Jahr 1995 arbeitete, lässt sich auch heute noch sehen:

«Die SDA erstellt in den drei Amtssprachen gleichwertige Nachrichtendienste für Medien und andere Abonnenten. Die Dienste umfassen wertungsfreie politische und wirtschaftliche Nachrichten, aber auch wesentliche kulturelle Informationen und Faits divers. Die SDA sammelt und vermittelt die erreichbaren Informationen von nationaler Bedeutung. Sie gewährleistet einen Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Regionen unseres Landes.»

Das sind hoch gesteckte Ziele. Es ist schwer vorstellbar, dass sie nach den beabsichtigten massiven Entlassungen noch erreicht werden können.

https://tageswoche.ch/gesellschaft/schweigt-die-agentur-fehlen-basel-die-news/
https://tageswoche.ch/gesellschaft/basler-regierung-ist-besorgt-ueber-den-abbau-bei-der-sda/

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