Die ungewöhnliche Tschechen-Clique bittet das Comité um Entwicklungshilfe

Die Exoten von der «Schluuchgugge Prag» sind zum dritten Mal an der Basler Fasnacht dabei und sind von diesem Kulturschatz so angetan, dass sie ihn gleich nach Tschechien mitnehmen wollen. Dafür haben sie beim Comité sogar eine nicht ganz ernst gemeinte Petition eingereicht.

Das Regenwetter machte es nicht einfach für die Geigen. Ansonsten lief aber für die «Schluuchgugge Prag», die mit ihren Instrumenten aus der Reihe tanzen, alles wie geschmiert.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Zoowärter mit Adler- und Raubtierfratzen stimmen «When the Saints Go Marching In» an. Tänzelnd spazieren die 17 Kostümierten durchs Totengässlein. Mit Klarinette, Banjo, Violine und Piccolos gibt die ungewöhnlichste Clique den befreundeten «Kerzedrepfli» ein «Ständeli».
«Ihr seid also die Tschechen aus der Zeitung?» Die Frage habe sie die letzten Tage oft gehört, erzählt Cliquengründerin Olga Cieslarová. Viele Passanten hätten die «Schluuchgugge Prag» nach dem Bericht in der TagesWoche sofort erkannt.

Für die «Schluuchgugge Prag», wie sich die Clique nennt, ist es die dritte Fasnacht. Und auch dieses Jahr darf ein «Zeedel» nicht fehlen. Die Tschechen wissen sehr gut, wie Basler Fasnacht geht.

Olga Cieslarová, quasi der Kopf der «Schluuchgugge», hat nicht nur ihre Masterarbeit über die Basler Fasnacht geschrieben. Sie hat dadurch auch das «Samtene Fest» nach Prag gebracht – eine fasnächtliche Art, politischen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Fünf Jahre ist das mittlerweile her. Und jetzt, an der Basler Fasnacht, macht die «Schluuchgugge» mit ihrem Sujet einen «Uffruef zer fasnächtlige Entwiggliggshilf». Damit nimmt sie sowohl sich selbst wie auch das Basler Vorbild auf die Schippe.

Voneinander lernen

Um ihr Anliegen durchzubringen, wendet sich die «Schluchgugge» mit einem Brief ans Comité – unterschrieben von niemand geringerem als Franz Kafka und anderen berühmten tschechischen Persönlichkeiten. Die Unterschriften von Karel Gott oder dem braven Soldat Schwejk sind auch dabei. 

Das Comité sollte eine Fasnachtsmission gründen, um die wilden Tiere aus dem Osten zu domestizieren: Die Verse auf dem Zeedel nehmen sowohl Basler wie auch Prager Gepflogenheiten aufs Korn.

Im «Wilden Osten» sei alles noch so chaotisch, steht in dem Brief, daher könne doch eine Basler Fasnachtsmission gegründet werden. «Als wilde Delegation bitten wir das Comité, dass es nach Prag kommt, um uns zu domestizieren», erklärt Olga Cieslarová. Der fasnachtsähnliche Umzug in Prag am Tag der Samtenen Revolution müsse schliesslich noch einen geordneten Cortège bekommen. Das liest sich dann auf dem «Zeedel» so:

«Dir sind offiziell scho im gwohnte Rahme
Und bringet s so au neume aane
Ganz anderscht isch s bi uns in Prag
Und das isch das wo uns so maag
Mir sinn – fasnächtlig gseh – Entwiggligsland»

Eine solche Hilfe wäre selbstverständlich eine Win-Win-Situation: «Prag hätte so einen Cortège – und Basel wäre gleichzeitig mal das Comité los, um etwas wilder zu werden», sagt Olga Cieslarová mit einem Augenzwinkern. Hier schimmert ein bisschen das Erbe der Fasnachtsanarchisten «Kuttlebutzer» durch, mit denen sich die Kulturwissenschaftlerin im Rahmen ihrer Dissertation, die sie zur fasnächtlichen Satirekultur schreibt, auch schon befasst hat.

Dieses Erbe tragen auch die Kostüme und Larven der Tschechen weiter. Was die Idee hinter dem Zoowärter mit Tierkopf ist, verdeutlicht der «Zeedel»: Es geht um das Bild der Schweiz, wie es Friedrich Dürrenmatt gezeichnet hat – die Schweiz als Gefängnis, dessen Bewohner Gefangene und Wärter zugleich sind. Sowohl Basler wie auch Prager Eigentümlichkeiten bekommen hier also liebevoll ihr Fett ab.

Eine Pause im Totengässlein: Auch die beiden Blechbläser der tschechischen Gugge geniessen den Fasnachtsdienstag.

Einladung an die «November-Fasnacht»

Das ehrgeizige Vorhaben, Fasnachtsmärsche auf den Instrumenten zu spielen, kam nicht zustande. Krankheitshalber musste der Kapellmeister der Band zu Hause bleiben. So blieb es beim «Arabi» und der «Retraite». Der nasse Montag war zudem nicht gerade wie geschaffen für die ungewöhnlichen Instrumente der «Schluuchgugge». Besonders mit dem Banjo und der Violine wurde es im Regen schwierig.

Doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Vlasta Kynclová zum Beispiel, die zum ersten Mal bei der «Schluuchgugge» dabei ist und im Vortrab mittanzt, ist begeistert von der Basler Fasnacht. «Am besten hat mir der Dienstagnachmittag mit all den kostümierten Kindern gefallen», resümiert sie.

Die plastische Künstlerin und Violinistin Josefína Jonášová dagegen ist am meisten vom Morgestraich und den vielen Laternen angetan: «Es fasziniert mich, wie die Leute hier von früh bis spät voller Energie mitmachen.»

Vom Cancan bis «Smoke on the Water», aber auch mal ein «Arabi»: Bei den beiden «Pfyfferinne» der tschechischen Gugge werden Basler Traditionen in ein neues Gewand gesteckt.

Schon vor den «drey scheenschte Dääg» beehrte die Prager Gruppe die Fasnachtsstadt. Hier zeigte die Filmemacherin Viola Ježková am Sonntag zum ersten Mal ihren Dokumentarfilm «Und unter der Larve Finsternis». Der Film vergleicht die beiden Traditionen – die Fasnacht am Rhein und das «samtene Fest» an der Moldau. Warum sie Basel als Ort der Premiere ausgewählt hat, erklärte Ježková am Sonntag im Borromäum vor dem Film so: «Von euch haben wir einen Weg gelernt, mit den Frustrationen umzugehen.»

Der Austausch zwischen den beiden Städten soll auch in Zukunft erhalten bleiben. Olga Cieslarová lädt gleich die anwesenden «Kerzedrepfli» ein, an die tschechische Version der Fasnacht zu kommen: «Macht euren Bummel doch am 17. November in Prag.»

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