Drei Bomben auf Muttenz

Am 6. Dezember 1917 wurde das Baselbieter Dorf versehentlich bombardiert. Wie kam es dazu?

Muttenz, 6. Dezember 1917. Die Kreuze markieren die Stellen, wo die drei Bomben einschlugen.

Zuerst hörte man das Surren von Flugzeugpropellern. Dann krachte es, Äste zersplitterten, Scheiben gingen zu Bruch und auf dem Friedhof stürzte ein Grabstein um. Die Detonationen erfolgten kurz vor sieben Uhr morgens.

Die drei Bomben gingen in unmittelbarer Nähe des Schulhauses nieder. Die eine explodierte im Baumgarten von Totengräber Jakob Aebin, die andere zwischen den Bäumen von Rudolf Balsiger und die dritte auf dem Friedhofsgelände. Menschen kamen keine zu Schaden.

Gemäss Zeitungsberichten hatten Augenzeugen den Eindruck, dass sich «im Dunkeln und in geringer Höhe oberhalb der Kirche» ein Luftkampf zwischen zwei Flugzeugen abgespielt hatte. So heisst es im Bericht der «Basler Nachrichten»:

«Man sah deutlich das Aufblitzen der Maschinengewehre, zu gleicher Zeit wurden drei Detonationen vernommen, worauf sich die beiden Gegner von einander loslösten. Nach dem Geräusch ihrer Maschinen zu schliessen, nahm der eine Kurs  Richtung Basel, der andere flog mehr westlich. An eine Beschiessung durch unsere in Muttenz einquartierten Truppen, die sich gerade den Kaffee schmecken liessen, war nicht zu denken, da das Ziel nicht sichtbar war.»

Das Militär übernimmt

Eine Stunde später meldete die Ortspolizei Muttenz dem zuständigen Bezirksstatthalteramt Arlesheim den Vorfall telefonisch. In seinem Bericht an den Baselbieter Regierungsrat schreibt der Bezirksstatthalter bezüglich des weiteren Vorgehens:

«Da der bald nach mir eintreffende Kommandant des Füs. Bat. 65, das zum Teil in Muttenz kantonnierte, erklärte, dass die Untersuchung des Vorfalls von den militärischen Organen an die Hand genommen werde, sah ich von weiteren Erhebungen ab. Der Gemeindepräsident wurde von mir beauftragt, den entstandenen Schaden sobald als möglich durch eine Kommission des Gemeinderates mit Zuzug von Sachverständigen abschätzen zu lassen. Von den Einschlagstellen der Bomben und der nächsten Umgebung wurden Photographien aufgenommen.»

Die Kommission, bestehend aus dem Gemeindepräsidenten Brüderlin, drei Gemeinderäten sowie einem Schreinermeister und dem Liestaler Bildhauer Emil Holinger, machte sich umgehend an die Arbeit. Bereits einen Tag später lag ihre detaillierte Zusammenstellung der diversen Schäden vor. Das Total der Forderungen belief sich auf 3920 Franken und 25 Rappen.

Ins Geld ging beispielsweise die Wiederherstellung des Totenhauses auf dem Friedhof (638,80 Franken) oder die Reparatur eines Grabdenkmals (500 Franken). Für Bäume bewegte sich die Entschädigung zwischen 10 und 70 Franken. Die neuen Fenster der Turnhalle kosteten 483,80 Franken, jene des Schulhauses 230,85 Franken. Das Honorar der Expertenkommission betrug 100 Franken.

Das Kreuz vor dem Totenhaus auf dem Muttenzer Gottesacker bezeichnet den Einschlagsort der Bombe. Der Bombenkrater hatte einen Durchmesser von 30 Zentimetern und war 60 Zentimeter tief. Bei der Explosion wurden Dach und Fenster beschädigt.

Die Ergebnisse der militärischen Untersuchung liessen nicht lange auf sich warten. Was genau sich in den Wolken abgespielt hatte, liess der Armeestab allerdings offen: «Die Untersuchung über die Beobachtung eines Luftkampfes ergab kein absolut sicheres Resultat.» Damit blieb auch offen, warum es überhaupt zum Abwurf dieser drei Bomben kam.

Kann es sein, «dass der höhere Flieger den tieferen mit den Granaten treffen wollte», wie der Wirt des «Rössli» gegenüber den «Basler Nachrichten» in Erwägung zog? Oder wusste der Pilot schlicht nicht, dass er sich im Schweizer Luftraum befand?

Verräterische Bombensplitter

Hinsichtlich der Herkunft der Bomben hatte der Armeestab keine Zweifel. Die in Muttenz gefundenen Bombensplitter ergaben, dass es sich um die gleichen Bomben handelte, wie sie am 24. April 1917 bei Pruntrut von einem französischen Flieger abgeworfen worden waren.

Der französische Staat bestätigte diesen Befund indirekt, indem er schliesslich den von Muttenz geforderten Schadensersatz leistete. So schrieb das Politische Departement in Bern am 29. April 1918 nach Liestal:

«Anruhend beehren wir uns, Ihnen den Betrag von Fr. 3920.–, welchen wir von der Französischen Botschaft zur Begleichung der in Muttenz konstatierten Fliegerbombenschäden und zur Entschädigung für die Abschätzungskosten erhalten haben, zur gefälligen Verteilung an die Berechtigten zu übermitteln.»

Muttenz war nicht das einzige Schweizer Dorf, das am 6. Dezember 1917 Ziel von Fliegerbomben wurde. Am selben Morgen detonierten beim aargauischen Dorf Menziken mehrere Bomben. Die Nationalität des Fliegers liess sich nicht eruieren.

Von 1914 bis 1918 kam es insgesamt zu 808 Verletzungen des Schweizer Luftraums. Dass dabei Bomben fielen, war eher die Ausnahme.

Bis Ende März 2018 gibt es im Ortsmuseum Muttenz eine kleine Sonderausstellung zum Thema. – Zum Weiterlesen: Die Region im Ersten Weltkrieg, Schwerpunktheft der «Baselbieter Heimatblätter», Dezember 2014.

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