Drei Schreiner starten durch mit Herrn Rousseau und Frau Caminada

Jacoby sind drei Freunde, die gemeinsam Möbel bauen. Und auch wenn sie von sich sagen, von Marketing haben wir keine Ahnung, will das Schreiner-Trio mit seiner ersten Möbellinie durchstarten.

Die Tischplatte hält noch nicht, zum Posieren reichts aber schon: Das Jacoby-Trio Cyrill, Jan und Boniface mit «Frau Caminada».

(Bild: Matthias Willi)

Jacoby sind drei Freunde, die gemeinsam Möbel bauen. Und auch wenn sie von sich sagen, von Marketing haben wir keine Ahnung, will das Schreiner-Trio mit seiner ersten Möbellinie durchstarten.

Bald kann man sich in Oberwil einen Herrn Wagner, eine Frau Caminada oder sogar einen Mr. Ryan erwerben. Keine Angst, mit Menschenhandel hat das nichts zu tun. Aber mit Möbeln. Das sind nämlich die klingenden Namen der Tische, die Teil der ersten, eigenen Möbelkollektion eines Schreiner-Trios sind. Cyrill Hämisegger, Jan Thüring und Boniface Hengy heissen die drei und sie wollen schlichte, zeitlose Möbel an die Frau und den Mann bringen. Jacoby, ihr Unternehmen, feiert im Mai Brand Release.

Eine eigene Werkstatt hat das Trio noch nicht, ein Schild mit Logo und Schriftzug der Jungunternehmer sucht man deshalb in der Oberwiler Mühlemattstrasse vergeblich. Fündig wird man dort aber trotzdem: Im Betrieb von Jans Vater, in der Thüring Schreinerei AG, werkeln die drei Freunde immer montags und oft auch noch in der Freizeit für ihr Start-Up. 

Die Möbel sind in Produktion und Verkauf teuer, das Projekt unbekannt, die Inhaber unternehmerisch unerfahren und sowieso. Mit dem typisch schweizerischen Realismus (lies: Pessimismus) ist man versucht zu sagen: Schöne Idee, aber das klappt doch eh nicht. Die Unbefangenheit mit der das Trio sein Projekt vorantreibt, belehrt Zweifler aber eines Besseren. Naiv wirken sie nicht, wenn sie an ihrem Arbeitsplatz von ihren grossen Plänen erzählen.

Die gelernten Schreiner sind überzeugt: Ihre Möbel werden auch in Zeiten von Ikea und anderen Billigproduzenten Abnehmer finden. Dass die Designs von Jacoby nicht gerade ein Schnäppchen sind, ist nicht von der Hand zu weisen. «Frau Caminada», einer der drei Tische der fast fertigen Kollektion, ist ab 2900 Franken zu haben. Der Sekretär mit dem philosophischen Namen «Monsieur Rousseau» kostet fast genauso viel.

Ihr Umfeld sei positiv und unterstützend. Aus der Branche hingegen kämen teilweise auch kritische Stimmen, wenn sie von ihrem Vorhaben erzählen würden. «Schwierig», hiesse es dann auf die Preise bezogen, oder «mutig» ganz allgemein.

So was wollen die drei Unternehmer natürlich nicht hören. Cyrill, der momentan für die Buchhaltung zuständig ist, hat monatelang kalkuliert. Klar sei: «Wir schlagen nicht einfach noch was drauf, nur damit wir mehr Gewinn machen können.»

Die Holzplatten für einen Tisch sollten alle möglichst vom selben Baum sein.

Die Jacoby-Gründer wollen Möbel kreieren, die langlebig sind und bei einem Umzug nicht auf der Müllhalde landen. Deswegen würden sie in ihren Designs keine gepressten Spanplatten, sondern nur Massivholz verwenden, sagen sie.

Im Lager der Schreinerei stapeln sich zahlreiche Holzplanken aus Bergulme, französischem Nussbaum, slawonischer Eiche oder Olivenesche – allesamt von einem Schweizer Lieferanten, der die Rohstoffe von Frankreich, Polen bis in den Balkan importiert und sich dabei mit Förstern und Landbesitzern abspricht.

Das, und die aufwendige Produktion kostet. Aber: «Wer unsere Philosophie schätzt, ist auch bereit, etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen», sagt Jan, «am liebsten hätten wir es, wenn unsere Möbel über Generationen weitervererbt werden.»

Ihr Credo der Nachhaltigkeit beeinflusst auch das Design. Als klassisch und modern bezeichnet es Jan. Zeitlos muss es sein, damit es auch in einigen Jahren noch im Trend liegt. «Und ohne Schnörkel», wirft Cyrill ein. Einen bestimmten Stil verfolgen die drei aber nicht. Ihre Möbel entstehen während der Arbeit und sie designen und schreinern sie so, wie sie ihnen selbst am besten gefallen.

Der schöne Nebeneffekt: Das Handwerk bewahren

So klassisch wie das Design ist auch die Art, wie die Schreiner arbeiten – nämlich mit konventionellen Schablonen und ohne teure, computergesteuerte Maschinen. Diese Arbeitsweise erfordere zwar viel Geduld und mehr Zeit, müsse aber unbedingt bewahrt werden, findet Cyrill: «Wir wollen unser erlerntes Handwerk in die Neuzeit tragen.» Die Lehrlingsausbildung, die Cyrill selbst in der Schreinerei von Jans Vater absolviert hatte, will das Trio mit Jacoby deshalb aufrecht erhalten.

In der Schreinerei der Thürings, deren Räumlichkeiten die Jungunternehmer nun auch für ihr eigenes Unternehmen mitbenutzen dürfen, hat alles angefangen. Hier lernte Cyrill Jan, den Sohn des Lehrmeisters kennen. Boniface, der älteste und erfahrenste der kleinen Truppe, war viele Jahre Cyrills Mentor.

Er habe gesehen, wie hart sein Vater für seinen Betrieb in all den Jahren habe arbeiten müssen und wie schwierig es geworden sei, erzählt Jan. Übernehmen wolle er den Betrieb deswegen nicht. Das Trio plant aber, die väterliche Schreinerei nach der Pensionierung von Jans Vater als Werkstatt und Verkaufsfläche für Jacoby zu nutzen. 

Wie sie ihre Produkte an die Leute bringen wollen? Mal schauen. «Wir sind halt Schreiner, keine Marketingleute.»

Normalerweise holen sich Start-Ups finanzielle Mittel von Investoren. Jacoby nicht. Sie würden sich bei ihrer Arbeit nicht reinreden lassen wollen, sagen Jan, Boniface und Cyrill. Um sich aber trotzdem die nötigen Mittel für den Start zu verschaffen, planen die drei eine Crowdfunding-Aktion.

Mit dem Marketing sei es so eine Sache, so die Jungunternehmer. «Wir sind halt Schreiner, keine Marketingleute.» Zu Beginn wollen sie mit Guerilla-Marketing auf sich aufmerksam machen. Auf ihrer Website stellen sie schon jetzt sich, ihre Idee und die Produkte vor.

Zweifeln die drei nie, ob sie den Durchbruch mit Jacoby schaffen?

Doch, schon manchmal, gibt Cyrill zu. Sie machen sich Gedanken, ob Miete und Löhne mit dem Umsatz bezahlt werden können, ob ihr Knowhow ausreicht. Das Entscheidende sei aber vielleicht, dass sie noch nie alle drei gemeinsam entmutigt gewesen seien, sagt Jan lachend: «Alleine hätte ich so was nie gemacht. Die Energie des Teams und die gemeinsame Inspiration würde dann fehlen.» Im Team könne man sich in schwierigen Momenten auffangen und aufbauen.

«Zwischendurch leiden wir ziemlich, weil wir einfach keine schöne Lösung finden», sagt Cyrill. Das bisher einzige Regal von Jacoby zum Beispiel scheint ein echtes Problemkind zu sein. Optisch gefalle es ihnen, nur technisch noch nicht, weil es gleichzeitig filigran und stabil sein solle. Momentan stehe es bei Boniface zu Hause und warte auf einen Geistesblitz des Elsässers. Ob es bis Mai fertig wird, wissen die drei nicht. Sie sind aber wie immer: optimistisch.

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