Eigensinn und Experimente

Die Schweizer Musikszene der 80er-Jahre wird im Buch «Heute und danach» gewürdigt. Auch in Basel war in diesem Jahrzehnt viel in Bewegung.

Haltung und Ästhetik: The Hydrogen Candymen 1987. Lori Hersberger, Joachim Jesse und F. Blay (hinten). Tobias Madörin und Nick Bürgin (vorne). (Bild: Nicole Zachmann)

Die Schweizer Musikszene der 80er-Jahre wird im Buch «Heute und danach» gewürdigt. Auch in Basel war in diesem Jahrzehnt viel in Bewegung.

Basel nach dem Beat der Dynamites und vor den Lovebugs – war da was? Doch, im Grund sehr viel. Nur bekam man das in der Restschweiz nicht immer mit. Vielleicht, weil man am Rheinknie oft mit sich selbst beschäftigt war: «Killt die Wondergirls» sprayten Punks in den frühen 80er-Jahren auf eine Wand im Stadtzentrum – wie wenn es nichts Wichtigeres gegeben hätte, als eine Popband anzufeinden. Dieses Beispiel ist exemplarisch dafür, warum man im Basel der 80er-Jahre nicht von einer Subkultur reden kann. Die Basler Bands schienen kleine Magnete, die sich gegenseitig abstiessen – und sich von Musikern angezogen fühlten, die in der Ferne lagen: etwa in England.

So hinterliessen britische Songwriter wie Elvis Costello und Joe Jackson Spuren bei einer neuen Musikergeneration: Sänger wie Beat Lüthi (Arhoolies), Francis Etique (Trashcats) oder Matthias Erb (Rondeau) wurden von diesen Briten beeinflusst, ebenfalls Gitarrist Pink Pedrazzi, der bei Dominique Alioths Wondergirls mitspielte. Der junge Sender DRS 3 verhalf den Bands zu Airplay, die grossen Massen vermochten sie aber mit ihrem sophisticated Pop nie zu erreichen. Was den eifrigen Songwriter Dominique Alioth zur Aussage führte: «Ich hätte lieber mal eine schlechte Kritik und dafür einen veritablen Hit.»

Viele Musiker ­blieben am Tresen des «Atlantis» hängen.

Die meisten Basler Musiker dieser Dekade kamen trotz sehnsuchtsvoller Lieder und internationaler Ausrichtung selten aus der Region heraus. Viele blieben am Tresen des legendären «Atlantis» hängen, wo auf der Bühne der Blues und der Rock spielte. Oder im «Totentanz», wo New-Wave- und Industrialbands gastierten und man Stephan Eicher oder die Young Gods vor ihrem internationalen Durchbruch erlebte.

Basler Musikexporte

Messbar erfolgreich waren nur wenige Basler: Die Lazy Poker Blues Band, mit Major Deal im Rücken, gab Hunderte Konzerte, darunter viele in Deutschland (BRD und DDR), Dave Muscheidts Tea for Two reiste mehrmals in die USA. Die Bo Katzman Gang tauchte mit «I’m In Love With My Typewriter» in den Schweizer Charts auf, ebenso das Tüftlerpaar PJ und Stella Wassermann (Schaltkreis Wassermann/Matterhorn Project), das früh schon mit Synthesizern und Samplern experimentierte. Einen Weg, den kurz darauf auch Baselbieter Gymnasiasten einschlugen und unter dem sonderbaren Namen Touch El Arab einen kuriosen Elektropop-Hit landeten («Muhammar»). Keyboarder Christoph H. Müller legte damit den Grundstein für eine Karriere, die ihn später nach Paris führte, wo er mit dem Elektrotango von Gotan Project Plattenmillionär wurde.

«Heute und danach»
Dieser Text ist – leicht variiert – im Buch «Heute und danach – The Swiss Underground Music Scene of the 80’s» erschienen. Hg.: Lurker Grand und André Tschan. 600 Seiten, 2000 Abbildungen. Edition Patrick Frey, Zürich, 2012.

Buchtaufe Basel:
Do, 13. 12., ab 19 Uhr im Plattfon (Feldbergstr. 48), 20 Uhr Vortrag Christoph Fringeli (Vision/Praxis).
Ab 22 Uhr live in der Kaserne (Klybeckstr. 1b): Les Reines Prochaines und 20 Jahre Praxis Label.

Der gegenseitige Argwohn, die Abgrenzung auch innerhalb der Stadt, die viele Musiker pflegten, nahm erst 1986 ab, nachdem mit der Alten Stadtgärtnerei ein Freiraum erobert worden war, in dem verschiedene Künste und Lebensentwürfe Platz fanden.

Zuvor, 1981, hatte die Jugendbewegung mit der Räumung des versifften AJZ einen Dämpfer erlitten (was, rückblickend, immerhin einigen Autonomen das Leben rettete). Auch die Stadtgärtnerei wurde geräumt (1988), in weiteren Zwischennutzungen (Schlotterbeck, Stücki, Bell …) rückte die Kunst- und Musikszene stärker zusammen, wurden Experimente realisiert und Ausdrucksformen erforscht.

«Uns war die Haltung und die neue Ästhetik ebenso wichtig wie die Musik», sagte Lori Hersberger, der wie Andreas Kreienbühl als Punk einstieg und sich weiterentwickelte. Ihre Band Ix-Ex-Splue etwa zelebrierte hypno­tische Improvisationen in experi­mentellen Performances. Die lokalen Erzeugnisse des eigensinnigen Untergrunds bündelten Alex Buess und Christoph Fringeli auf dem Label ­Vision, dessen Produktionen auch überregional auf Liebhaber-Ohren stiessen. Die Suche nach neuen Ausdrucksformen führte auch Kunst­studentinnen zusammen, die die Frauenband Les Reines Prochaines gründeten, angetrieben vom aktionistischen Postpunk und Feminismus.

Kreative Klasse

Les Reines Prochaines sind bis heute aktiv und bilden damit die Ausnahme. Viele Musiker aus den 80er-Jahren liessen das Hobby bleiben, blieben beruflich aber der kreativen Klasse treu: Hersberger oder Pipilotti Rist (die bei den Reines Prochaines mitwirkte) verfolgten internationale Kunstkarrieren. Andere etablierten sich als Grafiker (Andreas Kreienbühl), Fotografen (Tobias Madörin), Journalisten (Christian Platz, Remo Leupin), Moderatoren (Matthias Erb) oder sind, im Fall der Schlagzeugerin Barbara Frey, sogar Theaterdirektorin (am Schauspielhaus Zürich).

Von einer Musikszene wie jener in Bern, aus der auf Jahrzehnte hinaus etwas Grosses, massentaugliches wuchs, konnte man in Basel aber nicht reden. Abgesehen von Protestsänger Aernschd Born scheute man die identitätsstiftende Mundart, fürchtete, von der Restschweiz in die «Schnitzelbangg»-Schublade geschoben zu werden. Erst in den 90er-Jahren war die Zeit reif für breitenwirksame Dialektsongs: «Basel, dä Rap isch für dyy!» Das aber ist ein Kapitel in einem anderen Buch.

Artikelgeschichte

Erschienen in der gedruckten TagesWoche vom 07.12.12

Nächster Artikel