Ein Basler schickt Bruder Klaus auf Entdeckungsreise nach Amerika

Zum 600-Jahr-Jubiläum von Niklaus von Flüe hat der Schriftsteller Adam Schwarz einen Roman geschrieben, der den Landespatron aus der rechtskonservativen Komfortzone schubst.

(Bild: Alexander Preobrajenski)

Zum 600-Jahr-Jubiläum von Niklaus von Flüe hat der Schriftsteller Adam Schwarz einen Roman geschrieben, der den Landespatron aus der rechtskonservativen Komfortzone schubst.

Swissness satt: 2022 soll das Eidgenössische Schwingfest in Pratteln stattfinden, für 2020 ist das Eidgenössische Jodelfest in Basel anberaumt, und noch diesen Herbst erscheint im Basler Zytglogge Verlag ein Roman über den Schweizer Landespatron Niklaus von Flüe. 

Bruder Klaus also. Der Obwaldner Asket und Eremit (1417–1487), dessen Hand im Zweiten Weltkrieg – angeblich – am Himmel über Waldenburg erschienen war und die Schweiz so vor einer Invasion bewahrt hatte, ein Wunder im Dienst der geistigen Landesverteidigung.

Haarsträubende Odyssee

Adam Schwarz hat mit dem Heiligen ganz anderes vor. Der 26-jährige Basler sitzt bei einem «Snake Bite» im «Hirscheneck» und freut sich diebisch, wenn er von seinem Romandebüt «Das Fleisch der Welt» erzählt. Und von der haarsträubenden Odyssee, auf die er Niklaus von Flüe schickt.

Adam Schwarz, am 11. Oktober 1990 in Bülach geboren, wuchs im Zürcher Unterland und im Freiamt auf. In Basel studiert er Philosophie und Germanistik. Schwarz ist als Journalist tätig (u. a. NZZ, «Literarischer Monat») und ist redaktioneller Mitarbeiter bei Narr («Das narrativistische Literaturmagazin»). Sein Debütroman «Das Fleisch der Welt» erscheint beim Zytglogge Verlag.

Wie seine Romanfigur hat es auch den im Zürcher Unterland und im Aargau aufgewachsenen Journalisten und Schriftsteller nie lange am selben Ort gehalten: «Ich war nie stark verwurzelt.»

Wir haben Adam Schwarz in seiner neuen Wahlheimat Basel zu einem Gespräch getroffen.

Adam Schwarz, in Ihrer Online-Kurzbiografie steht, dass Sie nach Basel geflüchtet sind. Wieso denn das?

Flucht ist natürlich übertrieben. Aber ich wohne sehr gerne in Basel, so nahe an der Grenze. Ich finde die Distanz zur rechtskonservativen Zentralschweiz beruhigend.

Dafür fällt Ihr Romandebüt «Das Fleisch der Welt» auf den ersten Blick umso patriotischer aus: Sie befassen sich mit Bruder Klaus. Worum geht es in Ihrem Buch?

Es ist kein historischer Roman, sondern ein Alternativwelt-Roman, das heisst, die Geschichte basiert zwar auf realen Personen und Fakten, aber ich gehe sehr frei damit um. Mein Buch beginnt damit, dass Niklaus von Flüe seinen ältesten Sohn Hans zu einer Pilgerreise auffordert. 1467 wollte von Flüe schon einmal ins Elsass, hatte aber bei Liestal eine Vision: Ein Lichtstrahl warf ihn zu Boden, worauf ihm ein Bauer zur Umkehr riet. So zog von Flüe heim zur Obwaldner Ranftschlucht, wo er fortan in unmittelbarer Nähe seines Hofes als Einsiedler lebte.

Bruder Klaus kam also nie über das Baselbiet hinaus?

In meinem Roman schon. Mit seinem Sohn Hans tritt er eine Reise an, die ihn immer weiter nach Westen führt. Sie hungern und verwahrlosen, doch von Flüe zieht es ständig weiter. Er ist auf der Suche nach einem Ort, an dem er endlich zur Ruhe kommen kann, ohne lästige Besucher und Höllenvisionen. An der Westküste Frankreichs bauen sich die Pilger ein Floss und landen schliesslich auf einer namenlosen Insel der Neuen Welt.

Niklaus von Flüe entdeckt bei Ihnen Amerika?!

Genau. Ich habe versucht, die Handlung so zu konstruieren, dass diese Reise zeitlich tatsächlich hätte stattfinden können. Es gibt ja auch Theorien, denen zufolge der deutsche Seefahrer Didrik Pining etliche Jahre vor Kolumbus Neufundland entdeckt haben soll.

Wie kommen Sie dazu, ausgerechnet Bruder Klaus auf Entdeckungsfahrt zu schicken?

Am Anfang war da tatsächlich Christoph Kolumbus. Als ich zufällig vor seinem Sarkophag in Sevilla stand, dachte ich mir: Was, wenn jemand ganz anderes Amerika entdeckt hätte? Da kam mir als atheistischer Ex-Katholik irgendwann Niklaus von Flüe in den Sinn. Ich las mich ein und merkte rasch, was für eine spannende Person er war. Das sieht man ja auch jetzt wieder beim 600-Jahr-Jubiläum, wo der Schutzpatron der Schweiz als Projektionsfläche dient: Christoph Blocher plant eine Gedenkfeier, von Flüe wird aber auch als Mystiker und Pazifist verehrt. Was mich faszinierte, war diese Figur, die sich aus der Welt zurückzieht: Das ist für mich sehr zwiespältig.

«Ich hatte zunächst Bedenken, dass die Absicht meiner Geschichte falsch verstanden werden könnte.»

Inwiefern?

Zum einen, weil man durch den selbstgewählten Isolationismus nicht mehr an der Welt teilnehmen und mitreden kann, aber auch weil man andere damit verletzt: Niklaus von Flüe hatte zehn Kinder. Seine Frau Dorothea Wyss hat ihm dieses Einsiedlerleben erst ermöglicht. Ob sie das so toll fand, ist fraglich.

Gleichzeitig blieb von Flüe als politischer Berater in weltliche Geschäfte verwickelt. Wie schätzen Sie seine historische Bedeutung ein?

Von Flües Rückzug aus der Gesellschaft wurde schon zu seinen Lebzeiten skandalisiert, manche sagten, er sei ein Scharlatan. Das denke ich nicht, ich nehme ihm seine Visionen ab. Zumindest glaube ich, dass er sie so wahrgenommen hat. Ob er darüber hinaus psychisch erkrankt war – wer weiss. Sicher hat sein Status als Aussenseiter aber dazu geführt, dass viele Rat bei ihm suchten. Dabei waren seine Tipps eher allgemein gehalten.

«Machet den Zun nit zu wit» – diese Maxime wird von Flüe fälschlicherweise zugeschrieben. Seit dem SVP-Abstimmungskampf gegen den EWR-Beitritt gilt er deshalb als Säulenheiliger der Rechten.

In meinem Roman ist es gerade so, dass dieser Zaun aufgebrochen wird. Das ist das Paradoxe an der Figur des Einsiedlers, der sich nach Weltflucht sehnt und dafür eine Reise durch ganz Europa und darüber hinaus antritt. Ich hatte zunächst Bedenken, dass die Absicht meiner Geschichte falsch verstanden werden könnte, aber es geht mir tatsächlich auch darum, das Selbstverständnis einer abgeschlossenen Schweiz zu hinterfragen. Und Niklaus von Flüe bietet als historische Figur genügend Leerstellen, um genau das zu tun. Ich fand, das war einfach einmal nötig.

Ganz grundsätzlich: Was macht den Reiz des Schreibens für Sie aus?

Ui, die klassische Autoren-Frage! Die habe ich als Journalist auch schon gestellt, aber noch nie selber beantworten müssen. Nun, unsere Welt bietet nur wenig Gestaltungsmöglichkeiten, da finde ich es schön, wenn ich beim Schreiben als «kleiner Bruder Gottes» aus dem Nichts heraus eine eigene Welt erschaffen kann. Jetzt klinge ich fast wie ein Fantasy-Autor, aber es ist schon noch ein bisschen mehr als das. Die Arbeit mit der Sprache ist mir ebenso wichtig.

In Ihrer Kurzgeschichte «Revolution in den Bergen» erklärt der Erzähler, dass er es hasse, wenn Dinge nicht so erzählt würden, wie sie geschehen sind. Das kümmert Sie persönlich nicht besonders, oder?

Dabei ist der erwähnte Erzähler selber unzuverlässig, weil er die Dinge falsch wahrnimmt und deutet. Aber ja, ich mache das, weil das Schreiben für mich sonst zu langweilig wird. Diese ganzen Knausgård-Sachen oder der literarische Trend der New Sincerity – das ist doch ein alter Hut. Ausserdem: Wer vorgibt, vollkommen authentisch zu sein, lügt am meisten. Viele Texte, die ich schreibe, sind nicht zu 100 Prozent realistisch, mir gefallen gerade die absurden oder grotesken Momente.

«Für einen Jungautor ist es natürlich schon dreist, sich in seinem Debüt so eine Figur vorzuknöpfen.»

Es mangelt unserer Zeit ja nicht an alternativen Fakten. Bitte brechen Sie eine Lanze für das Schreiben von Alternativweltgeschichten, wie Sie es mit Niklaus von Flüe tun.

Zuerst einmal: Als ich 2012 mit dem Roman begann, gab es den Begriff der alternativen Fakten noch nicht. Ausserdem sollte man vorsätzliche Lügen von Bullshit unterscheiden, wie das der Philosoph Harry Frankfurt tut: Der Bullshitter kümmert sich grundsätzlich nicht darum, was wahr ist, sondern behauptet irgendetwas, von dem er keine Ahnung hat. Dafür werden dann «alternative Fakten» angeführt. Das ist für mich unmoralisch. Literatur schafft dagegen einen Imaginationsraum, in dem alltägliche wie politische Erfahrungen reflektiert werden können. Natürlich spiele ich mit Fakten. Im besten Fall regt das dazu an, sich mit der Frage nach dem gesicherten Wissen auseinanderzusetzen. Aber klar: Für einen Jungautor ist es natürlich schon dreist, sich in seinem Debüt so eine Figur vorzuknöpfen.

Am 21. März jährt sich der Todestag von Niklaus von Flüe zum 530. Mal. Werden Sie seiner gedenken?

Momentan stecke ich mitten im Lektorat und verbringe jeden Tag mehrere Stunden mit dem Bruder Klaus. Deshalb finde ich es nicht nötig, an diesem Tag speziell an ihn zu denken – er beschäftigt mich ja sowieso ständig. Allerdings möchte ich weder diesen Gedenktag noch das Gedenkjahr irgendjemandem vermiesen.

Der Roman «Das Fleisch der Welt» ist  im August 2017 beimZytglogge Verlag erschienen.

Konversation

  1. Bei dem einen ist bekannt, dass nach dessen Auszug eine alleinerziehende Mutter samt zehn Kindern mehr im Halbkanton lebte.
    Beim anderen ist nichts über eine allfällige Familien-Hinterlassenschaft erwähnt.

    Mütter scheinen oft vergessen zu gehen.

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  2. Dass Niklaus von Flüe besonders von der SVP verehrt wird, wundert mich nicht. Ist doch seine sogenannte Vermittlerrolle im Streit zwischen den „Konservativen“ und den „Liberalen“ bloss zum Kuhhandel und zum Schacher der Hohen Herren auf Kosten des gemeinen Volkes geworden. Im Sinne von: „Lässt du mich meine Bauern knechten, dann überlass ich dir die deinigen zur Ausbeutung“. Von Flüe ist in jeder Beziehung eine unmoralische Person gewesen. Von diesen hat es in der SVP noch einige Exemplare.

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    1. „Der Kompromiss bestand darin, Freiburg und Solothurn in den Bund aufzunehmen und im Gegenzug das Burgrecht abzuschaffen. Die Einigung umfasste das Verbot gewaltsamer Überfälle auf Miteidgenossen oder deren Bundesgenossen; den Schutz eines überfallenen Ortes durch die anderen; die Bestrafung der Übeltäter entweder durch die heimatlichen Gerichte oder durch diejenigen am Tatort; ein Verbot von Gemeindeversammlungen oder Zusammenrottung ohne Erlaubnis der Obrigkeit; ein Verbot, die Untertanen eines anderen Ortes aufzuwiegeln; die Verpflichtung der Orte, bei Aufständen von Untertanen anderer Orte zu vermitteln und die Bestätigung des Sempacher- und Pfaffenbriefes. Die Bünde sollten alle 5 Jahre beschworen und dabei die drei Verkommnisse verlesen werden. Schliesslich sollte Kriegsbeute künftig unter die Orte nach Marchzahl (Kopfzahl) verteilt werden“.

      Man kann es „Stans“ oder „Brüssel“ nennen (die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappierend). Und nur der Nikolaus, nur der Nikolaus kommt einmal im Jahr zu Besuch.

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