Ein Feminismus für alle: Die pinke Mütze erobert die Schweiz

Am Samstag findet ein Women’s March in Zürich statt. Das Ziel ist es, den Kreis des weissen mittelständischen Feminismus‘ zu erweitern – um Schwarze, Migrantinnen, Transmenschen, Lesben. Bürgerliche Frauen haben Mühe mit diesem «bunten» Feminismus und gehen auf Distanz.

Mit einem Pussy Hat gegen Trump. Demo in den USA.

(Bild: LUCY NICHOLSON)

Am Samstag findet ein Women’s March in Zürich statt. Das Ziel ist es, den Kreis des weissen mittelständischen Feminismus‘ zu erweitern – um Schwarze, Migrantinnen, Transmenschen, Lesben. Bürgerliche Frauen haben Mühe mit diesem «bunten» Feminismus und gehen auf Distanz.

Eine Frau wird anders behandelt als ein Mann, mit weniger Respekt. Das hat Stefanie Hetjens am eigenen Leib erfahren. Hetjens hat 30 Jahre als Mann gelebt, obwohl sie bereits als Kind wusste, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. Ein Mädchen in einem Körper, den man üblicherweise einem Knaben zuordnet. 

Vor drei Jahren entschied sie sich, zu ihrem wahren Geschlecht zu stehen und als Frau zu leben. Seither ist sie Stefanie. Und erlebt Situationen, die jede Frau erlebt, aber kaum ein Mann. Etwa während der Arbeit in der Werbeagentur, wenn Hetjens eine Sitzung hat und Vorschläge bringt: «Als Mann musste ich strategische Entscheide nie begründen. Ich sagte einfach: ‹So mache ich es›, und alle akzeptierten es.» Seit sie jedoch als Stefanie lebt, muss sie viel mehr begründen und erklären, bis ihre Entscheide akzeptiert werden.

Gegen Trump und den Rechtsrutsch in Europa

Das sei ein kleines Beispiel dafür, dass Frauen nach wie vor nicht die gleiche Stellung haben wie Männer, sagt Hetjens. Deshalb geht sie am 18. März auf die Strasse: An diesem Samstag findet in Zürich ein sogenannter Women’s March statt, eine Demonstration für Frauenrechte. Stefanie Hetjens engagiert sich beim feministischen Kollektiv «Aktivistin» und hat so vom Frauenmarsch erfahren. 

Es handelt sich dabei um eine linke Angelegenheit. «Wir gehen auf die Strasse, um unsere Kämpfe gegen den aktuellen Rechtsrutsch in der Schweiz, Europa, den Trumpismus in den USA sichtbar zu machen. Diese Politik verstärkt sexistische, rassistische, trans- und homosexualitätsfeindliche Praktiken und sozioökonomische Ungleichheit und befördert die Diskriminierung von Menschen aufgrund von Alter und Behinderungen», steht im Aufruf.

«Eine neue Frauenbewegung rollt durchs Land»

Moment mal, war nicht gerade erst Demo – letzte Woche, am Weltfrauentag vom 8. März? Da gingen Aktivistinnen in verschiedenen Schweizer Städten auf die Strasse. Und dann nochmals am 11. März, in Basel und in Zürich.

Bildreportage zum Nachgucken: «So war die Frauendemo in Basel»

Warum noch ein Frauenmarsch obendrauf?

«Wir wollen den ganzen März zu einem Protestmonat machen», sagt Franziska Schutzbach, Genderforscherin an der Universität Basel. Sie ist nicht direkt an der Organisation beteiligt, aber mit den Frauen vernetzt, die dahinter stecken.

Initiiert haben den Women’s March zwei Schülerinnen, wie die «Sonntagszeitung» schreibt. Sie hatten dabei nur einen kleinen, familiären Spaziergang mit Freundinnen und Freunden im Hinterkopf. Doch mittlerweile ist daraus eine Grossdemonstration geworden, auf Facebook haben bisher 2900 Menschen zugesagt, 8500 sind zumindest interessiert (Stand: 13. März). Politische Institutionen wie Gewerkschaften oder die Juso beteiligen sich an der Organisation. Der Marsch werde eine «grosse Sache», sagt Schutzbach deshalb. «Work», die Zeitung der Gewerkschaft Unia schreibt: «Eine neue Frauenbewegung rollt durchs Land.»

Fertig Initiativen, ab auf die Strasse

Ein Blick in die sozialen Netzwerke scheint diese Einschätzung zu bestätigen, es wimmelt von Politikerinnen und Journalisten, die sich solidarisch eine pinke Mützen mit Katzenohren übergezogen haben. SRF hat online eine Auswahl zusammengestellt.

Der sogenannte Pussy Hat ist nicht einmal zwei Monate alt und bereits ein Sinnbild für den Kampf gegen Frauendiskriminierung. Zu verdanken haben wir das grosse Lismen Donald Trump. Ihm und seinem charmanten Spruch, als Star könne er mit Frauen alles machen, sie an der Muschi packen, zum Beispiel, «grab them by the pussy». Am Tag nach seiner Amtseinführung protestierten mindestens eine halbe Million Frauen in Washington gegen Trumps Sexismus, Demonstrantinnen in zahlreichen anderen Städten und Ländern schlossen sich an. Fotos zeigten ein Meer von Pussy Hats, die Mütze ging um die Welt.

Der «New Yorker» schrieb danach, der zivile Ungehorsam sei zurück: fertig institutionelle Initiativen, man geht wieder auf die Strasse. Dasselbe passiert seit zwei Jahren in Lateinamerika, wo Feministinnen der Bewegung «Ni Una Menos» in zahlreichen Ländern gegen sexualisierte Gewalt demonstrieren. 

Demonstrators take part in a 'Day Without a Woman' march on International Women's Day in New York, U.S., March 8, 2017. REUTERS/Lucas Jackson

Das ist die Art von Mobilisierung, von der auch die Feministinnen in der Schweiz träumen. Franziska Schutzbach sagt: «Was Trump in den USA macht, geschieht auch hier: Rechte Politiker sind an der Macht und wenn wir nicht aufpassen, geht es wieder rückwärts mit der Gleichberechtigung.»

Der Rechtsrutsch zeigt sich bereits: Der Nationalrat hat kurzerhand Gleichstellungsanliegen wie Lohnkontrollen aus der Legislaturplanung gekippt und einen Vaterschaftsurlaub abgeschmettert. Und vermehrt werden wieder Stimmen laut, die das Recht auf Abtreibung infrage stellen, während sie Frauen vorschreiben wollen, wie sie sich anziehen sollen, Stichwort: Burkaverbot.

Doch schaffen es Feministinnen in der Schweiz, Frauen in Massen auf die Strasse zu bringen wie in Lateinamerika oder den USA?

Auf den ersten Blick sieht es nicht danach aus. Wie ein Graben teilt ein Thema die Frauen: die Rentenreform. Die einen (Linken) wollen die AHV um 70 Franken erhöhen und nehmen dafür in Kauf, länger arbeiten zu müssen. Die anderen (Linken) lassen lieber die Reform scheitern, als eine Rentenaltererhöhung in Kauf zu nehmen. Die dritten (Bürgerlichen) wollen auf keinen Fall die AHV erhöhen. Und alle argumentieren sie im Interesse der Frauen.

Im heutigen Feminismus haben alle Platz

Und diese Politikerinnen wollen nun eine «neue Frauenbewegung» anführen?

Nicht unbedingt. Der Clue an der «neuen Bewegung» ist, dass sie eben nicht nur aus gestandenen Politikerinnen oder Gewerkschaftlerinnen besteht. Die heutigen Feministinnen sind anders organisiert, sie vernetzen sich übers Internet, und das mit Erfolg: Im Herbst 2016 trat Franziska Schutzbach per Twitter und Facebook mit dem Hashtag #SchweizerAufschrei eine Debatte über Sexismus in der Schweiz los, die Monate andauerte.



Mary Arevalo, 29, participates in the International Women's Day

«Feminista – Gleichberechtigung für alle» hat sich eine Demonstrantin in Los Angeles aufs Plakat geschrieben. Das soll auch hier gelten, unabhängig von Hautfarbe, Nationalität, Beruf oder sexueller Identität.   (Bild: LUCY NICHOLSON)

Jetzt ist die Bewegung parat für einen weiteren Schritt, einen, wie ihn die USA schon seit der Bürgerrechtsbewegung vormachen: Sie will Frauen zu Wort kommen lassen, die bisher in der Schweizer Öffentlichkeit wenig gehört wurden.

Etwa schwarze Frauen. «Schwarze Frauen werden hierzulande kaum als mündige Mitbürgerinnen wahrgenommen,» sagt Jovita dos Santos Pinto. Sie muss es wissen, sie ist eine schwarze Frau – und hat Bla*sh mitgegründet, ein Bündnis aus schwarzen Frauen in der Deutschschweiz. Pintos Erfahrung: Entweder sieht man schwarze Frauen als schöne Exotinnen oder als Opfer, beispielsweise von schwarzen Männern oder als Geflüchtete «aus Afrika». «Schweizer können sich eine schwarze Frau in kaum einer anderen Rolle vorstellen.» So kommt es in beruflichen Sitzungen vor, dass Sitzungsteilnehmer davon ausgehen, Pinto sei die Sekretärin und bringe Kaffee.

«Auch schwarze Frauen und Frauen mit Migrationsgeschichte müssen in der Schweiz mitdiskutieren können.» 

Jovita dos Santos Pinto

Beides hat System, Pinto forscht am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Uni Bern zum Thema. Ihr Fazit: «Bei schwarzen Frauen kommen mindestens zwei Formen von Diskriminierung zusammen: Rassismus und Sexismus.» Das zeigt beispielsweise die Politik. Jeder, der sich ein bisschen für Politik interessiert, kennt Ricardo Lumengo, den ersten schwarzen Nationalrat der Schweiz. Als er gewählt wurde, wurde er als erstes schwarzes Mitglied des Bundesparlaments gefeiert. Fälschlicherweise.

Es gab nämlich schon mindestens eine schwarze Person vor ihm im Parlament: Tilo Frey. «Doch niemand kennt sie», sagt Pinto. Bereits 1971 wurde Freiy für die FDP ins Bundesparlament gewählt – und dann vergessen. Pinto fordert: «Auch schwarze Frauen und Frauen mit Migrationsgeschichte müssen in der Schweiz mitdiskutieren können.» Mit einbezogen werden müssen Frauen auch in der Burkadebatte. «Die ganze Schweiz spricht über Verschleierungsverbote, aber kein Journalist redet mit muslimischen Feministinnen darüber – das geht doch nicht», sagt Pinto.

Transfrauen wollen eine Stimme

Ähnliches gilt für Transmenschen. Auch ihre Anliegen kommen in Gleichstellungsdebatten kaum vor. Stefanie Hetjens fordert: «Es sollte viel einfacher werden, das amtliche Geschlecht und den Namen zu wechseln.» Als sie sich ihren neuen, weiblichen Namen zulegte, musste sie dafür in ihrem Herkunftsland Deutschland 2000 Euro bezahlen. In der Schweiz sind die Regeln von Kanton zu Kanton unterschiedlich, aber die Kosten sind ähnlich hoch und das Prozedere ist langwierig.

Ebenfalls schwierig ist es, eine Hormonbehandlung zu erhalten. Transmenschen können Medikamente nehmen, um ihren Körper ihrer Geschlechtsidentität anzugleichen, um etwa den Bartwuchs oder das Brustwachstum zu fördern.

Doch bis sie diese Hormone vom Arzt erhalten und die Krankenkasse dafür bezahlt, müssen Transmenschen häufig ihr ganzes Innenleben ausbreiten. Viele Ärzte denken, sie könnten das Geschlecht einer Person besser beurteilen als die Person selbst. «Dabei kennt jeder Mensch von Kind an sein Geschlecht selbst am besten», sagt Hetjens.

Regenbogenbewegung mit Gender-Sternchen

Jovita Pinto und Stefanie Hetjens stehen hier stellvertretend für einige Frauen, aber längst nicht für alle. Eine Putzfrau, die zwei Jobs hat, um ihre Familie zu ernähren, hat vielleicht andere Bedürfnisse, und einer Flüchtlingsfrau aus Syrien geht es wieder anders. Für den Women’s March ist das aber kein Widerspruch, im Gegenteil: Das Ziel ist eben gerade, dass verschiedene Gruppen sich zusammenschliessen und gemeinsam auf die Strasse gehen.

Die Unia-Zeitung «Work» fasst zusammen: «Die neue Frauenbewegung distanziert sich vom weissen Mittelschicht-Feminismus. Sie versteht sich als bunte Regenbogenbewegung mit Gender-Sternchen.» In den USA macht diese Strategie die Frauenbewegung stark. Am Women’s March spannten weisse Frauenorganisationen mit Schwarzen, Lesben, Transmenschen, Indigenen, Gewerkschaften und vielen weiteren zusammen.

Bürgerliche Frauen sind skeptisch

In der Schweiz gibt es Politikerinnen, die genau das abschreckt. Und zwar nicht nur Rechtsaussen-Parlamentarierinnen wie Natalie Rickli (SVP), die gerne antifeministische Tweets in die Welt setzen.

Auch bürgerliche Politikerinnen, die sich für Frauenrechte wie Lohngleichheit und mehr Frauen in Kaderpositionen stark machen, können sich mit diesem «bunten» Feminismus nicht so recht identifizieren. 

Eine davon ist Claudine Esseiva, Generalsekretärin der FDP-Frauen. Für sie ist klar: «Die Gleichstellung der Geschlechter muss erst einmal im Mittelstand passieren. Denn die Mehrheit der Schweizer Frauen sind nun mal Mittelstand.» Wenn die Gesellschaft einmal so weit sei, dass Frauen und Männer in Job und Familie auf Augenhöhe seien, komme die Gleichstellung von Migrantinnen oder Transmenschen auch voran. «Die Gesellschaft wird so gerechter für alle.»

Die Schreckgespenster der Männer 

Ähnlich tönt es bei den CVP-Frauen. Präsidentin Babette Sigg Frank findet es kontraproduktiv, zu viele verschiedene Forderungen zu formulieren. «Wenn Feministinnen jetzt auf den Anliegen von Transmenschen herumreiten, haben bürgerliche Männer das Gefühl, ihre Schreckgespenster würden wahr.» Das verwässere wichtige Anliegen wie Lohngleichheit und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Schaden die «neuen» Feministinnen sich selber, wenn sie zu radikal auftreten?

«Das ist die falsche Frage», findet Natascha Wey, Co-Präsidentin der SP-Frauen. Die richtige Frage laute: «Was ist linke Politik?» Und die Antwort darauf: «Linke Politik ist nur richtige Politik, wenn auch Migrantinnen oder Transmenschen mitreden.» Das sei eine Frage der Gerechtigkeit, «und sollte eigentlich auch die FDP und CVP interessieren».

Für Wey reicht es ohnehin nicht, einzig über Lohngleichheit, Quoten in Verwaltungsräten oder Krippenplätze zu diskutieren. Für sie ist die Zeit gekommen, «outside of the box» zu denken und beispielsweise Teilzeitarbeit für alle möglich zu machen. «Wir könnten es uns längst leisten, die Arbeitszeit zu verkürzen.» So dass alle mehr Zeit haben, sich um Kinder oder Eltern zu kümmern und Betreuungsarbeit nicht einfach zu schlechten Löhnen ausgelagert wird. «Wir brauchen endlich ein Wirtschaftssystem, das die, meist von Frauen, geleistete Gratisarbeit anerkennt.»

Wey ist als SP-Frau und Zentralsekretärin bei der Gewerkschaft VPOD selbst Teil der institutionellen Politik. Sie findet aber: «Es braucht beides: Kompromisse im Parlament und radikale Forderungen auf der Strasse.»

Wer radikal ist, wird gehört

Die Geschichte gibt ihr Recht. Die Historikerin Fabienne Amlinger erforscht die Geschichte der Frauen in der Politik an der Uni Bern und sagt: «Oft erreichten die Frauen am meisten, wenn sie radikal und laut waren.»

So bei der Einführung des Frauenstimmrechts im Jahr 1971. Das Stimmrecht haben wir in erster Linie Frauenrechtlerinnen und traditionellen Frauenvereinen zu verdanken. Es gibt aber Hinweise darauf, dass die Frauenbewegung der 1970er-Jahre auch einen Einfluss darauf hatte. Damals gingen Feministinnen lautstark auf die Strasse, nicht in erster Linie, um abstimmen zu dürfen, sondern, um sich das Recht auf Abtreibung oder die Selbstbestimmung über die eigene Sexualität zu erkämpfen. Der Protest war für die damalige Zeit ziemlich radikal: Frauen nahmen öffentlich Raum ein und redeten über Sexualität.

Das machte bürgerlichen Politikern Eindruck. Amlinger fand bei ihrer Forschung Dokumente, in denen Parteifunktionäre Sorgen um die «nationale Sicherheit» formulierten. Die Historikerin geht deshalb davon aus, dass die Einführung des Frauenstimmrechts auch eine Strategie war, um die Frauen zu besänftigen und so «wildere» Begehren abzuwenden. Zumal das Frauenstimmrecht den Männern gar nicht mehr als so grosse Bedrohung erschien, nachdem es die meisten Länder der Welt, beinahe ganz Europa und mehrere Kantone bereits eingeführt hatten, ohne dass es zu den befürchteten Umstürzen gekommen war.

Nicht-Wahl von Brunner machte Frauen wütend

Ein weiteres Beispiel sind die Demonstrationen nach der Nichtwahl von Christiane Brunner in den Bundesrat von 1993. Die SP schlug sie als offizielle Kandidatin vor, doch das Parlament wählte statt dessen einen SP-Mann. Die Schweizerinnen machte das wütend, Tausende Frauen protestierten in den nächsten Tagen vor dem Bundeshaus. Mit Erfolg: Eine Woche später wählte das Parlament Ruth Dreifuss zur zweiten Bundesrätin.

Kommt hinzu: Der Protest politisierte die Frauen nachhaltig. «Danach stieg der Frauenanteil im Parlament massiv, und zwar auch in den bürgerlichen Fraktionen», sagt Amlinger. Daraus lässt sich schliessen: Sogar bürgerliche Frauen profitieren, wenn linke Frauen radikal für ihre Rechte einstehen.



Women attend a march to commemorate International Women's Day in central Copenhagen, Denmark March 8, 2017 Scanpix Denmark/Nikolai Linares via REUTERS ATTENTION EDITORS - THIS IMAGE WAS PROVIDED BY A THIRD PARTY. FOR EDITORIAL USE ONLY. DENMARK OUT. NO COMMERCIAL OR EDITORIAL SALES IN DENMARK.

Pussy Hat, auch in Kopenhagen. Demonstration zum Tag der Frau am 8.März. (Bild: SCANPIX DENMARK)

Vielleicht ergibt diese Rollenverteilung ja Sinn: Linke Frauen brechen das Eis, irgendwann erscheinen einst als radikal geltende Forderungen gar nicht mehr als so extrem und bürgerliche Frauen ziehen nach und überzeugen ihre männlichen Parteikollegen.

«Es hat nie einen einzigen Feminismus geben, es waren immer viele verschiedene Frauen mit verschiedenen Anliegen.» 

Historikerin Fabienne Amlinger

Vielleicht ist aber die Erwartung, dass alle Frauen dasselbe wollen, schlicht vermessen. Amlinger sagt: «Es hat nie einen einzigen Feminismus geben, es waren immer viele verschiedene Frauen mit verschiedenen Anliegen.»

Im Moment scheint die Frauen aber eins zu einen: die pinke Wollmütze. Auch Claudine Esseiva war bei einer Pussy-Hat-Aktion dabei und sogar Kurt Hirsbrunner, bis vor Kurzem Berner Stadtrat und ist seines Zeichens BDP-Mitglied, setzte sich eine pinke Strickmütze auf.

Wobei, der Schein trügt, bereits äussern sich in den sozialen Netzwerken Feministinnen kritisch gegen die Wollmütze, nicht alle können sich damit identifizieren. Und sowieso: Ein Symbol wie der Pussy Hat allein ändert nichts, dafür muss man politischen Druck aufsetzen. Und das kann nur, wer viele ist. 

Konversation

  1. Zu Beginn heisst es, die bürgerlichen Frauen hätten Mühe und gingen auf Distanz, in der Printausgabe ist gar die Rede davon, dass sie vor der bunten, feministischen Mischung „Angst“ hätten.
    In keinem Zitat kommt das zum Ausdruck. Rickli hält ohnehin nichts vom Feminismus, ihr dürften die Rechte von Transmenschen und Migrantinnen reichlich egal sein. Esseiva findet, dass, wenn die breite Masse zum Zuge komme (Mittelstand), auch die Randgruppen davon schlussendlich profitierten und für Sigg-Frank scheint es eine blosse taktische Frage zu sein. Beides macht Sinn und richtet sich mitnichten gegen die Präsenz einer bunteren Mischung. Keine der Damen gibt zum Besten, dass sie Bedenken oder gar Angst hätten, wenn es bunter zu und hergeht?

    Zumal nur schon die Präsenz dieser bunten Mischung, egal ob man für die spezifischen Anliegen nun aktiv eintritt oder nicht, die Frauenbewegung stärkt. Und dagegen dürften weder Esseiva noch Sigg-Frank etwas einzuwenden haben. Oder habe ich das überlesen?

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    1. Vielen Dank für Ihre Nachfrage, Ohnezucker. Natürlich könnten die Präsidentinnen der FDP- und CVP-Frauen Ihnen besser darauf antworten. So, wie ich sie verstanden habe, distanzieren sie sich von einem Feminismus, der sich für Rechte von Frauen einsetzt, die nicht dem Mittelstand angehören. Beispielsweise finden sie es kontraproduktiv, Forderungen nach mehr Rechten für Transfrauen, schwarze Frauen oder Migrantinnen zu formulieren, da dann Forderungen wie Lohngleichheit oder Kitaplätze in den Hintergrund rücken.

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  2. Ich sags mal so und das in vollem Ernst: Mann sollte alle Frauen ernst nehmen und speziell den Minderheiten eine Stimme geben. Die Ausnahme von dieser Regel bildet Natalie Rickli, die überall ihren Senf herumposaunt, ungefragt natürlich. Sie sollte man doch ab und zu mal ignorieren und belächeln….aber nur sie.

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  3. Immer diese Schubladen!
    Wir alle sind Menschen, wirklich alle, einfach verschieden ausgestaltet an Leib und Seele!

    Deshalb @Hans W. Urst, bin ich mit Ihnen vollkommen einverstanden, dass Gleichberechtigung sein muss. Aber bitte keine Gleichschaltung.
    Es ist nicht zu leugnen, dass ein Mann viel mehr Muskelmasse hat als eine Frau.
    Es ist nicht zu leugnen, dass eine Frau alle vier Wochen ihre Tage hat und dadurch in dieser Zeit mehr oder weniger beeinträchtigt ist. Bisher ist mir kein Mann bekannt, der davon betroffen ist.
    Und gerade das oben genannte ist der Grund, dass eine Frau Kinder haben kann und ein Mann nicht. Gut, auch eine Frau kann sich gegen Kinder entscheiden. Nur wenn das alle machen, stirbt die Menschheit aus.

    Weiter sagen Sie, dass die Frauen im Schnitt 10 Jahre länger leben als Frauen. Gut, die Frauen leben länger. Allerdings sind es mehrheitlich die Frauen, die ihre Männer am Ende pflegen, bis sie sterben. Auch für andere Angehörigen machen das mehrheitlich die Frauen – bis jetzt.
    Also sehen sie, wenn sie materiell denken wollen, ist das so gesehen eher ein Segen, dass die Frauen länger leben. Und bringt durch die erbrachten Pflegeleistungen wieder Geld.

    Militärdienst oder eben wenn kein Militärdienst, Militärersatzpflicht:
    Nie und nimmer möcht ich das. Ich will nie etwas unterstützen, was auch im entferntesten mit Waffen zu tun hat oder/und mit Unterdrückung. Da bleiben immer Verlierer zurück.

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    1. Danke für die Ausführungen. Vor den Augen des Gesetzes bin ich für eine hundertprozentige Gleichschaltung und sehe auch keinen Grund wieso das nicht so sein soll. Was man dann im individuellen macht sei dann jedem selber überlassen.

      1. Ich bin auch nicht mit dem Militärdienst einverstanden und zahlen wollte ich erst recht nicht. Eine Wahl hatte ich keine (und habe gezahlt). Es geht nur um die Dienstpflicht im allgemeinen, nicht was man dann effektiv macht – es ist völlig ungerecht, dass nur die Männliche Hälfte der Gesellschaft damit belastet wird.

      2. Das Argument, dass die Frauen ihre Männer vor dem Tod pflegen ist als Argument insofern invalide, als dass diese leistung freiwillig geschieht. Die Frauen und im umgekehrten Fall die Männer, welche ihre Frauen pflegen (gibt es auch viele) tun dies in der Regel aus Nächstenliebe und nicht aus Zwang. Dies kann ja nicht als Rechtfertigung gelten, dass Frauen weniger lange arbeiten sollten als Männer. Ihrer logik folgernd sollte das Rentenalter für Partnerlose Frauen folglich bei 73-75 liegen.

      3. Zum „Austragen der Kinder“: Ich nehme es eher so wahr, dass für viele Frauen das Durchleben einer Schwangerschaft etwas begehrenswertes darstellt, das man im Zuge der Familiengründung nicht missen möchte und auch wenn man es könnte, nicht dem Mann aufhalsen würde. Vielleicht schafft es die moderne Biologie auch irgendwann mal, dass man(n) hier eine Wahl hat. Kinder zu kriegen ohne Männer ist ja heute schon weitesgehend möglich. Und auch hier gilt halt ein Stück weit: Wenn man es auf gar keinen Fall will, wird man auch nicht gezwungen. Viele Frauen entscheiden sich heute auch gegen Kinder. Völlig ok, soll ja jeder machen was er/sie will und wenn sich alle dagegen entscheiden dann gibts halt keine Kinder mehr – aber Hauptsache ist man kann es entscheiden.

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    2. @ Ihr beide:
      Für einen modernen Krieg der Dimension „Schweiz“ braucht es wohl ein paar Raketenstellungen und ein gut eingespieltes gut ausgebildetes Team, das sich dieser Dinger zu bedienen weiss.
      Dies Balleranskis-Vereine braucht man heute noch bei der Überschwemmung von Brig.
      Selbst dort reinigten dann im Wesentlichen die Firmen mit ihren Spezialisten auf den Maschinen.
      Der Rest dieser Balleranski-Vereine ist Folklore.
      Es sit nur letal, da einen an die Grenze zu stellen, wenn es um Krieg geht.
      Deshalb werden ja selbst heute die Srengschächte rückgebaut.
      Raketen benötigen keine intakten Strassen mehr!

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  4. @Georg, haben Sie sich schon mal überlegt, dass das ironisch gemeint sein könnte? Können Sie sich vorstellen, dass Frauen Humor haben? Und Sie? Glauben Sie, ein Donald Dumpf sei zugänglich für vernünftige Argumente? Oder können Sie vielleicht nachvollziehen, dass die Frauen nun zum Mittel der bitterbösen Satire greifen?

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  5. Pussy-Hat…dieses Wort. Vagina-Hut, Futz-Hut….frei übersetzt. Ich finde das schon eher ein sexistischer Begriff, wenn man ihn konsequent überdenkt.

    Er reduziert die Frau auf ihr Geschlechtsteil und schliesst eigentlich andere Geschlechterformen aus in letzter Konsequenz.

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  6. Ich sehe mich gerne selber als jemand, der ziemlich radikal egalitär denkt. Es gibt keine objektiven Gründe, wieso Frauen ander als Männer behnadelt werden sollten, verdienen sollten oder andersweitig benachteiligt sein sollten. In meinem persönlichen Umfeld sind die Gehälter gleichgestellt und eine nicht-repräsentative Kurzumfrage (Alter 25-35) hat zum Ergebnis geführt, dass die Frauen sich „absolut nicht“ benachteiligt fühlen – eher im Gegenteil, da bei uns in der Firma grade eine unheimlich gross angelegte Frauenförderungskampagne läuft. Ich weiss, ich bin wohl in einer etwas privilegierten Lage und es ist nicht überall so, werte dies aber als gutes Zeichen. Die momentane, etwas auf hashtag-hype ausgelegte Kampagne ist mir persönlich etwas zuwider, da sie sehr oft auf Empörung über einzelene events aufbaut und weniger das ganze Bild im Blick hat sowie nach Staat und Quoten und Regulierung schreit. Ich finde es aber richtig und wichtig, dass wunde Punkte weiterhin am you-know-where angegangen und gelöst werden (ob mit Staat oder Markt sei jetzt im Sinne der Diskussion zweitrangig).

    Nun aber zu meinem Punkt: Mir scheint es gibt einen Gegensatz was Gleichstellung der Rechte und des Anspruchs und Gleichstellung der Pflichten angeht. Genau diese Linke, welche sich vehement gegen die Erhöhung (Gleichstellung) des Frauenrentenalters stellt und sich vehement gegen die Dienstpflicht (oder Ersatzzahlung dessen) für Frauen wehrt, geht jetzt mit dem Pussyhat für Gleichstellung auf die Strasse.

    Vielleicht kann mir jemand hier drin erklären wieso das so ist? Ich höre immer nur Argumente wie:
    -„Die Frau trägt dafür das Kind aus“ (Schön, muss sie nit – der Mann MUSS in die Armee ob er nun will oder nicht. Dauert länger oder kostet tausende von Franken)
    -„So lange die Frauen weniger verdienen müssen sie auch nicht länger arbeiten“ (Verstehe ich nicht, hier werden 2 Themen vermischt. Ich sage ja auch nicht „Die Frau lebt im Schnitt 10 Jahre länger, dafür soll sie mehr AHV einzahlen/eigentlich länger als der Mann arbeiten?“)

    Von mir aus kann man diese lästigen Pflichten gerne abschaffen. Auch auf die Gefahr hin jetzt als Mansplainer dazustehen: Solange es diese Pflichten jedoch gibt, finde ich, dass man sich diesen auch nicht verschliessen darf. Und dies nicht nachgelagert, sondern gleichzeitig im Diskurs, da man sonst in Gefahr läuft, den Support auf der anderen Seite (Männer) zu verlieren und sich zu radikalisieren.

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    1. Etwas vom schlausten was ich zum Thema Gleichberechtigung in den letzten 20 Jahren gelsen habe und was sich auch mit meiner persoenlichen Lebenserfahrung in diesem Land weitestgehend deckt.

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    2. @Hans W. Urst. Vielen Dank für Ihr Feedback. Viele Männer weisen in Sachen Gleichstellung auf die Dienstpflicht hin. Für mich verfängt das Argument deshalb nicht ganz, weil viele der Frauen, die Gleichstellung fordern, auch für ein Abschaffung der Dienstpflicht sind. Das ist nicht unbedingt ein Gegensatz, oder?

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  7. Könnte es sein,. dass die Hauptgegener dieser Frauenbewegung die Frauen selber sind? Die Frauen, die mit den Gegebenheiten zufrieden sind, sich damit arrangiert haben und indirekt per Erziehungsart der Kinder das System auch so stabil halten?
    Die beeinflussen übrigens auch ihre Männer!

    Traditionell gilt Buntes eher den Kindern oder den Verrückten zugehörig,. während diese öden Nadelstreifenanzüge das Emblem der Macht darstellen.
    Auch andere uniformartige Kleidung bezeugt Macht, seien es Arztkittel, Bäckerschürzen oder halt die Militärklamotten.
    So wird Macht und Kopetenz halt mit einer Art Uniform assoziiert.
    So könnte überraschenderweise eine Art uniformierte Demo tatsächlich wirkungsvoller sein, wie Nadelstreifenmütter mit Nadelstreifenkinderwagen und Nadelstreifenbabies o.ä. Ähnlich könnten die früheren Kleider der Bauersfrauen oder Ammen wirken.
    (Davor hat nämlich der Mann Angst, weil der damit noch seine eigene gestrenge Mutter assoziiert!)

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    1. @M Cesna. Ich denke, dass Sie mehr Gegner unter den Männern finden als unter den Frauen. Denn Frauen stimmen in der Regel gleichstellungsfreundlicher und linker ab und wählen eher Frauen als Männer (wenn auch nicht alle Frauen Frauen wählen).

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    2. @ Frau Fopp:
      Bei den jüngeren Männern schwindet auch das Karriere-Streben. 80%-Stellen, mehr Freizeit und dann auch ein besserer Kontakt zu den Kindern ist dann halt wichtiger als der Chefposten in der Firma.

      Da lernen die jungen Männer von ihren Freundinnen.

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