Ein Kaiser auf Gleis 1

Roter Teppich für den Löwen von Juda: Bei seinem Staatsbesuch in der Schweiz vor 60 Jahren machte der äthiopische Kaiser Haile Selassie auch in Basel Halt.

Haile Selassie I. (1892-1975), geboren unter dem Namen Tafari Makonnen, Regent Aethiopiens und letzter Kaiser von Abessinien, trifft bei seinem offiziellen Besuch in der Schweiz in Begleitung von Bundesrat und Aussenminister Max Petitpierre, hinter ihm stehend, am 25. November 1954 per Bahn in Basel ein. (KEYSTONE/Ilse Guenther) (Bild: ILSE GUENTHER, ILSE MAYER-GUENTHER)

Roter Teppich für den Löwen von Juda: Bei seinem Staatsbesuch in der Schweiz vor 60 Jahren machte der äthiopische Kaiser Haile Selassie auch in Basel Halt.

An einem regnerischen, kühlen Novembermorgen im Jahre 1954 fährt von Dänemark her kommend der Zug mit dem äthiopischen Kaiser Haile Selassie, seiner 20-köpfigen Entourage und 3000 Kilogramm Gepäck im Bahnhof Basel SBB ein. Hier, auf dem Perron 1, wird er von Bundesrat Max Petitpierre, dem Basler Bundesrat Hans-Peter Tschudi und viel Militär auf rotem Teppich empfangen.

Der kleine Mann mit seinen fantastischen Orden und Abzeichen wird für vier Tage die Schweiz als Staatsgast besuchen. Der Regent Äthiopiens, letzter Kaiser von Abessinien und 225. Nachfolger des Königs Salomon, bleibt nur einige Minuten auf Basler Boden. Nach dem Händeschütteln und dem obligaten Ablaufen einer Ehrenkompanie wird die Reise mit einem Doppelpfeil der Schweizer Bundesbahnen fortgesetzt.

Ins Gesicht geblitzt

Die zwanzigjährige Fotografin Ilse Günther, die seit einigen Monaten bei der Agentur Keystone angestellt ist, fotografiert den Anlass im Bahnhof mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex und Elektronenblitz auf einem Rollfilm mit 12 quadratischen Aufnahmen. Während der Zug mit dem Kaiser Richtung Bern fährt, flitzt die Fotografin nach Zürich. Die Bilder müssen entwickelt, vergrössert und dann den Redaktionen im Couvert angeboten werden.

Meist in der Reihenfolge der besten Preise, die pro Bild bezahlt werden: «Schweizer Illustrierte», «Sie+Er», «Die Woche», «Meyers Modeblatt». Die übrig gebliebenen Bilder werden mit der Post an die Zeitungen der Restschweiz geliefert. Am nächsten Morgen soll die Fotografin den Empfang im Bahnhof Enge fotografieren, doch sie verpasst den entscheidenden Augenblick: Haile Selassie ist schon in die verdunkelte Limousine gestiegen, da sieht er die junge Frau, öffnet nochmals die Tür – und lässt sich von ihr ins Gesicht blitzen.

Messias der Rastafari

Wie es sich für einen afrikanischen Herrscher gehörte, besuchte er nicht nur das Bundeshaus, er stattete auch der Waffenfabrik Bührle in Oerlikon einen Einkaufsbesuch ab. Des Weiteren standen in Payerne eine Schiessdemonstration mit dem Holzflugzeug Venom der Schweizer Luftwaffe und ein paar Bankette auf dem Programm.

Danach ging es wieder heim ins Reich. Selassie herrschte noch bis zu seinem Sturz 1974 in Addis Abeba und starb kurz darauf unter ungeklärten Umständen. Sehr wahrscheinlich wurde er mit einem Kissen erstickt. Übrigens betet die Glaubensgemeinschaft der Rastafaris (ja, die mit Bob Marley und so) Selassie als ihren Messias an. Die Farben der äthiopischen Nationalflagge (Grün-Gelb-Rot) sind zugleich die panafrikanischen Farben, die Farben der Rastafaribewegung und die des Reggae.

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